Für Verlage sind Jubiläumsjahre eine willkommene Gelegenheit, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass ein Autor aus ihrem Programm auch lange nach seinem Tod noch bedeutsam ist. Obwohl Thomas Mann eine solche Erinnerung hundertfünfzig Jahre nach seiner Geburt und siebzig Jahre nach seinem Tod nicht nötig zu haben scheint, sind die Regale der Buchhandlungen derzeit gut gefüllt mit neuen oder neu aufgelegten Büchern, die er selbst geschrieben hat oder die andere über ihn geschrieben haben. Dazu gehört auch das Buch des vielseitig interessierten Theologen Karl-Josef Kuschel, Experte für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs, der sich mit seiner Dissertation über Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und mit Büchern u.a. über Lessing, Hesse, Rilke und Zweig einen Namen als Forschungspionier auf dem Grenzgebiet zwischen Theologie und Literatur gemacht hat. Und nun also – nach kleineren Vorarbeiten – eine seitenstarke Studie über Thomas Mann, zugespitzt auf den „Komplex ‚Religion‘“, der erfreulicherweise in seiner ganzen Bandbreite untersucht wird – fokussiert auf das jüdisch-christliche Erbe, aber auch die asiatischen Religionen berücksichtigend. Nichts Geringeres hat sich Kuschel dabei vorgenommen, als die „großen Wandlungen in Leben und Werk“ Thomas Manns, sofern sie den Komplex Religion betreffen, „Phase für Phase mit Schlüsseltexten“ nachzuzeichnen (30). Dass Kuschel dieses großangelegte Vorhaben gelingt, liegt an seiner meisterhaften Darstellungskunst. Souverän versteht er es, einen Weg durch Thomas Manns komplexe geistige Entwicklung zu bahnen und gezielt die wichtigste Forschungsliteratur einzubeziehen. Zwar ist nicht von der Hand zu weisen, dass Kuschel Thomas Mann weitgehend mit Thomas Mann liest; doch angesichts der gründlichen Analyse der ausgewählten Zeugnisse fällt das nicht negativ ins Gewicht. Kuschel ist vielmehr ein gut lesbares Buch gelungen, das heutigen Menschen Thomas Manns Verhältnis zur Religion und seine Leitidee von einem praktisch relevanten religiösen Humanismus fesselnd erschließt. In elf Kapiteln, ergänzt um einen Prolog und einen Epilog, zeigt Kuschel, wie es dazu gekommen ist, dass der „Komplex ‚Theologie und Religion‘“ eine tragende Rolle in Thomas Manns Werk gewonnen hat. Zunächst, wie Stichproben aus der autobiographischen Überlieferung belegen (Kapitel 1), sah es aber gar nicht danach aus. Auch in den frühen literarischen Werken wie den „Buddenbrooks“ (Kapitel 2) behandelt Thomas Mann Religion als eines jener Phänomene, die im Verfall begriffen sind. Eine Zäsur bedeutet der Erste Weltkrieg – wie überhaupt äußere und innere Erschütterungen: Krankheit, Zivilisationsbruch, Tod sich auf Thomas Manns Denken und Schreiben produktiv ausgewirkt haben. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George Kennan) brachte ihn dazu, von seinem bisherigen unpolitischen Ästhetizismus abzurücken und gründlicher über das Christentum nachzudenken. Dabei interessierte ihn die Frage nach der Existenz Gottes herzlich wenig. Seine „Arbeit an der Religion“ war anthropologisch und später ethisch ausgerichtet. In den 1920er Jahren drehte sie sich vor allem um die Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos – eine Frage, die gerade in Krisen nicht mehr abzuweisen ist. Von hier führte der Weg zum „Zauberberg“, den Kuschel als Neuorientierung begreift: als Wende zur Humanität (Kapitel 3): Humanität – das ist für Thomas Mann die „Mitte ‚zwischen ‚ästhetizistischer Vereinzelung und würdelosem Untergang des Individuums im Allgemeinen‘“ (95f.), kurzum: eine Haltung jenseits der für Thomas Mann typischen Polaritäten. Kuschel erkennt im „Zauberberg“ schließlich sogar einen religiösen Roman, gewissermaßen