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Magazin ZeitspRUng

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Wo stehe ich? Haltung trainieren mit den „Zwölf Geschworenen“

Ein Unterrichtsvorschlag für die Sekundarstufe I

Veröffentlichung:6.3.2026

Das Medium „Wo stehe ich? Haltung trainieren mit den Zwölf Geschworenen“ von Margit Herfarth und Christoph Kilian ist ein Unterrichtsvorschlag für die gesamte Sekundarstufe I, der Sidney Lumets Film „Die zwölf Geschworenen“ aus dem Jahr 1957 sowie ausgewählte Passagen der Bühnenfassung von Reginald Rose und Horst Budjuhn für die Auseinandersetzung mit Positionalität, Verantwortung und ethischer Urteilsbildung nutzt. Im Zentrum steht ein Mordprozess, bei dem zwölf Geschworene einstimmig über Schuld oder Unschuld eines jungen Angeklagten entscheiden müssen. Während zunächst fast alle von seiner Schuld überzeugt sind, verweigert sich Geschworener Nummer 8 einem vorschnellen Urteil und fordert dazu auf, Beweise, Wahrnehmungen und scheinbare Gewissheiten noch einmal zu prüfen. Der Film eröffnet damit grundlegende Fragen nach Vorurteilen, Zweifel, Wahrheit, Verantwortung, Dialog und Zuhören und verbindet diese mit einer zentralen Voraussetzung demokratischen Zusammenlebens: der Fähigkeit, eine eigene Haltung zu entwickeln, sie zu vertreten und zugleich für andere Perspektiven offen zu bleiben. Der Unterrichtsvorschlag gliedert den Lernprozess in fünf thematische Schritte. Diese beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Einzelnen und Mehrheit, mit Zweifel, Irrtum und Wahrheit, mit Vorurteilen und Wahrnehmung, mit Gewissen sowie mit der Entwicklung und Erprobung einer eigenen Haltung. Dabei werden auch ausdrücklich religiöse Fragen nach Nächstenliebe, Selbstliebe, Gottesliebe, Schuld, falschen Entscheidungen und der Möglichkeit eines Neubeginns einbezogen.

Der Artikel aus zeitsprung (2/2025) von Dr. Margit Herfarth und Christoph Kilian stellt einen Unterrichtsvorschlag für die gesamte Sekundarstufe I vor, der Sidney Lumets Filmklassiker „Die zwölf Geschworenen" (USA 1957) als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Positionalität, Gewissen und demokratischer Gesprächskultur nutzt. In fünf Lernschritten (A–E) werden folgende Fragen bearbeitet: Was braucht es, um alleine gegen eine Mehrheit zu stehen? Welche Rolle spielen Zweifel und Irrtum auf der Suche nach Wahrheit? Wie entstehen und werden Vorurteile überwunden? Was ist das Gewissen – auch aus christlicher Perspektive? Wie lässt sich eine eigene Haltung entwickeln und trainieren? Die Einheit kann mit Filmausschnitten oder der Bühnenfassung des Stücks (Rose/Budjuhn) arbeiten und ist fächerübergreifend mit Ethik anschlussfähig.


