Ralph Neuberth beginnt mit der gegenwärtigen Situation der katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil hat das Verständnis der Kirche als Volk Gottes neu hervorgehoben und damit Diskussionen über Beteiligung und Demokratie innerhalb der katholischen Kirche angestoßen. Die Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer in Würzburg entwickelte anschließend ein Modell kirchlicher Beteiligung. Nach Neuberth ist von der damaligen Aufbruchsstimmung jedoch wenig geblieben. Forderungen nach größerer Beteiligung finden seiner Einschätzung nach nur begrenzte Resonanz. Gleichzeitig steht die Kirche angesichts sinkender Mitgliederzahlen, weniger Priester, des Vertrauensverlustes durch die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle und einer pluraler werdenden Gesellschaft vor erheblichen Herausforderungen. Neuberth kritisiert, dass das Volk Gottes bei Entscheidungen über die Zukunft der Kirche nicht ausreichend beteiligt werde.
Vor diesem Hintergrund fragt der Autor nach Impulsen aus der Apostelgeschichte. Die Theologie des Lukas erscheint ihm besonders geeignet, weil Lukas einerseits die Kontinuität der Kirche mit ihren Anfängen betont und andererseits eine offene Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart beschreibt. Die Apostel besitzen eine besondere Bedeutung als Zeugen Jesu und bilden ein Fundament der jungen Kirche. Dennoch zeichnet Lukas die Kirche nicht als Gemeinschaft, in der ausschließlich die Apostel handeln und entscheiden. Die gesamte Gemeinde spielt eine wichtige Rolle.
Die ersten christlichen Gemeinden dürfen dabei nicht als konfliktfreie Idealgesellschaften verstanden werden. Bereits früh treten interne Probleme und Auseinandersetzungen mit der Umwelt auf. Die junge Kirche muss ihren Platz in einer religiös vielfältigen Gesellschaft finden und sich mit jüdischen Gemeinden, staatlichen Stellen, Volksreligiosität, Kaiserkult und anderen religiösen Vorstellungen auseinandersetzen. Als Beispiel für einen offenen Umgang mit dieser Umwelt führt Neuberth die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen an. Paulus knüpft dort an die religiösen Vorstellungen seiner Zuhörenden an und verwendet eine Sprache, die ihnen verständlich ist. Gleichzeitig gibt er seine eigene christliche Überzeugung nicht auf. Für Neuberth zeigt sich darin ein wichtiges Prinzip: Kirche soll sich ihrer Umwelt öffnen und mit ihr in einen Dialog treten, ohne ihre eigene Botschaft preiszugeben.
Diese Haltung verbindet Neuberth mit dem Gedanken des Aufbruchs beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Kirche soll sich nicht aus einer als feindlich wahrgenommenen Welt zurückziehen. Sie soll sich vielmehr aus der Kraft des Glaubens erneuern und sich produktiv mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinandersetzen. Dabei geht es nicht um eine einfache Anpassung an die Gesellschaft, sondern um die Verbindung von Offenheit und eigener christlicher Identität.
Neuberth erkennt in der Apostelgeschichte drei miteinander verbundene Grundlagen für diese Haltung. Erstens besitzt die Kirche einen Auftrag, der Grenzen überschreitet. Das Evangelium soll von Jerusalem bis an die Grenzen der Erde gebracht werden. Die Kirche ist daher nicht um ihrer selbst willen da. Ihre Strukturen müssen ihrem Auftrag dienen. Zentral ist dabei die Botschaft Jesu von der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Hindernisse, die der Erfüllung dieses Auftrags entgegenstehen, müssen überwunden werden.
Zweitens erhalten alle Mitglieder des Volkes Gottes die Kraft und den Beistand des Heiligen Geistes. Beim Pfingstereignis wird nach Neuberths Interpretation nicht nur den Aposteln, sondern der gesamten versammelten Gemeinschaft der Geist Gottes geschenkt. Damit wird die Geistbegabung zu einer gemeinsamen Gabe. Der Heilige Geist begleitet die junge Kirche, befähigt Menschen zu bestimmten Aufgaben und wirkt an wichtigen Entscheidungen mit. Er schenkt der Gemeinschaft den Mut, sich zu öffnen und Neues zu wagen.
Drittens folgt aus dieser gemeinsamen Geistbegabung eine gemeinsame Verantwortung. Wenn der Geist Gottes allen geschenkt wird, besteht eine grundlegende Gleichberechtigung der Mitglieder des Volkes Gottes. Deshalb sollen nicht nur einzelne Personen über den Weg der Kirche bestimmen. Die Gemeinschaft übernimmt Verantwortung und verwendet dabei nach Neuberth partizipative und demokratische Formen der Entscheidungsfindung. Gemeinsame Verantwortung kann das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und Menschen dazu befähigen, gemeinsame Ziele zu verfolgen und Konflikte zu bewältigen.
