Die Handreichung eignet sich für den Religionsunterricht sowie für eine Zusammenarbeit mit Geschichte, Politik, Ethik, Deutsch und Kunst. Im Religionsunterricht kann sie in Unterrichtsreihen zu Menschenwürde, Schuld, Sündenbockmechanismen, Angst, Aberglaube, Gewissen, Gewalt, Frauenrechten und Verantwortung der Kirche eingesetzt werden. Besonders wertvoll ist die Verbindung von historischem Lernen, Gegenwartsbezug und ethischer Urteilsbildung. Die Materialien zeigen, dass Hexenverfolgung nicht nur ein abgeschlossenes Kapitel der europäischen Geschichte ist, sondern eine gegenwärtige Menschenrechtsverletzung darstellt.
Das Medium ist als zusammenhängende Unterrichtsreihe konzipiert, kann aber auch in einzelnen Modulen verwendet werden. Die vollständige Reihe benötigt je nach Auswahl, Lerngruppe und Ausstellungsbesuch ungefähr zehn bis vierzehn Unterrichtsstunden. Da einige Texte anspruchsvoll und manche Bilder emotional belastend sind, muss die Lehrkraft die Materialien vor dem Einsatz prüfen und gegebenenfalls kürzen, sprachlich vereinfachen oder einzelne Abbildungen auslassen.
Das Material M1 eröffnet die Reihe mit einer Werbedarstellung zum Begriff Hexenschuss. Die Lernenden beschreiben zunächst spontan das Bild, vermuten den verdeckten Werbetext und vergleichen ihre Deutungen. Danach sammeln sie Begriffe, Redewendungen und Bilder, die sie mit Hexen verbinden. Sie unterscheiden gegenwärtige Figuren aus Werbung, Märchen und populärer Kultur von ihren Vorstellungen über historische Hexen. Die Ergebnisse können auf einem gemeinsamen Plakat festgehalten werden. Dieses Plakat bleibt während der Unterrichtsreihe sichtbar und wird später mit historischen Erkenntnissen verglichen. So werden Vorwissen, Vorurteile und kulturell geprägte Vorstellungen erkennbar.
Beim Einstieg sollte die Lehrkraft berücksichtigen, dass Lernende aus Familien oder Kulturen stammen können, in denen der Glaube an Hexerei, Magie oder schädigende spirituelle Kräfte gegenwärtig ist. Solche Überzeugungen dürfen nicht verspottet werden. Gleichzeitig muss eindeutig gelten, dass kein Glaube Gewalt, Beschuldigung oder Ausgrenzung rechtfertigt. Der Unterricht unterscheidet daher zwischen religiösen oder kulturellen Vorstellungen und der Verletzung von Menschenrechten.
Das Material M2 erschließt die Mentalität der Frühen Neuzeit durch ein Gruppenpuzzle. Die Lernenden beschäftigen sich in Expertengruppen mit Humanismus und Aufklärung, dem heliozentrischen Weltbild, der Erfindung des Buchdrucks, gesellschaftlichen Ängsten und dem Bauernkrieg. Danach kehren sie in ihre Stammgruppen zurück und vermitteln ihre Erkenntnisse. Diese Methode ermöglicht eine arbeitsteilige Bewältigung umfangreicher Inhalte und stärkt die Verantwortung jedes Mitglieds für den gemeinsamen Lernprozess.
Vor dem Gruppenpuzzle sollten zentrale Begriffe geklärt werden. Dazu gehören Frühe Neuzeit, Humanismus, Aufklärung, geozentrisches Weltbild, heliozentrisches Weltbild, Obrigkeit, Bauernkrieg und Buchdruck. Die Texte können nach ihrem sprachlichen Anspruch verteilt werden. Lernende mit größerem Unterstützungsbedarf erhalten kürzere Texte, Begriffserklärungen oder markierte Schlüsselstellen. Leistungsstärkere Lernende können ergänzende Quellen untersuchen und vereinfachende Aussagen der Materialien kritisch prüfen.
Die historische Kontextualisierung verhindert, dass die Hexenverfolgung lediglich als Ausdruck allgemeiner Unwissenheit erscheint. Wirtschaftliche Not, Missernten, Krankheiten, Kriege, gesellschaftliche Veränderungen, religiöse Konflikte, politische Machtinteressen, persönliche Feindschaften und die Suche nach Schuldigen wirkten zusammen. Die Lernenden sollten erkennen, dass es keine einzelne Ursache gab.
