Für den Religionsunterricht eignet sich das Medium besonders für ältere Lernende, da es exemplarisch zeigt, dass Bibeltexte nicht aus einer vollkommen neutralen Position gelesen werden. Ein geeigneter Einstieg greift die vom Material vorgeschlagenen Begriffe „Eigene Gemeinschaft“ und „Fremde“ auf. Die Lernenden sammeln zunächst, was Zugehörigkeit und Fremdsein bedeuten können und wodurch sich die Wahrnehmung einer Person verändert, wenn sie als Teil der eigenen oder einer fremden Gruppe betrachtet wird. Das Medium schlägt hierzu ausdrücklich einen Austausch über Zugehörigkeit, Außenseitererfahrungen und die Bedeutung des Frauseins vor. Im schulischen Kontext sollte dieser Zugang so gestaltet werden, dass persönliche Erfahrungen freiwillig eingebracht werden können und niemand zu Aussagen über sensible eigene Erfahrungen gedrängt wird. Anschließend kann Josua 2 gelesen werden. Vor einer ausführlichen Interpretation beschreiben die Lernenden Rahab zunächst ausschließlich anhand der Informationen des Bibeltextes. Eigenschaften wie mutig, klug, strategisch, diplomatisch, fürsorglich, glaubend, täuschend oder verräterisch können auf Karten festgehalten werden. Danach werden die Karten danach geordnet, ob eine Eigenschaft eindeutig positiv oder negativ erscheint oder erst durch die jeweilige Perspektive ihre Bewertung erhält. Auf diese Weise wird die Ambivalenz der Figur sichtbar. Besonders geeignet ist anschließend die im Medium vorgeschlagene perspektivische Gruppenarbeit. Eine Gruppe beurteilt Rahab aus der Sicht der Israeliten, eine zweite aus der Sicht der Bevölkerung Jerichos und eine dritte aus Rahabs eigener Perspektive. Die Ergebnisse können in einem Streitgespräch zusammengeführt werden. Dabei können Fragen wie „Ist Rahab eine Heldin?“, „Ist Rahab eine Verräterin?“ und „Kann beides gleichzeitig zutreffen?“ die Diskussion strukturieren. Wichtig ist, nicht vorschnell eine eindeutige moralische Lösung vorzugeben. Gerade die Spannung zwischen der Rettung Rahabs und ihrer Familie und der Vernichtung der übrigen Bevölkerung Jerichos gehört zum Kern der Auseinandersetzung. Das Medium fragt ausdrücklich, ob das Überleben einer Familie die Zerstörung einer ganzen Stadt relativieren kann. Daraus kann eine vertiefende Unterrichtsphase zur Gewalt in biblischen Texten entstehen. Die Lernenden untersuchen, wessen Perspektive der Bibeltext bevorzugt, welche Personen kaum eine Stimme erhalten und wie sich die Bewertung verändert, wenn die Geschichte aus der Sicht der bedrohten Bevölkerung erzählt wird. Dabei ist die historische Einordnung wichtig, denn das Medium weist darauf hin, dass die im Josuabuch erzählte kriegerische Landnahme nicht durch entsprechende archäologische Hinweise bestätigt wird und die Erzählung als fiktiver Kriegsbericht verstanden werden kann. Für den Unterricht eröffnet dies zugleich einen Zugang zum Unterschied zwischen erzählter Geschichte, historischer Rekonstruktion und theologischer Aussage. Einen weiteren Schwerpunkt bildet Rahab als Frau in einer von Männern bestimmten politischen und gesellschaftlichen Welt. Die Lernenden können untersuchen, welche Handlungsmöglichkeiten ihr überhaupt zur Verfügung stehen und wie sie ihre Fähigkeiten nutzt, um sich und ihre Angehörigen zu retten. Dabei sollte ihre Bezeichnung als Prostituierte nicht zum Ausgangspunkt moralischer Abwertung werden. Vielmehr kann untersucht werden, wie der Text selbst soziale Zuschreibungen erzeugt und wie diese die Wahrnehmung einer Person beeinflussen. Besonders ergiebig ist die Frage, weshalb Rahabs diplomatisches, strategisches und theologisches Können leicht hinter ihrer gesellschaftlichen Kennzeichnung verschwindet. Für eine abschließende kreative Vertiefung eignet sich die vom Medium vorgeschlagene Suche nach alternativen Handlungsverläufen. Die Lernenden entwickeln Szenarien, in denen Rahab anders handelt, und prüfen deren mögliche Konsequenzen für sie selbst, ihre Familie, die Menschen Jerichos und die Israeliten. Schließlich können sie versuchen, eine Friedensstrategie für Rahab zu entwickeln. Gerade diese Aufgabe verhindert, dass die Gewalt der Erzählung lediglich festgestellt wird. Sie fordert dazu heraus, nach anderen Handlungsmöglichkeiten zu suchen und deren Grenzen kritisch zu prüfen. Als Ergebnissicherung können die Lernenden einen inneren Monolog Rahabs, eine Stellungnahme aus der Perspektive einer Person aus Jericho oder ein begründetes Urteil zur Frage verfassen, ob Rahab als Heldin bezeichnet werden kann. So verbindet das Medium Bibelarbeit mit Perspektivwechsel, geschlechtersensiblem Lernen, Friedensbildung, ethischer Urteilsbildung und einer kritischen Reflexion der eigenen Voraussetzungen beim Lesen biblischer Texte. Die zentrale Erkenntnis kann darin bestehen, dass schwierige Bibeltexte nicht dadurch angemessen erschlossen werden, dass ihre Spannungen beseitigt werden, sondern indem unterschiedliche Stimmen wahrgenommen und Fragen nach Gewalt, Verantwortung und Frieden ausdrücklich offengehalten werden. Das Medium selbst deutet Rahabs bleibende Ambivalenz schließlich als Anlass, Krieg und Gewalt nicht als letzte Worte hinzunehmen und nach anderen Möglichkeiten des Handelns zu suchen.