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Nordkirche

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Wie siehst du das?

Dialogisches Lernen mit Wimmelbildern in Schule und Gemeinde

Veröffentlichung:10.3.2026

Das Heft Rudi für alle – Wie siehst du das? (Heft 5 der Reihe „RUdi – Religionsunterricht dialogisch") ist ein religionspädagogisches Unterrichtsmaterial des Pädagogisch-Theologischen Instituts der Nordkirche (PTI Hamburg), erschienen in 1. Auflage September 2025. Es stellt vier großformatige Wimmelbilder als Impulsmaterial für dialogisches Lernen vor: „Was darf ich hoffen?", „Gott und Göttliches", „Pfade zur Menschlichkeit" und „Weihnachten". Jedes Bild ist von einem differenzierten Aufgabenangebot begleitet, das sich an verschiedene Zielgruppen richtet: Grundschule, Sekundarstufe I und II, Berufsschule sowie Konfirmandenarbeit und Jugendgruppen. Die didaktische Grundlage ist der „Dialogische Religionsunterricht für alle" (Rudidaktik), der von den Erfahrungs- und Verstehenshorizonten der Lernenden ausgeht und Dialog als Ansatz, Haltung und Methode versteht. Ergänzt wird das Heft durch digitale Kreativaufgaben mit iPads (M2), eine Freiarbeitscheckliste (M4) sowie eine bildübergreifende Aufgabe zu 16 wiederkehrenden Figuren und Motiven in allen vier Wimmelbildern (M12). Das Heft ist für Schule und Gemeinde konzipiert und richtet sich an alle Altersgruppen von 6 bis 26 Jahren.

Das Medium „Rudi für alle. Wie siehst du das?“ stellt das dialogische Lernen mit Wimmelbildern in Schule und Gemeinde in den Mittelpunkt und richtet sich an eine breite Altersgruppe von etwa sechs bis 26 Jahren. Ausgangspunkt ist ein Verständnis von Religionsunterricht, das die religiösen, gesellschaftlichen und existenziellen Fragen der Lernenden aufgreift und den Unterricht als gemeinsame Lern und Probierwerkstatt versteht. Im Zentrum stehen vier großformatige Wimmelbilder zu den Themen „Was darf ich hoffen?“, „Gott und Göttliches“, „Pfade zur Menschlichkeit“ und „Weihnachten“. Die detailreichen Bilder zeigen vielfältige Alltagssituationen, religiöse Motive, gesellschaftliche Herausforderungen und mehrdeutige Szenen, die zum genauen Wahrnehmen, Fragen, Erzählen, Deuten und Diskutieren anregen. Das Wimmelbild „Was darf ich hoffen?“ führt beispielsweise in die fiktive Kleinstadt Rudiland und eröffnet Fragen nach Armut, Reichtum, Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit, Bildung, Wohnen, Umwelt, sozialem Zusammenleben und Hoffnung. „Gott und Göttliches“ lädt dazu ein, mögliche Spuren von Gott, Göttlichem und Transzendentem in alltäglichen Situationen zu entdecken, ohne eine bestimmte religiöse Deutung vorzugeben. „Pfade zur Menschlichkeit“ thematisiert menschliches und unmenschliches Handeln sowie Werte und verantwortliches Zusammenleben, während das Weihnachtswimmelbild religiöse Traditionen, persönliche Erfahrungen, Hoffnung, Freude, Gerechtigkeit und auch bewusst unweihnachtliche Situationen miteinander verbindet. Ergänzt werden die Bilder durch vielfältige Aufgaben für Grundschule, Sekundarstufe, Berufsschule sowie die Arbeit mit Jugendlichen und Konfirmanden. Hinzu kommen kreative digitale Gestaltungsmöglichkeiten, etwa Geschichten, Comics, Videos und vertonte Bildszenen.