Das Material M3 bietet ein Interview mit grundlegenden Informationen zur europäischen Hexenverfolgung. Die Lernenden entnehmen Aussagen zu Ursachen, betroffenen Gruppen, rechtlichen Verfahren, Folter, Geständnissen und Hinrichtungen. Die Ergebnisse können in einer Übersicht mit den Bereichen Voraussetzungen, Beschuldigung, Prozess, Folgen und Widerstand gesichert werden. Dabei sollte deutlich werden, dass die große Zeit der europäischen Hexenverfolgung nicht im Mittelalter, sondern überwiegend in der Frühen Neuzeit lag.
Die Rolle der Kirchen muss historisch differenziert behandelt werden. Religiöse Vorstellungen, kirchliche Schriften und Entscheidungen trugen zur Legitimation des Hexenglaubens und der Verfolgung bei. Viele Verfahren wurden jedoch von weltlichen Gerichten durchgeführt. Katholische und protestantische Gebiete waren betroffen, wobei erhebliche regionale Unterschiede bestanden. Neben Beteiligung und Schuld gab es auch kirchliche Kritik, etwa durch den Jesuiten Friedrich Spee. Eine pauschale Zuweisung aller Verantwortung an eine einzelne Institution würde der historischen Komplexität nicht gerecht.
Das Material M4 fordert zur Recherche historischer Fallbeispiele auf. Kleingruppen untersuchen Namen, Alter, Ort, Beschuldigende, Vorwürfe, Prozessverlauf und Ausgang. Zusätzlich können sie die Hexenbulle, den Hexenhammer und die Cautio Criminalis erforschen. Die Ergebnisse werden auf Plakaten präsentiert und in einem Galeriegang erschlossen. Durch die Beschäftigung mit konkreten Menschen wird die abstrakte Zahl der Opfer biografisch fassbar.
Bei der Recherche müssen seriöse Quellen vorgegeben oder gemeinsam geprüft werden. Internetseiten können historische Mythen wiederholen oder grausame Einzelheiten sensationsorientiert darstellen. Die Lernenden sollten zwischen Quellen, wissenschaftlichen Darstellungen und populären Erzählungen unterscheiden. Ein Quellenprüfbogen mit Fragen nach Urheberschaft, Erscheinungsdatum, Belegen, Absicht und Sprache unterstützt die Medienkompetenz.
Die historischen Fallbeispiele dürfen nicht als spannende Gruselgeschichten behandelt werden. Im Mittelpunkt stehen die Würde der verfolgten Menschen, die Aussichtslosigkeit der Verfahren und das Versagen des Rechtsschutzes. Die Lernenden können nachvollziehen, dass unter Folter erzwungene Geständnisse keine Wahrheit beweisen. Der Vergleich mit heutigen rechtsstaatlichen Grundsätzen eröffnet eine Auseinandersetzung mit Unschuldsvermutung, fairer Verteidigung, Beweisführung, unabhängigen Gerichten und Folterverbot.
Als Abschluss der historischen Recherche verfassen die Lernenden einen Brief aus der Perspektive eines frühneuzeitlichen Amtsträgers. Darin begründen sie, warum die Verfahren verändert oder beendet werden müssen. Die Aufgabe verbindet historisches Wissen mit argumentativem Schreiben. Sie sollte durch Kriterien wie sachliche Begründung, Bezug auf Prozessabläufe, zeitgemäße Perspektive und konkrete Forderungen vorbereitet werden.
Das Material M5 ist ein Beobachtungsbogen für den Besuch der Ausstellung. Die Lernenden halten fest, wer von gegenwärtiger Hexenverfolgung betroffen ist, welche Vorwürfe erhoben werden, wie die Verfolgung verläuft und welche Beobachtungen sie besonders bewegen. Sie notieren außerdem Fragen an die Fotografin. Der Bogen lenkt die Aufmerksamkeit, ohne eine bestimmte emotionale Reaktion vorzuschreiben.
