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Loccumer Pelikan

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Die Geschichte von Stadt und Turm – Babel als Sehnsuchts- und Segensort

Veröffentlichung:3.3.2026

Das Medium „Die Geschichte von Stadt und Turm. Babel als Sehnsuchts und Segensort“ von Andreas Behr erschließt die bekannte Erzählung aus Genesis 11,1 bis 9 aus einer ungewohnten Perspektive. Im Mittelpunkt steht nicht allein der Turmbau, sondern das gemeinsame Vorhaben der Menschen, eine Stadt und einen Turm zu errichten. Die Menschen sprechen eine gemeinsame Sprache, lassen sich in der Ebene von Schinar nieder und möchten einen Ort schaffen, der sie miteinander verbindet. Sie wollen sich einen Namen machen und verhindern, dass sie über die ganze Erde zerstreut werden. Behr deutet dieses Vorhaben zunächst als Ausdruck einer nachvollziehbaren Sehnsucht nach Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit und Sicherheit. Der Turm wird zum Symbol dieser gewünschten Einheit. Entgegen einer verbreiteten Auslegung wird das Bauvorhaben nicht einfach als menschliche Hybris und Gottes Eingreifen nicht vorrangig als Strafe verstanden. Vielmehr erkennt Gott die Möglichkeiten und zugleich die Gefahren einer vollständig vereinheitlichten Menschheit. Durch die Verwirrung der Sprache und die Zerstreuung über die Erde wird Vielfalt ermöglicht. Babel wird damit paradoxerweise zu einem Segensort. Die Erzählung kann als Rettungsgeschichte gelesen werden, in der Gott die Menschen nicht vernichtet oder bestraft, sondern eine problematische Entwicklung unterbricht. Die Verschiedenheit von Sprachen, Kulturen und Gemeinschaften erscheint dadurch nicht als bloßer Mangel, sondern als Möglichkeit gelingenden menschlichen Zusammenlebens. Die Erzählung wird so zu einem Lob der Pluralität und eröffnet zugleich aktuelle Fragen nach Globalisierung, Vereinheitlichung, Gemeinschaft, Vielfalt und gesellschaftlichem Zusammenleben.

Der Text von Andreas Behr „Die Geschichte von Stadt und Turm – Babel als Sehnsuchts- und Segensort“ deutet Gen 11,1–9 als Rettungs- und Segensgeschichte, in der sprachliche Vielfalt und Zerstreuung nicht Strafe, sondern Schutz vor massenhafter Vereinheitlichung und Ermöglichung tragfähiger Gemeinschaften sind. Die biblische Erzählung wird mit aktuellen Phänomenen von Globalisierung, Algorithmenlogik und kultureller Vereindeutigung verknüpft und für den Religionsunterricht ab Klasse 10 bis in die Sekundarstufe II kompetenzorientiert erschlossen.

Die Materialien sind auf der Webseite rechts in dem unteren Download zu finden. Der obere Download enthält die PDF mit dem gesamten Heft, aus dem der Artikel stammt.

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Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht ab Jahrgangsstufe 10 sowie für den Sekundarbereich II. Voraussetzung für eine vertiefte Auseinandersetzung sind ein sicheres Textverständnis und die Bereitschaft, traditionelle Deutungen eines bekannten Bibeltextes kritisch zu überprüfen. Für den Sekundarbereich II kann zusätzlich mit Grundkenntnissen historischer und kritischer Bibelauslegung sowie mit der Textgattung des ätiologischen Mythos gearbeitet werden. Die besondere religionsdidaktische Stärke des Mediums liegt darin, dass eine vielen Lernenden vermeintlich bekannte biblische Geschichte neu gelesen wird. Gerade vorhandenes Vorwissen kann deshalb produktiv irritiert werden.

Als Einstieg empfiehlt sich eine Sammlung spontaner Assoziationen zum Begriff „Babel“. Die Lernenden notieren, was sie mit dem Turmbau zu Babel verbinden. Erfahrungsgemäß werden Begriffe wie Hochmut, Strafe Gottes, Sprachverwirrung, Größenwahn und Scheitern genannt. Diese Begriffe werden zunächst nicht bewertet, sondern sichtbar gesammelt. Sie bilden den Ausgangspunkt für die spätere Überprüfung der eigenen Vorstellungen.