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Das Medium eignet sich in besonderer Weise für einen dialogischen, subjektorientierten und lebensweltbezogenen Religionsunterricht. Die grundlegende didaktische Idee besteht darin, nicht von fertigen religiösen Antworten auszugehen, sondern von den Erfahrungs und Verstehenshorizonten der Lernenden. Ihre religiösen, gesellschaftlichen und existenziellen Fragen bilden den Ausgangspunkt des Unterrichts. Der Dialog wird dabei ausdrücklich als Ansatz, Haltung und Methode verstanden. Er benötigt Offenheit, gegenseitige Wertschätzung und die Bereitschaft, auch unfertige Gedanken, vorläufige Urteile und unterschiedliche Überzeugungen miteinander zu teilen. Für die Unterrichtspraxis bedeutet dies, dass die Lehrkraft nicht vorschnell auf eine vermeintlich richtige Deutung der Bilder hinführt. Vielmehr sollte sie unterschiedliche Wahrnehmungen sichtbar machen, Rückfragen stellen, Begründungen einfordern und die Lernenden dazu ermutigen, ihre Positionen im Gespräch weiterzuentwickeln. Die Lehrkraft übernimmt damit stärker die Aufgabe, Lernprozesse anzuregen und ein Unterrichtsklima der Akzeptanz und des Vertrauens zu sichern.

Für den Einstieg empfiehlt sich eine möglichst offene Begegnung mit einem Wimmelbild. Das Bild kann groß projiziert oder als großformatiger Ausdruck bereitgestellt werden. Zunächst erhalten die Lernenden ausreichend Zeit zum stillen Betrachten. Gerade bei Wimmelbildern ist diese Phase bedeutsam, weil unterschiedliche Personen an unterschiedlichen Details hängen bleiben. Anschließend können einfache Wahrnehmungsimpulse eingesetzt werden: Was hast du zuerst entdeckt? Welche Szene interessiert dich? Was verstehst du nicht? Wo möchtest du gerne sein? Wo möchtest du nicht sein? Welche Person würdest du gerne etwas fragen? Eine spielerische Möglichkeit bietet „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Auch eine gedankliche Reise durch das Bild kann den Einstieg unterstützen. Für die Grundschule schlägt das Material beispielsweise vor, Orte auszuwählen, die besonders interessieren, einen Weg durch Rudiland zu beschreiben und diesen anschließend von anderen Lernenden auf dem Bild suchen zu lassen. Auf diese Weise werden zunächst Wahrnehmung, Konzentration und sprachliche Ausdrucksfähigkeit gefördert, bevor stärker deutende Fragestellungen hinzukommen.

Eine zentrale Stärke des Mediums besteht in seiner Mehrdeutigkeit. Wimmelbilder ermöglichen unterschiedliche Beobachtungen und Interpretationen und eignen sich deshalb besonders für das Einüben religiöser Dialogfähigkeit. Die Lernenden können entdecken, dass dieselbe Szene unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt werden kann. Im Material wird diese Offenheit ausdrücklich mit dem wirklichen Leben verglichen, in dem ebenfalls nicht alles eindeutig ist. Wimmelbilder werden deshalb als eine Art Probierwerkstatt verstanden, in der Lernende üben können, Uneindeutiges sprachlich auszudrücken und gemeinsam nach Deutungen und Zusammenhängen zu suchen. Methodisch sollte die Lehrkraft diese Offenheit bewusst erhalten. Geeignet sind Fragen wie „Was siehst du?“, „Wie kommst du zu deiner Deutung?“, „Was könnte eine andere Person hier sehen?“, „Welche andere Erklärung wäre möglich?“ oder „Was im Bild spricht für deine Vermutung?“. Auf diese Weise lernen die Lernenden, zwischen Beobachtung, Interpretation und Bewertung zu unterscheiden.

Ein nächster methodischer Schritt kann die Perspektivübernahme sein. Die Lernenden wählen einzelne Personen oder Tiere aus und versetzen sich in deren Situation. Sie erfinden eine Vorgeschichte, beschreiben Gedanken und Gefühle oder überlegen, was die Figur verändern möchte. Das Material schlägt beispielsweise vor, Sprechblasen zu verfassen, Interviews mit Figuren zu führen oder Geschichten zu einzelnen Szenen zu entwickeln. Diese Verfahren fördern Empathie und Perspektivwechsel. Gleichzeitig können sie religionspädagogisch vertieft werden, indem nach Hoffnungen, Ängsten, Werten und möglichen Handlungsmöglichkeiten der Figuren gefragt wird. Entscheidend ist, dass Vermutungen als Vermutungen erkennbar bleiben. Gerade bei Szenen, die Religion, Armut, Krankheit, Behinderung oder gesellschaftliche Konflikte berühren, sollte vermieden werden, Menschen vorschnell bestimmte Gedanken oder religiöse Überzeugungen zuzuschreiben.

