RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Katholische Akademie Bayern

Katholische Akademie Bayern

Geschichte(n) erzählen

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel umfasst sechs Seiten. Der Beitrag zeigt, dass die Apostelgeschichte als antikes Geschichtswerk verstanden werden kann, obwohl sie zugleich literarisch gestaltet und von einer theologischen Verkündigungsabsicht geprägt ist. Die Autorin ordnet das Werk des Lukas in die antike Historiographie ein und macht deutlich, dass Lukas Geschichte nicht nur berichtet, sondern deutet und als Gründungserzählung des frühen Christentums gestaltet.

Der Fachartikel behandelt vor allem folgende theologischen Probleme: das Verhältnis von Geschichte und Verkündigung, das Wirken Gottes in der Geschichte, die Rolle des Heiligen Geistes, die Kontinuität zwischen Israel und der entstehenden Kirche, die Öffnung des Heils für alle Völker, den Umgang mit Konflikten zwischen jüdischer Tradition und Christusglauben sowie die Frage, wie christliche Identität durch Erinnerung und Deutung der Herkunft gebildet wird.

Products

Der Artikel untersucht die Apostelgeschichte im Horizont der antiken Geschichtsschreibung und fragt, ob Lukas tatsächlich als erster christlicher Historiker gelten kann. Dabei wird zunächst deutlich gemacht, dass diese Einschätzung nicht selbstverständlich ist. Einerseits finden sich schon in früheren Evangelien Elemente von Geschichtsdarstellung, andererseits ist die Apostelgeschichte deutlich von einer theologischen Absicht geprägt. Deshalb stellt die Autorin zuerst dar, was antike Geschichtsschreibung grundsätzlich kennzeichnet. Sie verweist auf die Definition des Althistorikers Joachim Molthagen, nach der ein Geschichtswerk auf sorgfältiger Kenntnis beruhen, vergangenes Geschehen in größere Zusammenhänge einordnen und zugleich eine verstehende Deutung bieten muss.

Anschließend zeigt der Artikel, dass sich diese Merkmale durchaus in der Apostelgeschichte finden lassen. Lukas präsentiert sich bereits im Proömium seines Evangeliums als sorgfältiger Autor, der Quellen geprüft und sein Material geordnet hat. Sein Ziel besteht darin, seinen Adressatinnen und Adressaten Sicherheit über die Zuverlässigkeit der überlieferten Botschaft zu geben. Auch im zweiten Band, der Apostelgeschichte, setzt er diesen Anspruch fort. Lukas erzählt die Ausbreitung der Christusbotschaft von Jerusalem über Judäa und Samaria bis nach Rom und ordnet diese Entwicklung in einen größeren heilsgeschichtlichen Zusammenhang ein. Dabei nennt er Herrscher und Amtsträger, wodurch er das Erzählte in die Weltgeschichte einbindet und seine Darstellung historisch plausibel erscheinen lässt.

Die Autorin betont jedoch, dass Geschichtsschreibung in der Antike nie mit moderner Objektivität gleichzusetzen ist. Antike Historiker wählen ihren Stoff aus, ordnen ihn, interpretieren ihn und gestalten ihn literarisch. Am Beispiel Lukians, Ailios Theons, Plutarchs und anderer Autoren wird gezeigt, dass antike Geschichtsschreibung stets zwischen Fakt und literarischer Gestaltung steht. Der Historiker soll zwar sorgfältig recherchieren, aber auch sprachlich formen, gewichten, verdichten und die Darstellung anschaulich machen. Daraus ergibt sich, dass Geschichtsschreibung immer ein konstruiertes Bild der Vergangenheit bietet. Dieses Bewusstsein war schon in der Antike vorhanden.

Im nächsten Schritt beschreibt der Artikel die starke Ausrichtung antiker Geschichtsschreibung auf Genauigkeit. Herodot, Thukydides und Polybios bemühen sich um verlässliche Information, prüfen Quellen kritisch und reflektieren Probleme von Zeugenaussagen und Reden. Besonders Thukydides hebt die Genauigkeit seiner Nachforschungen hervor. Dennoch zeigt die Autorin, dass sich die Geschichtsschreibung in hellenistischer und römischer Zeit verändert. Sie wird stärker biographisch, unterhaltsamer und offener für staunenswerte oder ausgeschmückte Erzählungen. Damit rücken Unterhaltung, Dramatisierung und fiktionale Elemente stärker in den Vordergrund. Auch diese Entwicklung ist wichtig, um die Apostelgeschichte angemessen einzuordnen.

