Anneliese Hecht entwickelt eine Bibelarbeit zur zweiten Schöpfungserzählung in Genesis 2 und 3. Diese Erzählung unterscheidet sich deutlich von der ersten Schöpfungserzählung in Genesis 1. Nach Hecht wollen beide Texte keinen historischen Bericht darüber liefern, wie die Welt am Anfang entstanden ist. Vielmehr beschreiben sie, wer der Mensch ist und was seine Existenz von Anfang an auszeichnet. Die zweite Schöpfungserzählung stellt dabei besonders den Menschen als Beziehungswesen in den Mittelpunkt. Ziel der Bibelarbeit ist es deshalb, die Beziehungen des Menschen innerhalb der Welt und zu allem Lebendigen wahrzunehmen.
Die Bibelarbeit unterscheidet vier grundlegende Beziehungen. Es geht um die Beziehung des Menschen zur Erde, zu den Tieren, zwischen Mann und Frau und zu Gott. Genesis 2 beschreibt vor allem die lebensförderliche Seite dieser Beziehungen. Genesis 3 zeigt dagegen ihre belastete und gestörte Seite. Lernende können deshalb zunächst überlegen, welche Merkmale für gelingende und welche für schädliche Beziehungen charakteristisch sind. Die auf Seite 2 dargestellte Grafik veranschaulicht diese Beziehungen durch mehrere Kreise. Gott bildet die Mitte. Darum befinden sich Mensch, Mann und Frau, Tiere und Erde. Dadurch wird sichtbar, dass der Mensch in ein umfassendes Beziehungsgefüge eingebunden ist.
Der erste Teil der Texterschließung beschäftigt sich mit Genesis 2. Die einzelnen Abschnitte behandeln die Erschaffung des Menschen, den Garten Eden, den Auftrag zum Bebauen und Bewahren, die Beziehung zu den Tieren und schließlich die Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Lernenden sollen dabei untersuchen, aus welcher Perspektive die Geschichte erzählt wird, was nach dem Text zum Wesen des Menschen gehört und wie seine unterschiedlichen Beziehungen charakterisiert werden.
Für die Auslegung spielen verschiedene hebräische Begriffe eine wichtige Rolle. Adamah bezeichnet die Erde und Adam den Erdling. Dadurch wird bereits sprachlich die enge Verbindung zwischen Mensch und Erde deutlich. Der Mensch ist ein aus Erde geformtes Wesen. Zugleich erhält er seinen Lebensatem von Gott. Sein Leben entsteht nicht aus ihm selbst. Jeder Atemzug kann deshalb als Geschenk Gottes verstanden werden. Der Mensch ist körperliches und lebendiges Wesen, dessen Leben von Gott ermöglicht wird.
In Genesis 2 ist zunächst vor allem Gott der Handelnde. Gott schafft und gestaltet die Lebenswelt zum Wohl des Menschen. Erst später wird der Mensch selbst aktiv. Er benennt die Tiere und begegnet schließlich der Frau. Die Erzählung besitzt dabei nach Hecht eine Sichtweise, die den Mann zunächst stark in den Mittelpunkt stellt. Zugleich wird diese Perspektive vom Glauben an Gott her gedeutet. Die Geschichte eignet sich nicht als historischer Beweis für die Entstehung des Menschen. Dies zeigt sich bereits daran, dass der Mensch in der Erzählung vor seiner Nahrung geschaffen wird.
Der Garten Eden beschreibt die Lebenswelt des Menschen. Der Garten ist einerseits begrenzt, andererseits aber gestaltet und lebensfreundlich. Die Bezeichnung Eden kann mit Wüste oder mit Wonne in Verbindung gebracht werden und enthält damit eine gewisse Spannung. Die Geschichte beschreibt keinen geografisch oder historisch eindeutig bestimmbaren Ort. Als Anfangsgeschichte formuliert sie vielmehr grundlegende Aussagen über die menschliche Existenz.
In der Mitte des Gartens steht der Baum als Symbol für Leben und Erkenntnis. Gut und böse bedeuten in diesem Zusammenhang die Fähigkeit zu unterscheiden, was dem Leben dient und was ihm schadet. Der Mensch erhält von Gott einen großen Lebensraum und zahlreiche Möglichkeiten. Gleichzeitig gibt es eine Grenze. Die Mitte bleibt unverfügbar. Der Mensch darf nicht alles an sich reißen. Seine Freiheit ist groß, aber nicht grenzenlos. Die Überschreitung dieser Grenze beeinträchtigt sein Leben.
Zum Wesen des Menschen gehört außerdem das schöpferische Handeln. Der Mensch soll die Erde bebauen und bewahren. Arbeit erscheint deshalb zunächst nicht als Strafe. Sie gehört zur menschlichen Existenz und bedeutet, an der Gestaltung von Gottes Schöpfung mitzuwirken. Der Mensch darf die Erde nutzen und gestalten, trägt aber gleichzeitig Verantwortung für ihre Bewahrung.
Auch die Beziehung zu den Tieren wird untersucht. Der Mensch teilt seine Lebenswelt mit ihnen. Die Tiere sind für ihn Hilfe und Gegenüber, können aber die menschliche Gemeinschaft nicht vollständig ersetzen. Indem der Mensch den Tieren Namen gibt, erkennt er ihr Wesen und tritt gleichzeitig in eine gestaltende und herrschaftliche Beziehung zu ihnen. Die Tiere sind damit Teil der Lebensgemeinschaft des Menschen, besitzen jedoch eine andere Stellung als sein menschliches Gegenüber.