Vor einem Ausstellungsbesuch ist eine sensible Vorbereitung notwendig. Die Fotografien zeigen zwar nicht durchgehend explizite Gewalt, können aber durch die Begegnung mit Betroffenen, Tätern, Verletzungen und Orten der Folter stark belasten. Die Lehrkraft sollte einzelne Bilder vorab prüfen, die Lernenden über mögliche Belastungen informieren und Rückzugsmöglichkeiten anbieten. Niemand muss ein Bild länger betrachten oder persönliche Gefühle offenlegen. Nach dem Besuch wird ausreichend Zeit für Verarbeitung und Gespräch eingeplant.
Das Material M6 vergleicht eine historische Darstellung der Hinrichtung einer beschuldigten Frau mit einer aktuellen fotografischen Dokumentation aus Papua Neuguinea. Die Lernenden beschreiben zunächst beide Bilder getrennt und unterscheiden Beobachtung, Deutung und Bewertung. Danach arbeiten sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Berücksichtigt werden Beschuldigung, Gewalt, Öffentlichkeit, Geschlechterverhältnisse, Beweismittel, Rolle der Zuschauenden und gesellschaftliche Rechtfertigungen.
Der Bildvergleich verlangt eine sorgfältige Bildethik. Fotografien von verletzten oder verfolgten Menschen sind keine bloßen Unterrichtsobjekte. Die Lernenden fragen deshalb auch, wer ein Bild aufgenommen hat, warum es veröffentlicht wurde, welche Würde die abgebildete Person besitzt und welche Verantwortung Betrachtende tragen. Verpixelung, Verkleinerung oder eine begrenzte Betrachtungszeit können emotionale Distanz ermöglichen.
Das Material M7 erweitert die Perspektive durch eine Weltkarte und aktuelle Texte zur Verfolgung angeblicher Hexen. Die Lernenden erkennen die weltweite Verbreitung und untersuchen die Situation in Papua Neuguinea. Sie arbeiten Gründe wie unerklärte Krankheiten, Todesfälle, familiäre Konflikte, Landbesitz, Habgier, Geschlechterungleichheit, soziale Unsicherheit und wirtschaftliche Veränderungen heraus. Danach vergleichen sie diese Faktoren mit den Ursachen der europäischen Hexenverfolgung.
Die Zahlen und Länderangaben des Materials beziehen sich auf den Stand des Jahres 2023 und müssen bei einer Verwendung als aktuelle Statistik überprüft werden. Ebenso müssen pauschale oder abwertende Formulierungen in einzelnen Quellentexten kritisch untersucht werden. Die Beschreibung einer Gesellschaft als steinzeitlich kann koloniale Denkmuster transportieren und komplexe Lebenswirklichkeiten herabsetzen. Im Unterricht sollte gefragt werden, aus welcher Perspektive solche Begriffe entstehen und welche respektvolleren Beschreibungen möglich sind.
Die Gegenwartsanalyse darf Papua Neuguinea nicht als rückständiges oder grundsätzlich gewalttätiges Land darstellen. Die Lernenden müssen auch Menschen kennenlernen, die sich dort gegen Verfolgung einsetzen, Betroffene schützen, Täter anzeigen und gesellschaftliche Aufklärung betreiben. Dazu gehören Schwester Lorena, Monica Paulus und weitere lokale Initiativen. So erscheinen Menschen aus Papua Neuguinea nicht nur als Opfer oder Täter, sondern auch als handelnde Personen mit Wissen, Mut und eigenen Lösungsansätzen.
Ein wichtiger Schwerpunkt ist die besondere Gefährdung von Frauen. Häufig betroffen sind Witwen, alleinstehende Frauen, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Personen ohne starken familiären Schutz. Die Lernenden untersuchen, wie Vorurteile, patriarchale Machtverhältnisse, Besitzinteressen und gesellschaftliche Ausgrenzung zusammenwirken. Daraus kann eine Verbindung zu Frauenrechten und zum Schutz marginalisierter Gruppen entstehen.
Das Material M8 bildet den Abschluss der Reihe. Ein Presseartikel berichtet von der öffentlichen Verbrennung einer als Klimaaktivistin gestalteten Funkenhexe. Die Lernenden fassen den Konflikt zusammen, recherchieren die Tradition des Funkenfeuers und diskutieren, ob die symbolische Verbrennung eines erkennbaren gesellschaftlichen Feindbildes als Satire gerechtfertigt werden kann. Dabei wenden sie ihr Wissen über Sündenbockmechanismen, Sprache, Bilder und Gewalt auf einen aktuellen Fall an.
