Thomas Schumacher untersucht in seinem Fachartikel, wie eng sprachliche Entscheidungen bei der Übersetzung biblischer Texte mit theologischen Aussagen verbunden sind. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass ein griechischer Text je nach Übersetzung sehr unterschiedliche Bedeutungen erhalten kann. Als einleitendes Beispiel verweist Schumacher auf eine Aussage des Paulus über Sklaven, die in verschiedenen deutschen Bibelübersetzungen sogar gegensätzlich wiedergegeben wird. Damit verdeutlicht er, dass Übersetzen niemals nur das Ersetzen einzelner Wörter durch Wörter einer anderen Sprache bedeutet. Jede Übersetzung enthält Entscheidungen über Grammatik, Wortbedeutung und Zusammenhang, die das Verständnis des Textes beeinflussen.
Besonders bedeutsam wird dieses Problem bei den zentralen Aussagen des Römerbriefs zur Rechtfertigung. Diese Aussagen haben für die Reformation und insbesondere für Martin Luther eine herausragende Bedeutung. Luther verstand den Römerbrief als einen zentralen Text des Neuen Testaments. Aus seiner Interpretation entwickelte sich die reformatorische Vorstellung, dass der Mensch allein durch den Glauben gerechtfertigt wird. Die Schlüsselstelle hierfür ist Röm 3,21 bis 31. Dort stehen die Begriffe Gerechtigkeit, Glaube und Gesetz im Mittelpunkt.
Schumacher zeigt zunächst, dass Luthers bekannte Formulierung „allein durch den Glauben“ bereits eine interpretierende Übersetzung darstellt. Das Wort „allein“ findet sich im griechischen Text von Röm 3,28 nicht. Luther fügt es hinzu, um nach seinem Verständnis die Aussage des Paulus zu verdeutlichen. Dadurch wird jedoch der Gegensatz zwischen Glauben und Werken besonders stark betont. Die Einheitsübersetzung formuliert zurückhaltender und spricht davon, dass der Mensch durch Glauben unabhängig von Werken des Gesetzes gerecht wird. Damit entsteht die grundlegende theologische Frage, ob Werke lediglich nicht zur Rechtfertigung beitragen oder ob menschliches Bemühen um die Erfüllung des Gesetzes grundsätzlich als problematischer Versuch einer Selbsterlösung verstanden werden muss.
Ein weiteres Problem betrifft den Begriff Gerechtigkeit. Luther spricht von der „Gerechtigkeit vor Gott“, während die Einheitsübersetzung von der „Gerechtigkeit Gottes“ spricht. Die beiden Übersetzungen setzen unterschiedliche Akzente. Bei der „Gerechtigkeit vor Gott“ steht die Frage im Vordergrund, wie ein sündiger Mensch vor Gottes Gericht bestehen kann. Bei der „Gerechtigkeit Gottes“ richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf Gott selbst und sein Handeln. Schumacher weist darauf hin, dass der biblische Begriff der Gerechtigkeit vor dem Hintergrund des Alten Testaments als Beziehungsbegriff verstanden werden kann. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich dann in seiner Treue zu seinem Bund und in seiner rettenden Zuwendung zum Menschen. Deshalb könnten Begriffe wie Gnade, Barmherzigkeit, rettende Zuwendung oder rettende Treue bestimmte Aspekte des griechischen Begriffs besser verdeutlichen.
Ausführlich behandelt Schumacher anschließend den griechischen Begriff pistis. Gewöhnlich wird er mit „Glaube“ übersetzt. Die bekannte Formulierung „Glaube an Jesus Christus“ ist jedoch nicht die einzig mögliche Übersetzung. Die entsprechende griechische Formulierung kann auch als „Glaube Jesu Christi“ oder als „Vertrauen Jesu Christi“ verstanden werden. Damit verändert sich die theologische Aussage deutlich. Im ersten Fall steht der Mensch im Mittelpunkt, der an Christus glaubt. Im zweiten Fall richtet sich der Blick zunächst auf Jesus selbst und auf dessen Vertrauen auf Gott.
Wird pistis als Vertrauen Jesu verstanden, kann damit besonders die Gottesbeziehung Jesu gemeint sein. Jesu Leben und sein Tod am Kreuz erscheinen dann als Ausdruck seines Vertrauens auf Gott. Der menschliche Glaube wäre in diesem Verständnis eine Antwort auf das Vertrauen Jesu. Schumacher diskutiert außerdem die Möglichkeit, das Vertrauen Jesu als seine vertrauensvolle Zuwendung zu den Menschen zu verstehen. Gottes rettende Zuwendung würde sich dann in Jesus Christus sichtbar machen und der Mensch wäre eingeladen, darauf seinerseits mit Vertrauen zu antworten.