Anschließend kann Genesis 11,1 bis 9 als Audio gehört werden. Eine auditive Präsentation besitzt gegenüber der sofortigen Textarbeit einen besonderen Vorteil. Die Lernenden begegnen der Erzählung zunächst als Geschichte und können auf Handlung, Wiederholungen, sprachliche Auffälligkeiten und Veränderungen achten. Vor dem ersten Hören sollte lediglich ein offener Beobachtungsauftrag gegeben werden: „Achtet darauf, was die Menschen eigentlich erreichen wollen und was Gott tatsächlich tut.“ Dadurch wird vermieden, dass die traditionelle Deutung bereits durch die Aufgabenstellung bestätigt wird.

Nach dem ersten Hören sammeln die Lernenden Beobachtungen. Besonders wichtig ist die genaue Wahrnehmung dessen, was im Text steht und was lediglich aufgrund bekannter Auslegungstraditionen angenommen wird. Die Lernenden können beispielsweise überprüfen, ob im Text tatsächlich davon gesprochen wird, dass die Menschen Gott gleich sein wollen, ob Gott ausdrücklich von einer Strafe spricht und ob die Menschen für Hochmut verurteilt werden. Dabei zeigt sich, dass einige verbreitete Vorstellungen stärker aus der Wirkungsgeschichte als aus dem eigentlichen Text stammen.

Bei einem zweiten Hören können konkrete Arbeitsaufträge gestellt werden. Die Lernenden achten auf die Ziele der Menschen, die Bedeutung der gemeinsamen Sprache, den Wunsch nach einem Namen, die Funktion von Stadt und Turm, Gottes Reaktion sowie das Ergebnis der Erzählung. Anschließend werden die Beobachtungen mit dem schriftlichen Bibeltext überprüft. So verbindet sich auditives Lernen mit genauer Textarbeit.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Sehnsucht der Menschen nach einem gemeinsamen Ort. Sie möchten sich nicht über die Erde zerstreuen. Diese Motivation kann zunächst positiv erschlossen werden. Die Lernenden überlegen, weshalb Menschen Orte, Zeichen und Symbole benötigen, die Gemeinschaft herstellen. Als lebensweltliche Beispiele können das eigene Zuhause, ein Vereinsheim, ein Stadion, eine Kirche, ein Jugendzentrum oder ein gemeinsamer Treffpunkt genannt werden. Dadurch wird verständlich, weshalb die Menschen in Genesis 11 nicht einfach als größenwahnsinnig dargestellt werden müssen. Sie haben zunächst eine nachvollziehbare Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Die Bedeutung des Turmes kann anschließend über den Begriff des Symbols erschlossen werden. Der Turm soll die Menschen nicht nur räumlich versammeln, sondern ihre Zusammengehörigkeit sichtbar machen. Die Lernenden können nach heutigen Symbolen fragen, die eine ähnliche Funktion erfüllen. Dabei lässt sich diskutieren, wann Symbole Gemeinschaft fördern und wann sie Menschen ausschließen.

Eine zentrale Arbeitsphase sollte die Frage nach der Einheit der Menschheit aufnehmen. Zu Beginn der Erzählung sprechen alle dieselbe Sprache. Dies erscheint zunächst als Ideal. Behrs Deutung eröffnet jedoch die Möglichkeit, diese Einheit kritisch zu betrachten. Die Lernenden diskutieren, ob vollständige Einheit tatsächlich immer wünschenswert ist. Dabei kann zwischen Einheit und Gemeinschaft unterschieden werden. Gemeinschaft benötigt Gemeinsamkeiten, lebt aber zugleich von Verschiedenheit. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen dasselbe denken, sprechen und wollen, kann dagegen auch als problematisch erscheinen.

An dieser Stelle bietet sich eine Aktualisierung über Globalisierung und gesellschaftliche Vereinheitlichung an. Lernende können untersuchen, in welchen Bereichen Menschen heute weltweit zunehmend dieselben Sprachen, Produkte, Kommunikationsformen, Moden oder digitalen Angebote verwenden. Ebenso kann gefragt werden, welche Rolle Algorithmen und digitale Medien bei der Vereinheitlichung von Wahrnehmung und Verhalten spielen. Die Leitfrage lautet dabei nicht, ob Globalisierung grundsätzlich gut oder schlecht ist. Vielmehr soll untersucht werden, wann globale Gemeinsamkeiten Verständigung ermöglichen und wann sie Vielfalt verdrängen.