Erst mit der Erschaffung von Mann und Frau findet der Mensch ein ihm entsprechendes Gegenüber. Hecht betont dabei, dass die Frau nicht aus einer Rippe des Mannes geschaffen wird. Der zugrunde liegende hebräische Begriff bezeichnet vielmehr eine Seite oder ein Seitenteil. Die Frau wird deshalb nicht als untergeordnete Gehilfin verstanden, sondern als hilfreiches Gegenüber. Mann und Frau sind wesensverwandt und bilden nach der Auslegung zunächst eine Beziehung ohne Herrschaft. Der Mann freut sich über die Frau und erkennt in ihr sein entsprechendes Gegenüber.
Bemerkenswert ist für Hecht außerdem, dass die Erzählung an dieser Stelle traditionelle patriarchale Vorstellungen durchbricht. Nicht die Frau folgt dem Mann in sein Haus, sondern der Mann folgt der Frau. Beide können sich einander zeigen, wie sie sind. Ihre Nacktheit führt nicht zu Scham. Zwischen ihnen steht zunächst nichts Trennendes. Die Beziehung wird damit als unmittelbare, vertrauensvolle und gleichwertige Gemeinschaft beschrieben.
Auch die Beziehung zu Gott ist zunächst von Gottes Fürsorge geprägt. Gott formt den Menschen aus Erde, schenkt ihm den Lebensatem und setzt ihn in einen Garten voller Nahrung. Er beteiligt den Menschen an der Gestaltung der Erde und schenkt ihm ein menschliches Gegenüber. Gleichzeitig warnt Gott den Menschen davor, die unverfügbare Mitte zu überschreiten. Der Mensch lebt somit von Gottes Geschenk, besitzt Freiheit und Verantwortung, bleibt aber zugleich ein begrenztes Geschöpf.
Genesis 3 zeigt die andere Seite der menschlichen Existenz. Mit der Übertretung des Gottesgebotes geraten die zuvor guten Beziehungen in eine Krise. Die Schlange steht in der Auslegung für die Versuchung des Menschen, sich das eigene Glück selbst zu verschaffen. Der Dialog zwischen Schlange und Frau zeigt, wie die Gottesbeziehung schrittweise gestört wird. Aus einer Frage entstehen Unterstellungen und schließlich Misstrauen. Der Mensch betrachtet nicht mehr die Fülle dessen, was Gott ihm geschenkt hat. Sein Blick richtet sich nur noch auf die eine Grenze, die ihm gesetzt wurde. Gott erscheint plötzlich nicht mehr als großzügig Schenkender, sondern als jemand, der dem Menschen etwas vorenthält.
Der Versuch, diese Grenze zu überschreiten, führt jedoch nicht zur erhofften Freiheit. Die Menschen möchten weise werden, erkennen aber ihre Nacktheit. Sie können schließlich nicht einmal mehr zu ihrem eigenen Verhalten stehen. Statt Verantwortung für die eigene Schuld zu übernehmen, schieben sie diese auf andere. Die Übertretung verändert dadurch das gesamte Beziehungsgefüge des Menschen.
Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wird zur Feindschaft. Die ursprünglich herrschaftsfreie Beziehung zwischen Mann und Frau verändert sich zu einem Herrschaftsverhältnis und wird von Mühsal geprägt. Auch das Verhältnis zur Erde verändert sich. Der Mensch muss ihr unter Mühe und Schweiß seine Nahrung abringen. Dornen erschweren die Arbeit und am Ende kehrt der Mensch als sterbliches Wesen zum Staub zurück. Schließlich wird auch die Beziehung zu Gott von Gegnerschaft bestimmt.
Die Vertreibung aus dem Garten beschreibt diese gestörte menschliche Existenz. Die Menschen werden zu Vertriebenen und Getriebenen. Trotzdem endet Gottes Fürsorge nicht. Gott bekleidet die Menschen und bewahrt ihr Leben. Selbst außerhalb des Gartens bleibt der Mensch ein von Gott begleitetes Wesen. Die Erzählung verbindet deshalb die Erfahrung menschlicher Schuld und Begrenztheit mit der bleibenden Fürsorge Gottes.
Am Ende der Bibelarbeit sollen Lernende ihre eigenen Vorstellungen von den grundlegenden Beziehungen des Menschen mit den Ergebnissen der Textarbeit vergleichen. Die vier Beziehungen zur Erde, zu den Tieren, zwischen Mann und Frau und zu Gott können jeweils gelingen oder gestört werden. Die Lernenden sollen diese Ambivalenz wahrnehmen und auf ihre eigene Lebenswirklichkeit beziehen. Den Abschluss bildet ein gemeinsames Gebet, in dem Erfahrungen mit Gott und dem eigenen Menschsein zum Ausdruck gebracht werden können.
Für den Religionsunterricht ist besonders bedeutsam, dass die Schöpfungserzählung nicht als naturwissenschaftliche Beschreibung des Weltanfangs behandelt wird. Sie fragt vielmehr nach dem Wesen des Menschen. Lernende können anhand des Textes erkennen, dass menschliches Leben grundsätzlich Beziehung bedeutet. Der Mensch lebt von Gott, mit anderen Menschen, mit Tieren und von der Erde. Gleichzeitig besitzt er Freiheit und Verantwortung, muss aber Grenzen anerkennen. Genesis 2 beschreibt die Möglichkeiten gelingender Beziehungen, während Genesis 3 zeigt, wie Misstrauen, Grenzüberschreitung und Schuld diese Beziehungen beschädigen können. Die bleibende Fürsorge Gottes eröffnet jedoch auch außerhalb des Paradieses eine Perspektive für menschliches Leben.