An Apostelgeschichte 6 zeigt Neuberth, wie kirchliche Strukturen verändert werden können, wenn sie den Auftrag der Kirche behindern. Das Wachstum der Jerusalemer Gemeinde führt zu Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen. Die Apostel reagieren darauf nicht allein, sondern berufen eine Versammlung ein. Sie schlagen eine Lösung und die Einrichtung einer neuen Aufgabe vor. Die Versammlung stimmt dem Vorschlag zu und wählt geeignete Personen aus. Für Neuberth ist entscheidend, dass die Apostel ihre Verantwortung mit der Gemeinde teilen. Ebenso wichtig ist die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu verändern. Kirchliche Strukturen sind kein Selbstzweck. Sie müssen dem Auftrag dienen, das Evangelium zu verkünden.
Auch Apostelgeschichte 13 dient als Beispiel gemeinschaftlicher Verantwortung. Die Gemeinde in Antiochia wählt Barnabas und Saulus für einen Missionsauftrag aus. Die Entscheidung ist in Gottesdienst und Gebet eingebettet und wird als Wirken des Heiligen Geistes verstanden. Die Mission ist damit nicht das private Projekt einzelner Personen, sondern ein Auftrag der Gemeinde. Nach ihrer Rückkehr berichten die Missionare der Gemeinde über ihr Handeln. Neuberth erkennt darin ein Zusammenspiel von göttlichem Wirken und menschlicher Verantwortung. Gott handelt durch seinen Geist, aber dieses Handeln verwirklicht sich innerhalb einer beteiligten und handelnden Gemeinschaft.
Ein weiteres wichtiges Beispiel bietet Apostelgeschichte 15. Die Aufnahme von Menschen aus nichtjüdischen Völkern führt zu einem grundlegenden Konflikt innerhalb der jungen Kirche. Dieser Konflikt wird nach Neuberth in einem transparenten und gemeinschaftlichen Verfahren bearbeitet. Die strittigen Fragen werden der Jerusalemer Gemeinde vorgelegt, gemeinsam diskutiert und schließlich durch einen gemeinsamen Beschluss beantwortet. Der Heilige Geist und die menschliche Gemeinschaft werden dabei nicht als Gegensätze verstanden. Die Entscheidung wird vielmehr als gemeinsames Wirken von Geist und Gemeinde betrachtet.
Neuberth betont deshalb, dass die Bezeichnung dieser Versammlung als Apostelkonzil missverständlich sein kann. Nicht nur die Apostel entscheiden. Apostel, Älteste und Gemeinde wirken zusammen. Treffender erscheint ihm deshalb die Bezeichnung Jerusalemer Versammlung oder Synode. Kirchliches Amt und Gemeinde stehen nicht gegeneinander, sondern tragen gemeinsam Verantwortung.
Am Ende formuliert Neuberth aus diesen Beobachtungen eine Ermutigung für die heutige Kirche. Entscheidend ist für ihn weniger, ob die beschriebenen Verfahren ausdrücklich als demokratisch bezeichnet werden können. Wichtiger ist das darin erkennbare Kirchenverständnis. Eine Kirche mit einem klaren Auftrag kann Strukturen hinterfragen, neue Ämter schaffen, neue Projekte beginnen und Konflikte gemeinschaftlich lösen. Voraussetzung dafür ist die Beteiligung des ganzen Volkes Gottes. Der Heilige Geist ermächtigt nicht nur einzelne Amtsträger, sondern die gesamte Gemeinschaft. Kirchlicher Aufbruch ist deshalb nach Neuberths Verständnis ein gemeinschaftliches Geschehen. Seine zentrale Aussage lautet, dass eine Kirche, die das Volk Gottes von Entscheidungen ausschließt, ihre eigene Kraft schwächt. Zukunftsfähige Veränderungen entstehen dagegen dort, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Für den Religionsunterricht bietet der Artikel damit insbesondere Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit dem Kirchenverständnis, dem Volk Gottes, dem Heiligen Geist, kirchlicher Autorität, Partizipation, Demokratie und dem Verhältnis von Amt und Gemeinde. Lernende können anhand der Apostelgeschichte untersuchen, ob und in welcher Form die frühe Kirche Modelle gemeinsamer Verantwortung entwickelt und welche Bedeutung diese biblischen Vorstellungen für gegenwärtige Diskussionen über kirchliche Reformen besitzen.