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Didaktisch eignet sich das Medium besonders für einen problemorientierten Religionsunterricht, der ethisches Lernen, religiöse Urteilsbildung und Demokratiebildung miteinander verbindet. Der Film bietet keine einfachen Antworten, sondern konfrontiert die Lernenden mit einem Prozess des Zweifelns, Argumentierens und Überprüfens. Gerade darin liegt sein religionspädagogisches Potenzial. Positionalität wird nicht als starres Festhalten an einer einmal gebildeten Meinung verstanden. Vielmehr geht es darum, eine eigene Position begründet vertreten zu können und gleichzeitig bereit zu bleiben, die eigenen Wahrnehmungen und Urteile angesichts neuer Argumente zu verändern. Der Unterricht kann entweder mit ausgewählten Filmszenen, mit Textauszügen der Bühnenfassung oder mit dem gesamten Film arbeiten. Bei einer vollständigen Sichtung eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten zur Charakterisierung der Geschworenen, zur Untersuchung ihrer Beziehungen und zur Analyse der jeweiligen Argumentationsweisen. Zu berücksichtigen ist, dass der Film die Geschlechterverhältnisse seiner Entstehungszeit widerspiegelt und ausschließlich männliche Geschworene zeigt. Auch das im Film sichtbare Rauchen sollte vor der Sichtung thematisiert und historisch eingeordnet werden. Der erste Lernschritt „Alleine gegen die Mehrheit“ eignet sich besonders, um Erfahrungen der Lernenden mit Gruppendruck und abweichenden Meinungen aufzunehmen. Nach den einleitenden Filmszenen können zunächst Eindrücke vom Richter, vom Angeklagten und von den Geschworenen gesammelt werden. Anschließend steht die Frage im Mittelpunkt, warum es schwierig sein kann, als einzelne Person einer Mehrheit zu widersprechen. Die Lernenden können eigene Erfahrungen einbringen und überlegen, welche Voraussetzungen eine gelingende Auseinandersetzung benötigt. Methodisch bietet sich hier eine Verbindung aus individueller Reflexion, Austausch in kleinen Gruppen und Diskussion im Plenum an. Das Material legt gerade für zentrale Aushandlungsprozesse Gespräche im Plenum nahe und empfiehlt, diese immer wieder metakognitiv zu reflektieren. Im zweiten Lernschritt wird die Frage „Angenommen, wir haben unrecht?“ zum Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Zweifel, Irrtum und Wahrheit. Die Lernenden erschließen zunächst die Position des Geschworenen Nummer 8 und formulieren seine zentrale Frage in eine Aussage oder Aufforderung um. Anschließend übertragen sie das Problem auf eigene Erfahrungen und untersuchen, welche Konsequenzen entstehen können, wenn niemand Zweifel äußert. Hier kann besonders gut herausgearbeitet werden, dass Zweifel nicht grundsätzlich als Schwäche verstanden werden muss. Zweifel kann vielmehr Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein sein, wenn Entscheidungen erhebliche Folgen für andere Menschen besitzen. Im dritten Lernschritt „Was siehst Du? Vorurteile und Erkenntnisse“ rückt die Wahrnehmung in den Mittelpunkt. Eine ausgewählte Filmszene wird zweimal betrachtet und die Lernenden halten Argumente der verschiedenen Geschworenen fest. Die Methode des Blitzlichts ermöglicht anschließend, unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar zu machen. Besonders ergiebig ist die Frage nach offener und geheimer Abstimmung, weil dadurch die Bedeutung von Gruppendruck, Öffentlichkeit und geschützter Meinungsbildung thematisiert werden kann. Das Material führt außerdem die Unterscheidung zwischen energiesparendem und energieaufwändigem Denken ein. Vorannahmen und Vorurteile werden dabei nicht ausschließlich moralisch verurteilt, sondern zunächst als Bestandteil menschlicher Wahrnehmung beschrieben. Entscheidend ist die Fähigkeit zu erkennen, wann vertraute Denkmuster nicht mehr ausreichen und eine bewusste Überprüfung erforderlich wird. Die Lernenden entwickeln dafür eigene Kriterien und reflektieren anschließend individuell Situationen, in denen sich eigene Vorannahmen als falsch erwiesen haben. Diese persönliche Reflexion muss ausdrücklich nicht mit anderen geteilt werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Zuhören. Die Lernenden untersuchen unterschiedliche Formen des Zuhörens, Voraussetzungen gelingender Kommunikation und Möglichkeiten, mit Gesprächsabbrüchen umzugehen. Dadurch wird Demokratiebildung als konkrete Gesprächspraxis erfahrbar. Der vierte Lernschritt stellt mit der Frage „Oder haben Sie kein Gewissen?“ einen ausdrücklich religionspädagogischen Schwerpunkt dar. Zunächst formulieren die Lernenden eigene Vorstellungen vom Gewissen mithilfe des Satzanfangs „Das Gewissen ist wie …“. Anschließend erschließen sie unterschiedliche Bilder des Gewissens als inneren Kompass, inneren Gerichtshof und Herz. Diese Bilder ermöglichen eine anschauliche Annäherung an einen komplexen anthropologischen und ethischen Begriff. Der Text erweitert die Perspektive durch Paulus und das Doppelgebot der Liebe. Nächstenliebe, Selbstliebe und Gottesliebe werden als mögliche Orientierung für Gewissensentscheidungen untersucht. Zugleich wird deutlich, dass Menschen trotz ihres Gewissens falsche Entscheidungen treffen können und jüdische sowie christliche Traditionen Möglichkeiten eines Neubeginns eröffnen. Besonders geeignet ist das vorgeschlagene Schreibdenken zur Frage, was es bedeuten könnte, Gott zu lieben. Die Lernenden schreiben fünf Minuten ohne Unterbrechung und ohne Selbstkorrektur. Da der entstandene Text nicht veröffentlicht wird, entsteht ein geschützter Raum für persönliche religiöse Gedanken. Im letzten Lernschritt wird die Frage nach der eigenen Haltung ausdrücklich in die Lebenswelt übertragen. Die Lernenden untersuchen, welche Fähigkeiten die Haltung des Geschworenen Nummer 8 auszeichnen, ob sich solche Fähigkeiten trainieren lassen und welche Möglichkeiten dafür innerhalb der Schule bestehen. Abschließend reflektieren sie schriftlich, welche Erkenntnisse sie gewonnen haben, wie andere Lernende ihren Erkenntnisprozess beeinflusst haben und was sie aus der Unterrichtseinheit für ihren Alltag mitnehmen. Insgesamt sollte die Lehrkraft nicht darauf zielen, eine vermeintlich richtige Haltung vorzugeben. Vielmehr sollte der Unterricht selbst zu einem Raum werden, in dem Positionalität erprobt wird. Lernende sollen widersprechen dürfen, Zweifel formulieren, Argumente überprüfen, anderen zuhören und eigene Urteile revidieren können. Das Medium macht damit deutlich, dass Haltung sowohl eine eigene Position als auch Dialogbereitschaft, Ambiguitätstoleranz und die Bereitschaft zur Selbstkritik verlangt. Gerade diese reflektierte Positionalität wird im Beitrag als wesentliche Grundlage einer lebendigen Demokratie verstanden.


