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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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M. Schmidt-Salomon: Die Doppelmoral der Gläubigen (2009)

Veröffentlichung:1.1.2009

Der Text „Die Doppelmoral der Gläubigen“ von Michael Schmidt Salomon aus dem Jahr 2009 beschäftigt sich mit der Frage, ob Religionen eine moralische Unterscheidung zwischen der eigenen Glaubensgemeinschaft und Außenstehenden fördern können. Ausgangspunkt ist eine bewusst überraschend gestaltete Darstellung Osama bin Ladens, dessen religiöse Äußerungen zunächst ohne Namensnennung als Bekenntnis zu Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Gleichheit vorgestellt werden. Erst anschließend löst Schmidt Salomon auf, von wem diese Aussagen stammen, und stellt sie terroristischer Gewalt gegenüber. Diesen scheinbaren Widerspruch interpretiert er als Ausdruck einer religiösen Doppelmoral, die zwischen der eigenen Gruppe und Außenstehenden unterscheide. Schmidt Salomon überträgt dieses sogenannte Ingroup Outgroup Denken anschließend auf Texte aus Altem Testament, Neuem Testament und Koran. Anhand ausgewählter Textstellen versucht er zu zeigen, dass moralische Forderungen nach Mitgefühl und friedlichem Verhalten teilweise auf die eigene Gemeinschaft begrenzt würden, während Andersgläubigen, Gegnern oder Menschen außerhalb der Gemeinschaft Gewalt und Bestrafung angedroht werde. Der Autor formuliert damit eine grundsätzliche Kritik an religiösen Traditionen und deren heiligen Schriften. Seine zentrale These besteht darin, dass religiöse Moral durch die Unterscheidung zwischen Zugehörigen und Außenstehenden eine problematische Doppelmoral entwickeln könne.

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Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der 10. Klasse besonders im Zusammenhang mit den Themen Religionskritik, Religion und Gewalt, religiöse Ethik, Fundamentalismus, heilige Schriften, Toleranz, Feindesliebe, Menschenwürde sowie dem Verhältnis von religiösem Wahrheitsanspruch und moralischem Handeln. Aufgrund seiner stark zugespitzten Argumentation sollte der Text nicht ausschließlich als Informationsquelle über Judentum, Christentum und Islam eingesetzt werden. Er eignet sich vielmehr als Medium zur Analyse einer konkreten religionskritischen Position und ihrer argumentativen Vorgehensweise.

Ein wesentliches Lernziel besteht darin, zwischen der Position Schmidt Salomons und einer allgemeinen Beschreibung der genannten Religionen zu unterscheiden. Der Autor wählt gezielt Textstellen aus verschiedenen religiösen Schriften aus und verbindet sie zu einer bestimmten Argumentation. Im Unterricht sollte deshalb nicht nur gefragt werden, was Schmidt Salomon behauptet, sondern auch, wie er seine These begründet, welche Textbeispiele er auswählt und welche Voraussetzungen seiner Argumentation zugrunde liegen. Auf diese Weise können die Lernenden zwischen Quelle, Auswahl, Interpretation und Schlussfolgerung unterscheiden.

Als Einstieg eignet sich der erste Abschnitt des Textes besonders gut. Den Lernenden kann zunächst nur die Beschreibung des unbekannten „Mister X“ präsentiert werden. Sie stellen Vermutungen darüber an, welche Person gemeint sein könnte, und begründen diese anhand der genannten Werte. Erst danach wird die Auflösung präsentiert. Der dadurch entstehende Überraschungseffekt führt unmittelbar zur Leitfrage des Textes: Wie kann ein Mensch Werte wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vertreten und gleichzeitig Gewalt gegenüber bestimmten Menschen rechtfertigen? Die Lernenden können erste Erklärungsversuche formulieren, bevor sie Schmidt Salomons Antwort kennenlernen.

In der anschließenden Erarbeitung sollte der Begriff der Doppelmoral geklärt werden. Darunter kann in diesem Zusammenhang verstanden werden, dass für unterschiedliche Gruppen unterschiedliche moralische Maßstäbe angewendet werden. Schmidt Salomon geht davon aus, dass innerhalb der eigenen religiösen Gemeinschaft Werte wie Barmherzigkeit, Solidarität und Gerechtigkeit gelten können, während Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft nach anderen Maßstäben beurteilt werden. Die Lernenden können diese Struktur in einem Schaubild mit den Kategorien eigene Gruppe und fremde Gruppe darstellen.

