Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe I und kann in Unterrichtsreihen zu Menschenwürde, Kinderrechten, Armut, globaler Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Verantwortung, Solidarität und christlichem Handeln eingesetzt werden. Die Materialien sind modular angelegt und müssen nicht vollständig oder in einer festgelegten Reihenfolge bearbeitet werden. Die einzelnen Arbeitsblätter können entsprechend der Lerngruppe und der jeweiligen thematischen Schwerpunktsetzung ausgewählt werden. Das Material selbst empfiehlt eine bevorzugte Verwendung ab Klasse 7. Für den Religionsunterricht ist diese Offenheit besonders hilfreich, da einzelne Bausteine sowohl in eine längere Unterrichtsreihe als auch in einzelne Stunden zu ethischen und religiösen Fragestellungen integriert werden können.
Als Einstieg eignet sich besonders das Arbeitsblatt „Spar dir dein Mitleid“. Die provozierende Formulierung kann zunächst ohne weitere Erklärung präsentiert werden. Lernende können spontan Vermutungen darüber äußern, was mit dieser Aussage gemeint sein könnte. Anschließend kann gesammelt werden, welche Bilder und Vorstellungen sie mit Straßenkindern verbinden. Dabei werden vermutlich Begriffe wie Armut, Hunger, Obdachlosigkeit, Gewalt und Hilfsbedürftigkeit genannt. Im weiteren Verlauf sollte diese Perspektive bewusst erweitert werden. Das Material macht darauf aufmerksam, dass Straßenkinder trotz erheblicher Gefährdungen über Fähigkeiten verfügen, ihren Alltag zu organisieren und ein hohes Maß an Selbstbestimmung erfahren können. Didaktisch ist diese Perspektive bedeutsam, weil sie einer einseitigen Darstellung von Menschen im Globalen Süden als passive Opfer entgegenwirkt. Im Religionsunterricht lässt sich daran die Frage anschließen, was es bedeutet, einen anderen Menschen in seiner Würde wahrzunehmen. Die Lernenden können diskutieren, ob Mitleid hilfreich ist, wann Mitleid Menschen möglicherweise auf ihre Bedürftigkeit reduziert und wodurch sich Mitleid, Mitgefühl, Solidarität und Compassion unterscheiden.
Die verschiedenen Lebensgeschichten des Materials ermöglichen einen biografischen und perspektivorientierten Zugang. Lernende können herausarbeiten, welche familiären, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen dazu führen, dass Kinder ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlagern. Wichtig ist dabei, einfache Ursache Wirkung Vorstellungen zu vermeiden. Das Material zeigt, dass Armut, familiäre Konflikte, Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, fehlender Bildungszugang und gesellschaftliche Rahmenbedingungen miteinander verbunden sein können. Zugleich unterscheidet es zwischen Kindern, die einen erheblichen Teil ihres Lebens auf der Straße verbringen und weiterhin Kontakt zu ihrer Familie haben, und Kindern, deren gesamter Lebensmittelpunkt auf der Straße liegt. Die Lernenden können hierzu Ursachen und Folgen auf Karten notieren und diese anschließend zu einem Beziehungsnetz ordnen. Dadurch wird sichtbar, dass Straßenkindheit nicht durch eine einzelne Ursache erklärt werden kann.
Das Thema Armut sollte ebenfalls differenziert erschlossen werden. Lernende können zunächst eigene Vorstellungen davon formulieren, wann ein Mensch als arm gilt. Anschließend lassen sich materielle Armut, fehlende gesellschaftliche Teilhabe, mangelnder Bildungszugang, gesundheitliche Gefährdung und fehlende Zukunftschancen unterscheiden. Dabei sollte vermieden werden, Armut ausschließlich als Problem weit entfernter Länder zu behandeln. Ein Vergleich mit Formen relativer Armut im eigenen gesellschaftlichen Umfeld ermöglicht eine lebensweltliche Anbindung, ohne unterschiedliche Lebenssituationen vorschnell gleichzusetzen.
