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Katholische Akademie Bayern

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Erlösung

Veröffentlichung:1.9.2021

Der Fachartikel umfasst 2 Seiten. Der Beitrag stellt zwei moderne Zugänge zum theologischen Begriff der Erlösung vor, vor allem durch Eugen Drewermann und Jürgen Werbick. Beide versuchen, den traditionellen Erlösungsbegriff so zu deuten, dass er an die Erfahrungen heutiger Menschen anschlussfähig bleibt. Theologische Probleme des Artikels sind vor allem die Frage, wovon der Mensch erlöst werden soll, das Verhältnis von Schuld und Leid, die Bedeutung von Angst, Gnade, Vertrauen, Vergebung und Reich Gottes, die Kritik an traditionellen Opfervorstellungen sowie die Frage, wie christliche Glaubenssprache heute neu verständlich gemacht werden kann.

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Der Artikel setzt bei der Beobachtung an, dass der Begriff der Erlösung für viele Menschen heute schwer verständlich geworden ist. Besonders deutlich werde dies im Religionsunterricht oder in der Vorbereitung auf die Firmung, wenn junge Menschen nicht mehr nachvollziehen können, warum der Tod Jesu am Kreuz mit ihrer eigenen Erlösung zu tun haben soll. Der Text macht deutlich, dass sich die Lebenswirklichkeit moderner Menschen stark verändert hat. Während früher die Sorge um das eigene Seelenheil im Jenseits und die Erlösung von Schuld im Mittelpunkt standen, fragen Menschen heute stärker nach Erlösung von Leid, Angst, Vergeblichkeit und innerer Bedrängnis. Deshalb müsse die traditionelle Sprache der Theologie neu erschlossen werden, damit sie nicht leer oder unverständlich wird.

Im ersten Teil wird die Bedeutung der Sprache für den Glauben hervorgehoben. In Anlehnung an Martin Buber wird betont, dass die großen Worte der religiösen Tradition nicht einfach abgeschafft oder ersetzt werden sollen. Vielmehr müsse ihr Missbrauch überwunden und ihr Gehalt neu verstanden werden. Genau darin liege auch das Drama des heutigen Christentums. Begriffe wie Erlösung stehen in der Gefahr, entweder zu starren Dogmen zu werden oder in Bedeutungslosigkeit abzugleiten, wenn der Bezug zur menschlichen Erfahrung verloren geht. Vor diesem Hintergrund wird Eugen Drewermann als ein Denker vorgestellt, der seit Jahrzehnten versucht, zentrale christliche Begriffe aus den Tiefenschichten der menschlichen Psyche heraus neu zu deuten.

Drewermann geht in seinem Vortrag von der Erfahrung des Leidens aus. Nur wer an der Welt leide, trage überhaupt Sehnsucht nach Erlösung in sich. Erlösung setzt also für ihn bei der konkreten menschlichen Not an. Von dort aus fragt er, warum die Welt so schrecklich sei, obwohl kein Mensch das Böse um seiner selbst willen wolle. Seine Antwort lautet, dass der Mensch in Angst lebt. Er fürchtet die Missgunst anderer, die Zufälligkeit der Welt und letztlich die Vergeblichkeit des eigenen Lebens. Diese Angst verstrickt den Menschen in einen Teufelskreis, aus dem heraus er das Gute nicht mehr vertrauensvoll leben kann. Erlösung bedeutet daher vor allem Befreiung aus dem Getriebe der Angst.

Nach Drewermann kann diese Befreiung nicht durch zwischenmenschliche Beziehungen allein, nicht durch Glückssteigerung und auch nicht durch Leistung oder Fortschritt erreicht werden. Erlösung wird nur dort möglich, wo der Mensch ein tiefes Vertrauen zu Gott gewinnt. Dieses Vertrauen zum Absoluten schließt alle anderen Formen des Vertrauens ein und macht sie überhaupt erst tragfähig. Jesus Christus erscheint in dieser Sicht als derjenige, der ein Leben aus diesem Gottvertrauen heraus vorlebt. In seiner Beziehung zu Gott zeigt sich, dass Liebe und Vergebung möglich werden, wenn Angst überwunden wird. Erlösung ist somit keine juristische Tilgung von Schuld im engen Sinn, sondern ein innerer Wandel, der aus Vertrauen, Liebe und Vergebung wächst.

