Das Medium eignet sich besonders für einen Religionsunterricht, der die Josefsgeschichte mit Fragen der Identitätsentwicklung, Vielfalt und Anerkennung verbindet. Die besondere religionspädagogische Perspektive besteht darin, Josef nicht ausschließlich als den bevorzugten Sohn Jakobs oder als Träumer zu betrachten. Vielmehr wird danach gefragt, was geschieht, wenn ein Mensch von gesellschaftlichen Erwartungen abweicht und aufgrund seines Andersseins Ablehnung erfährt. Das Medium versteht queere Religionspädagogik dabei nicht ausschließlich als Behandlung eines eigenen Themas, sondern als grundlegende Haltung. Gesellschaftlich gesetzte Normen und scheinbar selbstverständliche Kategorien sollen wahrgenommen, hinterfragt und geöffnet werden. Für die Unterrichtspraxis bedeutet dies, dass Vielfalt nicht erst dann thematisiert wird, wenn sie als Problem erscheint. Unterschiedliche Lebensweisen, Identitäten und Gottesvorstellungen können vielmehr selbstverständlich in den Religionsunterricht integriert werden.
Als Einstieg eignet sich das im Medium verwendete Lied „Das macht das Leben einfach bunt“. Es dient als wiederkehrendes Ritual und verbindet Vielfalt mit der Erfahrung, dass jedes Kind etwas Besonderes und Eigenes ist. Methodisch kann daran eine Wahrnehmungsübung anschließen, in der Gemeinsamkeiten und Unterschiede innerhalb der Lerngruppe gesammelt werden. Das Material verwendet hierfür auf Seite 14 eine Autogrammjagd mit dem Titel „Ich bin anders als du“. Dabei können zunächst unverfängliche Merkmale wie Lieblingsessen, Interessen, Haarlänge, Lieblingsfächer oder Freizeitbeschäftigungen gewählt werden. Bereits das Unterrichtsbeispiel zeigt, dass die Lernenden selbst darüber nachdenken können, welche Kategorien überhaupt geeignet sind, um Menschen voneinander zu unterscheiden. Diese Reflexion sollte ausdrücklich aufgegriffen werden. Die Frage lautet dann nicht nur: „Was unterscheidet uns?“, sondern auch: „Warum halten wir bestimmte Unterschiede für wichtig und andere nicht?“
Als Türöffner für die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Liebe und gesellschaftlichen Erwartungen nutzt das Medium eine adaptierte Szene aus „An der Arche um Acht“. Ein kleiner Pinguin verkleidet sich, behält seine Kleidung gerne an und verliebt sich in eine Taube. Klapperschlangen lehnen diese Beziehung ab und behaupten, Gott habe eine solche Verbindung nicht gewollt. Die Lernenden des beschriebenen Unterrichts setzen dieser Ablehnung die Auffassung entgegen, dass Pinguin und Taube gut sind, wie sie sind, und auch ihre Liebe gut ist. Der Zugang über Tierfiguren schafft zunächst eine gewisse Distanz zu persönlichen Erfahrungen und ermöglicht es jüngeren Lernenden, Fragen nach Anderssein, Liebe, Normen und Ausgrenzung zu diskutieren.
Die Arbeitsblätter auf den Seiten 15 und 16 unterstützen diese Auseinandersetzung. Zunächst bewerten die Lernenden verschiedene Handlungen von Pinguin, Taube und Klapperschlangen mit Begriffen wie mutig, feige, seltsam und gut. Die Ergebnisse sollten nicht lediglich verglichen, sondern begründet werden. Dadurch entsteht ein erstes ethisches Gespräch über Wertmaßstäbe. Im nächsten Schritt fordert das Material die Lernenden auf, Antworten auf die Behauptung der Klapperschlangen zu formulieren, Gott habe eine solche Verbindung niemals gewollt. Hier sollte die Lehrkraft darauf achten, dass unterschiedliche Positionen argumentativ betrachtet werden, ohne diskriminierende Äußerungen unwidersprochen stehen zu lassen. Zugleich können erste Fragen nach Gottesbild, Schöpfung, Liebe und Menschenwürde entstehen.