Klassenstufe: Sekundarstufe I (Klasse 7–10), bewusst ohne Zuordnung zu einer Doppeljahrgangsstufe – mit Modifikationen in der gesamten Sekundarstufe I einsetzbar; für Klasse 9–10 besonders geeignet, da die ethischen und theologischen Fragen (Gewissen, Gottesliebe, Positionalität) eine gewisse Reife voraussetzen.

Thematische Einordnung:

Die Einheit verbindet Mediendidaktik, Ethik und Theologie auf anspruchsvolle Weise. Der Film dient nicht als Illustration, sondern als eigentlicher Lerngegenstand: Die Schüler*innen analysieren Argumentationsstrukturen, reflektieren eigene Vorannahmen und entwickeln ein Verständnis von Positionalität als erlernbarer Haltung. Der theologische Kern liegt in der Verbindung von Gewissen, Doppelgebot der Liebe und der jüdisch-christlichen Tradition des Neubeginns – eingebettet in eine demokratiepädagogische Rahmung.

Aufbau der Unterrichtseinheit (5 Lernschritte):


A – Alleine gegen die Mehrheit: Der Einstieg über die Exposition des Films (bis 02:45) und die erste Abstimmungsszene (bis 12:48) aktiviert sofort persönliche Erfahrungen der Schüler*innen: Wann habe ich mich allein gegen eine Mehrheit gestellt – oder eben nicht? Die Reflexionsfragen sind präzise formuliert und fördern sowohl emotionale als auch kognitive Auseinandersetzung. Der Impuls, „Auseinandersetzung" sprachlich zu erkunden (Verben sammeln und vergleichen), ist methodisch originell und eröffnet zugleich einen kommunikationstheoretischen Zugang.