Das Wimmelbild „Was darf ich hoffen?“ eignet sich besonders für problemorientierte Unterrichtsprozesse. Das Bild stellt Fragen nach Armut, Gerechtigkeit und Hoffnung in den Mittelpunkt und verbindet diese mit konkreten Bereichen wie Wohnen, Verkehr, Bildung, sozialem Zusammenleben, Freizeit und Umwelt. Die Lernenden können lebensweltliche Situationen entdecken, diese einordnen, beurteilen und anschließend hoffnungsvolle Perspektiven für ein gutes Leben entwickeln. Methodisch kann zunächst zwischen Situationen unterschieden werden, die als gerecht oder ungerecht wahrgenommen werden. Anschließend sollten die Lernenden ihre Entscheidungen begründen. Wichtig ist dabei die Weiterführung von der Diagnose zur Handlungsperspektive: Was müsste sich verändern? Wer könnte etwas verändern? Was könnten wir selbst tun? Welche Vorstellung von einem guten Leben steht hinter unseren Vorschlägen? Gerade die Frage „Was darf ich hoffen?“ ermöglicht eine Verbindung gesellschaftlicher Fragestellungen mit religiösen und philosophischen Vorstellungen von Hoffnung.

Für jüngere Lernende bieten sich konkrete, spielerische und narrative Aufgaben an. Die Materialien für die Grundschule lassen einzelne Orte entdecken, Figuren auswählen, Geschichten entwickeln, Szenen mit Überschriften versehen und Situationen von Ungerechtigkeit zeichnerisch, als Rollenspiel oder als Standbild verändern. Eine Lehrkraft kann diese Aufgaben gut differenzieren. Lernende mit geringer Schreibkompetenz können mündlich erzählen, Sprechblasen diktieren oder Szenen darstellen. Andere können längere Geschichten verfassen oder Zusammenhänge zwischen mehreren Szenen herstellen. Das Medium eignet sich deshalb auch für heterogene Lerngruppen, da nicht alle Lernenden denselben Zugang wählen müssen.

Für ältere Lernende können die Bilder stärker analytisch und diskursiv erschlossen werden. Das Material regt beispielsweise dazu an, gesellschaftlich relevante Themen im Bild zu identifizieren, Streitfragen zu formulieren, Hoffnung zu definieren und darüber zu diskutieren, was Menschen hoffen dürfen. Außerdem können eigene Zukunftsvorstellungen, Projekte und Handlungsideen entwickelt werden. Damit lässt sich ein Unterrichtsprozess vom Wahrnehmen über das Analysieren und Urteilen bis zum Gestalten aufbauen. Für die Berufsschule kann zusätzlich die unmittelbare Lebenswelt junger Erwachsener einbezogen werden. Dort können die Lernenden untersuchen, welche dargestellten Probleme sie aus ihrem Alltag kennen, was sie selbst in entsprechenden Situationen tun könnten und was sie möglicherweise am Handeln hindert.

Das Wimmelbild „Gott und Göttliches“ bietet besondere Möglichkeiten für einen religionssensiblen Unterricht in religiös und weltanschaulich vielfältigen Lerngruppen. Das Bild gibt ausdrücklich nicht vor, was Gott oder Göttliches ist. Vielmehr eröffnet es unterschiedliche Möglichkeiten der Betrachtung und Deutung. Auch eine Position, die keinerlei Hinweis auf Gott erkennt, wird als mögliche Perspektive ernst genommen. Diese Offenheit sollte methodisch konsequent aufgenommen werden. Statt zu fragen „Wo ist Gott auf dem Bild?“ empfiehlt sich die offenere Frage „Wo könnten Menschen Hinweise auf Gott oder Göttliches erkennen?“ Anschließend können religiöse, agnostische und nicht religiöse Deutungen miteinander ins Gespräch gebracht werden. Die Lernenden sprechen dabei für sich selbst und nicht stellvertretend für eine Religion oder Weltanschauung. Dies verhindert Zuschreibungen und unterstützt die Entwicklung einer eigenen religiösen oder weltanschaulichen Position.