Der Übergang zur Josefsgeschichte erfolgt über das besondere Gewand Josefs. Das Medium deutet den in Genesis 37 verwendeten Ausdruck für das Gewand als Kleid, wie es auch eine Königstochter tragen konnte. Die Lernenden gestalten zunächst selbst ein solches Kleid. Dieser kreative Zugang eignet sich gut, um Erwartungen an Kleidung und Geschlecht sichtbar werden zu lassen. Entscheidend ist, die Gestaltung nicht durch stereotype Vorgaben einzuschränken. Die Lernenden sollten Farben, Formen und Muster frei wählen können. Anschließend kann gefragt werden, warum Kleidung häufig mit Vorstellungen darüber verbunden wird, was Jungen oder Mädchen tragen sollen und wie solche Erwartungen entstehen.
Eine zentrale Methode des Mediums ist der Bibliolog. Die Lernenden reisen gedanklich in die Welt der Josefsgeschichte und übernehmen unterschiedliche Rollen. Als Josef werden sie beispielsweise gefragt, wie sie sich mit dem besonderen Gewand fühlen. Im dokumentierten Unterricht nennen die Kinder Gefühle und Vorstellungen wie Freude, Schutz, Ehre und Geliebtsein. Anschließend übernehmen sie die Perspektive Jakobs und überlegen, weshalb der Vater Josef dieses Gewand geschenkt haben könnte. Methodisch ist dieser Perspektivwechsel besonders wertvoll, weil die biblische Erzählung nicht nur sachlich rekonstruiert wird. Die Lernenden füllen Leerstellen der Geschichte mit eigenen Vorstellungen und setzen sich emotional und kognitiv mit den Figuren auseinander. Steht keine Erfahrung mit Bibliolog zur Verfügung, schlägt das Medium ausdrücklich Rollenspiel als Alternative vor.
Die Deutung Josefs als queere oder transidente Person sollte im Unterricht als spezifische Lesart kenntlich bleiben und nicht als einzig mögliche Bedeutung des Bibeltextes präsentiert werden. Gerade darin liegt eine wichtige Lernchance. Die Lernenden können erfahren, dass biblische Texte aus unterschiedlichen Perspektiven gelesen werden und neue Fragen an bekannte Geschichten gestellt werden können. Die im Medium formulierte Perspektive kann daher mit anderen Josefdeutungen verglichen werden. So entsteht eine elementare Form hermeneutischen Lernens: Welche Beobachtungen im Text ermöglichen eine bestimmte Interpretation? Was verändert sich, wenn eine bekannte Geschichte aus der Perspektive von Menschen gelesen wird, deren Erfahrungen lange wenig Beachtung gefunden haben?
Eine besonders sensible Unterrichtsphase betrifft die Gewalt der Brüder gegen Josef. Das Medium verbindet diese Erfahrung ausdrücklich mit Ausgrenzung und Gewalt, die queere Menschen erfahren können. Im Bibliolog übernehmen die Lernenden zunächst die Perspektive der Brüder und formulieren, was diese an Josef ablehnen. Danach wechseln sie in Josefs Perspektive und formulieren, was Josef seinen Brüdern nach dem Verkauf sagen könnte. Auf Seite 17 bietet das Medium dazu ein Arbeitsblatt mit einer Darstellung Josefs im Brunnen und mehreren Sprechblasen für die Aussagen der Brüder. Diese Aufgabe eignet sich dazu, Mechanismen von Abwertung und Ausgrenzung sprachlich sichtbar zu machen.
Bei dieser Unterrichtsphase ist besondere pädagogische Sensibilität erforderlich. Abwertende Aussagen werden innerhalb einer Rolle formuliert und müssen anschließend gemeinsam reflektiert werden. Sie dürfen nicht als legitime Beschreibungen von Menschen stehenbleiben. Die Lehrkraft sollte deshalb nach dem Rollenspiel eine deutliche Entlastung und Distanzierung ermöglichen. Fragen wie „Was bewirken solche Worte bei Josef?“, „Warum grenzen die Brüder Josef aus?“, „Wann werden Unterschiede zum Anlass für Gewalt?“ und „Was hätte Josef in dieser Situation gebraucht?“ führen von der biblischen Geschichte zu allgemeinen Fragen von Anerkennung, Schutz und Verantwortung. Persönliche Erfahrungen mit Ausgrenzung sollten nicht eingefordert werden.
