Der einstieg gelingt anhand dreier Fallbeispiele mit Alltagssituationen, in denen kulturelle Missverständnisse oder stereotype Annahmen sichtbar werden. In Kleingruppen analysieren sie Situationen aus einem Pflegeheim, einer Nachbarschaft und einer Bestattungsszene. Dabei reflektieren sie, wie Fremdzuschreibungen entstehen und welche Rolle das eigene kulturelle Vorverständnis spielt. Diese Einführung soll die Wahrnehmung für kulturelle Deutungsrahmen schärfen und zur Diskussion über individuelle Perspektiven anregen. Als Hausaufgabe führen die Schülerinnen anschließend Gespräche mit älteren Menschen aus ihrem Umfeld, die Migrationserfahrungen gemacht haben. Mithilfe eines vorgegebenen Gesprächsleitfadens dokumentieren sie deren Sichtweisen und Erfahrungen.
Die zweite Stunde vertieft das Thema durch eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff. Ein Textauszug des Kulturwissenschaftlers Werner Schiffauer dient als Grundlage, um Kultur nicht als starres, homogenes Gebilde zu verstehen, sondern als etwas Prozesshaftes, das ständig im Wandel ist und vielfältig geprägt wird – etwa durch Familie, Berufsbiografie oder soziale Milieus. Unterstützt durch ein Glossar zentraler Begriffe erarbeiten die Schüler*innen in Gruppenarbeit, welche Missverständnisse aus einem vereinfachenden Kulturbegriff entstehen können und wie ein differenzierter Zugang zu kultureller Vielfalt aussehen kann.
In der dritten Stunde werden die Hausaufgabengespräche ausgewertet. Die Schüler*innen stellen ihre Gesprächsergebnisse vor, vergleichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede und diskutieren, inwiefern bestimmte Zuschreibungen als problematisch erlebt wurden. Die Diskussion im Plenum soll dazu beitragen, Handlungskompetenzen zu entwickeln: Wie kann man im Alltag kultursensibel kommunizieren, wie vermeidet man vorschnelle Urteile, und wie kann man durch Nachfragen und Empathie zu einem respektvolleren Miteinander beitragen?
Die Unterrichtseinheit folgt einem didaktisch durchdachten Aufbau, der vom konkreten Fallbeispiel über theoretische Reflexion hin zur persönlichen Auseinandersetzung führt. Sie verbindet Lebensweltbezug mit analytischem Denken und ermutigt die Schüler*innen, stereotype Vorstellungen zu hinterfragen und sich für Vielfalt und gegenseitiges Verständnis einzusetzen. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und fördert eine Haltung der Offenheit und Solidarität im Umgang mit älteren Menschen, insbesondere solchen mit Migrationsgeschichte.