Für die Arbeit mit „Pfade zur Menschlichkeit“ bietet sich eine Verbindung von Wahrnehmung, Empathie, ethischer Urteilsbildung und Handlungsorientierung an. Die Lernenden können Situationen menschlichen und unmenschlichen Handelns suchen, Figuren miteinander vergleichen und diskutieren, was Menschlichkeit in einer konkreten Situation bedeuten könnte. Das Material versteht Menschlichkeit nicht als bloßen Wissensbestand, sondern als etwas, das durch Nachdenken, Nachempfinden und Achtsamkeit erschlossen werden soll. Methodisch können einzelne Bildszenen mit Erfahrungen aus dem schulischen Alltag verbunden werden. Besonders produktiv ist die Frage, wie sich eine problematische Situation verändern müsste, damit sie menschlicher wird. Daraus können eigene Regeln, Geschichten, Rollenspiele oder kleine Projekte entstehen.

Das Weihnachtswimmelbild eignet sich wiederum dazu, individuelle, kulturelle und religiöse Vorstellungen von Weihnachten miteinander ins Gespräch zu bringen. Es enthält Szenen, die aus Schilderungen von Kindern und Erwachsenen sowie aus Geschichten, Liedern, Gedichten und weiteren Überlieferungen hervorgegangen sind. Gleichzeitig stellt es scheinbar Eindeutigem bewusst Mehrdeutiges gegenüber. Als Einstieg kann der Satz „Wenn Weihnachten ist, dann ...“ individuell vervollständigt werden. Erst danach wird das Bild betrachtet und gefragt, welche Szenen zur eigenen Vorstellung passen und welche irritieren. Auch die Frage, wo etwas besonders unweihnachtlich erscheint, kann zu intensiven Gesprächen über Erwartungen, Werte, religiöse Traditionen und gesellschaftliche Wirklichkeit führen. Dabei sollte selbstverständlich Raum dafür bleiben, dass Lernende Weihnachten nicht feiern oder mit dem Fest andere Erfahrungen verbinden.

Eine weitere Stärke des Mediums liegt in den kreativen Gestaltungsmöglichkeiten. Bildszenen können gezeichnet, nachgespielt, vertont oder zu Comics und Geschichten weiterentwickelt werden. Auch digitale Aufgaben werden angeboten. Die Lernenden können beispielsweise ein Hoffnungsquiz gestalten, Bildszenen vertonen, einen Comicclip produzieren oder eine kurze Geschichte über gerechtes Handeln entwickeln. Entscheidend ist, dass digitale Medien nicht nur der technischen Gestaltung dienen. Jede Produktion sollte eine inhaltliche Deutungsleistung verlangen. Wer beispielsweise eine Hoffnungsgeschichte erstellt, muss begründen können, wodurch sich eine problematische Situation verändert und weshalb diese Veränderung als hoffnungsvoll verstanden wird.

Für die Ergebnissicherung empfiehlt sich ein gemeinsames Bildgespräch. Die Lernenden können zunächst formulieren, welche Szene sie nach der Unterrichtsarbeit anders sehen als zu Beginn. Anschließend können unterschiedliche Deutungen nebeneinandergestellt werden. Besonders geeignet sind Satzanfänge wie „Am Anfang dachte ich“, „Jetzt sehe ich“, „Eine andere Sichtweise war“, „Mich beschäftigt weiterhin“ oder „Hoffnung bedeutet für mich“. Dadurch wird nicht nur ein inhaltliches Ergebnis festgehalten, sondern auch der eigene Lern und Deutungsprozess reflektiert. Das Medium sollte deshalb weniger auf eine abschließende richtige Lösung zulaufen als auf begründete Wahrnehmungen, verantwortete Positionen und die Fähigkeit, andere Sichtweisen wahrzunehmen und mit ihnen in einen respektvollen Dialog zu treten.