Anschließend kann der im Text zentrale Begriff des Ingroup Outgroup Denkens erarbeitet werden. Dabei sollte verdeutlicht werden, dass die Unterscheidung zwischen eigener und fremder Gruppe zunächst ein allgemeines soziales Phänomen bezeichnet und nicht ausschließlich im Bereich der Religion vorkommt. Menschen können sich beispielsweise aufgrund von Nationalität, politischer Überzeugung, sozialer Zugehörigkeit, Sportvereinen oder kultureller Identität Gruppen zuordnen. Didaktisch wichtig ist deshalb die Frage, ob Schmidt Salomon ein spezifisch religiöses Problem beschreibt oder ein allgemeines menschliches beziehungsweise gesellschaftliches Phänomen, das auch innerhalb von Religionen auftreten kann.

Für eine vertiefende Textarbeit können die Lernenden Schmidt Salomons Argumentationsgang rekonstruieren. Dabei unterscheiden sie zwischen These, Beispiel, Beleg und Schlussfolgerung. Sie untersuchen zunächst das Beispiel Osama bin Ladens, anschließend die ausgewählten Stellen aus religiösen Schriften und schließlich die daraus abgeleitete allgemeine Kritik. Dadurch wird sichtbar, dass Schmidt Salomon von einzelnen Beispielen zu umfassenderen Aussagen über religiöse Moral gelangt. An dieser Stelle bietet sich die kritische Frage an, unter welchen Voraussetzungen eine solche Verallgemeinerung zulässig ist.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Arbeit mit den angeführten Bibelstellen und Koranstellen. Einzelne religiöse Texte sollten nicht ohne ihren literarischen und historischen Kontext als unmittelbare Beschreibung einer gesamten Religion behandelt werden. Die Lernenden können deshalb ausgewählte Stellen mit ihrem jeweiligen Zusammenhang vergleichen. Sie können untersuchen, wer spricht, an wen sich eine Aussage richtet, in welcher historischen Situation der Text entstanden ist, welcher Textgattung er angehört und wie er innerhalb der jeweiligen religiösen Tradition ausgelegt wurde und wird. Dadurch wird zugleich eine grundlegende hermeneutische Kompetenz gefördert.

Methodisch bietet sich eine Gegenüberstellung unterschiedlicher Textstellen an. Den von Schmidt Salomon verwendeten Passagen können beispielsweise Texte über Nächstenliebe, Feindesliebe, Barmherzigkeit, Vergebung und den Schutz von Fremden gegenübergestellt werden. Ziel einer solchen Gegenüberstellung ist nicht, problematische Textstellen zu relativieren oder auszublenden. Vielmehr sollen die Lernenden erkennen, dass religiöse Schriften unterschiedliche Stimmen, historische Erfahrungen und moralische Vorstellungen enthalten und deshalb ausgelegt werden müssen.

Eine weitere Unterrichtsphase kann die Frage nach dem Verhältnis von Text und Handlung untersuchen. Die Lernenden können diskutieren, ob aus einer gewalthaltigen religiösen Textstelle unmittelbar gewalttätiges Verhalten folgt. Dabei können verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, etwa Auslegung, religiöse Autoritäten, gesellschaftliche Bedingungen, politische Interessen, persönliche Überzeugungen und historische Situationen. Auf diese Weise wird eine vorschnelle Gleichsetzung von religiösem Text, Religion und konkretem Verhalten vermieden.

Besonders geeignet ist der Text auch für einen Vergleich mit Ulrich Beck. Beide Autoren beschäftigen sich mit der Grenze zwischen Glaubenden und Andersgläubigen. Während Beck die Ambivalenz von Religion hervorhebt und sowohl verbindende als auch trennende Wirkungen beschreibt, formuliert Schmidt Salomon eine deutlich grundsätzlichere Kritik an religiösen Moralvorstellungen und heiligen Schriften. Die Lernenden können Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden religionskritischen Ansätze herausarbeiten.

