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Fremde, Schutzbürger und Gäste

Veröffentlichung:1.1.2016

Der Fachartikel ist im Heft ru heute 03 2016 unter dem Titel „Fremde, Schutzbürger und Gäste“ erschienen und umfasst die Seiten 7 bis 10.

Der Beitrag von Eleonore Reuter zeigt, dass Migration und Flucht zentrale Themen der gesamten Bibel sind. Er macht deutlich, dass es keine einfachen Antworten auf aktuelle Fluchtfragen gibt, da die biblischen Texte vielstimmig sind und sowohl Schutzgebote für Fremde als auch Abgrenzungstendenzen enthalten. Theologisch behandelt der Artikel vor allem die Fragen nach dem Gottesbild als fremdenliebendem Gott, nach dem Menschenbild des auf Gottes Fürsorge angewiesenen Geschöpfes sowie nach dem Kirchenbild als wanderndem Gottesvolk.

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Der Artikel setzt bei der aktuellen gesellschaftlichen Situation an, in der intensiv über Migration, Identität und Integration diskutiert wird. Er betont, dass biblische Aussagen Orientierung bieten können, jedoch nicht naiv auf heutige Verhältnisse übertragen werden dürfen. Die Lebensbedingungen der Antike unterscheiden sich grundlegend von denen der Moderne. Zudem spricht die Bibel nicht mit einer Stimme, sondern enthält unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Positionen.

Migration ist ein durchgängiges Thema der Bibel. Bereits am Anfang steht mit Kain ein Flüchtiger, am Ende des Kanons die fliehende Frau in der Offenbarung. Viele biblische Gestalten befinden sich auf der Flucht. Dabei wird zwischen verschiedenen Formen des Weggehens unterschieden, etwa dem ängstlichen Entfliehen oder dem erfolgreichen Entrinnen. Ein dauerhafter Flüchtlingsstatus existiert nicht. Wer geflohen ist, lebt als Fremder im Land. Für diesen Status steht der Begriff ger, der unterschiedlich mit Fremder, Fremdling, Gast oder Schutzbürger übersetzt wird. Die moderne Unterscheidung zwischen Migrant und Flüchtling passt nur bedingt auf die antiken Texte.

Die Gründe für Flucht sind vielfältig und ähneln heutigen Ursachen. Hungersnöte führen zur Auswanderung von Abraham und Sara nach Ägypten oder von Jakobs Söhnen. Auch Rut lebt als Fremde in Moab. Dürre, politische Bedrohung und persönliche Konflikte zwingen Menschen zur Flucht. Kriege spielen eine zentrale Rolle. Besonders prägend waren die assyrische Eroberung des Nordreichs Israel im achten Jahrhundert vor Christus und die babylonische Zerstörung Jerusalems im sechsten Jahrhundert vor Christus. Teile der Bevölkerung wurden deportiert, andere flohen in Nachbarländer. Auch innerisraelitische Konflikte sowie familiäre Auseinandersetzungen führten zur Vertreibung.

Die Erinnerung an Flucht prägt das Selbstverständnis Israels entscheidend. Im sogenannten kleinen historischen Credo im Deuteronomium bekennt Israel seine Herkunft als flüchtiger Aramäer. Die Befreiung aus Ägypten und die Gabe des Landes werden als rettendes Handeln Gottes verstanden. Migration wird so zur identitätsstiftenden Grunderfahrung. Diese Erinnerung lebt im Judentum bis heute fort.

Auch im Neuen Testament setzt sich diese Linie fort. Die ersten Christen verbreiten das Evangelium häufig als Vertriebene. Flucht gehört zur Geschichte der Urgemeinde. Im Matthäusevangelium wird die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten erzählt. Verfolgung und Ausweichen in andere Städte erscheinen als Teil christlicher Existenz.

Im Alten Testament finden sich zahlreiche Schutzbestimmungen für Fremde. Sie werden zusammen mit Witwen und Waisen als sozial Schwache genannt. Weil sie kein eigenes Land besitzen und keinen familiären Schutz haben, sind sie auf Unterstützung angewiesen. Spätere Texte begründen die Pflicht zur Fremdenliebe mit der eigenen Erfahrung der Fremdheit in Ägypten. Israel soll den Fremden lieben, weil Gott ihn liebt. Die Liebe zum Fremden wird sprachlich auf eine Stufe mit der Nächstenliebe gestellt. In manchen Texten gilt für Fremde und Einheimische dasselbe Recht.

Das Neue Testament greift diese Linie auf. In der Erzählung vom barmherzigen Samariter wird der Fremde zum Vorbild tätiger Nächstenliebe. In der Gerichtsrede des Matthäusevangeliums identifiziert sich Christus mit den Bedürftigen und Fremden.

Gleichzeitig kennt die Bibel auch Abgrenzung. Neben dem schutzbedürftigen Fremden gibt es den Ausländer, der als Händler oder Vertreter fremder Mächte auftritt und nicht zur Gemeinschaft gehört. Besonders in Zeiten unsicherer Identität entstehen Tendenzen zur Abgrenzung und zur Sorge um religiöse Reinheit. Nachexilische Texte fordern teilweise die Trennung von fremden Ehepartnern. Zugleich entstehen Erzählungen wie das Buch Rut oder die Jona Erzählung, die diese enge Sichtweise durchbrechen und Gottes universale Barmherzigkeit betonen.

Prophetische Visionen entwerfen schließlich das Bild einer gemeinsamen Wallfahrt aller Völker zum Zion. Fremde und sogar Ausländer werden in die endzeitliche Heilsgemeinschaft einbezogen.

Darüber hinaus wird Fremdheit als grundlegendes Merkmal menschlicher Existenz gedeutet. Vor Gott sind alle Menschen Fremde und Gäste. Zugleich sind Glaubende als von Gott Berufene in der Welt Fremde, die den befreienden Gott bezeugen sollen.

Im Resümee formuliert die Autorin drei theologische Grundgedanken. Gott liebt die Fremden und steht solidarisch an ihrer Seite. Der Mensch ist aufgerufen, diesem Gott nachzueifern und selbst fremdheitsfähig zu leben. Die Kirche versteht sich als wanderndes Gottesvolk. Für die gegenwärtige Situation bedeutet dies, dass die Aufnahme von Fremden als geistliche Aufgabe verstanden werden kann, in der sich Gottes Gegenwart im Antlitz des anderen zeigt.

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