Klassenstufe und Zielgruppenstruktur

Das Heft ist explizit für die Altersspanne 6–26 Jahre konzipiert und bietet für jede Schulstufe eigene, aufeinander abgestimmte Aufgabenblätter. Für die Grundschule (M3) stehen spielerisch-entdeckende Zugänge im Vordergrund: Gedankenreisen durch Rudiland, Perspektivübernahme durch Figurengeschichten, thematisches Sortieren von Szenen sowie kreative Nachgestaltung durch Zeichnen, Rollenspiel und Standbild. Für die Sekundarstufe I (M5) wird das Spektrum um analytische Aufgaben erweitert: Szenen werden gezielt auf Gerechtigkeit und Hoffnung hin untersucht, Diskussionen zum Hoffnungsbegriff werden angebahnt, und kreative Produkte wie Comics oder Hoffnungsgeschichten entstehen. Die Sekundarstufe II (M6) arbeitet auf einem konzeptionellen Niveau: Schüler*innen definieren Begriffe, formulieren Streitfragen zu gesellschaftlichen Themen im Bild, entwickeln Biografien von Figuren und erarbeiten eigenständig Projekte oder Ausstellungskonzepte zur Frage „Was kann ich tun?". Die Berufsschule (M7) betont den Lebensweltbezug junger Erwachsener: Szenen werden auf ihre Relevanz für den eigenen Alltag hin befragt, eigene Handlungsmöglichkeiten reflektiert und zusätzliche Motive selbst erfunden und ins Bild eingetragen. Für Konfirmandenarbeit und Jugendgruppen (M8) wird ein mehrstufiges Gruppenformat vorgeschlagen: Nach einem Warming-up (Spiele zur Einstimmung) folgen Kleingruppenarbeit mit Lupenfokus, gemeinsames Schreiben einer Hoffnungsgeschichte und schließlich die Produktion und Präsentation von PaperClip-Erzählvideos (90–120 Sek.). Dieses Format eignet sich besonders für Projekttage, Konfi-Wochenenden und Jugendgottesdienstvorbereitung.

Thematische Verortung im katholischen RU

Das Heft stammt aus dem evangelischen Kontext der Nordkirche, ist aber im katholischen Religionsunterricht ohne inhaltliche Abstriche vollständig einsetzbar. Alle vier Wimmelbilder greifen Themen auf, die im katholischen Lehrplan zentral verankert sind. Das Bild „Was darf ich hoffen?" bietet Einstiegspunkte in die Eschatologie, die Reich-Gottes-Botschaft Jesu sowie die Sozialethik (Armut, Gerechtigkeit, Schöpfungsverantwortung). „Gott und Göttliches" ist geeignet für Unterrichtseinheiten zur Gottesfrage, zu Gottesvorstellungen und zur Theodizee, aber auch für interreligiöse Begegnungen. „Pfade zur Menschlichkeit" bietet Anknüpfungspunkte an die christliche Ethik (Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Menschenwürde), die Befreiungstheologie und die Caritas-Tradition. Das Weihnachtsbild eignet sich nicht nur für Unterrichtseinheiten zur Weihnachtsgeschichte im engeren Sinne, sondern auch als Ausgangspunkt für Gespräche über Inkarnation, Solidarität, Fest und Alltag sowie die Spannung von Freude und Leid. Für den konfessionellen RU kann die Lehrkraft ausgewählte Bibelstellen oder Katechismustexte ergänzend einsetzen – das Heft setzt jedoch explizit kein Begleitmaterial voraus und funktioniert als eigenständige Unterrichtsgrundlage.

