Die Disability Studies sind eine interdisziplinäre Querschnittsdisziplin, die sich mit dem Differenzverhältnis von Behinderung und Nicht-Behinderung auseinandersetzt. Sie grenzen sich grundsätzlich von rehabilitations-, heil- und sonderpädagogischen Ansätzen ab, die Behinderung als individuales medizinisches Problem verstehen. Stattdessen analysieren die Disability Studies, wie Gesellschaft historisch, sozial und kulturell 'Andersheit' als Behinderung konstruiert, institutionalisiert und durch Machtmechanismen absichert. Die Bewegung entstand seit den 1970er Jahren parallel in der politischen Behindertenbewegung und in wissenschaftlichen Kontexten, besonders in den USA und England. In den USA führte die Independent-Living-Bewegung zur Gründung der Society for Disability Studies, während in Großbritannien ein sozialpolitisch orientierter Behinderungsbegriff vorherrschte. Das Feld unterscheidet zwischen drei Behinderungsmodellen: dem individuellen/medizinischen Modell, dem sozialen Modell und dem kulturwissenschaftlichen Modell. Das medizinische Modell betrachtet körperliche Schädigung als alleinige Ursache von Behinderung und reduziert diese auf Naturtatsachen. Das soziale Modell hingegen trennt Schädigung (impairment) von Behinderung (disability) und sieht letztere als soziales Problem. Das kulturwissenschaftliche Modell analysiert die diskursiven und symbolischen Prozesse, durch die Normalität und Andersheit hergestellt werden. In Deutschland etablierten sich die Disability Studies seit den 1990er Jahren durch wichtige Tagungen und die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Disability Studies 2002. Der Artikel betont die bislang wenig beachtete Relevanz der Disability Studies für die Religionspädagogik und argumentiert für einen Perspektivwechsel, der Behinderung als gesellschaftliches Konstrukt und nicht als Defizit versteht.