Der Artikel untersucht islamische Traditionen des Martyriums und zeigt zugleich, wie diese in der Gegenwart ideologisch missbraucht werden. Zunächst macht der Text deutlich, dass die bekannteste Figur des islamischen Martyriums zwar der Gefallene auf dem Schlachtfeld ist, dass dies jedoch nur eine von mehreren Formen darstellt. Bereits die ersten Märtyrerinnen und Märtyrer des Islams waren verfolgte Musliminnen und Muslime in Mekka, die wegen ihres Glaubens litten und starben. Ein Beispiel ist Sumayya, die als erste Märtyrerin des Islams gilt. Mit der Auswanderung nach Medina änderte sich die Lage der muslimischen Gemeinschaft grundlegend, da sie nun nicht mehr nur verfolgt wurde, sondern als eigenständiges Gemeinwesen in kriegerische Auseinandersetzungen eintrat. Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen entwickelte sich die Figur des auf Gottes Weg Gefallenen, dem im Koran ein Leben bei Gott zugesprochen wird.
Der Artikel erklärt, dass das arabische Wort schahid sowohl Zeuge als auch Märtyrer bedeutet und dass darin eine Verbindung von Glaubensbekenntnis und Martyrium sichtbar wird. Dennoch liegt der Schwerpunkt des islamischen Märtyrerbegriffs nicht allein auf dem Zeugnischarakter. Das wird daran deutlich, dass in Hadithen auch Menschen als Märtyrerinnen und Märtyrer gelten, die nicht im Krieg sterben, etwa Opfer von Seuchen, Naturkatastrophen oder Frauen, die im Kindbett sterben. Diese Ausweitung wird von der Autorin nicht als bloße spätere Randentwicklung verstanden, sondern als Hinweis darauf, dass der Märtyrerstatus im Islam auch eine tröstende Funktion für Angehörige hat. Die Zusage von Lohn im Jenseits soll den Schmerz über einen frühen und oft als besonders hart empfundenen Tod lindern. Beim Kämpfer kommt hinzu, dass die Hoffnung auf jenseitige Belohnung die Angst vor dem Tod mindern und die Bereitschaft zum Kampf stärken kann.
Daneben verweist der Text auf weitere, weniger bekannte Formen des Martyriums in der islamischen Tradition. In der Mystik erscheint der lebende Märtyrer, der sein Leben im inneren Kampf gegen das eigene Ego verbringt. Ebenso gibt es die Vorstellung von Märtyrerinnen und Märtyrern der Liebe. Dadurch zeigt die Autorin, dass das islamische Märtyrerkonzept weit vielfältiger ist als die verbreitete Reduktion auf den bewaffneten Kämpfer. In der sunnitischen Tradition bleibt der Märtyrer vor allem eine geehrte historische Vorbildfigur. Es entwickelt sich jedoch kein eigentlicher Märtyrerkult. Dem Martyrium wird keine erlösende Kraft für andere zugeschrieben, und die jenseitige Belohnung kommt nur der betroffenen Person selbst zu.
Anders stellt sich die Lage im schiitischen Islam dar. Dort nimmt das Martyrium eine wesentlich zentralere Stellung ein. Das entscheidende Ursprungsereignis ist der Tod Husains in Kerbela im Jahr 680. Sein gewaltsamer Tod durch die Übermacht Yazids und das Versagen derer, die ihm eigentlich Unterstützung zugesagt hatten, wird zum Gründungsereignis schiitischer Religiosität. Das Gedenken an Husain prägt bis heute die schiitische Frömmigkeit in Ritualen, Trauerfeiern, Prozessionen und Passionsspielen. Das Martyrium Husains wird nicht nur historisch erinnert, sondern als heilsgeschichtlich und kosmisch bedeutsames Ereignis verstanden, um das sich die Geschichte der Welt dreht. In diesem Zusammenhang treten auch Sühnevorstellungen in den Vordergrund.
Im letzten Teil wendet sich der Artikel den modernen Märtyrerkulten zu. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde häufig versucht, Selbstmordattentate direkt aus islamischen Traditionen von Dschihad und Märtyrertum abzuleiten. Die Autorin weist jedoch darauf hin, dass dies historisch nicht trägt. In der sunnitischen Tradition gibt es weder einen Kult um Märtyrer noch eine überlieferte Praxis von Selbstmordattentaten. Auch für dschihadistische Gruppen, die sich selbst als sunnitisch verstehen, sind schiitische Traditionen kein direkter Ursprung, da diese Gruppen die Schia meist als Feindbild betrachten.
Die Autorin zeigt stattdessen, dass moderne dschihadistische Märtyrerbilder aus unterschiedlichen Quellen zusammengesetzt sind. Zwar bedienen sich Gruppen wie al Qaida oder der IS islamischer Begriffe, Koranverse und Hadithe, doch bauen sie daraus ein neues Konzept, das sich weder aus den klassischen Quellen noch aus der Geschichte des Islams ableiten lässt und zudem dem islamischen Recht widerspricht. Hinzu kommen Einflüsse aus säkularen Heilslehren, aus Nationalismus, Marxismus und moderner Popkultur. Besonders wichtig ist die palästinensische Figur des fidai, also desjenigen, der sich selbst opfert. In der nationalistischen Dichtung wurde daraus ein moderner Mythos, der den Tod des Märtyrers als Hochzeit mit der Heimat deutet und Verlust in Triumph verwandelt. Diese Symbolik wurde später von islamistischen Gruppen übernommen und religiös umgedeutet.
Mit der Übernahme der Praxis des Selbstmordattentats durch islamistische Gruppen in den 1990er Jahren wurde auch sprachlich eine neue Rechtfertigung geschaffen. Da Selbsttötung im Islam verboten ist, wurde der Begriff Selbstmord vermieden und durch neue Bezeichnungen ersetzt, die den Täter als Märtyrer erscheinen lassen sollten. So wurde aus dem Selbstmordattentäter ein angeblicher Märtyrer. In der Propaganda von al Qaida werden die Anschläge als Fortsetzung des Kampfes des Propheten mit den Mitteln der Gegenwart inszeniert. Gleichzeitig bleibt aber ein erhebliches Legitimationsdefizit bestehen, weil sowohl das Verbot des Selbstmords als auch das Verbot der Tötung von Nichtkombattanten missachtet werden. Um dieses Problem zu überdecken, werden die Taten als eine Art ritueller Opfergang dargestellt.
Insgesamt macht der Artikel deutlich, dass islamische Traditionen des Martyriums komplex, vielgestaltig und historisch gewachsen sind. Der gegenwärtige Missbrauch dieser Traditionen durch extremistische Gruppen stellt keine einfache Fortsetzung klassischer islamischer Lehren dar, sondern eine ideologische Neukonstruktion, die religiöse Sprache und Bilder für gewaltsame politische Ziele instrumentalisiert.