Didaktische Grundlage: Rudidaktik und dialogischer Religionsunterricht

Die theoretische Grundlage des Heftes ist die sogenannte Rudidaktik, die von den Autorinnen Andreas Gloy und Dennis Graham entwickelt wurde und sich auf Martin Bubers dialogische Philosophie (Ich-Du-Beziehung) stützt. Der Kern dieser Didaktik ist die Überzeugung, dass religiöse Orientierung nicht durch Wissensvermittlung entsteht, sondern durch einen gemeinsamen Suchprozess der Lerngruppe. Die Lehrkraft versteht sich dabei nicht als Vermittlerin von Inhalten, sondern als „Konstruktionshelferin", die ein vertrauensvolles Unterrichtsklima sichert, in dem Schülerinnen als Expert*innen ihrer eigenen Erfahrungen ernst genommen werden. Dialog wird in diesem Rahmen als dreifache Größe verstanden: als didaktischer Ansatz (Ausgangspunkt sind Fragen der Lernenden), als Haltung (Offenheit, Wertschätzung, Mut zur Kontroverse) und als Methode (Gespräch, Perspektivwechsel, kooperative Deutungssuche). Für den katholischen RU ist diese Grundlage besonders anschlussfähig an das Konzept der Korrelationsdidaktik sowie an den Ansatz des Theologisierens mit Kindern und Jugendlichen.

Methodischer Mehrwert der Wimmelbilddidaktik

Wimmelbilder eignen sich als niedrigschwelliger, inklusions- und differenzierungsfreundlicher Einstieg, weil sie keinen Lesetext voraussetzen und Lernende mit unterschiedlichen sprachlichen, kognitiven, religiösen und kulturellen Voraussetzungen gleichermaßen aktivieren. Die Bilder sind bewusst mehrdeutig gestaltet: Szenen können von verschiedenen Lernenden unterschiedlich gedeutet werden, ohne dass eine Interpretation als „richtig" ausgewiesen wird. Gerade diese Offenheit erzeugt genuine Gesprächsanlässe, weil unterschiedliche Wahrnehmungen nebeneinander stehen und kommuniziert werden müssen. Die Wimmelbilder funktionieren dabei auf mehreren Bedeutungsebenen gleichzeitig: Eine jüngere Schülerin sieht im Bild zunächst konkrete Szenen (Tiere, Fahrzeuge, Spielende), während ältere Lernende dieselben Szenen auf gesellschaftliche oder religiöse Fragen hin lesen können. Diese Mehrschichtigkeit macht die Bilder für alle Altersgruppen tragfähig. Zudem ist der spielerische Einstieg über das Suchen und Entdecken motivational wirksam: Schüler*innen kommen von sich aus ins Gespräch, ohne dass eine Lehrkraft thematisch einleiten muss.

Aufgabenstruktur und methodische Dreigliederung

Alle Aufgabenblätter folgen einer bewährten methodischen Dreigliederung: Suchen und Wahrnehmen → Analysieren und Diskutieren → Kreativ sein und Gestalten. Diese Struktur ermöglicht sowohl einfachere beobachtende Zugänge für schwächere Lernende als auch anspruchsvollere analytische und kreative Bearbeitungsformen für leistungsstarke Schülerinnen – und damit echte Binnendifferenzierung ohne zusätzlichen Aufwand. Die Wahrnehmungsphase wird häufig durch spielerische Einstiege eröffnet (z. B. „Ich sehe was, was du nicht siehst"), die niederschwellig und sprachunabhängig funktionieren. Die Analysephase führt zu gesteuertem Diskutieren, etwa durch Streitfragen, Begriffsklärungen oder strukturierte Plenumsgespräche. Die Gestaltungsphase bietet maximale Produktoffenheit: Schülerinnen können schreiben, zeichnen, spielen, filmen oder präsentieren – je nach Lerngruppe und Ausstattung.

Zur Freiarbeit mit Checkliste (M4)

Die Freiarbeitscheckliste zum Bild „Was darf ich hoffen?" enthält 12 nummerierte Aufgaben zu konkreten Szenen des Bildes: von der Tafel (Lebensmittelhilfe), über Windräder und Tiny-House, bis hin zu Ungerechtigkeit in der Schule und der Frage nach Hoffnung. Die Aufgaben sind bewusst nicht nach Schwierigkeitsstufen geordnet, sondern motivational offen gehalten, sodass Schüler*innen selbst wählen können, womit sie beginnen. Die Checkliste eignet sich als Grundlage für offene Lernphasen, Stationsarbeit oder individuelle Hausaufgaben. Besonders wertvoll ist Aufgabe 11 (Recherche und Kurzvortrag), die fächerübergreifende Kompetenzen fördert, und Aufgabe 12 (Ungerechtigkeit in der eigenen Schule), die den Transfer auf den unmittelbaren Lebensraum anregt.

