Der Artikel beginnt mit einer Würdigung Romano Guardinis als einer prägenden Gestalt des religiösen Lebens im 20. Jahrhundert. Besonders hervorgehoben wird seine Bedeutung für die Liturgische Bewegung und für viele Studierende, denen er in der Nachkriegszeit Orientierung gab. Seine Schriften zur Liturgie betonen, dass religiöse Vollzüge nicht nur begrifflich erklärt werden können, sondern in ihrer sichtbaren Gestalt und in ihrem geistigen Gehalt verstanden werden müssen. In diesem Zusammenhang fordert Guardini, der Mensch müsse wieder symbolfähig werden. Er beklagt den Verlust einer bildhaften Sprache, einer ausdrucksvollen Körperhaltung und eines geistdurchdrungenen Umgangs mit dem Leib. Diese Überlegungen bilden den Ausgangspunkt für die Frage, wie die Kunst das Beten sichtbar macht.
Der Artikel betont, dass das Gebet begrifflich schwer eindeutig zu bestimmen ist. Dennoch gehört es zu den grundlegenden Vollzügen des christlichen Lebens. Weil der innere Akt des Betens selbst nicht sichtbar gemacht werden kann, richtet sich der Blick auf seine leiblichen Ausdrucksformen. Die Kunst zeigt darum vor allem Körperhaltungen, Gesten und Gebärden, die das Beten begleiten. Dazu gehören das Stehen, Knien, Sitzen, Sich Verneigen, Sich Niederwerfen sowie die Haltung von Kopf und Händen. Solche Darstellungen zeigen nicht nur, wie Menschen in verschiedenen Zeiten gebetet haben, sondern geben zugleich Antworten auf die Frage, wie Beten verstanden und ausgeführt werden konnte.
Im ersten historischen Abschnitt behandelt der Artikel den sogenannten Orantengestus. Dieser aus der Antike bekannte Gebetsgestus besteht darin, dass Betende im Stehen die Hände zum Himmel erheben. Er war in vielen antiken Kulturen verbreitet und wurde auch vom Christentum übernommen. Frühchristliche Darstellungen in den Katakomben sowie spätere Marien und Heiligenbilder belegen die lange Wirkung dieser Haltung. Bis ins 11. Jahrhundert blieb sie im Christentum weithin üblich und wurde danach vor allem als priesterliche Gebetshaltung in der Messe bewahrt. Zugleich zeigt der Artikel, dass das Stehen über lange Zeit die normale Gebetshaltung der Gläubigen war. Knien, Verbeugen oder Sich Niederwerfen waren zunächst Sonderformen besonderer Demut und Unterwerfung. Vor allem in der monastischen Liturgie des Mittelalters spielten Prostration und Kniebeuge eine größere Rolle.
Im zweiten Teil beschreibt der Artikel Entwicklungen seit dem Hochmittelalter. Schriftliche Zeugnisse machen deutlich, dass man über Gebetsgesten zunehmend genauer nachdachte. Einhard unterschied zwischen dem inneren Gebet zum unsichtbaren Gott und sichtbaren Formen von Verehrung und Anbetung, bei denen der Körper beteiligt ist. Zugleich zeigen Anfragen an den Papst, dass Gebetsgesten regional unterschiedlich waren. Im Westen wurden seit dem 11. Jahrhundert besonders zwei Ausdrucksformen prägend, nämlich das Knien und das Falten der Hände. Die gefalteten Hände wurden aus dem weltlichen Huldigungszeremoniell übernommen. Wie der Vasall dem Lehensherrn seine Hände darbot, so wurde auch das Gebet als Haltung der Unterordnung, des Vertrauens und der Bitte verstanden. Das Knien wurde seit dem 13. Jahrhundert immer stärker zur normalen Haltung der Gläubigen in der Messe. Daraus ergaben sich auch neue liturgische Regelungen für das Wechselspiel von Stehen und Knien.