Die weitere Josefsgeschichte eröffnet eine positive Perspektive. Das Medium fasst die folgende Unterrichtsphase mit dem Gedanken zusammen, dass Josef in Gottes Hand ist und Gott es gut mit Josef meint. Entscheidend ist dabei die religionspädagogische Überzeugung, dass auch queere Lernende Identifikationsmöglichkeiten in biblischen Geschichten finden können. Im Unterricht kann deshalb gefragt werden, welche Bedeutung die Erfahrung von Gottes Begleitung für einen ausgegrenzten Menschen haben kann. Gleichzeitig sollte vermieden werden, die zuvor erfahrene Gewalt vorschnell durch eine positive Wendung aufzulösen. Gottes Begleitung macht erlittenes Unrecht nicht ungeschehen.
Eine weitere Stärke des Mediums besteht in der Verbindung von menschlicher Vielfalt und vielfältigen Gottesbildern. Auf Seite 18 finden sich Bibelverse, in denen Gott unter anderem als Retterin, König, Mutter, Quelle, Licht, Schild und Versteck beschrieben wird. Diese Sammlung eignet sich für eine Stationenarbeit oder einen Lernweg im Klassenraum. Die Verse können im Raum verteilt werden. Lernende wählen einen Vers aus, der sie anspricht, gestalten ein Bild dazu oder formulieren, welche Eigenschaft Gottes durch das jeweilige Sprachbild ausgedrückt wird. Dabei wird deutlich, dass die Bibel selbst keine einzige sprachliche Vorstellung von Gott kennt.
Das Kreuzworträtsel auf Seite 19 kann anschließend zur Sicherung dieser Gottesbilder eingesetzt werden. Die Gestaltung arbeitet bewusst mit unterschiedlichen Schreibweisen des Wortes Gott und macht damit auch visuell deutlich, dass von Gott vielfältig gesprochen werden kann. Die Lösungsbegriffe umfassen unter anderem Quelle, Versteck, Retterin, Licht, Schild, Mutter, Feuer und König. Didaktisch sollte das Rätsel nicht nur als Wissensabfrage dienen. Nach der Lösung kann darüber gesprochen werden, warum die Bibel Gott beispielsweise sowohl König als auch Mutter nennt und weshalb kein einzelnes Bild Gott vollständig beschreiben kann.
Das Medium ordnet die Unterrichtseinheit der Lebensfrage „Fragen nach Sein und Werden“ und dem thematischen Schwerpunkt „Wer bin ich? Das Ich im Werden“ zu. Als Kompetenzen werden insbesondere das Entfalten unterschiedlicher Perspektiven innerhalb einer biblischen Erzählung, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Gotteserfahrungen sowie das begründete Nachdenken über Identität genannt. Für die Unterrichtsplanung bietet sich deshalb eine Lernbewegung an, die von der Wahrnehmung eigener und gesellschaftlicher Vielfalt über eine fremde Geschichte zur biblischen Josefserzählung und schließlich zur theologischen Reflexion führt.
Insgesamt sollte die Arbeit mit dem Medium von einer wertschätzenden und subjektorientierten Haltung geprägt sein. Lernende dürfen über Rollenbilder, Geschlecht, Liebe, Identität und Religion nachdenken, ohne ihre eigene Identität oder persönliche Erfahrungen offenlegen zu müssen. Die Lehrkraft sollte weder Zuschreibungen vornehmen noch einzelne Lernende zu Repräsentanten bestimmter Lebensformen machen. Ziel ist vielmehr, Vielfalt als selbstverständlichen Bestandteil menschlichen Lebens wahrzunehmen. Das Medium formuliert entsprechend als Ziel, dass Lernende Vielfalt als Bereicherung wahrnehmen, die eigene Lebensweise reflektieren und im Perspektivwechsel andere Menschen achten. Damit verbindet die Unterrichtseinheit Bibeldidaktik, Identitätslernen, ethische Bildung und die Auseinandersetzung mit vielfältigen Gottesbildern.