Auch ein Vergleich mit Sam Harris ist möglich. Harris konzentriert sich insbesondere auf die Frage, ob religiöse Überzeugungen rational begründet werden können. Beck untersucht stärker die gesellschaftliche Bedeutung religiöser Grenzziehungen. Schmidt Salomon richtet seinen Blick auf moralische Maßstäbe gegenüber der eigenen und gegenüber fremden Gruppen. Durch die Verbindung der drei Texte können die Lernenden unterschiedliche Formen gegenwärtiger Religionskritik systematisieren.

Für eine Diskussion eignet sich die Frage, ob Religion Menschen eher verbindet oder trennt. Dabei sollten die Lernenden konkrete Argumente und Gegenargumente entwickeln. Sie können untersuchen, ob die von Schmidt Salomon beschriebene Doppelmoral zwingend aus religiösen Überzeugungen entsteht oder ob religiöse Traditionen auch Ressourcen besitzen, mit denen gerade die Unterscheidung zwischen eigener und fremder Gruppe überwunden werden kann. Das christliche Gebot der Feindesliebe kann hierfür ebenso einbezogen werden wie Vorstellungen universaler Menschenwürde und Barmherzigkeit.

Eine weitere methodische Möglichkeit besteht in einem Schreibgespräch zur Aussage „Moral gilt entweder für alle Menschen oder sie ist keine überzeugende Moral“. Die Lernenden kommentieren diese Aussage zunächst individuell und reagieren anschließend auf die Argumente anderer. Danach wird geprüft, inwiefern Schmidt Salomon einem solchen Verständnis universaler Moral folgt und welche Schwierigkeiten sich daraus für religiöse Sonderregeln oder exklusive Wahrheitsansprüche ergeben können.

Der Text besitzt aufgrund seiner Themen Terrorismus, Gewalt, Hölle und religiöse Feindbilder ein erhebliches Provokationspotenzial. Im Unterricht ist deshalb auf eine sachliche Sprache und eine klare Trennung zwischen Religion, religiösen Texten, deren Auslegung und extremistischen Handlungen zu achten. Terroristische Akteure dürfen nicht stellvertretend für eine gesamte Religion behandelt werden. Ebenso sollte Kritik an religiösen Texten nicht mit einer Bewertung religiöser Lernenden verbunden werden. Persönliche Glaubensüberzeugungen müssen nicht offengelegt oder verteidigt werden.

Als Ergebnissicherung können die Lernenden Schmidt Salomons Argumentation in einer Argumentationskette darstellen: religiöse Gruppenzugehörigkeit / Unterscheidung zwischen eigener und fremder Gruppe / unterschiedliche moralische Maßstäbe / Abwertung von Außenstehenden / mögliche Rechtfertigung von Ausgrenzung und Gewalt. Anschließend wird diese Argumentationskette kritisch überprüft. Die Lernenden markieren, welche Schritte sie nachvollziehen können, an welchen Stellen weitere Belege notwendig wären und wo alternative Erklärungen möglich sind. Dadurch werden Sachkompetenz, Methodenkompetenz, hermeneutische Kompetenz und Urteilskompetenz miteinander verbunden.


4. Prüfungsfragen für Klausuren der 10. Klasse mit Musterantworten


Aufgabe 1: Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen

Fassen Sie die zentrale religionskritische These Schmidt Salomons in eigenen Worten zusammen.

Musterantwort:

Schmidt Salomon vertritt die These, dass religiöse Moral von einer Doppelmoral geprägt sein kann. Innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft können Werte wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität gelten, während Menschen außerhalb der eigenen Gruppe nach anderen Maßstäben behandelt werden. Der Autor bezeichnet dies als Ingroup Outgroup Denken. Zur Begründung verweist er auf Osama bin Laden und auf ausgewählte Stellen aus Altem Testament, Neuem Testament und Koran. Nach seiner Interpretation zeigen diese Beispiele, dass die Zugehörigkeit zur eigenen religiösen Gemeinschaft darüber entscheiden kann, wem gegenüber moralische Verpflichtungen gelten.


Aufgabe 2: Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern

Erläutern Sie den Begriff der Doppelmoral anhand der Argumentation Schmidt Salomons.