Für die Diskussion eignet sich besonders die Aussage „Massen bilden keine Gemeinschaft“. Die Lernenden positionieren sich zunächst zu diesem Gedanken und begründen ihre Entscheidung. Anschließend entwickeln sie Kriterien für gelingende Gemeinschaft. Dabei können Vertrauen, persönliche Beziehungen, gemeinsame Verantwortung, Freiheit, Anerkennung von Verschiedenheit und gegenseitige Unterstützung genannt werden. Diese Kriterien werden anschließend auf die Babelerzählung übertragen.

Eine weitere wichtige didaktische Perspektive betrifft die Sprachverwirrung. Sie sollte nicht ausschließlich als Verlust verstanden werden. Die Entstehung verschiedener Sprachen kann als Ausdruck menschlicher Vielfalt betrachtet werden. Gerade in Lerngruppen, in denen unterschiedliche Muttersprachen vertreten sind, eröffnet dies interessante Möglichkeiten. Lernende können Wörter aus verschiedenen Sprachen zusammentragen, die für Gemeinschaft, Frieden, Hoffnung oder Heimat stehen. Dadurch wird sprachliche Vielfalt im Unterricht nicht als Hindernis, sondern als Ressource sichtbar.

Die Babelerzählung kann außerdem mit der Pfingsterzählung in Apostelgeschichte 2 verglichen werden. Dabei sollte jedoch vermieden werden, das Alte Testament als Geschichte des Scheiterns und das Neue Testament als einfache Korrektur darzustellen. Bei Pfingsten verschwinden die unterschiedlichen Sprachen gerade nicht. Menschen unterschiedlicher Herkunft verstehen die Botschaft jeweils in ihrer eigenen Sprache. Babel und Pfingsten können deshalb gemeinsam die Frage eröffnen, wie Verständigung trotz bleibender Verschiedenheit möglich ist.

Eine kreative Vertiefung kann über das Schreiben eines inneren Monologs erfolgen. Lernende wählen eine Figur aus der Erzählung und schreiben aus ihrer Perspektive. Ein Mensch könnte beispielsweise darüber nachdenken, weshalb er den Turm bauen möchte oder wie er die plötzliche sprachliche Verschiedenheit erlebt. Alternativ kann aus der Perspektive Gottes geschrieben werden. Dabei müssen die Lernenden besonders sorgfältig zwischen dem unterscheiden, was der Bibeltext tatsächlich über Gottes Motivation sagt, und dem, was sie selbst interpretierend ergänzen.

Als anspruchsvolle Abschlussaufgabe bietet sich das Verfassen eines Kommentars oder einer Predigt zu Genesis 11 an. Dabei kann die besondere Vorgabe gelten, auf eine einfache moralisierende Botschaft zu verzichten. Die Lernenden dürfen also nicht lediglich formulieren, dass Hochmut schlecht sei und deshalb bestraft werde. Stattdessen sollen sie herausarbeiten, welche Bedeutung die Geschichte für heutige Fragen nach Gemeinschaft, Vielfalt, Globalisierung und gesellschaftlicher Verantwortung besitzen könnte.

Für den Sekundarbereich II lässt sich die Erzählung zusätzlich unter dem Gesichtspunkt von Wahrheit und Glaubensvielfalt untersuchen. Die Lernenden reflektieren die Funktion eines ätiologischen Mythos und fragen danach, welche Wahrheit eine Geschichte vermitteln kann, ohne ein historischer Tatsachenbericht im modernen Sinne zu sein. Dadurch kann die Babelerzählung exemplarisch zur Entwicklung einer reflektierten Bibelhermeneutik beitragen.


Fragestellungen zum Audio mit Antworten

Was wollen die Menschen in der Geschichte bauen?

Die Menschen wollen eine Stadt und einen Turm bauen. Der Turm ist Teil eines größeren gemeinsamen Projektes. Deshalb greift die verbreitete Bezeichnung „Turmbau zu Babel“ eigentlich zu kurz.


Warum wollen die Menschen eine Stadt bauen?

Sie möchten an einem gemeinsamen Ort bleiben und verhindern, dass sie sich über die ganze Erde zerstreuen. Hinter dem Bauvorhaben steht damit zunächst eine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, Sicherheit und Gemeinschaft.


Warum bauen die Menschen einen Turm?

Der Turm kann als sichtbares Symbol ihrer Gemeinschaft verstanden werden. Er soll die Menschen miteinander verbinden und ihre gemeinsame Identität ausdrücken.


Wollen die Menschen mit dem Turm Gott gleich werden?