Digitale Aufgaben: M2 / RUDIGITAL

Das Heft enthält ein eigenes Aufgabenblatt (M2) für die Arbeit mit iPads, das drei Aufgabenformate anbietet. Erstens: ein Hoffnungs-Quiz, bei dem Schülerinnen Szenen des Wimmelbildes in Keynote oder Bookcreator vertonen und mit Buttons versehen. Zweitens: ein Hoffnungs-Comic-Clip, der mithilfe der App Clips im Comic-Heft-Filter produziert wird – technisch sehr einfach, auch für Kameerscheue durch Trickfilm mit Figuren oder Zeichnungen realisierbar. Drittens: eine Sinnfluencerinnen-Story, bei der Schüler*innen im Format einer Social-Media-Story (max. 6 Einstellungen) gerechtes Handeln im Bild aufspüren und dokumentieren. Alle drei Formate sind niedrigschwellig und ohne aufwendigen Videoschnitt realisierbar. Sie sind ausdrücklich nicht für die Veröffentlichung im Internet vorgesehen, sondern für die klasseninterne Präsentation, was datenschutzrechtliche Bedenken ausräumt. In Schulen ohne iPads lassen sich die Formate sinngemäß mit Smartphones oder als analoge Varianten (Plakatgestaltung, Fotogeschichte) umsetzen.

Bildübergreifende Sequenzierung: M12

Das Aufgabenblatt M12 erschließt 16 wiederkehrende Figuren und Motive, die in allen vier Wimmelbildern auftauchen: darunter Katze und Maus, die Friedenstaube mit Ölzweig, ein Kreis religiöser Symbole, der Steinbock, die Figuren Nelli, Rigoberta und Herr Kumpermann, die Hoffnungsschnecke, ein Spatz, ein Fußball, eine Sitzbank, das gelbe Auto, ein Schmetterling, ein Apfelbaum, eine Entenfamilie und Opa Rudi. Zu jeder dieser Figuren werden konkrete Impulsfragen gestellt, die zum Nachdenken, Spekulieren und Erzählen einladen. Dieses Blatt eignet sich hervorragend für eine Abschlusseinheit am Ende einer Wimmelbild-Sequenz, wenn mindestens zwei Bilder bereits bearbeitet wurden. Es fördert vernetztes Denken und metakognitives Reflektieren – Schüler*innen erkennen, dass dieselben Figuren in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen annehmen können.

Einsatz in der Gemeindearbeit und Konfirmandenarbeit

Das Heft ist ausdrücklich nicht nur für die Schule, sondern auch für Gemeinde und Jugendarbeit konzipiert. Das Konfi-Format (M8) ist vollständig ausgearbeitet und erfordert nur einfaches Material (Süßigkeiten zur Gruppenbildung, Wimmelbildausdrucke, Smartphones). Die PaperClip-Methode ist über einen QR-Code in 6,5 Minuten erlernbar. Für Projekttage, Konfi-Wochenenden oder Jugendgottesdienstvorbereitung bietet das Heft ein in sich geschlossenes Format mit Warming-up, Kleingruppenarbeit, kreativem Produkt und Reflexionsimpulsen.

Hinweise zur praktischen Vorbereitung

Die Autor*innen empfehlen für alle Wimmelbilder die Herstellung laminierter A3-Farbausdrucke, die klassenweise wiederverwendet werden können. Das digitale Heft mit allen Wimmelbildern zum Download ist über QR-Codes auf Seite 2 zugänglich (pti.nordkirche.de). Lehrkräfte, die das Heft zum ersten Mal einsetzen, können zunächst mit einem einzigen Wimmelbild und der übergreifenden Aufgabenstruktur (Suchen → Analysieren → Gestalten) beginnen und das Material schrittweise ausbauen.

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