Klassenstufe: Grundschule, Klassen 3–4. Die Methoden (Bibliolog, Rollenspiel, einfache Arbeitsblätter, Kreuzworträtsel), die Themenwahl und die sprachliche Gestaltung weisen eindeutig auf den Primarbereich hin; die Autorin selbst unterrichtet in einer Grundschule.
Thematische Verortung im katholischen RU: Obwohl der Artikel aus evangelischem Kontext stammt, lässt sich die Einheit – mit angemessener Reflexion – auch im katholischen Religionsunterricht fruchtbar machen. Relevante Lernbereiche sind: biblische Erzählungen (Josefsgeschichte als Teil der Vätererzählungen), Gottesbilder und Gottessprache, Identität und Würde jedes Menschen, Schöpfungsvielfalt sowie das Thema Ausgrenzung und Solidarität. Lehrkräfte sollten die queere Perspektive bewusst und altersgerecht einbetten, ohne sie zu überfordern oder zu verschweigen.
Stärken des didaktischen Ansatzes: Die Einheit verbindet bibeltheologische Tiefe (Wortbedeutung von kethoneth passim, vielfältige Gottesbilder in Psalmen und Jesaja) mit einer kindgemäßen, erlebnisorientierten Methodik. Der Bibliolog als Methode ermöglicht Perspektivübernahme und Empathiebildung auf hohem Niveau; er lässt Kinder die biblische Erzählung von innen heraus erschließen. Die Autorin berichtet von überraschend offenen und differenzierten Schülerantworten, die zeigen, dass Grundschulkinder weniger durch Vorurteile blockiert sind als oft angenommen.
Methodische Hinweise: Wer keine Bibliologausbildung besitzt, kann die entsprechenden Phasen durch einfaches Rollenspiel, szenisches Lesen oder Standbilder ersetzen. Das Kinderbuch „An der Arche um Acht" (Ulrich Hub / Jörg Mühle) eignet sich als niedrigschwelliger Einstieg und ist im Buchhandel problemlos verfügbar. Die Arbeitsblätter sind direkt einsetzbar; AB 2 und AB 3 (Pinguin und Taube) können auch als eigenständige Einheit zu Freundschaft und Akzeptanz verwendet werden.
Sensible Begleitung: Die Verknüpfung von Josefsgeschichte und Transidentität ist theologisch begründet, aber im Unterrichtskontext erklärungsbedürftig. Lehrkräfte sollten sich im Vorfeld mit den verwendeten Begriffen (Transidentität, queer) vertraut machen und eine altersgerechte Sprache wählen. Elterninformation oder -einbindung kann – je nach Schulkontext – sinnvoll sein. Wichtig ist, dass die Einheit nicht auf eine „Aufklärungsstunde" reduziert wird, sondern theologisch fundiert bleibt: Im Zentrum steht Gottes Liebe zu jedem Menschen, unabhängig von Geschlecht oder Andersartigkeit.
Verbindung zu Lehrplankompetenzen (exemplarisch, katholisch): Wahrnehmen (Vielfalt als Bestandteil der Schöpfung erkennen), Deuten (biblische Texte auf die eigene Lebenswirklichkeit beziehen), Urteilen (eigene Haltung zu Ausgrenzung und Akzeptanz entwickeln), Kommunizieren (Perspektiven austauschen und begründen), Gestalten (kreative Auseinandersetzung mit biblischen Figuren durch Bibliolog, Rollenspiel, Zeichnen).
Besonderer Wert der letzten Stunde: Die abschließende Einheit zu Gottesbildern (AB 5 und AB 6) ist auch unabhängig vom queeren Kontext einsetzbar – als eigenständige Sequenz zur Sprache von und über Gott in der Grundschule. Die Verwendung der Bibel in gerechter Sprache und die bewusste Wahl weiblicher und neutraler Gottesbezeichnungen bietet einen wertvollen Impuls für das Theologisieren mit Kindern.