Musterantwort:

Unter Doppelmoral versteht Schmidt Salomon die Anwendung unterschiedlicher moralischer Maßstäbe auf verschiedene Gruppen von Menschen. Gegenüber Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft können Werte wie Mitgefühl, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gelten. Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft können dagegen ausgegrenzt, abgewertet oder als Feinde betrachtet werden.

Schmidt Salomon verdeutlicht dies zunächst am Beispiel Osama bin Ladens. Dieser konnte sich nach der Darstellung des Autors einerseits auf Werte wie Barmherzigkeit und Gerechtigkeit berufen und andererseits Gewalt gegenüber Menschen außerhalb seiner eigenen religiösen Gruppe rechtfertigen. Für Schmidt Salomon stellt dies keinen bloßen persönlichen Widerspruch dar. Er sieht darin ein grundsätzliches Muster, das er auch in ausgewählten religiösen Texten zu erkennen glaubt.


Aufgabe 3: Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren

Analysieren Sie die Funktion der Darstellung des „Mister X“ am Beginn des Textes für die Argumentation Schmidt Salomons.

Musterantwort:

Schmidt Salomon nennt den Namen Osama bin Ladens zunächst bewusst nicht. Stattdessen beschreibt er einen religiösen Menschen, der sich zu Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Gleichheit bekennt. Dadurch entsteht zunächst das Bild eines moralisch vorbildlichen Menschen.

Die spätere Auflösung soll bei den Lesenden Irritation hervorrufen, weil Osama bin Laden vor allem mit terroristischer Gewalt verbunden wird. Schmidt Salomon nutzt diesen Gegensatz, um seine zentrale These vorzubereiten. Er möchte zeigen, dass positive moralische Aussagen und Gewalt gegenüber einer als feindlich betrachteten Gruppe innerhalb eines bestimmten Weltbildes nebeneinander bestehen können.

Die Darstellung erfüllt damit mehrere Funktionen. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, provoziert einen Überraschungseffekt und führt zum Problem der Doppelmoral hin. Gleichzeitig beeinflusst sie die Wahrnehmung des folgenden Textes, da die weitere Auseinandersetzung mit Religion von Beginn an mit einem extremen Beispiel verbunden wird.


Aufgabe 4: Anforderungsbereich II, Operator: Herausarbeiten

Arbeiten Sie heraus, wie Schmidt Salomon das Ingroup Outgroup Denken in religiösen Traditionen beschreibt.

Musterantwort:

Schmidt Salomon unterscheidet zwischen einer eigenen Gruppe und Menschen außerhalb dieser Gruppe. Die eigene Gruppe besteht in seiner Argumentation aus Menschen, die den jeweiligen religiösen Überzeugungen und Regeln folgen. Ihnen gegenüber gelten moralische Verpflichtungen wie Barmherzigkeit und Solidarität.

Menschen außerhalb der Gruppe werden dagegen als Gegner, Ungläubige oder moralisch Verwerfliche betrachtet. Schmidt Salomon versucht anhand ausgewählter Stellen aus Altem Testament, Neuem Testament und Koran zu zeigen, dass diese Unterscheidung auch in religiösen Schriften vorkommt.

Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die Vorstellung, moralische Regeln könnten davon abhängig gemacht werden, welcher religiösen Gruppe ein Mensch angehört. Der Autor stellt diesem Denken indirekt die Vorstellung einer universalen Moral gegenüber, deren grundlegende Regeln für alle Menschen gelten.


Aufgabe 5: Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen

Vergleichen Sie die von Schmidt Salomon dargestellten positiven moralischen Forderungen religiöser Traditionen mit seiner Kritik an deren Umgang mit Außenstehenden.

Musterantwort:

Schmidt Salomon erkennt an, dass religiöse Traditionen positive moralische Werte enthalten. Dazu gehören Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Gleichheit. Diese Werte können das Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft fördern.

Seine Kritik besteht jedoch darin, dass diese moralischen Forderungen seiner Interpretation zufolge nicht immer gleichermaßen auf alle Menschen angewendet werden. Menschen, die als Gegner oder Ungläubige gelten, können in den von ihm ausgewählten Textstellen mit Strafe, Ausschluss oder Gewalt konfrontiert werden.