Danach arbeitet der Artikel heraus, dass Lukas nicht nur an die griechisch römische Historiographie anknüpft, sondern ebenso an die Geschichtswerke des Alten Testaments. Gerade dieser Bezug ist entscheidend für das Verständnis der Apostelgeschichte. Denn die alttestamentlichen Geschichtswerke erzählen Geschichte als Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sie deuten politische und gesellschaftliche Entwicklungen theologisch und fragen nach Gottes Handeln, nach menschlichem Versagen und nach den Folgen davon. In ähnlicher Weise erzählt Lukas die Geschichte der Ausbreitung des Christusglaubens. Die Geschichte Israels bleibt der Deutungshorizont, innerhalb dessen die neue Bewegung verstanden wird.

Die Apostelgeschichte erscheint dadurch als Fortsetzung des ersten Bandes des Lukaswerkes und zugleich als Gründungserzählung der frühen Kirche. Lukas schildert nicht die gesamte Geschichte der Urkirche, sondern konzentriert sich auf die Bewegung zwischen Jerusalem und Rom. Diese Auswahl ist nicht zufällig, sondern folgt seiner theologischen Überzeugung, dass die Ausbreitung der Christusbotschaft das zentrale Thema der Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft ist. Die Struktur des Buches folgt dem Weg der Botschaft von Jerusalem bis in das Zentrum des römischen Reiches. Auf diese Weise ordnet Lukas vorhandene Überlieferungen und macht aus ihnen eine sinnvolle Ursprungsgeschichte des Christentums.

Ein besonderer Akzent liegt auf der Darstellung der ersten christusgläubigen Gemeinschaften, besonders in Jerusalem. In den Summarien zeichnet Lukas ein eindrucksvolles Bild von Gemeinschaft, Güterteilung, apostolischem Zeugnis und Wirken des Geistes. So entsteht das Bild einer idealen Anfangszeit, die zugleich orientierend und normierend wirkt. Am Ende des Buches steht Paulus in Rom als unermüdlicher Verkünder des Reiches Gottes und der Botschaft von Jesus Christus. Die Apostelgeschichte endet offen und überträgt die Aufgabe der Weitergabe dieser Botschaft an die Leserinnen und Leser beziehungsweise an die Lernenden heutiger Auslegung.

Theologisch zentral ist die Überzeugung, dass Gott selbst die Geschichte lenkt. Der auferstandene Jesus gibt das Programm der Ausbreitung vor, und der Heilige Geist führt durch das gesamte Buch. Er inspiriert, lenkt, verhindert bestimmte Wege und ermöglicht neue Aufbrüche. Die Geschichte der jungen Kirche wird daher als Teil des göttlichen Heilsplans erzählt. Dabei erscheinen die Ereignisse der entstehenden christlichen Gemeinden als Fortsetzung der Geschichte Israels. Besonders in den Reden von Petrus, Stephanus und Paulus wird deutlich, dass Lukas die neue Bewegung nicht als Bruch, sondern als Fortführung der Geschichte des Gottes Israels deutet.

Zu diesem theologischen Geschichtsbild passen auch die zahlreichen Wundererzählungen. Heilungen, Gefängnisbefreiungen, Totenauferweckungen, Dämonenaustreibungen und wunderbare Rettungen zeigen, dass Gott weiterhin machtvoll handelt. Die Taten der Apostel erscheinen dadurch als Fortsetzung des göttlichen Handelns in Israel und im Wirken Jesu. Gleichzeitig steigern diese Episoden die Spannung der Erzählung und bedienen auch das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums. Damit erhält die Apostelgeschichte stellenweise fast romanhafte Züge, ohne ihren Anspruch als Geschichtswerk ganz aufzugeben.

Am Ende macht der Artikel deutlich, dass Lukas mit seiner Darstellung Identität stiften will. Die Apostelgeschichte erklärt, wie der Christusglaube aus Israel hervorgegangen ist, warum es zu Konflikten und Trennungen kam und weshalb das Heil nun auch den nichtjüdischen Völkern offensteht. Für die Adressatinnen und Adressaten bietet diese Gründungserzählung Orientierung in einer unsicheren Gegenwart. Geschichte dient hier nicht nur der Erinnerung, sondern auch der Selbstvergewisserung und der theologischen Deutung der eigenen Herkunft. Gerade darin liegt nach der Autorin die bleibende Bedeutung der Apostelgeschichte.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E2 Gotteswort im Menschenwort – Themen der Bibel und ihre Aneignung

E2.5 Biblische Lektüre – eine Sinneinheit der Bibel als ganze lesen.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 12/1 Jesus Christus und die Kirche

12.1 / 1. Botschaft und Anspruch Jesu und das Selbstverständnis der frühen Kirche.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.