95 x Nachdenken über Reformation Einen besonderen Weg der Annäherung an Martin Luther und die Aktualität der Reformation des 16. Jahrhunderts wählt der Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Alf Christophersen suchte in Anlehnung an die 95 Thesen Luthers 95 Sätze aus dessen Werken aus und gab sie zur Interpretation und Aktualisierung an bekannte Persönlichkeiten aus der evangelischen Kirche sowie der katholischen und jüdischen Ökumene. Jeweils zwei Sätze sollten die Autorinnen und Autoren auslegen. Herausgekommen ist eine bunte Mischung von Zugängen zu Luther und der reformatorischen Theologie, die in sechs Kapitel eingeteilt sind: Die Kraft des Wortes und der Musik – Der gefährdete Mensch und die Gnade Gottes – Evangelium, Gesetz und Gericht – Die Lebenswirklichkeit des Menschen und die Zuwendung Gottes – Glaube, Liebe und Freiheit – Existenz in Gemeinschaft. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie die beiden Kirchenvorsitzenden Bedford-Strohm und Marx, wie Margot Käßmann und Rainer Maria Woelki, die katholische Theologin Dorothea Sattler und der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff, der jüdische Historiker Michael Wolffsohn und der Dirigent Christian Thielemann setzen sich mit den ihnen zugeteilten Luther-Sprüchen auseinander. Sie tun es aus der Perspektive ihres Faches und Berufs, ihrer professionellen Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche, manchmal auch mit Distanz. Gelegentlich wird die Sprache etwas zu stark intern theologisch, bisweilen rutschen die Autoren auch in einen Predigtstil hinein. Doch insgesamt erfährt der aufmerksame Leser viel von der reformatorisch-lutherisch-protestantischen Mentalität, die sich in 500 Jahren herausgebildet hat. Dabei kommt auch die Kritik an Luther nicht zu kurz, an seinem Antisemitismus, seinem Grobianismus. Die ersten Veranstaltungen zum Reformations- oder Lutherjahr haben sehr viel Verständnis und gegenseitige Sympathie zwischen den getrennten Konfessionen gezeigt. Die Beiträge in dem hier vorgestellten Buch verdeutlichen aber, dass es bei aller theologischen Übereinstimmung und Konvergenz in den meisten dogmatischen Fragen eher die unterschiedlichen Denkweisen sind, die trennen. Bleibt man sich dessen jedoch bewusst, ist Einheit in Verschiedenheit ein erreichbares Ziel – die Pluralität der Zugänge zu Luther anhand seiner Worte ist ein Beweis dafür. Stuttgart: Reclam Verlag. 2016 223 Seiten 16,95 € ISBN 978-3-15-020430-6