Besonders ergiebig für den Religionsunterricht sind die im Material enthaltenen ethischen Konfliktsituationen. Das Arbeitsblatt „Stehlen erlaubt?“ fordert beispielsweise dazu auf, die Geltung einer anerkannten moralischen Norm unter extremen Lebensbedingungen zu prüfen. Die Lernenden sollen nachvollziehen, dass Straßenkinder vor Entscheidungen stehen können, bei denen Diebstahl als Möglichkeit zur Sicherung des eigenen Überlebens erscheint. Das Material fordert ausdrücklich eine reflektierte Position, die weder moralische Beliebigkeit noch eine starre Anwendung ethischer Grundsätze vertritt. Im Religionsunterricht kann diese Fragestellung mit dem Gebot „Du sollst nicht stehlen“ verbunden werden. In einem strukturierten Gespräch können die Lernenden zunächst die Bedeutung des Gebotes erläutern und anschließend diskutieren, ob Notlagen die moralische Bewertung einer Handlung verändern. Dadurch werden ethische Urteilsfähigkeit, Perspektivenübernahme und begründetes Argumentieren gefördert.
Ähnlich produktiv ist das Thema Betteln. Statt den Lernenden eine vermeintlich eindeutige Antwort vorzugeben, sollte der Unterricht den vorhandenen Abwägungskonflikt sichtbar machen. Das Material stellt die unmittelbare Hilfe für ein bettelndes Kind der Gefahr gegenüber, organisierte Strukturen des Bettelns unbeabsichtigt zu unterstützen. Es betont ausdrücklich, dass dieser Konflikt keine einfache Lösung besitzt. Methodisch kann eine Positionslinie eingesetzt werden. Die Lernenden positionieren sich zu der Aussage „Ich würde einem bettelnden Kind Geld geben“ und begründen ihren Standort. Nach der Erarbeitung weiterer Informationen dürfen sie ihre Position verändern. Dadurch wird erfahrbar, dass ethische Urteile durch neue Informationen differenzierter werden können.
Einen weiteren Schwerpunkt sollte die Frage nach angemessener Hilfe bilden. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer Hilfe, die über die Betroffenen entscheidet, und einer Hilfe, welche deren Selbstbestimmung respektiert. Die von MISEREOR vorgestellten Ansätze setzen auf aufsuchende Sozialarbeit, freiwillig zugängliche Einrichtungen, medizinische Unterstützung, Mahlzeiten, Beratung, Bildung und später gegebenenfalls berufliche Qualifizierung. Vertrauen bildet dabei eine wichtige Voraussetzung. Die Lernenden können unterschiedliche Hilfsmodelle miteinander vergleichen und Kriterien für verantwortungsvolle Hilfe entwickeln. Denkbare Kriterien sind Menschenwürde, Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Nachhaltigkeit, Bildung, Schutz, Beteiligung und Zukunftsperspektiven. Anschließend können die Lernenden beurteilen, welches Hilfsangebot sie aus welchen Gründen unterstützen würden.
Die vier Projektbeispiele aus Brasilien, Kenia, Indien und Haiti eignen sich besonders für arbeitsteilige Gruppenarbeit. Jede Gruppe kann ein Projekt erschließen und anschließend dessen Ausgangssituation, Zielsetzung, konkrete Maßnahmen, Verständnis von Hilfe und besondere Herausforderungen präsentieren. Das Material schlägt selbst vor, die Projekte in Kleingruppen vorzustellen und anschließend Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Eine gemeinsame Vergleichsmatrix erleichtert die Ergebnissicherung. Dadurch erkennen die Lernenden, dass sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit an konkrete gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen angepasst werden muss und dass es keine universelle Lösung für alle Straßenkinder gibt.
Das Material eignet sich darüber hinaus zur Förderung von Medienkompetenz. Lernende können Darstellungen von Straßenkindern in Spendenwerbung, Internetangeboten oder Informationsmaterialien untersuchen. Dabei kann gefragt werden, welche Bilder ausgewählt werden, welche Gefühle sie hervorrufen sollen und ob Kinder lediglich als hilflose Opfer dargestellt werden oder auch ihre Würde, Fähigkeiten und Selbstbestimmung sichtbar werden. Genau eine solche kritische Untersuchung von Darstellungen durch Hilfsorganisationen wird im Material angeregt. Im Religionsunterricht lässt sich daraus eine grundlegende Frage entwickeln: Wie dürfen wir über das Leid anderer Menschen sprechen und Bilder davon zeigen, ohne ihre Würde zu verletzen?