Die Abschlussdiskussion sollte zwischen Brauchtum, Satire, Protest und symbolischer Gewalt unterscheiden. Eine hilfreiche Leitfrage lautet, wann eine symbolische Handlung zur Einschüchterung oder Entmenschlichung beiträgt. Die Lernenden entwickeln keine bloßen Geschmacksurteile, sondern begründen ihre Position mit Menschenwürde, Wirkung, Kontext, Absicht und Verantwortung.
Für den Religionsunterricht bietet sich eine Vertiefung mit biblischen Texten an. Die Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes begründet die gleiche Würde jedes Menschen. Die Geschichte von Kain und Abel stellt die Frage nach der Verantwortung für den Mitmenschen. Die Erzählung von Jesus und der beschuldigten Frau kann zur Auseinandersetzung mit Verurteilung, Schuld und Barmherzigkeit beitragen. Auch Jesu Zuwendung zu ausgegrenzten Menschen ermöglicht eine christlich ethische Bewertung.
Der Begriff Sündenbock kann religionsgeschichtlich und sozialpsychologisch erschlossen werden. Die Lernenden untersuchen, wie Gruppen eigene Ängste, Konflikte oder Schuld auf einzelne Menschen übertragen. Beispiele können aus Geschichte, Medien und Schulalltag stammen. Persönliche Konflikte innerhalb der Lerngruppe dürfen jedoch nicht öffentlich rekonstruiert werden. Bei einem Bezug zu Mobbing gelten die schulischen Schutzkonzepte und Beratungswege.
Eine kreative Ergebnissicherung kann als Ausstellung, Podcast, Gedenkbuch oder digitale Präsentation gestaltet werden. Mögliche Stationen sind Hexenbilder, Frühe Neuzeit, historische Opfer, Prozesse, Gegenwart, Papua Neuguinea, Menschenrechte und Handlungsmöglichkeiten. Jede Station sollte eine sachliche Information, eine Quelle, eine ethische Frage und eine begründete Antwort enthalten.
Zum Abschluss kehren die Lernenden zur ursprünglichen Sammlung ihrer Hexenvorstellungen zurück. Sie kennzeichnen, welche Annahmen bestätigt, widerlegt oder differenziert wurden. Danach formulieren sie Regeln für einen verantwortungsvollen Umgang mit Gerüchten, Beschuldigungen, Feindbildern und ausgegrenzten Menschen. So endet die Reihe nicht bei der Darstellung von Gewalt, sondern eröffnet konkrete Möglichkeiten des verantwortlichen Handelns.
Für den Religionsunterricht eröffnet das Medium vielfältige didaktische Zugänge. Lernende können zunächst über einen bildgestützten Einstieg eigene Vorstellungen von Hexen reflektieren und hinterfragen. Darauf aufbauend ermöglicht das Gruppenpuzzle eine arbeitsteilige Erschließung der Lebenswelt der Frühen Neuzeit, wobei Lernende zentrale Aspekte wie Angst, gesellschaftliche Umbrüche oder neue Denkweisen erarbeiten. Die Analyse von Fallbeispielen fördert historisches Verstehen und macht die individuellen Schicksale greifbar. Besonders wichtig ist die Verbindung zur Gegenwart, etwa durch die Beschäftigung mit aktuellen Formen von Hexenverfolgung oder durch den Vergleich von historischen und modernen Bildern. Methodisch bieten sich Diskussionen, Perspektivwechsel und kreative Aufgaben an, um ethische Fragestellungen zu vertiefen. Im Religionsunterricht kann dies mit der Frage nach Menschenwürde, Schuld, Sündenbockmechanismen und christlicher Verantwortung verknüpft werden. Gleichzeitig ist ein sensibler Umgang mit den teilweise belastenden Inhalten notwendig, sodass Lernende begleitet werden und Raum für Reflexion erhalten. Ziel ist es, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch eine reflektierte Haltung gegenüber Ausgrenzung und Gewalt zu fördern.