Jürgen Werbick knüpft in seiner Replik an Drewermanns Grundgedanken an, erweitert ihn jedoch um andere Aspekte. Auch für ihn ist die Erfahrung der Angst ein legitimer Ausgangspunkt. Darüber hinaus nimmt er die Erfahrung von Vergeblichkeit und Aussichtslosigkeit in den Blick. Der heutige Mensch leide nicht nur unter Angst, sondern auch unter einer Lähmung, die daraus entsteht, dass vieles sinnlos erscheine. Wer etwa persönliche Opfer bringt oder auf Konsum verzichtet, könne sich fragen, ob das angesichts der globalen Zerstörung überhaupt noch einen Unterschied mache. Daraus erwachse eine Lethargie, die Hoffnung und Handlungsbereitschaft ersticke.

Werbick sucht einen Ausweg aus diesem Bann der Aussichtslosigkeit in der Reich Gottes Verkündigung Jesu. Diese verschiebe den Maßstab für sinnvolles Handeln weg von unmittelbarem Erfolg und hin auf Gott. Dadurch werde menschliches Tun nicht mehr nur an sichtbaren Ergebnissen gemessen, sondern daran, ob es auf das Gute hin ausgerichtet ist. Gerade dies eröffne die Möglichkeit, das eigene Leben trotz aller Begrenztheit als sinnvoll zu verstehen. Nicht der äußere Lebenserfolg entscheidet über die Güte eines Lebens, sondern Gottes Blick auf den Menschen. Erlösung bedeutet in dieser Perspektive Befreiung zu einem Leben, das sich nicht von Erfolg, Leistung oder äußerem Gelingen abhängig macht.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Gnade. In der Diskussion betonen beide Theologen, dass Erlösung ohne die Erfahrung bedingungsloser Annahme nicht gedacht werden kann. Drewermann verbindet die Gnade mit Erfahrungen von Liebe und Vertrauen. Werbick ergänzt, dass schon der griechische Ursprung des Wortes Gnade auf etwas Anziehendes, Charmantes und Neues verweist. Gnade eröffnet damit die Möglichkeit eines Neuanfangs. Auch Vergebung wird in diesem Zusammenhang nicht als bloßes Vergessen verstanden, sondern als Fähigkeit, die Last der Vergangenheit in ein neues gemeinsames Leben zu integrieren. Erlösung zeigt sich also dort, wo der Mensch neu anfangen darf, ohne von seiner Vergangenheit festgelegt zu werden.

Besonders kritisch fällt die Auseinandersetzung mit dem Opferbegriff aus. Eine Frage aus dem Publikum greift liturgische Formulierungen auf, in denen davon gesprochen wird, dass der Herr das Opfer aus den Händen der Gläubigen annehme. Werbick erklärt, dass die lateinische Opfertradition zwiespältig und in vielem unbiblisch sei. Der Gedanke, Gott durch Opfer gnädig stimmen zu wollen, sei theologisch problematisch. Dadurch werde der Eindruck erzeugt, der Mensch müsse Gott durch eigene Leistung beeinflussen. Das widerspreche jedoch dem Gedanken der Gnade. Auch Drewermann lehnt ein Verständnis von Opfer ab, das Selbstzerstörung oder Selbstverkleinerung meint, um geliebt zu werden. Ein solcher Opferbegriff sei zurückzuweisen.

Gleichzeitig wird ein anderer, positiver Sinn von Opfer angedeutet. Drewermann spricht davon, dass Kompromisse aus Einsicht und Nächstenliebe ebenfalls Opfer genannt werden könnten. Dann ist damit nicht Selbstverachtung gemeint, sondern die Bereitschaft, aus Liebe und Rücksicht auf anderes zu verzichten. Dadurch gewinnt der Begriff eine neue ethische und zwischenmenschliche Bedeutung.

Insgesamt zeigt der Artikel, dass Drewermann und Werbick unterschiedliche, aber miteinander ins Gespräch tretende Wege zum Erlösungsbegriff eröffnen. Drewermann deutet Erlösung vor allem psychologisch und existenziell als Befreiung von Angst durch Vertrauen zu Gott. Werbick betont stärker die Überwindung von Vergeblichkeit und die Befreiung zu einem sinnerfüllten Leben im Horizont des Reiches Gottes. Beide sind sich darin einig, dass alte theologische Formeln allein nicht mehr ausreichen. Erlösung muss heute aus den Erfahrungen von Leid, Angst, Vergebung, Gnade und Hoffnung heraus neu verstanden und neu ausgesprochen werden. Nur so bleibt das Christentum mit den Fragen der Menschen im Gespräch.

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