Für ältere Lernende bietet das Material gute Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten. Sie können unterschiedliche Hilfsansätze bewerten und erkennen, dass komplexe soziale Probleme keine einfachen Lösungen besitzen. Das Material bezeichnet den Umgang mit Komplexität und Widersprüchlichkeit ausdrücklich als wichtige Kompetenz und weist darauf hin, dass Hilfskonzepte an politische, soziale und kulturelle Bedingungen angepasst werden müssen. Diese Einsicht ist auch religionspädagogisch bedeutsam. Christliche Verantwortung bedeutet dann nicht, für jedes Problem sofort eine eindeutige Lösung zu besitzen, sondern Leid wahrzunehmen, Verantwortung anzunehmen, Handlungsmöglichkeiten kritisch zu prüfen und Menschen nicht aufzugeben.
Eine ausdrücklich religiöse Vertiefung bietet das Material dort, wo das Engagement für Straßenkinder mit einer Haltung der Liebe und der Nachfolge Jesu verbunden wird. Es beschreibt eine Haltung, die sich weigert, einen Mitmenschen aufzugeben, und die versucht, Leid zu mindern, Menschen zu stärken und ihnen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Diese Haltung kann ihre Inspiration ausdrücklich in der Nachfolge Jesu finden. Im Unterricht können hierzu biblische Texte wie die Erzählung vom barmherzigen Samariter, Jesu Zuwendung zu gesellschaftlich ausgegrenzten Menschen oder Matthäus 25 herangezogen werden. Die Lernenden können untersuchen, welche Vorstellung von Nächstenliebe darin sichtbar wird und diese anschließend mit den vorgestellten Straßenkinderprojekten vergleichen. Entscheidend ist, Nächstenliebe nicht auf spontanes Mitleid oder eine Geldspende zu reduzieren. Sie kann vielmehr als respektvolle Hinwendung verstanden werden, die Würde, Selbstbestimmung und Rechte des anderen Menschen ernst nimmt.
Auch der Begriff Compassion bietet einen geeigneten religionspädagogischen Zugang. Das Material regt dazu an, über eigene Erfahrungen mit Mitleid sowie über Menschen nachzudenken, bei denen Compassion sichtbar wird und die dadurch als Vorbilder wirken können. Lernende können Personen aus ihrem Umfeld, aus Kirche und Gesellschaft oder aus den vorgestellten Projekten auswählen und erläutern, worin deren Haltung besteht. Dabei sollte deutlich werden, dass Compassion über ein bloßes Gefühl hinausgeht und Wahrnehmung, Mitgefühl und verantwortliches Handeln miteinander verbindet.
Eine wichtige methodische Möglichkeit bildet zudem das Thema Bildung. Das Arbeitsblatt „Was Bildung bewirken kann“ stellt verschiedene mögliche Wirkungen von Bildung zur Diskussion, darunter größere Selbstständigkeit, ein gestärktes Selbstbewusstsein, bessere Gesundheit und größere gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten. Die Lernenden können die Aussagen zunächst für ihre eigene Lebenswelt beurteilen und anschließend auf Straßenkinder beziehen. Dies ermöglicht einen Perspektivenwechsel und verhindert, dass Bildung lediglich abstrakt als entwicklungspolitisches Ziel behandelt wird. Im Religionsunterricht kann zusätzlich gefragt werden, warum Bildung etwas mit Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit zu tun hat.
