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Erzbistum Köln

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Jesus Christus – in der Gegenwartskunst

ohne Zuspruch und Anspruch?

Veröffentlichung:1.1.2010

Der Artikel ist im Heft "impulse" unter dem Titel „Jesus Christus in der Gegenwartskunst ohne Zuspruch und Anspruch?“ erschienen. Er umfasst vier Seiten. Der Beitrag untersucht, ob es in der Gegenwartskunst noch angemessene Darstellungen von Jesus Christus gibt und ob das ausbleibende Christusbild wirklich eine Krise bedeutet. Dabei zeigt der Artikel, dass es weniger um ein einfaches Verschwinden als um eine Veränderung des Verhältnisses von Kunst, Christologie und christlicher Bildtradition geht.

Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem die Probleme der Darstellbarkeit Jesu Christi, das Verhältnis von Bild und Glaube, die Gefahr des Götzendienstes, die Frage nach Sinn und Funktion von Christusbildern sowie die Spannung zwischen christlicher Tradition und autonomer Gegenwartskunst. Außerdem geht es um die Frage, ob zentrale christologische Themen wie Gottessohnschaft, Auferstehung und Transzendenz überhaupt angemessen bildlich dargestellt werden können.

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Der Artikel setzt sich mit der Frage auseinander, ob Jesus Christus in der Gegenwartskunst noch eine Rolle spielt und ob das selten gewordene Christusbild als Krise verstanden werden muss. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Jesus über Jahrhunderte hinweg zu den am häufigsten dargestellten Personen der Weltgeschichte gehörte, in der heutigen massenmedialen Kultur aber von anderen Bildfiguren verdrängt worden ist. Zwar beschäftigen sich viele Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart mit Spiritualität, Transzendenz und Religion, doch explizite Darstellungen von Jesus Christus sind selten geworden. Der Text fragt deshalb, ob die Gegenwartskunst den Christusbildern den Zuspruch entzogen hat oder ob sich darin eher ein gewandeltes Verständnis von Bild, Religion und Kunst zeigt.

Zunächst macht der Artikel deutlich, dass die Frage nach einer Krise des Christusbildes nur dann sinnvoll ist, wenn man die Geschichte christlicher Bilder berücksichtigt. Christusbilder waren keineswegs von Anfang an selbstverständlich. In den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es überhaupt keine solchen Darstellungen. Erst später entstanden Bilder von Jesus als gutem Hirten, Lehrer oder Wundertäter. Noch später kamen Darstellungen als Weltenherrscher und schließlich auch Kreuzigungsbilder hinzu. Gerade diese Entwicklung führte zu heftigen theologischen Konflikten. In den Bilderstreitigkeiten des achten und neunten Jahrhunderts zeigte sich, dass Christusbilder nie bloß dekorative Kunstwerke waren, sondern immer mit christologischen und bildtheologischen Grundfragen verbunden blieben. Der Artikel erinnert deshalb daran, dass Bilder im Christentum von Anfang an umstritten waren und dass ein Rückgang von Christusbildern nicht nur Verlust, sondern auch Ausdruck theologischer Sensibilität sein kann.

Als zweite wichtige Ursache für die geringe Zahl zeitgenössischer Christusbilder nennt der Text die Distanz vieler Kunstschaffender zum Christentum. Seit der Reformation und besonders seit dem neunzehnten Jahrhundert hat sich die Kunst wirtschaftlich und inhaltlich von der Kirche gelöst. Künstlerinnen und Künstler verstehen sich heute in der Regel nicht mehr als Träger einer christlichen Tradition, sondern als autonome Gestaltende. Dadurch sind weniger ausdrücklich christliche Werke entstanden. Gleichzeitig eröffnet diese Trennung aber auch neue Möglichkeiten, weil die christliche Tradition nun aus größerer Distanz, freier und oft experimenteller aufgenommen werden kann.

Im Hauptteil entfaltet der Artikel vier Tendenzen der Gegenwartskunst im Umgang mit Jesus Christus und christlicher Bildtradition. Die erste Tendenz zeigt sich in Werken, in denen das Leiden des Menschen mit dem Leiden Jesu Christi in Beziehung gesetzt wird. Das Menschenbild und das Christusbild spiegeln sich dabei gegenseitig. Beispielhaft genannt werden Alfred Hrdlicka und Francis Bacon, deren Werke leidende Menschen zeigen und formal an Kreuzigungsszenen erinnern. In neueren Arbeiten, etwa bei Louise Bourgeois, tritt der ausdrückliche christologische Bezug allerdings zurück. Ihr Werk „The Cross“ greift zwar die Form des Kreuzes auf, verzichtet aber auf klare christliche Zeichen. Dadurch bleibt das Kreuz als kulturelles Bildgedächtnis präsent, ohne dass Jesus Christus ausdrücklich dargestellt wird. Die Themen Leid, Tod und Erlösung bleiben also wichtig, verlieren aber ihren eindeutigen christologischen Horizont.