Diese verbreitete Interpretation lässt sich aus dem Text nicht eindeutig ableiten. Behr betont, dass der Bau nicht einfach als Versuch verstanden werden muss, Gott gleich zu werden. Die Geschichte beschreibt vielmehr ein menschliches Gemeinschaftsprojekt, das allerdings mit Gottes Vorstellung von der Ausbreitung der Menschen über die Erde in Spannung gerät.


Was bedeutet der Wunsch, sich einen Namen zu machen?

Der gemeinsame Name kann als Ausdruck gemeinsamer Identität verstanden werden. Die Menschen möchten etwas schaffen, das sie dauerhaft miteinander verbindet. Zugleich entsteht eine theologische Spannung, weil in der biblischen Tradition auch Gottes Name eine besondere Bedeutung besitzt.


Warum kommt Gott herab?

Gott kommt herab, um sich Stadt und Turm anzusehen. Die Formulierung enthält zugleich eine gewisse Ironie. Der Turm soll bis an den Himmel reichen, doch Gott muss gewissermaßen erst herabkommen, um ihn überhaupt zu betrachten.


Warum reagiert Gott auf das Vorhaben der Menschen?

Gott erkennt das große Potenzial einer vollständig vereinten Menschheit. Menschen, die geschlossen handeln und ein gemeinsames Ziel verfolgen, können sehr viel erreichen. Der Text lässt offen, welche konkreten zukünftigen Gefahren Gott sieht. Behr deutet Gottes Eingreifen deshalb nicht als Rache, sondern als Unterbrechung einer möglicherweise problematischen Entwicklung.


Ist die Sprachverwirrung eine Strafe Gottes?

Nach Behrs Deutung sollte sie nicht vorrangig als Strafe verstanden werden. Gott vernichtet die Menschen nicht und verhängt keine weiteren Sanktionen. Vielmehr unterbricht er ihre vollständige Vereinheitlichung und sorgt dafür, dass sie sich über die Erde verteilen.


Warum werden die Menschen über die Erde zerstreut?

Die Zerstreuung entspricht dem Gedanken der Schöpfungsgeschichte, dass Menschen die Erde bevölkern sollen. Die Menschen in Genesis 11 möchten genau diese Zerstreuung verhindern. Gottes Eingreifen bringt sie wieder in Bewegung.


Warum kann die Zerstreuung als Segen verstanden werden?

Durch die Zerstreuung entstehen unterschiedliche Sprachen, Orte und Gemeinschaften. Vielfalt wird möglich. Die Menschen sind nicht mehr eine einzige große Masse, sondern können unterschiedliche Gemeinschaften bilden.


Warum ist Babel ein Sehnsuchtsort?

Babel beginnt als Ausdruck der Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit. Die Menschen möchten einen gemeinsamen Ort schaffen, an dem sie bleiben können. Stadt und Turm verkörpern ihren Wunsch nach Gemeinschaft und Sicherheit.


Warum kann Babel zugleich ein Segensort sein?

Babel wird zum Ausgangspunkt von Vielfalt. Die Menschen verteilen sich über die Erde und bilden unterschiedliche sprachliche und kulturelle Gemeinschaften. Was zunächst wie ein Scheitern erscheint, kann deshalb als Ermöglichung von Pluralität verstanden werden.


Was ist der Unterschied zwischen Masse und Gemeinschaft?

Eine Masse entsteht dadurch, dass viele Menschen zusammenkommen oder sich gleich verhalten. Gemeinschaft setzt dagegen Beziehungen, Verantwortung und gegenseitige Anerkennung voraus. Aus dieser Perspektive garantiert vollständige Einheit noch keine wirkliche Gemeinschaft.


Ist Vielfalt immer positiv?

Vielfalt allein garantiert noch kein friedliches Zusammenleben. Unterschiedlichkeit kann auch Konflikte verursachen. Die Babelerzählung kann jedoch dazu anregen, Verschiedenheit nicht grundsätzlich als Problem anzusehen. Entscheidend ist, wie Menschen mit Unterschieden umgehen.


Was bedeutet Pluralität?

Pluralität bezeichnet das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensweisen, Überzeugungen, Sprachen, Kulturen und Perspektiven. Eine plurale Gesellschaft versucht nicht, alle Unterschiede aufzulösen, sondern Formen des Zusammenlebens trotz Verschiedenheit zu entwickeln.


Was hat Babel mit Globalisierung zu tun?

Globalisierung verbindet Menschen weltweit. Gleichzeitig kann sie zu Vereinheitlichungen führen. Produkte, Marken, Kommunikationsformen, wirtschaftliche Strukturen und digitale Angebote gleichen sich an. Die Babelerzählung eröffnet deshalb die Frage, wie viel Gemeinsamkeit Menschen benötigen und wie viel Vielfalt erhalten bleiben sollte.