Das Medium enthält außerdem einen Vorschlag für einen Projekttag, bei dem Aspekte des Lebens von Straßenkindern erfahrungsorientiert aufgegriffen werden. Das Material betont selbst, dass damit die tatsächlichen Erfahrungen von Straßenkindern nicht nachvollzogen werden können. Ziel ist lediglich, einzelne Aspekte anzunähern und anschließend zu reflektieren. Die Erfahrungen sollen in einem Tagebuch dokumentiert und in einem ausführlichen Gespräch ausgewertet werden. Aus heutiger religionspädagogischer Perspektive ist hierbei besondere Sensibilität erforderlich. Eine Simulation von Armut oder Straßenkindheit sollte nicht den Eindruck vermitteln, die existenziellen Erfahrungen betroffener Kinder könnten für kurze Zeit nachgespielt werden. Sinnvoller kann es sein, einzelne Elemente des Projekttages in einen Aktionstag zu globaler Gerechtigkeit umzuwandeln und authentische Stimmen, Projektberichte und konkrete Solidaritätsaktionen in den Mittelpunkt zu stellen.
Als Abschluss einer Unterrichtsreihe können die Lernenden ihre anfänglichen Vorstellungen erneut betrachten und einen persönlichen Reflexionstext verfassen. Mögliche Fragen sind: Was hat sich an meinem Bild von Straßenkindern verändert? Was bedeutet menschenwürdige Hilfe? Welche Bedeutung haben Mitleid und Compassion? Wo beginnt Solidarität? Welche Verantwortung ergibt sich aus christlicher Nächstenliebe? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich selbst? Die im Material ausgewiesenen Kompetenzen unterstützen genau diese Verbindung von Erkennen, Bewerten und Handeln. Lernende sollen Lebenslagen reflektieren, Hilfsmaßnahmen kritisch beurteilen, persönliche und politische Handlungsmöglichkeiten erkennen und die Grenzen einzelner Projekte wahrnehmen können. So ermöglicht das Medium einen Religionsunterricht, der Sachwissen über globale Ungleichheit mit Perspektivenwechsel, ethischer Urteilsbildung, christlicher Weltverantwortung und konkreten Handlungsmöglichkeiten verbindet.
Der Einstieg gelingt über das Anregen kognitiver Dissonanz durch die Ablehnung von Mitleid durch einen indischen Jungen. Eine Webrecherche zu einem Katalog aus acht Fragen verschafft Hintergrundwissen zum Thema. Die Präsentation findet in Form eines Zeitschriftenartikels statt. Vier Steckbriefe von Kindern werden in Gruppenarbeit bearbeitet. Dabei werden die Lebensbedingungen in einer Familie mit denen in einer Gang als Ersatzfamilie erfasst. In einem nächsten Schritt wird Drogenkonsum über Textarbeit thematisiert. Eine Definition von Armut wird erarbeitet. Ein Leserbrief eines Geschäftsmanns beschönigt das Leben der Straßenkinder und wird kritisch hinterfragt. In einem nächsten Schritt wird Handeln angeregt und es werden Möglichkeiten dazu ermittelt. Dabei werden auch Hilfsmaßnahmen der Jugendhilfe in Deutschland thematisiert. Ein nächster Schritt behandelt die moralische Frage nach Essensdiebstahl und nimmt Bezug auf das Gebot `Du sollst nicht stehlen`. Erneut werden Hilfsmöglichkeiten erarbeitet, diesmal über sieben Meinungen, die diskutiert werden. Eine Dilemma Geschichte thematisiert verweigerte Hilfe. Ein Meinungsbild mit einem Material zum Abstimmen zu Thesen bezogen auf Mitleid in der deutschen Gesellschaft wird ausgefüllt und diskutiert. In einem nächsten Schritt werden Formen von Gewalt gegenüber Kindern in Brasilien erarbeitete und mit den Verhältnissen in Deutschland verglichen. Anschließend wird die Arbeit von Sozialarbeitern untersucht. Dazu wird eine Stellenausschreibung selbst verfasst. Dabei werden die bisher erarbeiteten Inhalte eingebracht, erneut reflektiert und verdichtet. Der nächste Schritt beschäftigt sich mit der Bedeutung von Bildung für Kinder. Dazu werden Thesen diskutiert und bewertet. Abschließend werden die Folgen eines Erdbebens für eine Gesellschaft erfasst. Dadurch verschärfen sich alle bereits festgestellten Probleme.