Der zentrale Gegensatz besteht somit zwischen einem Anspruch auf Barmherzigkeit und Gerechtigkeit einerseits und der Abgrenzung bestimmter Gruppen andererseits. Schmidt Salomon interpretiert diesen Gegensatz als religiöse Doppelmoral.


Aufgabe 6: Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern

Erörtern Sie die Frage, ob gewalthaltige Aussagen in heiligen Schriften belegen, dass Religion grundsätzlich Gewalt fördert.

Musterantwort:

Für diese These kann angeführt werden, dass religiöse Texte tatsächlich Aussagen enthalten können, in denen Gewalt, Bestrafung oder die Vernichtung von Gegnern thematisiert werden. Werden solche Texte als unmittelbar gültige Handlungsanweisungen verstanden, können sie zur Legitimation von Gewalt verwendet werden. Schmidt Salomons Kritik macht darauf aufmerksam, dass problematische Textstellen deshalb nicht ignoriert werden sollten.

Gegen eine allgemeine Schlussfolgerung spricht jedoch, dass religiöse Schriften in historischen und literarischen Zusammenhängen entstanden sind. Ihre Bedeutung hängt auch davon ab, wie sie ausgelegt werden. Darüber hinaus enthalten religiöse Traditionen ebenfalls Forderungen nach Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Vergebung und friedlichem Handeln.

Zwischen einem religiösen Text und dem Verhalten eines Menschen liegen daher verschiedene Schritte der Interpretation. Gewalthaltige Textstellen können für die Rechtfertigung von Gewalt verwendet werden, beweisen für sich genommen jedoch nicht, dass Religion grundsätzlich Gewalt hervorbringt. Für eine differenzierte Beurteilung müssen Text, Kontext, Auslegung und konkretes Handeln voneinander unterschieden werden.


Aufgabe 7: Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen

Beurteilen Sie Schmidt Salomons Vorgehen, ausgewählte Stellen aus verschiedenen heiligen Schriften zur Begründung seiner These heranzuziehen.

Musterantwort:

Das Vorgehen besitzt zunächst den Vorteil, dass Schmidt Salomon seine Kritik an konkreten Textstellen entwickelt. Seine Argumentation bleibt dadurch nicht ausschließlich abstrakt. Er macht auf Passagen aufmerksam, die Fragen nach Gewalt, Bestrafung und dem Umgang mit Andersgläubigen aufwerfen. Solche Stellen sind für eine kritische Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen relevant.

Problematisch kann jedoch die Auswahl einzelner Passagen sein. Religiöse Schriften bestehen aus unterschiedlichen Texten, die in verschiedenen historischen Situationen entstanden sind. Einzelne Aussagen können deshalb nicht ohne weitere Prüfung stellvertretend für eine gesamte Religion behandelt werden. Zusätzlich muss untersucht werden, welche Bedeutung diese Texte innerhalb der jeweiligen Religion besitzen und wie sie heute ausgelegt werden.

Schmidt Salomons Text eignet sich daher als religionskritische Position und als Ausgangspunkt für eine Diskussion. Für eine umfassende Beurteilung von Judentum, Christentum und Islam müssten jedoch weitere Texte, historische Zusammenhänge und unterschiedliche Formen religiöser Auslegung berücksichtigt werden.


Aufgabe 8: Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen

Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Eine überzeugende Moral muss für alle Menschen unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit gelten.“

Musterantwort:

Für diese Aussage spricht das Prinzip der Gleichheit aller Menschen. Grundlegende moralische Rechte wie der Schutz des Lebens und die Anerkennung der Menschenwürde sollten nicht davon abhängig sein, welcher Religion ein Mensch angehört oder ob er überhaupt religiös ist. Eine Moral, die Gewalt gegenüber einer Gruppe verbietet, gegenüber einer anderen Gruppe jedoch erlaubt, müsste begründen können, weshalb Menschen unterschiedlich behandelt werden.

Auch moderne Vorstellungen universaler Menschenrechte gehen davon aus, dass grundlegende Rechte allen Menschen zukommen. Religiöse Zugehörigkeit kann deshalb kein ausreichender Grund sein, einem Menschen grundlegende Rechte abzusprechen.