Welche Bedeutung können digitale Medien für diese Fragestellung haben?

Digitale Medien verbinden Menschen weltweit und erleichtern Kommunikation. Zugleich können Algorithmen dazu führen, dass Wahrnehmungen, Interessen und Verhaltensweisen beeinflusst und vereinheitlicht werden. Die Babelerzählung ermöglicht eine kritische Reflexion darüber, wann Vernetzung Gemeinschaft fördert und wann Vereinheitlichung problematisch wird.


Was verbindet Babel und Pfingsten?

Beide Geschichten beschäftigen sich mit Sprache, Verschiedenheit und Verständigung. Bei Pfingsten werden die verschiedenen Sprachen nicht abgeschafft. Menschen unterschiedlicher Herkunft verstehen die Botschaft in ihren eigenen Sprachen. Dadurch entsteht die Vorstellung einer Gemeinschaft, die Verschiedenheit nicht beseitigen muss.


Warum sollte Babel nicht einfach als Geschichte über menschlichen Hochmut gelesen werden?

Eine solche Deutung reduziert die Vielschichtigkeit des Textes. Der Text sagt nicht ausdrücklich, dass Gott die Menschen wegen ihres Hochmuts bestraft. Eine genaue Lektüre eröffnet vielmehr Fragen nach Gemeinschaft, menschlicher Macht, Einheit, Vielfalt und Gottes Verhältnis zu den Menschen.


Warum kann die Geschichte als Rettungsgeschichte bezeichnet werden?

Gottes Eingreifen kann als Bewahrung der Menschen vor den Gefahren vollständiger Vereinheitlichung verstanden werden. Gott zerstört die Menschheit nicht, sondern eröffnet durch Zerstreuung und Vielfalt neue Möglichkeiten des Zusammenlebens.


Was könnte die Botschaft der Babelerzählung für die Gegenwart sein?

Die Erzählung kann dazu anregen, Vielfalt nicht vorschnell als Defizit zu betrachten. Menschen benötigen Gemeinschaft, doch Gemeinschaft muss nicht bedeuten, dass alle gleich werden. Unterschiede in Sprache, Kultur, Religion und Lebensweise können zu einer menschlichen Gesellschaft gehören.


Welche persönliche Frage stellt die Geschichte an die Lernenden?

Die Erzählung fordert dazu heraus, über das eigene Verständnis von Gemeinschaft nachzudenken: Möchte ich vor allem mit Menschen zusammen sein, die genauso denken und leben wie ich, oder kann Gemeinschaft gerade dadurch entstehen, dass unterschiedliche Menschen einander anerkennen und miteinander leben?


Andreas Behr entfaltet die Erzählung von Gen 11 als Abschluss der biblischen Urgeschichte im Horizont eines „Quartetts von Rettungsgeschichten“: Paradiesverlust als Schritt in Mündigkeit, Kain als Stadtgründer trotz Schuld, die Sintfluterzählung als Zusage verlässlicher Lebensbedingungen und schließlich der Bau von Stadt und Turm als erneute göttliche Intervention zugunsten menschlichen Lebens. Der Text problematisiert zunächst die verbreitete Etikettierung „Turmbau zu Babel“ und verlagert den Schwerpunkt auf das doppelte Bauprojekt – Stadt und Turm – sowie auf die erzählerische Pointe, dass „Babel“ erst am Ende als Name erscheint. Damit wird die Geschichte als Deutung eines Ortes profiliert, der zunächst ein Sehnsuchtsort ist: ein Platz, an dem Menschen nicht zerstreut leben wollen, sondern Gemeinschaft suchen.

