Stefan Schreiber betrachtet das Markusevangelium als die erste Lebensgeschichte Jesu. In der Antike wurden Lebensgeschichten über bedeutende Persönlichkeiten geschrieben, um deren Bedeutung für die jeweilige Gegenwart herauszustellen. Markus greift diese Form auf und stellt Jesus als eine Persönlichkeit von weltgeschichtlicher Bedeutung dar. Bereits zu Beginn bezeichnet er seine Erzählung als Evangelium von Jesus Christus und nennt Jesus Sohn Gottes. Schreiber weist darauf hin, dass solche Begriffe zur Zeit des Markus auch aus der politischen Sprache des Römischen Reiches bekannt waren. Besonders römische Kaiser konnten als Sohn eines Gottes bezeichnet werden. Indem Markus diese Sprache auf Jesus überträgt, stellt er Jesus in einen deutlichen Gegensatz zum römischen Herrschaftsanspruch. Jesus erscheint als Herrscher, aber seine Herrschaft unterscheidet sich grundlegend von der politischen und militärischen Macht der Kaiser. Gleichzeitig verbindet Markus Jesus mit den Schriften Israels. Die Lebensgeschichte Jesu wird dadurch als Verwirklichung des Handelns und der Verheißungen des Gottes Israels dargestellt.
Schreiber zeigt zunächst, dass das Markusevangelium durch eine geographische Erzählachse strukturiert wird. Die Geschichte beginnt in der Wüste, führt nach Galiläa, von dort auf dem Weg nach Jerusalem, anschließend nach Jerusalem selbst und endet am Grab Jesu. Diese Orte besitzen nicht nur eine geographische, sondern auch eine theologische Bedeutung. Die Übersicht auf Seite 71 des Artikels macht diese fünf großen Abschnitte und die jeweils zugehörigen Ereignisse besonders deutlich.
Die Wüste erinnert an die Geschichte Israels. Im Buch Exodus ist sie zunächst ein Ort der Gefährdung, wird durch Gottes Handeln aber zugleich zu einem Ort der Befreiung und des Neuanfangs. Vor diesem Hintergrund deutet Markus auch das Auftreten Jesu. Mit Jesus beginnt eine neue Rettungstat Gottes für Israel und für die Gemeinde des Markus.
Galiläa ist anschließend der zentrale Ort der Verkündigung Jesu. Dort verkündet Jesus die Königsherrschaft Gottes durch Worte und Wundertaten. Viele Menschen reagieren positiv auf ihn. Seine Botschaft überschreitet zugleich Grenzen, denn auch Menschen außerhalb des jüdischen Volkes begegnen Jesus und erfahren sein heilendes Handeln. Dennoch finden sich bereits in diesem Abschnitt Hinweise auf das spätere Leiden und Sterben Jesu. Die Verkündigung der Königsherrschaft Gottes und das Leiden Jesu gehören damit von Beginn an zusammen.
Eine entscheidende Veränderung findet auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem statt. Jesus ist nun besonders mit seinen Lernenden zusammen und erklärt ihnen, was Nachfolge bedeutet. Drei Ankündigungen seines Leidens strukturieren diesen Abschnitt. Jesus erklärt, dass er leiden, sterben und von Gott auferweckt werden wird. Schreiber sieht darin eine grundlegende theologische Aussage des Markusevangeliums. Jesus kann nur dann angemessen als Christus und Sohn Gottes verstanden werden, wenn sein Leiden und sein Tod berücksichtigt werden. Die Vorstellung eines mächtigen Messias, der sich gewaltsam gegen seine Gegner durchsetzt, wird damit zurückgewiesen.
Das hat unmittelbare Folgen für die Nachfolge. Wer Jesus nachfolgt, kann sich nicht ausschließlich an gesellschaftlichen Vorstellungen von Erfolg, Ansehen, Wohlstand und Macht orientieren. Das Kreuz wird zum Zeichen dafür, dass christliches Leben auch Widerstand, Gefährdung und Leiden einschließen kann. Zugleich steht das Kreuz nicht für Hoffnungslosigkeit. Mit ihm ist die Hoffnung verbunden, dass Gott letztlich Leben schenkt. Die Nachfolge Jesu verlangt deshalb eine neue Perspektive auf menschliches Leben und gesellschaftliche Werte.
In Jerusalem erreicht die Auseinandersetzung Jesu mit den politischen und religiösen Autoritäten ihren Höhepunkt. Jesus wird verurteilt und getötet. Seine Botschaft und sein Anspruch werden von den Mächtigen abgelehnt. Auffällig ist, dass die männlichen Lernenden angesichts der Gefahr fliehen. Eine Gruppe von Frauen bleibt dagegen in der Nähe und beobachtet Kreuzigung und Begräbnis. Dadurch gewährleisten diese Frauen in der Erzählung die Verbindung zwischen dem Wirken Jesu in Galiläa, seinem Tod in Jerusalem und der späteren Osterbotschaft.
Das Grab bildet den letzten geographischen Ort des Evangeliums. Eigentlich steht das Grab für das Ende eines menschlichen Lebens. Bei Jesus wird es jedoch zum Ort eines Neuanfangs. Das Grab ist leer und den Frauen wird verkündet, dass Jesus auferweckt wurde. Sie erhalten den Auftrag, die Lernenden wieder nach Galiläa zu weisen. Damit schließt sich der Kreis der Erzählung. Die Geschichte führt zurück an den Ort, an dem Jesu öffentliches Wirken begonnen hat. Das Evangelium endet jedoch überraschend mit dem Schweigen der Frauen. Nach Schreiber fordert dieses offene Ende die Lesenden dazu heraus, selbst in die Geschichte einzutreten und die Nachfolge Jesu fortzusetzen.