Diese unterschiedlichen Möglichkeiten beeinflussen auch die Übersetzung von Röm 1,16 bis 17. Diese Verse bilden eine Art Themenangabe des Römerbriefs. Besonders schwierig ist dort die Formulierung „aus Glauben zum Glauben“. Sie kann als Betonung des menschlichen Glaubens verstanden werden. Sie lässt sich aber auch so interpretieren, dass das Vertrauen Jesu die Grundlage des menschlichen Glaubens bildet. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die erste Nennung von pistis auf Gottes Treue zu beziehen. Dann würde der menschliche Glaube als Antwort auf die vorausgehende Treue und Zuwendung Gottes verstanden.
Schumacher entwickelt daraus die Möglichkeit eines umfassenderen Verständnisses von pistis. Der Begriff kann eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Gott und Mensch bezeichnen. Gott wendet sich dem Menschen zu und der Mensch antwortet mit Vertrauen. Rechtfertigung wäre damit nicht nur als juristische Erklärung des Menschen zum Gerechten zu verstehen, sondern als von Gott ermöglichte und erneuerte Gottesbeziehung.
Neben dem Begriff pistis untersucht Schumacher ausführlich den Begriff nomos, der gewöhnlich mit „Gesetz“ übersetzt wird. Auch die bekannte Formulierung „Werke des Gesetzes“ ist nach Schumacher keineswegs eindeutig. Je nach grammatischer und inhaltlicher Entscheidung kann damit menschliches Handeln, die Erfüllung bestimmter Vorschriften der Tora oder das Gesetz selbst gemeint sein. Möglich sind deshalb Übersetzungen wie „Werke des Gesetzes“, „Forderungen des Gesetzes“, „Gesetzesregelungen“ oder „Gesetz der Werke“. Diese Unterschiede haben erhebliche theologische Folgen.
Besonders wichtig ist Schumacher die Frage nach der Bewertung des Judentums. Wenn Paulus so verstanden wird, als stelle er den christlichen Glauben einer jüdischen Religion der menschlichen Leistung gegenüber, entsteht leicht der Eindruck, das Judentum lehre eine Erlösung durch eigene Werke. Schumacher weist darauf hin, dass dies dem antiken jüdischen Verständnis nicht gerecht wird. Die Befolgung der Tora ist keine Methode, mit der sich der Mensch seine Erlösung verdient. Sie ist vielmehr Ausdruck einer bereits bestehenden Bundesbeziehung zu Gott. Sündenvergebung bleibt Geschenk und Ausdruck der Gnade Gottes.
Damit wird auch das Verhältnis von Judentum und Christentum neu betrachtet. Eine Übersetzung, die Glaube und Gesetz zu zwei grundsätzlich gegensätzlichen Heilswegen macht, kann das Judentum zu einer negativen Gegenfolie des Christentums werden lassen. Schumacher warnt vor einer solchen Verkürzung. Das Gesetz kann bei Paulus durchaus positiv verstanden werden. Es ist eine Gabe Gottes und Ausdruck des Bundes Gottes mit Israel. Dass das Gesetz keine Sündenvergebung bewirkt, bedeutet deshalb nicht, dass es grundsätzlich negativ bewertet werden muss.
Mit dieser Frage verbindet sich auch die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Glauben und guten Werken. Dieses Problem hat seit der Reformation eine zentrale Bedeutung für das Verhältnis zwischen katholischer und protestantischer Theologie. Schumacher macht deutlich, dass aus der Aussage, der Mensch werde nicht aufgrund der Erfüllung von Gesetzesvorschriften gerechtfertigt, nicht automatisch folgt, dass gute Werke wertlos oder negativ sind. Gute Werke können positiv bewertet werden, ohne als Mittel verstanden zu werden, mit dem sich der Mensch Gottes Vergebung verdient.
Insgesamt zeigt der Artikel, dass die Rechtfertigungslehre des Römerbriefs wesentlich davon abhängt, wie zentrale griechische Begriffe übersetzt werden. Besonders bei Gerechtigkeit, Glaube und Gesetz sind mehrere sprachlich mögliche Übersetzungen vorhanden. Dadurch können sehr unterschiedliche theologische Deutungen entstehen. In einer traditionellen Lesart steht die Frage im Mittelpunkt, wie der Mensch durch den Glauben und nicht durch Werke vor Gott gerecht wird. In einer anderen Lesart liegt der Schwerpunkt stärker auf Gottes vorausgehender rettender Zuwendung, die sich in Jesus Christus zeigt und auf die der Mensch mit Vertrauen antwortet.
Schumacher ordnet diese Diskussion schließlich in die neuere Paulusforschung ein. Besonders die sogenannte New Perspective on Paul stellt traditionelle Deutungen des Verhältnisses von Paulus, Gesetz und Judentum infrage. Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen philologischer Entscheidung und theologischer Aussage eine sehr enge Verbindung besteht. Unterschiedliche Übersetzungsentscheidungen können die zentralen Aussagen des Römerbriefs beinahe gegensätzlich erscheinen lassen. Gleichzeitig besteht ein hermeneutisches Problem, weil vertraute theologische Traditionen wiederum beeinflussen, welche Übersetzung als selbstverständlich oder überzeugend wahrgenommen wird.