Im theologischen Kern widerspricht der Beitrag einer moralisierenden Lesart, die Gen 11 primär als Strafe für Hybris versteht oder in einfacher Opposition zur Pfingsterzählung liest. Entscheidend ist die Beobachtung, dass in Apg 2 die Vielfalt der Sprachen nicht aufgehoben wird, sondern die Verständigung geschieht, ohne Einheitssprache zu erzwingen. Analog wird Gen 11 nicht als Abwertung der menschlichen Kulturleistung gelesen, sondern als narrative Reflexion über Ambivalenzen menschlicher Kollektivmacht. Stadtbau erscheint zunächst nicht als Verstoß gegen Gottes Willen; kritisch wird weniger der technische Fortschritt als die Richtungsentscheidung: Menschen wählen die vertikale Erschließung des Himmels und die Sicherung von Einheit durch ein Symbol, anstatt der in der Schöpfung angelegten „horizontalen“ Ausbreitung über die Erde zu folgen. Der Turm wird dabei nicht als sakrilegische Leiter zu Gott, sondern als Symbolon gedeutet: als Zeichen, das Zusammenhalt stiften soll, indem es Zerstreuung verhindert. Der Wunsch, „sich einen Namen zu machen“, wird entsprechend nicht als Prahlerei, sondern als Identitätsarbeit verstanden, die Gemeinschaft stabilisieren soll – zugleich aber im Angesicht des Gottesnamens eine theologische Provokation enthält: Auf der Suche nach einem Namen begegnen die Menschen dem „Namen“.

Die zentrale Wendung liegt in Gottes Reaktion, die nicht als Vergeltung, sondern als Begrenzung gelesen wird. Gottes Feststellung, dies sei „erst der Anfang“, lenkt den Blick auf das Potenzial kollektiven Handelns: Was Menschen gemeinsam vermögen, kann nicht nur Großes hervorbringen, sondern auch destruktiv werden. Die Sprachverwirrung wird im Text als Gegenbewegung zur totalen Vereinigung unter „einer Sprache“ gedeutet und die Zerstreuung als Wiederherstellung einer lebensdienlichen Schöpfungsordnung. Didaktisch besonders anschlussfähig ist die zugespitzte Leitidee „Massen bilden keine Gemeinschaft“: Die Erzählung wird als Lob der Pluralität interpretiert, weil erst in Vielfalt, Begrenzung und Differenz tragfähige soziale Nähe entstehen kann. Dabei wird das scheinbar negative Endsymbol „Babel“ paradox gewendet: Der Name, den die Menschen wollten, entsteht tatsächlich – aber als Zeichen dafür, dass Gemeinschaft nicht aus Vereinheitlichung, sondern aus dem Aushalten von Differenz erwächst.

Methodisch-didaktisch bietet der Beitrag einen ausgearbeiteten Brückenschlag in die Gegenwart, der sich ohne Überwältigung für diskursive Urteilsbildung nutzen lässt. Die Bezugnahme auf Globalisierung, Finanzsprache, Kryptowährungen, Big Data, Algorithmen, Marken- und Trendkulturen sowie auf Diagnosen einer „Vereindeutigung der Welt“ eröffnet einen Lernraum, in dem Schülerinnen und Schüler eigene Erfahrungen mit Vereinheitlichung, Zugehörigkeitsdruck, digitaler Kommunikation und kultureller Homogenisierung reflektieren können. Religionspädagogisch liegt die Stärke darin, Gen 11 nicht als bloßes „Verbot“ zu präsentieren, sondern als Erzählung über Gottes lebensdienliche Grenzziehung, die menschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft ernst nimmt und zugleich vor gemeinschaftszerstörender Masse schützt. Das unterstützt eine hermeneutische Kompetenz, die biblische Texte als Deutungsangebote für Gegenwartsfragen erschließt, ohne sie moralistisch zu instrumentalisieren.

Für den Unterricht ab Klasse 10 sind die vorgeschlagenen Bausteine klar kompetenzorientiert anschlussfähig: Textverstehen und sprachliche Gestaltung (Predigt/Kommentar) werden mit ethischer Reflexion (Frieden, Konfliktursachen, Konfliktlösungen) verbunden. Besonders tragfähig ist die didaktische Vorgabe, moralisierende Rede zu „verbieten“ und stattdessen aus dem Text heraus Handlungsorientierungen zu entwickeln. Dadurch wird der Beutelsbacher Konsens indirekt gestützt: Lernende werden nicht auf eine Deutung festgelegt, sondern in eine begründete Auseinandersetzung geführt. Im Sekundarbereich II lässt sich der Schwerpunkt auf „Wahrheitssuche und Glaubensvielfalt“ ausweiten, indem die Gattung des ätiologischen Mythos hermeneutisch reflektiert und in zeitgemäße Sprachformen transformiert wird. Interreligiös und weltanschaulich lässt sich an der Frage anschließen, wie Einheit und Vielfalt, Identität und Differenz, universale Verständigung und kulturelle Eigenheit in Religionen und säkularen Humanitätsentwürfen verhandelt werden, ohne dabei Vielfalt als Defizit zu markieren.

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Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 3. Pluralität der Lebensformen: Dasein für andere und mit anderen.

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