selbst ein Werk der Mitte, das Christusfiguren auftreten lässt, ohne einen messianischen Exklusivismus zu propagieren. Bei der Konzeption und Niederschrift des nächsten Großprojekts „Joseph und seine Brüder“ wird Thomas Mann, beflügelt durch ein intensives Studium der Bibel und ausgewählter Forschungsliteratur, der unauflösbare Zusammenhang von Menschheits-, Kultur- und Religionsgeschichte deutlich. Diese Erkenntnis hat ihm nach Kuschel einen neuen Zugang zur Welt der Religion ermöglicht. Das Ergebnis sei ein „ökumenischer Roman“, der – Logos und Mythos, progressives und zyklisches Geschichtsdenken kongenial verknüpfend – Thomas Manns Überzeugung von der Einheit des Menschengeistes widerspiegele (Kapitel 4). Diese Einheit komme auch in der religiösen und kulturellen Vielfalt zum Ausdruck, darunter nicht zuletzt das Prinzip des „Asiatischen“ (Kapitel 5), für Thomas Mann das Formlose, identisch mit dem Bereich des Unbewussten, und eine „kulturpolitische Kontrastfigur“ zu Europa (177f.). In den 1930er Jahren, vor allem angesichts des Aufstiegs der Nationalsozialisten, verlagert sich Thomas Manns Auseinandersetzung mit Religion hin zur Frage nach einer gemeinsamen, kulturübergreifenden Basis menschlichen Zusammenlebens (Kapitel 6). Verantwortlich für diese Verlagerung ist seine Überzeugung, dass die Nationalsozialisten das bisherige Sittengesetz gewaltsam aufgekündigt haben und das jüdisch-christliche Ethos deshalb von neuem stark gemacht werden müsse: als die wichtigste „Widerstands- und Orientierungskraft gegen die Verrohung des Sittlichen durch Faschismus, Rassismus und Militarismus“ (24). Der neue Humanismus, zu dem Thomas Mann sich von jetzt an bekennt, hat sich von seiner religionskritischen Herkunft emanzipiert, erkennt seine religiösen Grundlagen an und – wichtiger noch – nutzt sie. Kuschel, ehemals Vizepräsident und nun Kuratoriumsmitglied der Stiftung Weltethos, ist ganz in seinem Element, wenn er die Mose-Novelle gerade vor diesem Hintergrund deutet. Unter Rückgriff auf Jan Assmann versteht er sie als literarischen Ausdruck einer ethischen Universalisierung. Unabhängig von einem konkreten Gottesglauben werde ein religiös fundiertes Welt- und Menschheitsethos ins Spiel gebracht. Von hier aus kommt auch Thomas Manns Verhältnis zum Judentum zur Sprache (Kapitel 8). Es ist eines der spannendsten Kapitel des Buches, in dem Kuschel die schillernde Haltung Thomas Manns pointiert zusammenfasst und nicht verschweigt, dass der Dichter das Judentum trotz seiner Kritik am Antisemitismus und seiner Würdigung der geistig-kulturellen Überlieferungen Israels zeitlebens nationalpsychologisch und rassenbiologisch verstanden habe. In den abschließenden Kapiteln des Buches (10 und 11) erläutert Kuschel zwei zentrale Motive des Spätwerks, die unvermittelt nebeneinander stehen geblieben seien: Gnade und Sympathie. Mit dem Begriff der Gnade belege Thomas Mann eine biographische Schlüsselerfahrung, die er im „Erwählten“ auch literarisch gestaltet habe: dass das Leben trotz Schuld und Versagen als „Widerfahrnis der Gnade“ anzunehmen sei, die man sich nicht mit Werken verdienen könne. Sympathie wiederum bedeute für Thomas Mann – so das Ergebnis der Lektüre – das Einverstandensein mit allen Erscheinungen des Lebens. Diese Haltung ist in Anbetracht der Menschheitskatastrophen, deren Zeuge Thomas Mann in seinen achtzig Lebensjahren geworden ist, nicht selbstverständlich. Sie ist das Ergebnis eines langen Nachdenkens über die Möglichkeit und Notwendigkeit eines Weltgewissens auf der Basis universal gültiger und geteilter Werte. An die Aktualität seiner Einsichten zu erinnern, sollte nicht nur im Jahr 2025 bedeutsam sein. Ostfildern: Patmos Verlag. 2025 448 Seiten 46,00 € ISBN 978-3-8436-1595-2