Thomas Ruster setzt sich mit der Frage auseinander, wie Heiligkeit dargestellt und verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Heilige in der Kunst oft mit einem Blick nach oben gezeigt werden. Dieser Blick soll ihre Beziehung zum Himmlischen sichtbar machen, wirkt aber häufig künstlich und wenig überzeugend. Darin erkennt der Autor ein tieferes theologisches Problem. Es geht um die Frage, wie Transzendenz im Diesseits dargestellt werden kann. Religion lebt von der Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz, muss aber das Jenseitige in der Welt erfahrbar machen. Deshalb entstehen heilige Orte, heilige Zeiten, heilige Gegenstände und besondere Personengruppen. Zugleich muss Religion verhindern, dass Heiligkeit beliebig wird. Darum werden Grenzen gezogen, Zugänge geregelt und Formen des Sakralen geschützt.
Ruster meint jedoch, dass die traditionelle christliche Vorstellung von Transzendenz zu einseitig gewesen ist. Das Heilige wurde vor allem vertikal gedacht, also oben, jenseitig und vom Irdischen getrennt. Demgegenüber entwickelt er die These einer horizontalen Heiligkeit. Gottes Transzendenz zeigt sich nicht nur im Himmel, sondern in der Begegnung mit konkreten Wirklichkeiten dieser Welt. Besonders nennt er drei Bereiche, in denen Heilige zu Zeugen dieser Erfahrung werden: Tiere, Ungläubige und Arme.
Im ersten Teil beschreibt der Autor die Transzendenz der Tiere. Er kritisiert, dass die moderne Gesellschaft den Kontakt zu Tieren weitgehend zerstört und sie vor allem als Nutzobjekte behandelt. Dadurch gehe auch eine religiöse Erfahrung verloren. In vielen frühen Religionen standen Tiere und Göttliches in enger Beziehung. Die Bibel grenzt sich zwar von Tiergestalten Gottes ab und warnt vor Götzenverehrung, doch damit verschwindet die Erfahrung von Transzendenz im Tier nicht einfach. In der christlichen Tradition seien Tiere jedoch weitgehend an den Rand gedrängt worden, weil sie weder als Träger einer unsterblichen Seele noch als Adressaten von Erlösung gedacht wurden.
Eine wichtige Ausnahme bilden nach Ruster die Heiligen. In vielen Heiligenlegenden erscheinen Tiere als Geschöpfe, denen mit Mitgefühl, Achtung und Nähe begegnet wird. Besonders bei Franz von Assisi und anderen Heiligen zeigt sich, dass Tiere zugleich vertraut und fremd sind. Gerade diese bleibende Fremdheit macht sie zu Zeugen der Transzendenz Gottes. Der Mensch erkennt an ihnen, dass es andere Formen von Lebendigkeit gibt, die sich seinem Zugriff entziehen. Der Autor deutet sogar die Erzählung von der Namensgebung der Tiere und vom Sündenfall in diesem Sinn. Sünde bedeutet dann auch, die Andersartigkeit der Tiere nicht anzuerkennen und alles nach menschlichem Maß beherrschen zu wollen. Heilige weisen dagegen einen Weg der Versöhnung mit der übrigen Schöpfung.
Im zweiten Teil behandelt Ruster die Transzendenz der Ungläubigen. An der heiligen Thérèse von Lisieux zeigt er, dass Heiligkeit nicht in der bloßen Abgrenzung von der ungläubigen Welt besteht. Thérèse wuchs in einem sehr engen katholischen Milieu auf, das sich scharf gegen die säkulare Umwelt abgrenzte. Doch sie entwickelte eine andere Form von Heiligkeit. Entscheidend war für sie die innere Verbundenheit mit den Ungläubigen. Schon als junges Mädchen betete sie für einen verurteilten Mörder und verstand dies als Beginn ihrer Sendung. Später lebte sie ihr Ordensleben bewusst in Solidarität mit denen, die nicht glauben konnten.
Besonders wichtig ist dabei, dass Thérèse selbst tiefe Erfahrungen von Gottesferne und Dunkelheit machte. Gerade darin fühlte sie sich den Ungläubigen verbunden. Sie sah in deren Erfahrung nicht nur einen Mangel, sondern einen Ort, an dem etwas über Gott gelernt werden kann. So wird die Gottesferne selbst zu einem theologischen Lernort. Nach Ruster eröffnet Thérèse damit eine neue Sicht auf Heiligkeit. Heilig ist nicht nur, wer sich von der Welt trennt, sondern auch, wer sich in Liebe den Zweifelnden und Gottfernen verbunden weiß. Darin zeigt sich eine neue Form von Transzendenzerfahrung.
Im dritten Teil spricht der Autor von der Transzendenz der Armen. Ausgangspunkt ist die bekannte Mantelteilung des heiligen Martin. Ihre volle Bedeutung wird erst deutlich, wenn man die Überlieferung bedenkt, nach der Martin im Traum Christus selbst im armen Bettler erkennt. Daraus folgt für Ruster, dass Christus den Armen nicht nur symbolisch zugeordnet wird, sondern dass in der Begegnung mit den Armen Gottes Gegenwart konkret erfahrbar werden kann.
Von dort aus entfaltet der Autor eine Deutung der Botschaft Jesu. Jesus habe das alttestamentliche Heiligkeitsverständnis grundlegend verändert. Im traditionellen Denken wurde Heiligkeit stark durch Unterscheidungen zwischen rein und unrein bestimmt. Heilige Orte, Zeiten, Speisen und Menschen wurden voneinander abgegrenzt. Jesus aber überschritt diese Grenzen. Er wandte sich Kranken, Armen und Ausgegrenzten zu, ließ sich von Unreinen berühren und stellte damit das herkömmliche Heiligkeitskonzept in Frage. Für ihn wird Heiligkeit nicht durch Absonderung verwirklicht, sondern durch Zuwendung.
Ruster nennt dieses Verständnis horizontal. Jesus schaut nicht zuerst nach oben, sondern auf die Menschen, besonders auf die Bedürftigen. In ihnen soll Gottes Reich sichtbar werden. Heilige folgen diesem Weg, wenn sie sich den Schwachen, Armen und Ohnmächtigen zuwenden. Damit verbunden ist auch eine neue Antwort auf das Problem, dass Heiligkeit inflationär werden könnte. Nicht jede gute Tat ist schon heilig. Heilig wird das Gute dort, wo es aus Freundschaft zu Jesus geschieht. Heilige tun Gutes nicht nur aus Mitleid, Pflicht oder Humanität, sondern aus einer persönlichen Beziehung zu Christus.
Insgesamt will der Artikel zeigen, dass Heiligkeit nicht als weltferne Überhöhung verstanden werden darf. Sie ereignet sich mitten in der Welt, in der Begegnung mit dem Lebendigen, den Fremden, den Zweifelnden und den Armen. Heilige sind deshalb Menschen, die Gottes Transzendenz gerade in diesen konkreten und oft übersehenen Wirklichkeiten wahrnehmen und bezeugen.