Ausgangspunkt des Heftes ist die Diagnose, dass das Zweite Vatikanische Konzil bis heute umstritten ist: Während manche seine Impulse als unzureichend umgesetzt beklagen, machen andere es für gegenwärtige kirchliche Krisen verantwortlich. Viele junge Menschen wiederum nehmen die durch das Konzil angestoßenen Reformen etwa Liturgie in der Volkssprache oder ökumenische Offenheit – als selbstverständlichen kirchlichen Alltag wahr, ohne deren Ursprung zu kennen. Das Heft versteht sich daher als Beitrag zu einer erneuten Vergewisserung über Anliegen, Inhalte und bleibende Bedeutung des Konzils.
Den Auftakt bildet ein ausführliches Gespräch mit Karl Kardinal Lehmann, der das Konzil als prägendes Ereignis seiner eigenen priesterlichen und theologischen Existenz beschreibt. Er betont, dass das Konzil keine abrupte Zäsur war, sondern auf lange vorbereitete Bewegungen wie die liturgische, biblische und ökumenische Erneuerung aufbaute. Zugleich warnt Lehmann vor einer Relativierung oder „Verhandelbarkeit“ zentraler Konzilsbeschlüsse, etwa im Kontext traditionalistischer Kritik. Das Konzil sei nicht bloß pastoral, sondern in zentralen Aussagen, etwa zur Kirche, zur Offenbarung, zur Religionsfreiheit und zur Ökumene, theologisch verbindlich. Deutlich wird zudem seine Kritik an restaurativen Tendenzen und einer erneuten Zentralisierung kirchlicher Macht, die den Geist des Konzils gefährden. Für Lehmann bleibt das Konzil ein Auftrag: Es müsse nicht nur bewahrt, sondern weitergedacht werden.
Der grundlegende theologische Beitrag von Leonhard Hell interpretiert das Konzil als „Selbstbefreiung der Kirche aus der Defensive“. Er zeigt, wie sich die Kirche von einer apologetischen Abwehrhaltung löste, die Glauben primär verteidigen wollte, und stattdessen den Mut fand, vom eigenen Glaubenszentrum her das Gespräch mit der Welt zu suchen. Entscheidend ist dabei die konziliare Wende im Kirchenverständnis: Nicht mehr ein juristischer Stiftungsakt oder eine starre Institution stehen im Mittelpunkt, sondern das Geheimnis der Kirche als Frucht der Verkündigung des Reiches Gottes. Die Kirche wird von Christus her als Mysterium verstanden, das sich geschichtlich entfaltet und zugleich über sich selbst hinausweist.
Diesen Gedanken vertieft Michael Quisinsky mit seiner Darstellung der Vielfalt der Kirchenbilder im Konzil. Er zeigt, dass das Zweite Vatikanische Konzil bewusst eine Vielzahl biblischer Bilder verwendet, etwa Volk Gottes, Leib Christi, Sakrament, Herde oder Bau Gottes, um die Wirklichkeit der Kirche angemessen zur Sprache zu bringen. Diese Bilder sind nicht beliebig, sondern stehen im Dienst der Einheit der Kirche und ihrer Sendung für die Einheit der Menschheit. Die Kirche wird als „Sakrament“, als Zeichen und Werkzeug der Gemeinschaft mit Gott und untereinander, verstanden. Besonders hervorgehoben wird das Bild vom Volk Gottes, das alle Getauften einbezieht und die gemeinsame Würde, Berufung und Verantwortung von Laien und Amtsträgern betont.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Erneuerung der Liturgie. Alexander Zerfaß arbeitet heraus, dass die Liturgie im Konzil als Quelle und Höhepunkt kirchlichen Lebens neu verstanden wird. Zentrales Anliegen ist die „tätige Teilnahme“ aller Gläubigen an der Feier des Pascha-Mysteriums. Liturgie ist nicht bloße Kulthandlung, sondern ein heilsgeschichtlicher Raum der Begegnung zwischen Gott und Mensch. Anja Lempges ergänzt diese Perspektive durch Beispiele moderner Kirchenbauten im Bistum Mainz, die versuchen, die liturgischen Anliegen des Konzils architektonisch umzusetzen und Gemeinschaft erfahrbar zu machen.
Eine besondere Eigenart des Heftes ist die Einbindung zahlreicher historischer Konzilsfotografien aus dem Nachlass von Hermann Kardinal Volk. Norbert Witsch erläutert diese Bilder und macht das Konzil als konkretes Ereignis sichtbar: als Prozess intensiver Debatten, geistlicher Suche und gemeinsamer Verantwortung. Dadurch wird das Konzil nicht nur als Textsammlung, sondern als lebendige Erfahrung von Kirche erfahrbar.
Abgerundet wird das Heft durch Bausteine für den Unterricht, die Schülerinnen und Schülern das Konzil über Vorher-/Nachher-Vergleiche, Fragen nach Glaubensfreiheit und kirchlicher Verantwortung sowie kompetenzorientierte Zugänge näherbringen. Ergänzende Beiträge im Forum Religionspädagogik reflektieren das Konzil als Impuls für einen dialogischen, offenen und zeitgemäßen Religionsunterricht.
Insgesamt bietet das Heft eine theologisch fundierte, historisch sensible und didaktisch anschlussfähige Einführung in das Zweite Vatikanische Konzil. Für Religionslehrkräfte ist es eine wertvolle Hilfe, das Konzil als bleibenden Maßstab kirchlichen Selbstverständnisses zu erschließen und seine Impulse für Kirche, Glauben und Religionsunterricht heute fruchtbar zu machen.