Gleichzeitig können religiöse Gemeinschaften besondere Regeln für ihre eigenen Mitglieder besitzen. Solche Regeln sind nicht automatisch problematisch, solange dadurch die grundlegenden Rechte anderer Menschen nicht verletzt werden. Deshalb sollte zwischen freiwilligen Regeln innerhalb einer Gemeinschaft und universalen moralischen Ansprüchen gegenüber allen Menschen unterschieden werden.


Aufgabe 9: Anforderungsbereich III, Operator: Vergleichen

Vergleichen Sie die Religionskritik Michael Schmidt Salomons mit der Religionskritik Ulrich Becks.

Musterantwort:

Beide Autoren beschäftigen sich mit der Frage, wie Religion Grenzen zwischen Menschen erzeugen kann. Beck beschreibt die Spannung, dass Religion einerseits bestehende gesellschaftliche Grenzen überwinden und Gleichheit fördern kann, andererseits aber eine neue Unterscheidung zwischen Glaubenden und Ungläubigen hervorbringen kann.

Schmidt Salomon konzentriert sich stärker auf die moralischen Konsequenzen einer solchen Unterscheidung. Mit dem Begriff des Ingroup Outgroup Denkens kritisiert er, dass innerhalb einer religiösen Gemeinschaft andere moralische Maßstäbe gelten könnten als gegenüber Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft. Dafür zieht er ausgewählte Beispiele aus verschiedenen religiösen Schriften heran.

Ein wesentlicher Unterschied besteht in der Gewichtung. Beck betont stärker die Ambivalenz von Religion und berücksichtigt ausdrücklich deren verbindendes Potenzial. Schmidt Salomon formuliert eine grundsätzlichere Kritik und konzentriert sich stärker auf problematische religiöse Texte und moralische Grenzziehungen. Beide Positionen können deshalb gemeinsam genutzt werden, um unterschiedliche Formen moderner Religionskritik zu untersuchen.


Aufgabe 10: Anforderungsbereich III, Operator: Vergleichen und erörtern

Vergleichen Sie die Religionskritik von Sam Harris, Ulrich Beck und Michael Schmidt Salomon. Erörtern Sie anschließend, welche unterschiedlichen Fragen an Religion die drei Positionen aufwerfen.

Musterantwort:

Sam Harris, Ulrich Beck und Michael Schmidt Salomon kritisieren Religion aus unterschiedlichen Perspektiven. Harris beschäftigt sich vor allem mit der Frage nach der Wahrheit und Begründbarkeit religiöser Aussagen. Er fordert, dass Aussagen über die Wirklichkeit durch Gründe und Beweise gestützt werden müssen. Seine Religionskritik besitzt damit vor allem einen erkenntnistheoretischen Schwerpunkt.

Ulrich Beck betrachtet Religion stärker aus gesellschaftlicher Perspektive. Er untersucht, wie Religion gleichzeitig Grenzen überwinden und neue Grenzen zwischen Glaubenden und Ungläubigen erzeugen kann. Seine zentrale Frage betrifft somit die gesellschaftliche Ambivalenz religiöser Identität und religiöser Wahrheitsansprüche.

Schmidt Salomon konzentriert sich auf die moralische Dimension. Er fragt, ob Religion unterschiedliche moralische Maßstäbe für Mitglieder der eigenen Gemeinschaft und für Außenstehende fördern kann. Seine Kritik richtet sich besonders auf das Ingroup Outgroup Denken und auf ausgewählte Aussagen religiöser Schriften.

Die drei Positionen ergänzen sich insofern, als sie unterschiedliche Fragen an Religion richten: Harris fragt nach der Begründung religiöser Wahrheit, Beck nach den gesellschaftlichen Folgen religiöser Grenzziehungen und Schmidt Salomon nach der universalen Geltung religiöser Moral. Für eine umfassende Auseinandersetzung mit Religion sollten diese Fragen jeweils eigenständig geprüft und mit theologischen sowie weiteren religionskritischen Positionen verglichen werden.

Hessen

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Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.3 Religionskritik – Bestreitung der Vernünftigkeit des Gottesglaubens.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 2. Gottesbestreitungen und Religionskritik.

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