Der Artikel zeigt weiter, wie die Kunst diese liturgischen Abläufe dokumentiert. Bilderfolgen aus mittelalterlichen Handschriften stellen dar, wann die Gemeinde kniet, steht oder in bestimmten Momenten besonders intensiv betet. Weil viele Gläubige die lateinische Liturgie nicht verstanden, entwickelten sich daneben volkssprachliche Andachten, besonders der Rosenkranz. Außerhalb der Messe wurde das Gebet häufig mit der Verehrung von Reliquien, Heiligengräbern oder Heiligen verbunden. Die Frömmigkeit des Spätmittelalters erscheint dabei stark körperlich, sinnlich und affektiv. Berührung, Tränen, innere Bewegung und private Andacht gewinnen an Bedeutung.
Im dritten Teil geht der Artikel auf theologische und spirituelle Reflexionen über Gebetshaltungen ein. Seit dem 12. Jahrhundert entstanden Texte, die verschiedene Gebetsformen systematisch beschrieben. Ein französischer Theologe unterschied sieben Arten des Betens und ordnete ihnen jeweils bestimmte Haltungen zu. Auch Dominikaner und andere Orden entwickelten solche Anleitungen weiter. Besonders bekannt wurde die Schrift über die leibliche Gebetsweise des heiligen Dominikus. Darin wird die Wechselwirkung von Körper und Seele betont. Die Bilder dieser Tradition zeigen Dominikus in verschiedenen Haltungen des Betens und wurden selbst wieder vorbildhaft für die Frömmigkeit. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass das Gebet in enger Verbindung mit Passionsfrömmigkeit, Christusbezug und klösterlicher Lebensform stand.
Der Artikel ordnet diese Entwicklung in den größeren Zusammenhang spätmittelalterlicher Religiosität ein. Gebet, Stiftungen, gute Werke und liturgische memoria waren eng mit eschatologischen Vorstellungen verbunden. Die Gläubigen lebten in der Spannung zwischen eigener Sündhaftigkeit und Hoffnung auf Heil. Fürbittgebete, Messstiftungen und die Bitte um die Fürsprache der Heiligen wurden als wirksame Hilfe für Lebende und Verstorbene verstanden. Dies erklärt auch die vielen Stifterbilder, Epitaphien und Grabmäler, auf denen Menschen kniend und mit gefalteten Händen dargestellt werden. Das Gebet erscheint hier nicht nur als individuelle Frömmigkeit, sondern auch als Ausdruck sozialer Stellung, religiöser Hoffnung und bleibender Erinnerung.
Im vierten Teil beschreibt der Artikel die Neuzeit und das 19. Jahrhundert. Heilige werden nun häufig stark affektiv dargestellt. Ein bekanntes Beispiel ist das Gemälde von Wilhelm Leibl mit drei betenden Frauen. Es zeigt eine verinnerlichte Privatfrömmigkeit, die sich in Gebetbüchern, Rosenkranz und stiller Sammlung ausdrückt. Typisch wird dabei die Haltung mit ineinander verschränkten Fingern. Diese Form des Gebets bleibt bis ins 20. Jahrhundert verbreitet. Nach dem Konzil von Trient war das Knien zur gewöhnlichen Haltung der Gläubigen in der Kirche geworden. Erst in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil veränderte sich die Situation deutlich. Feste und allgemein verbindliche Formen des Gebets verloren an Bedeutung. An ihre Stelle trat größere Freiheit und Individualität. Moderne katechetische Texte betonen, dass Beten nicht im bloßen Aufsagen von Formeln besteht, sondern ein persönlicher und reflektierter Vollzug ist.
Am Ende kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass die Kunstgeschichte keine zeitlosen Regeln für das Beten liefert, aber eine große Vielfalt von Ausdrucksformen sichtbar macht. Diese historischen Bildzeugnisse zeigen, wie eng im Christentum Innerlichkeit und Leiblichkeit miteinander verbunden sind. Im gemeinschaftlichen Gebet der Liturgie ebenso wie im privaten Gebet einzelner Gläubiger wird der innere Glaubensvollzug durch den Körper sichtbar. Gerade darin erfüllen die Bilder eine wichtige Funktion, weil sie unterschiedliche Weisen dokumentieren, sich im Gebet Gott zuzuwenden.