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EulenfischEmma Gerbeth / Martin Nitsche

Eulenfisch,

Emma Gerbeth / Martin Nitsche

Rezension: Christian Wiese / Joachim Valentin / Doron Kiesel (Hg.): Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium

Veröffentlichung:20.10.2025

Rezension der Veröffentlichung Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium von Christian Wiese / Joachim Valentin / Doron Kiesel (Hg.), erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Unter den markanten und lesenswerten aktuellen Publikationen zum Thema nimmt der hier vorzustellende Band eine profilierte Position ein: Auf 720 Seiten bekommen die Leserinnen und Leser durchweg fundierte und multipositionale Einblicke in zentrale Themenfelder und Ebenen des jüdisch-christlichen Dialogs. Eine vollständige Übersicht wird nicht angestrebt, die einzelnen Beiträge liefern vielmehr tiefergehende Analysen, systematische Reflexionen oder bedenkenswerte Ausblicke. Das Kompendium geht auf eine Tagung im Mai 2018 zurück und behält Elemente der Tagung bei: Die Themen werden meist aus jüdischer und christlicher (wobei katholische und protestantische Stimmen zu Wort kommen) Perspektive beleuchtet, mitunter erfolgen auch verschiedene Kommentierungen zu einem Leitbeitrag. Allgemeine Kapitel zum Dialog und seiner Geschichte eröffnen das Werk, es folgen ausgewählte Themenfelder: 1 Rückschau auf den Dialog: Entwicklung – Krisen – Zwischenbilanz; 2 Wie miteinander reden? Erfahrungen – Herausforderungen – Lernschritte; 3 Neuere Perspektiven zum Verhältnis von Judentum und Christentum in der Antike; 4 Schrifthermeneutik(en) im Horizont des jüdisch-christlichen Dialogs; 5 Religiöser Pluralismus, Theologie der Religionen und jüdisch-christliches Gespräch; 6 Theologie des Landes – Grundlagen – Konfliktlinien; 7 Gegenwärtige Herausforderungen des Antisemitismus; Liturgie – Nähe und Distanz; 9 Jüdisch-christlicher Dialog im Eingedenken an den „Zivilisationsbruch“. Karma Ben Johanan skizziert in ihrem Beitrag „Komplexitäten aushalten: Überlegungen zum jüdisch-christlichen Dialog“ Herausforderungen, vor denen Judentum und Christentum stehen, wenn sie sich in der Gegenwart und nach der Shoa auf ein gemeinsames Gespräch einlassen. Sie sieht eine Dynamik, die „an sich eine Wiederholung der klassischen jüdisch-christlichen Spannung zwischen Schon und Noch-nicht [ist], eine Dynamik, die es beiden Gemeinschaften ermöglicht, den Abstand zwischen der Gegenwart und der endgültigen Erlösung zu bemessen“. Ein Dialog, der also nicht zuletzt im Offenhalten des Unauflösbaren besteht. Die Alttestamentlerin Ilse Müllner entwickelt ihren Beitrag „Wie sind wir gemeint? Christliche Lektüren des Alten Testaments zwischen Verwerfung und Vereinnahmung“ als Dialog mit ihrem Lehrer Erich Zenger und fragt nach der Daseinsberechtigung christlich-empathischer Lektüre der Hebräischen Bibel. Zwar stelle das Alte Testament des Christentums nicht die Heilige Schrift der Juden, den Tanach, dar, dennoch sollen eben diese Texte das Verbindende sein, an dem sich alle zu Recht bereichern dürfen. Der Beitrag ist eine Einladung, die Schrift als Bezugspunkt beider Religionen ernst zu nehmen gleichzeitig freudig mit den entstehenden Ambiguitäten solcher Lektüren umzugehen. Das achte Kapitel des Kompendiums beinhaltet zwei Beiträge zur Liturgie (Albert Gerhards und Ruth Langer), die jeweils auf eigene Weise auch das wechselseitige Beeinflussen und Abgrenzen jüdischer bzw. christlicher Liturgiegenese betrachten. In beiden Beiträgen liegt ein Fokus auf dem Gebrauch biblischer Texte in den unterschiedlichen liturgischen Formaten. Joachim Valentin legt in seinem Beitrag „Theodizee, Christologie und Eschatologie ‚nach Auschwitz‘. Überlegungen zur (Un-)Möglichkeit eines adäquaten christlichen Zeugnisses angesichts des Äußersten“ grundsätzliche, systematisch-theologische Verortung einer Theologie nach Auschwitz als bleibende Aufgabe christlicher Theologie dar. Weitere Beiträge stammen von Hans Hermann Henrix, Bernd Schröder, Jehoschua Ahrens, Philip A. Cunningham, Gabriele Scherle, Dagmar Mensink und Frederek Musall, Israel J. Yuval, Kathy Ehrensperger, Mark D. Nanos, Johann Ev. Hafner, Micha Brumlik, Jürgen Ebach, Hanna Liss, Christian Wiese, Daniel Krochmalnik, Menachem Fisch, Christian M. Rutishauser, Reinhold Bernhardt, Susanne Talabardon, Dirk Ansorge, Doron Kiesel und Christian Staffa sowie Christian Wiese. Dass diese Rezension von einer Theologiestudentin und einem Dozenten gemeinsam verfasst ist, spiegelt unsere Erprobung des Bandes in verschiedenen Kontexten wider: Wir haben in Seminaren ausgewählte Kapitel studiert und in Dialogforen Beiträge diskutiert. Die einzelnen Beiträge widmen sich mitunter sehr spezifischen Einzelfragen, während andere eher grundlegend informieren oder sich aktuellen Fragen annähern. Sie sind also für die Lektüre unabhängig voneinander geeignet und für verschiedene Zielgruppen gewinnbringend. Das Kompendium ist allerdings nicht ganz voraussetzungslos einsetzbar. Ein grundlegendes Interesse und Wissen mit Blick auf das christlich-jüdische Verhältnis sind notwendig, um von den Beiträgen profitieren zu können. Zugleich werden auch erfahrene Leserinnen und Leser Impulse aus der Lektüre mitnehmen, weil die Beiträge über Allgemeines hinaus auch vertiefte und innovative theologische Reflexion zu zentralen Fragen des christlich-jüdischen Dialogs bieten. Das Kompendium setzt einen beachtlichen Standard. Freiburg: Herder Verlag. 2024 720 Seiten 48,00 € ISBN 978-3-451-39625-0

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