Klaus Bieberstein beginnt seinen Artikel mit der problematischen Wirkung der biblischen Erzählung von der Eroberung Jerichos. Die Geschichte kann faszinierend und mitreißend erzählt werden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, das Schicksal der getöteten Männer, Frauen und Kinder Jerichos auszublenden. Eine zusätzliche Aktualität erhält das Thema dadurch, dass biblische Landverheißungen zur Begründung gegenwärtiger Landansprüche herangezogen werden können. Bieberstein stellt deshalb die Frage, ob die Bibel ein Recht auf die Enteignung anderer Menschen begründen kann. Für ihn führt dies zu einer grundlegenden Herausforderung der Bibelauslegung. Biblische Texte dürfen nicht naiv gelesen werden. Ihre Entstehungsgeschichte, ihr historischer Kontext und die Perspektive ihrer Opfer müssen berücksichtigt werden.
Anschließend betrachtet der Artikel die biblische Darstellung der Landnahme unter Josua. Nach Josua 3 und 4 überschreiten die Israeliten auf wunderbare Weise den Jordan. Das Wasser teilt sich und das Volk gelangt trockenen Fußes auf die andere Seite. Wenige Tage später wird Jericho erobert. Nach einer Berechnung anhand der biblischen Jahresangaben müsste der Auszug aus Ägypten im Jahr 1446 vor Christus erfolgt sein. Nach vierzig Jahren Wüstenwanderung wäre Israel 1406 vor Christus am Jordan angekommen und hätte anschließend Jericho zerstört.
Diese Darstellung stimmt nach Bieberstein jedoch nicht mit den archäologischen Erkenntnissen überein. Jericho war zu dem Zeitpunkt, an dem Josua die Stadt nach der biblischen Chronologie erobert haben müsste, bereits seit ungefähr 150 Jahren zerstört und unbewohnt. Die biblische Geschichte kann deshalb nicht als historischer Bericht über eine tatsächliche Eroberung Jerichos verstanden werden.
Der Artikel fragt daraufhin, wann und warum eine solche Geschichte entstanden sein könnte. Die Vorstellung vom Jordan als östlicher Grenze Israels setzt historische Verhältnisse voraus, die erst wesentlich später bestanden. Das Ostjordanland gehörte lange zum Gebiet Israels. Erst im Jahr 733 vor Christus ging dieses Gebiet verloren und der Jordan wurde zur Grenze. Auch die zugrunde liegende Moseerzählung entstand nach der Darstellung des Artikels erst wesentlich später. Bieberstein folgert deshalb, dass die Erzählung von Josuas Überschreitung des Jordans und der Eroberung Jerichos frühestens nach 673 vor Christus verfasst worden sein kann. Damit liegen zwischen dem angeblichen Ereignis und seiner literarischen Gestaltung mehrere Jahrhunderte.
Für das Verständnis der Geschichte ist deshalb ihre Entstehungssituation entscheidend. Im achten Jahrhundert vor Christus gerieten Israel und Juda zunehmend unter den Druck des assyrischen Großreiches. Große Teile des Landes gingen verloren. Im Jahr 722 vor Christus wurde Samaria erobert und das Nordreich Israel beseitigt. Im Jahr 701 wurde schließlich sogar Jerusalem belagert. Innerhalb weniger Jahrzehnte war der größte Teil des Landes verloren gegangen. Diese politische Katastrophe führte zugleich zu einer theologischen Krise. Wenn JHWH Israel das Land gegeben hatte, stellte sich die Frage, warum dieses Land verloren gehen konnte. Es konnte der Eindruck entstehen, dass Gott versagt hatte oder die Geschichte seines Volkes zu Ende gegangen war.
Nach Bieberstein ist die Josuaerzählung als Antwort auf diese Krise zu verstehen. Ihre ursprüngliche Funktion bestand nicht darin, gegenüber anderen Völkern einen politischen Landanspruch durchzusetzen. Vielmehr richtete sie sich an die Menschen in Juda selbst. Die Botschaft lautete, dass Israel sein Land nicht aus eigener militärischer Kraft erobert habe, sondern dass JHWH es seinem Volk geschenkt habe. Der spätere Verlust des Landes bedeutete deshalb nicht, dass JHWH zu schwach gewesen sei. Vielmehr deutete man die Katastrophe als Folge menschlichen Fehlverhaltens. Das von Gott geschenkte Land war durch das eigene Handeln verspielt worden.
Diese Deutung wird im Buch Josua mit der Forderung nach Treue gegenüber JHWH verbunden. In Josua 24 wird erzählt, dass das Volk sich verpflichtet, allein JHWH zu dienen. Josua warnt jedoch davor, dieses Versprechen leichtfertig abzugeben. Aus der Perspektive der späteren Verfasser konnte dadurch der Verlust des Landes als Folge der Untreue Israels verstanden werden. Die Erzählungen wollten nach Bieberstein ursprünglich weder Gewalt predigen noch einen aktuellen Landanspruch begründen. Sie sollten vielmehr erklären, wie Gott Israel das Land geschenkt und wie das Volk dieses Geschenk verspielt hatte.
