Johannes Chrysostomos, geboren um 350 in Antiochia, gilt als einer der bedeutendsten Kirchenväter der Ostkirche und wird zusammen mit Basileios und Gregor von Nazianz als einer der Drei Heiligen Hierarchen verehrt. Seine Bedeutung beruht auf mehreren Faktoren: seinem Vorbild in Askese und Nächstenliebe, seinem unermüdlichen Einsatz für Bildung und soziale Gerechtigkeit sowie seinem standhaften Tod im Exil. Chrysostomos war der produktivste Autor der antiken Gräzität und verfasste exegetische Predigtreihen, systematische Werke und Briefe, die die orthodoxe Auslegungstradition bis heute prägen. Seine Theologie wurzelt in der nizänischen Tradition des Meletios und den Kappadokiern, war aber auch offen für alexandrinische Exegetese. Ein zentrales Anliegen war die Entwicklung einer christlichen Philosophie, die sowohl eine weltliche Deutung als auch ein christliches Erziehungsideal umfasste. In seinen pädagogischen Werken, insbesondere im Traktat "Über die Eitelkeit" und der 21. Homilie zum Epheserbrief, beschreibt Chrysostomos eine Erziehung zur "Philosophie von oben", die nicht durch weltliche Bildung erreichbar ist. Das Ziel dieser Erziehung ist nicht Karriereerfolg oder gesellschaftliche Anerkennung, sondern die Ausbildung zum "Philosophen" und "Athleten" Christi, zum Bürger des Himmels, der ein enthaltsames, tugendvolles Leben führt. Diese Erziehungsideale stehen in Spannung zur klassischen antiken Bildung der Elite und orientieren sich stattdessen an kynischen und frühjüdisch-christlichen Traditionen. Während seiner Karriere in Konstantinopel geriet Chrysostomos mit dem Kaiserhof und Teilen des Klerus in Konflikt, was schließlich zu seiner Verurteilung auf der Eichensynode 403 und seiner Verbannung führte. Sein pastorales und exegetisches Werk bleibt bis heute zentral für die orthodoxe Kirche, die fast immer die sogenannte Liturgie des heiligen Chrysostomos feiert.