B – Zweifel, Irrtum und Wahrheit: Der Dialogausschnitt aus der Bühnenfassung (Rose/Budjuhn) ist textlich dicht und eignet sich gut für genaues Lesen. Die Aufgabe, die Frage „Angenommen, wir haben unrecht?" in eine Aussage oder Aufforderung umzuformulieren, ist eine hervorragende Übung im ethischen Denken. Die Übertragung auf eigene Lebenssituationen verankert das abstrakte Prinzip im Alltag der Schüler*innen.

C – Vorurteile und Erkenntnisse: Die Filmszene (24:37–33:01) wird zweimal gesehen und mit einer Pro/Contra-Tabelle ausgewertet – ein methodisch bewährter Zugang zur Argumentationsanalyse. Die kognitionswissenschaftliche Erklärung des „energiesparenden Denkens" ist verständlich formuliert und bietet einen säkularen Rahmen, der den religiösen Zugang ergänzt, ohne ihn zu ersetzen. Die abschließende persönliche Reflexionsfrage (wann habe ich zuletzt energiesparend gedacht?) bleibt ausdrücklich privat – das schafft einen geschützten Raum für echte Selbstreflexion.

D – Gewissen: Dieser Lernschritt ist theologisch der reichhaltigste. Der eigens verfasste Informationstext (Herfarth, Oktober 2025) führt die Bilder Kompass, innerer Gerichtshof und Herz ein, verbindet sie mit Kant und Paulus (Röm 2,14f.) und mündet im Doppelgebot der Liebe (Lk 10,27). Die Methode des Schreibdenkens zur Frage „Was könnte es heißen, Gott zu lieben?" ist ein mutiger und didaktisch kluger Schritt: Sie gibt der persönlichsten theologischen Frage Raum, ohne sie im Plenum exponieren zu müssen. Die abschließende Frage nach Fehler und Neuanfang in Bezug auf sich selbst, andere und Gott ist theologisch tiefgründig und lebensrelevant.

E – Haltung entwickeln und zeigen: Der Abschlussschritt synthetisiert alle vorigen Lernschritte und fragt, was von Geschworenen Nr. 8 lernbar ist. Die persönliche schriftliche Reflexion (Erkenntnisse, Lernweg, Transfer in den Alltag) bleibt privat – konsequent und respektvoll gegenüber der Intimität des Lernprozesses.


Methodische Stärken:

Die Einheit ist methodisch sehr durchdacht: Filmanalyse, Textarbeit, Schreibdenken, Blitzlicht, Plenumdiskussion und persönliche Reflexion wechseln sich ab und sprechen unterschiedliche Lerntypen an. Die bewusste Entscheidung, keine Sozialformen vorzuschreiben, gibt Lehrkräften Flexibilität. Die Metakognition wird als durchgängiges Prinzip empfohlen, nicht als Add-on. Die Triggerwarnung zu Genderverhältnissen und Rauchen im Film ist vorbildlich transparent.

Hinweise zur Vorbereitung:


Der Film „Die zwölf Geschworenen" (Lumet, 1957, FSK 12) muss lizenziert beschafft werden; Filmausschnitte mit genauen Zeitangaben sind im Artikel angegeben.

Die Bühnenfassung (Rose/Budjuhn, Stuttgart 1982) ist für den Textausschnitt in Lernschritt B notwendig – ggf. als Bibliotheksexemplar besorgen.

Die Arbeitsblätter sind über einen QR-Code/Link auf der zeitsprung-Homepage verfügbar – frühzeitig herunterladen.

Für Klasse 10 und für fächerverbindenden Unterricht mit Ethik bietet das philosophiedidaktische Lehrmaterial von Bornmüller/Ziegler (Jenaer Schule) wertvolle Ergänzungen.


Fächerübergreifende Anschlussmöglichkeiten:

Ethik (Kant, kategorischer Imperativ, Gewissen), Deutsch (Argumentationsanalyse, Filmanalyse), Politik/Sozialkunde (Demokratie, Rechtssystem, Mehrheitsprinzip).

Text

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6.3.2026

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