Der Artikel stellt dieser gewaltsamen Landnahmeerzählung anschließend eine andere biblische Ursprungserzählung gegenüber. Die Geschichten von Abraham und Sara, Isaak und Rebekka sowie Jakob, Rachel und Lea zeichnen ein friedlicheres Bild. Die Erzeltern erscheinen als Menschen, die mit ihren Herden durch das Land ziehen und an verschiedenen Orten ihre Zelte aufschlagen. Im Gegensatz zur Josuaerzählung wird der Zugang zum Land hier nicht als militärischer Eroberungszug dargestellt.
Allerdings sind auch die Erzelternerzählungen nach Bieberstein keine historischen Berichte. Sie enthalten zahlreiche Anachronismen. So werden beispielsweise Philister, Aramäer und Kamele in Zeiten eingeordnet, in denen sie nach den historischen Erkenntnissen noch nicht in der beschriebenen Form vorhanden waren. Diese Einzelheiten zeigen, dass auch die Geschichten von Abraham, Isaak und Jakob erst wesentlich später entstanden sind. Bieberstein datiert ihre Entstehung frühestens in das achte Jahrhundert, überwiegend jedoch in das siebte oder sechste Jahrhundert vor Christus. Die Erzählungen behandeln deshalb mit Geschichten über eine angeblich weit zurückliegende Vergangenheit theologische Fragen ihrer eigenen Entstehungszeit.
Damit existierten zunächst unterschiedliche Geschichten über die Anfänge Israels nebeneinander. Die Erzelternerzählungen schilderten eine weitgehend friedliche Existenz zwischen den kanaanäischen Städten, während die Josuaerzählung die Frühzeit Israels als gewaltsame Eroberung darstellte. Erst im späten sechsten Jahrhundert vor Christus wurden diese unterschiedlichen Traditionen miteinander verbunden und zu einem größeren Erzählzusammenhang zusammengefügt.
Diese Verbindung steht wiederum in einem konkreten historischen Zusammenhang. Nachdem der persische König Kyrus im Jahr 539 vor Christus Babylon erobert hatte, konnten die dorthin verschleppten Menschen aus Juda in ihre Heimat zurückkehren. Viele hatten sich jedoch in Babylonien eingerichtet und waren nicht unbedingt an einer Rückkehr interessiert. Nach Bieberstein entstand in dieser Situation die Priesterschrift. Sie verband die Schöpfungsgeschichte, die Erzelternerzählungen, die Geschichte des Auszugs aus Ägypten und den Weg zum verheißenen Land zu einem großen Erzählzusammenhang.
Auch die Geschichte Abrahams erhält vor diesem Hintergrund eine neue Bedeutung. Abraham wird als Mensch dargestellt, der aus Babylonien aufbricht und in das verheißene Land zieht. Damit konnte seine Geschichte für die in Babylonien lebenden Menschen aus Juda zu einem Vorbild werden. Wie Abraham sollten auch sie aufbrechen, in ihre Heimat zurückkehren und dort eine neue Gesellschaft aufbauen. Das Land erscheint damit nicht nur als Geschenk Gottes, sondern zugleich als Aufgabe. Die Berufenen sollen Verantwortung übernehmen und nach Genesis 12 zu einem Segen für alle Völker werden.
Am Ende beantwortet Bieberstein die Frage des Titels mit einer differenzierten Aussage. Die biblischen Geschichten sind nach seiner Darstellung historisch erfunden und zugleich theologisch wahr. Die Vorfahren Israels lebten vermutlich bereits seit langer Zeit im Bergland zwischen Mittelmeer und Jordan und gingen aus der kanaanäischen Kultur hervor. Eine Landnahme unter Josua habe historisch ebenso wenig stattgefunden wie der geschilderte Aufbruch Abrahams aus Ur. Israel und Juda entwickelten sich vielmehr langsam und weitgehend friedlich aus einer kleinbäuerlichen Kultur.
Die theologische Wahrheit dieser Geschichten besteht nach dem Artikel deshalb nicht darin, dass alle geschilderten Ereignisse historisch genau so stattgefunden haben. Ihre Bedeutung liegt darin, dass Menschen mit ihnen ihre Erfahrungen von Gott, Landverlust, Schuld, Hoffnung, Verantwortung und Neuanfang deuteten. Gerade die Kenntnis ihrer Entstehungsgeschichte verhindert eine fundamentalistische Verwendung. Die Erzählungen können dann nicht als unmittelbare göttliche Begründung heutiger Landansprüche gegenüber palästinensischen Menschen verwendet werden. Sie erscheinen vielmehr als selbstkritische theologische Reflexionen über ein geschenktes und verspieltes Land und über die Verantwortung, die Menschen für ihre Gegenwart übernehmen müssen.
Für den Religionsunterricht ist der Artikel besonders geeignet, um Lernenden den Unterschied zwischen historischer Wahrheit und theologischer Wahrheit zu verdeutlichen. Biblische Texte müssen nicht historisch exakt sein, um religiöse und theologische Aussagen zu vermitteln. Zugleich können Lernende erkennen, warum der historische Kontext für die Auslegung der Bibel entscheidend ist. Der Artikel ermöglicht außerdem eine kritische Beschäftigung mit Gewalttexten, Fundamentalismus, Landverheißung, Verantwortung und der Frage, wie biblische Texte heute gelesen werden können, ohne sie zur Rechtfertigung politischer Gewalt oder gegenwärtiger Landansprüche zu verwenden.