Die zweite Tendenz besteht darin, dass Künstlerinnen und Künstler sich ernsthaft und neugierig mit der christlichen Ikonografie und mit biblischen Erzählungen auseinandersetzen. Hierzu zählt besonders das Fotoprojekt „I N R I“ von Bettina Rheims und Serge Bramly. Die beiden inszenieren Szenen aus dem Leben Jesu in gegenwärtigen Räumen und mit heutiger Bildsprache. Ihr Ziel ist es, die Evangelien mit heutigen Mitteln darzustellen und damit in die Gegenwart zu übertragen. Die Fotografien arbeiten mit der Ästhetik von Werbung, Mode und Lifestyle und machen zugleich sichtbar, dass jede Darstellung von Jesus eine Inszenierung bleibt. Gerade dadurch zeigen sie die Möglichkeiten und Grenzen moderner Christusbilder. Sie knüpfen an die christliche Tradition an, unterlaufen aber zugleich deren Anspruch auf Verklärung und Eindeutigkeit. Der Artikel bewertet diese Bilder deshalb als enttäuschend und gerade darin als bedeutsam, weil sie die Unmöglichkeit einer einfachen Vergegenwärtigung des Göttlichen im Bild offenlegen.

Eine dritte Tendenz zeigt sich in Werken, die christliche Motive kritisch, ironisch oder provokativ aufgreifen. Genannt werden Martin Kippenberger, Andres Serrano und Damien Hirst. Diese Arbeiten lösen oft heftige öffentliche Debatten aus, weil sie traditionelle christliche Symbole verfremden oder verletzen. Der Artikel betont, dass solche Werke aus theologischer Sicht schwer zugänglich sind. Häufig werde weniger das Werk selbst als vielmehr der Skandal darum wahrgenommen. Offen bleibt, ob die Künstlerinnen und Künstler vor allem provozieren wollen oder ob ihre Arbeiten tatsächlich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit christlichen Motiven darstellen. Dennoch zeigen auch diese Beispiele, dass christliche Bilder in der Gegenwart keineswegs verschwinden sind, sondern weiterhin als kulturell starke und konfliktträchtige Zeichen fungieren.

Die vierte und größte Tendenz beschreibt Werke, die auf den Bilderschatz des Christentums zurückgreifen, ohne damit ein Wiederaufleben christlicher Ikonografie zu betreiben. Vielmehr wird die Tradition wie ein offener Bestand genutzt, aus dem Formen, Kompositionen und Motive übernommen und in neue Zusammenhänge gestellt werden. Beispielhaft werden Boris Mikhailov und Mark Wallinger genannt. In Mikhailovs Fotografien von obdachlosen Menschen tauchen Kompositionsmuster auf, die an Kreuzabnahme und Passion erinnern. Ob diese Bezüge bewusst gesetzt sind, bleibt offen. Wichtig ist dem Artikel, dass solche Muster im kulturellen Gedächtnis weiterwirken und neue Bilder von Leid und Verlassenheit prägen. Mark Wallinger arbeitet stärker mit christlichen Texten und Symbolen, etwa dem Johannesprolog oder dem Motiv des Engels. Seine Werke sind spielerisch, sperrig und bewusst offen. Sie zeigen, dass christliche Tradition in der Gegenwart nicht einfach wiederholt, sondern ausprobiert, transformiert und neu zusammengesetzt wird.

Am Ende zieht der Artikel auch religionsdidaktische Konsequenzen. Gerade weil diese Werke christliche Motive nicht dogmatisch festlegen, sondern probeweise durchspielen, können sie für Lernende einen Zugang zu zentralen christlichen Themen eröffnen. Die Verfahren der Gegenwartskunst ähneln nach Ansicht des Artikels der performativen Religionsdidaktik. Beide arbeiten mit offenen, nicht vollständig planbaren Aneignungsprozessen. Kunst kann daher helfen, christliche Topoi neu wahrzunehmen und in der Gegenwart zu erproben. Zugleich bleibt festzuhalten, dass sich ein vollständiger christologischer Traktat nicht aus der Gegenwartskunst gewinnen lässt. Der Artikel kommt deshalb zu einem differenzierten Ergebnis. Die geringe Zahl expliziter Christusbilder ist nicht einfach als Krise zu deuten. Sie zeigt vielmehr eine Transformation, in der christliche Bildtradition, theologische Reflexion und autonome Gegenwartskunst in einem spannungsvollen, produktiven und oft auch widersprüchlichen Verhältnis zueinander stehen.

Hessen

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