Neben dieser geographischen Erzählachse beschreibt Schreiber eine zweite, innere Erzählachse. Sie wird durch die Bezeichnung Sohn Gottes gebildet. Bei der Taufe Jesu bezeichnet eine Stimme aus dem Himmel Jesus als Sohn Gottes. Bei der Verklärung wird diese Aussage wiederholt. Schließlich bezeichnet ausgerechnet ein römischer Hauptmann den gekreuzigten Jesus als Sohn Gottes. Dadurch wird deutlich, dass die Gottessohnschaft Jesu nicht mit politischer Macht oder gewaltsamer Herrschaft verbunden ist. Gerade am Kreuz zeigt sich, welche Art von Sohn Gottes Jesus ist. Sein Weg besteht nicht darin, seine Gegner mit Gewalt zu besiegen, sondern seinem Auftrag auch angesichts des Todes treu zu bleiben.
Schreiber beschäftigt sich anschließend mit der Situation der Gemeinde, für die Markus sein Evangelium geschrieben hat. Diese Gemeinde hat ihre Wurzeln im Judentum, entwickelt aber bereits eine eigene christliche Lebensform. Die Tora wird aus der Perspektive Jesu interpretiert. Der Sabbat soll dem Menschen dienen und die Nächstenliebe wird zu einem wichtigen Maßstab für das Verständnis der Tora. Gleichzeitig werden Menschen aus anderen Völkern in die Verkündigung einbezogen. In der Gemeinde dürften deshalb Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft gemeinsam gelebt haben.
Diese Gemeinschaft befand sich in einer schwierigen gesellschaftlichen Situation. Sie passte weder eindeutig in die jüdische Synagoge noch in die üblichen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen der römischen Welt. Schreiber geht deshalb davon aus, dass Erfahrungen von Ausgrenzung, Bedrängnis und Verfolgung für die Gemeinde eine wichtige Rolle spielten. Die Erinnerung an die Verfolgung von Christen unter Kaiser Nero dürfte zusätzlich belastend gewesen sein. Auch innerhalb des frühen Christentums gab es unterschiedliche Vorstellungen über die Endzeit und die Wiederkunft Christi. In dieser unsicheren Situation sollte die Lebensgeschichte Jesu der Gemeinde Orientierung geben und ihre Identität stärken.
Eine besondere Bedeutung besitzen deshalb die Lernenden Jesu. Schreiber versteht sie als Identifikationsfiguren für die christliche Gemeinde. Zunächst folgen sie dem Ruf Jesu und beteiligen sich an seiner Sendung. Sie erleben seine Taten und hören seine Lehre. Trotzdem verstehen sie Jesus immer wieder nicht. Selbst das Bekenntnis des Petrus, Jesus sei der Christus, bedeutet noch kein vollständiges Verständnis. Erst auf dem Weg nach Jerusalem sollen die Lernenden begreifen, dass Jesus nur im Zusammenhang mit seinem Leiden und Sterben richtig verstanden werden kann.
Nachfolge bedeutet deshalb auch Kreuzesnachfolge. Jesus fordert seine Lernenden dazu auf, ihre bisherigen Vorstellungen von Macht, Erfolg und Größe zu verändern. Besonders deutlich wird dies in der Frage, wer innerhalb der Gemeinschaft der Größte ist. Jesus stellt den gesellschaftlichen Maßstab auf den Kopf. Wer der Erste sein möchte, soll Diener aller sein. Die Gemeinde Jesu soll deshalb eine alternative soziale Ordnung bilden. Macht, Prestige und gesellschaftlicher Status dürfen ihre Beziehungen nicht bestimmen. An ihre Stelle sollen Dienen und Gemeinschaft treten. Die Tabelle auf Seite 76 verdeutlicht diesen Zusammenhang. Sie zeigt, wie Markus jeweils eine Leidensankündigung Jesu, das anschließende Unverständnis der Lernenden und eine Belehrung über die Konsequenzen für die Nachfolge miteinander verbindet.
Die Lernenden werden dabei keineswegs als ideale Helden dargestellt. Petrus verleugnet Jesus in der entscheidenden Situation. Dennoch endet seine Geschichte nicht mit seinem Versagen. In der Osterbotschaft wird Petrus ausdrücklich angesprochen und erhält damit die Möglichkeit eines Neuanfangs. Darin erkennt Schreiber eine wichtige Botschaft für die Gemeinde des Markus. Christliche Nachfolge kann scheitern. Scheitern muss aber nicht das Ende der Beziehung zu Jesus bedeuten. Vergebung und Neuanfang bleiben möglich.
Der Artikel endet mit der Feststellung, dass gerade die Schwächen der Lernenden für die Lesenden wichtig sind. Sie können sich mit ihnen identifizieren, weil diese zweifeln, nicht verstehen und scheitern. Zugleich können sie lernen, was Nachfolge bedeutet. Das Markusevangelium erzählt daher nicht einfach nur vergangene Ereignisse aus dem Leben Jesu. Die Lebensgeschichte Jesu soll die christliche Gemeinde in ihrer eigenen Gegenwart ansprechen. Sie soll ihre Identität stärken, ihr in einer schwierigen gesellschaftlichen Situation Orientierung geben und sie dazu ermutigen, die Nachfolge Jesu trotz Widerständen und eigener Fehler fortzusetzen.
Für den Religionsunterricht ist außerdem Schreibers sprachlicher Hinweis auf Seite 77 hilfreich. Der griechische Begriff mathetes bezeichnet einen Schüler, Lernenden oder Lehrling. Deshalb ist die Bezeichnung Lernende für die Menschen, die Jesus folgen und von ihm lernen, sachlich gut begründbar.