Thomas Hieke geht von Lev 18,5 aus. Dort heißt es, dass der Mensch durch Gottes Satzungen und Vorschriften leben wird, wenn er nach ihnen handelt. Dieses Wort versteht er als Grundprogramm der Heiligen Schrift. Ziel aller Offenbarung ist nicht bloß Belehrung, sondern Leben in Fülle. In Verbindung mit der Konstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils betont er, dass Gottes Wort Glauben, Hoffnung und Liebe wecken und so Heil ermöglichen soll. Die zentrale theologische Leitfrage lautet daher: Wie wird aus dem biblischen Text eine lebensfördernde Botschaft für heute.
Im zweiten Schritt beschreibt Hieke den Weg von der göttlichen Rede zur Schrift. Nach biblischem Verständnis schreibt Gott selbst die Zehn Gebote auf die Tafeln. Die übrige Tora wird Mose anvertraut. Schrift hat Vorteile, weil sie Gottes Wort bewahrt und jederzeit vergegenwärtigt. Zugleich entsteht ein Problem: Ein geschriebener Text verlangt Auslegung, da der Autor nicht mehr unmittelbar befragt werden kann. Damit tritt das hermeneutische Problem ins Zentrum.
Anschließend zeigt der Autor, wie aus Schrift Heilige Schrift wird. Im Deuteronomium findet sich die Forderung, nichts hinzuzufügen und nichts wegzunehmen. So entsteht ein kanonischer Textbestand, der als verbindliche Weisung gilt. Die Befolgung dieser Weisung wird erneut mit Leben verknüpft. Im Judentum bildet dieser Kanon die Grundlage religiöser Identität. Auch die frühen Christen knüpfen daran an. Sie deuten das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu als schriftgemäß. Das Neue Testament versteht sich nicht als Bruch, sondern als Erfüllung der Schrift Israels. Evangelien und Briefe greifen Motive aus Tora, Propheten und Psalmen auf und lesen sie im Licht Christi neu. Kontinuität und Neuinterpretation stehen dabei in einem spannungsvollen Verhältnis.
Damit stellt sich die Frage nach der Normativität. Die Schrift gilt als autoritativ und verbindlich. Doch ihre Anwendung erfordert Interpretation. Schon im Judentum entsteht eine reiche Auslegungstradition etwa in Mischna und Talmud. Die Idee des mehrfachen Schriftsinns entwickelt sich. Ein Text kann mehrere Sinndimensionen haben. Philo von Alexandrien und später christliche Ausleger suchen hinter dem Buchstabensinn tiefere Bedeutungen. So werden alte Verheißungen neu aktualisiert. Das Beispiel von Jes 7,14 zeigt, wie ein ursprünglicher historischer Kontext später messianisch gedeutet wird. Interpretation wird zur Voraussetzung dafür, dass die Schrift lebendig bleibt.
Im Blick auf die Neuzeit beschreibt Hieke die Entstehung der historisch kritischen Methode. Man fragt nach dem historischen Autor, nach Entstehungsprozessen und literarischen Schichten. Die Bibel erscheint nicht mehr als vom Himmel gefallenes Buch, sondern als in Geschichte gewachsene Sammlung von Zeugnissen. Diese Einsicht führt zu einem vertieften Offenbarungsverständnis. Gott handelt geschichtlich und spricht durch Menschen in ihrer Zeit. Die Heilige Schrift ist Gottes Wort im Menschenwort.
Die katholische Kirche hat diesen Perspektivenwechsel im Zweiten Vatikanischen Konzil aufgenommen. Dei Verbum betont, dass Exegeten sowohl die Aussageabsicht der menschlichen Autoren als auch das, was Gott durch ihre Worte sagen wollte, erforschen müssen. Historische Analyse und theologische Deutung gehören zusammen. Neben der Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte ist auch die Einordnung in den Gesamtzusammenhang der Bibel wichtig. Kanonische Exegese fragt nach dem Ort einer Stelle im Ganzen der Schrift. Interpretation geschieht in der Auslegungsgemeinschaft der Kirche. Eine Deutung bewährt sich daran, ob sie im gemeinsamen Gespräch trägt und als Gottes Botschaft erfahrbar wird.
Für die kirchliche Praxis bedeutet dies, dass Liturgie und Predigt Brücken schlagen müssen zwischen dem damaligen Kontext und der heutigen Lebenswelt. Neben der monologischen Predigt braucht es dialogische Formen des Schriftgesprächs. Ziel ist es, gemeinsam zu erkennen, welcher ethische Anspruch aus der biblischen Botschaft erwächst. Maßstab jeder Auslegung bleibt das Leben. Eine Interpretation muss sich daran messen lassen, ob sie zu Freiheit, Hoffnung und Liebe führt und ein gelingendes Leben fördert.
Hieke schließt mit der Rückkehr zu Lev 18,5. Die Weisungen Gottes sind auf Leben ausgerichtet. Auch Jesus bestätigt diesen Anspruch, indem er erklärt, dass kein Buchstabe vom Gesetz vergehen wird. Jede Hermeneutik der Bibel in der Kirche hat sich daher an der Frage zu prüfen, ob sie dem Leben dient. Offenbarung, Schrift, Auslegung und kirchliche Verkündigung stehen im Dienst dieses großen Zieles: dass Menschen im Hören auf Gottes Wort glauben, hoffen und lieben.