Der Artikel beschäftigt sich mit den Chancen und Schwierigkeiten des digitalen religiösen Lernens an Universität und Schule. Ausgangspunkt ist die Situation während der Coronapandemie. Universitäten verfügten im Vergleich zu Schulen über relativ gute technische Voraussetzungen für digitales Lernen. Trotzdem stellte die Umstellung auf digitale Lehre sowohl Studierende als auch Dozierende vor große Herausforderungen. Gewohnte Formen des Lehrens und Lernens konnten nicht einfach übernommen werden. Deshalb wurden an der TU Dortmund im Sommersemester 2020 Lehramtsstudierende der Katholischen Theologie zu ihren Erfahrungen mit religionspädagogischen Lehrveranstaltungen befragt. Die Ergebnisse sollen zeigen, welche Formen digitalen Lernens auch über die Pandemie hinaus sinnvoll sein können und welche Erkenntnisse sich auf den Religionsunterricht übertragen lassen.
Ein wichtiges Ergebnis betrifft Kommunikation und Beziehung. Die Studierenden bewerteten die Betreuung durch die Dozierenden insgesamt positiv. Besonders wichtig waren individuelles Feedback und Unterstützung bei organisatorischen Fragen. Die digitale Erreichbarkeit der Lehrenden konnte teilweise eine Kommunikation ermöglichen, die mit einem Präsenzsemester vergleichbar war. Schwieriger war es dagegen, die persönliche und körperliche Anwesenheit zu ersetzen. Gruppenarbeit, Diskussionen und das Lernen an Vorbildern wurden durch die digitale Lehre erschwert. Digitale Angebote können Menschen zwar miteinander verbinden, die unmittelbare persönliche Begegnung aber nicht vollständig ersetzen. Zusätzlich fehlten informelle Gespräche zwischen den Lernenden über Lehrveranstaltungen und fachliche Inhalte.
Besonders problematisch war der Erwerb von Diskurskompetenz. Gerade im Religionsunterricht und im Theologiestudium spielen Fragen eine wichtige Rolle, auf die es keine abschließende und eindeutige Antwort gibt. Nur 33 Prozent der befragten Studierenden gaben an, solche Fragen im digitalen Lernen gut diskutieren zu können. Gleichzeitig sahen 68 Prozent genügend Möglichkeiten, eine eigene Position zu entwickeln und zu reflektieren. Daraus ergibt sich die Aufgabe, digitale Lernformen so zu gestalten, dass nicht nur eine persönliche Meinung entsteht, sondern diese auch mit anderen diskutiert, begründet und kritisch überprüft werden kann.
Eine weitere Herausforderung besteht bei Spiritualität sowie bei religiösen Erfahrungen und Erlebnissen. Mehr als die Hälfte der Studierenden vermisste diese Dimension in der digitalen Lehre. Damit wird ein grundlegendes Problem digitalen religiösen Lernens sichtbar. Religion besteht nicht ausschließlich aus Fachwissen, sondern umfasst auch Erfahrungen, Begegnungen, Einstellungen und persönliche Auseinandersetzungen. Diese Bereiche lassen sich schwieriger in digitale Lernräume übertragen. Gleichzeitig sahen die Studierenden im digitalen Lernen eine Chance, ihre Medienkompetenz weiterzuentwickeln. Die Autorinnen betonen jedoch, dass Medienkompetenz mehr bedeutet als die Fähigkeit, digitale Programme und Geräte bedienen zu können. Lernende müssen auch darüber nachdenken, wie digitale Medien eingesetzt werden und welchen Einfluss unterschiedliche Kommunikationsformen auf das Lernen haben
Bei der Gestaltung digitaler Lehrveranstaltungen erwies sich eine Verbindung von gemeinsamen und zeitlich unabhängigen Lernphasen als besonders geeignet. Die Autorinnen beziehen sich dabei auf die Flipped Classroom Didaktik. Lernende können sich zunächst selbstständig mit vorbereiteten Materialien beschäftigen. Anschließend können gemeinsame Lernzeiten gezielt für Diskussionen, Fragen und den Kompetenzerwerb genutzt werden. Dadurch wird nicht nur Fachwissen vermittelt, sondern auch selbstständiges Lernen gefördert. Ergänzend wird das Konzept des Seamless Learning genannt. Dabei werden formelles Lernen und informelles Lernen miteinander verbunden. Auch Erfahrungen aus dem persönlichen Lebensumfeld können dadurch Teil des Lernprozesses werden.
Für den Religionsunterricht ergibt sich daraus vor allem die Notwendigkeit, auch im digitalen Raum eine Gemeinschaft für Kommunikation und Diskussion zu schaffen. Die Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden bleibt dabei besonders wichtig. Individuelles Feedback vermittelt Anerkennung und Wertschätzung. Im Präsenzunterricht kann dies beispielsweise durch einen Blick oder eine kurze Bemerkung geschehen. Beim digitalen Lernen muss eine solche Anerkennung bewusster hergestellt werden. Die Rolle der Lehrkraft muss deshalb für digitale Lernformen neu reflektiert werden.
Auch der Kompetenzaufbau muss an die Bedingungen des digitalen Lernens angepasst werden. Vor allem die Fähigkeit, miteinander zu diskutieren und Argumente auszutauschen, benötigt eine gezielte Förderung. Das Entwickeln einer eigenen Meinung scheint digital vergleichsweise gut möglich zu sein. Diese persönliche Meinungsbildung muss jedoch stärker mit dem kritischen Austausch innerhalb der Lerngruppe verbunden werden. Digitales Lernen benötigt deshalb ebenso sorgfältige didaktische und methodische Überlegungen wie andere Formen des Unterrichts. Digitale Medien allein führen noch nicht zu gutem Unterricht.
Für den Religionsunterricht bleiben insbesondere offene theologische und religiöse Fragen, eine offene Gesprächsatmosphäre sowie religiöse Erfahrungsräume eine Herausforderung. Die Autorinnen sprechen sich deshalb dafür aus, neue Formen auszuprobieren, diese zu überprüfen und bei Bedarf wieder zu verändern. Lehrkräfte und Lernende sollen gemeinsam neue Wege des religiösen Lernens entwickeln. Dabei dürfen auch Versuche scheitern. Gerade weil sich die digitale Welt schnell verändert, sind Offenheit, Kreativität und ein Austausch zwischen Lehrkräften notwendig.
Abschließend stellen die Autorinnen fest, dass persönliches gemeinsames Lernen nur schwer vollständig durch digitale Formen ersetzt werden kann. Trotzdem bietet digitales Lernen zahlreiche Möglichkeiten. Entscheidend ist nicht allein eine möglichst moderne technische Ausstattung. Ausgangspunkt muss vielmehr die Frage sein, welche religiösen Lernprozesse inhaltlich erreicht werden sollen. Gut strukturierte Lernangebote, persönliche Erfahrungen der Lernenden, wertschätzendes Feedback, Austausch und Freude am Lerngegenstand sind wichtiger als besonders außergewöhnliche digitale Werkzeuge.