Der Artikel befasst sich mit dem Alltagsbegriff in der Theologie und dessen Bedeutung für theologische und pastorale Praxis. Alltag wird definiert als routinierte, zyklisch wiederkehrende Abläufe im menschlichen Leben, die durch außeralltägliche Ereignisse unterbrochen werden. Die theologische Beschäftigung mit Alltag ist eine moderne Entwicklung, die mit der Privatisierung und Individualisierung des Lebens im 19. Jahrhundert verbunden ist. Der Artikel skizziert Forschungsansätze aus benachbarten Disziplinen: Roland Barthes untersucht alltägliche Phänomene als komplexe Zeichensysteme mit sozialkritischer Perspektive; Schütz und Luckmann verstehen Alltag als tradierte Ordnung, deren Fragilität durch verschiedene Grade von Transzendenz erfahrbar wird; Bernhard Waldenfels betont den Bedeutungsüberschuss alltäglicher Phänomene und unterscheidet zwischen alltäglicher und außeralltäglicher Deutungsperspektive. In der evangelischen Theologie wurde Alltag seit den 1960er-Jahren unter Theologen wie Ernst Lange zentral, der eine Kirche 'nah am Leben' und eine alltags- und hörerzentrierte Predigt forderte. Der Alltagsbegriff hat insbesondere für die praktische Theologie, Homiletik und Pastoraltheologie grundlegende Implikationen, da er die Verbindung zwischen theologischer Reflexion und gelebter Lebenswirklichkeit herstellt. Die Beschäftigung mit Alltag ermöglicht es der Kirche, ihre Relevanz für konkrete menschliche Situationen und Fragen zu bewahren.