Das Konzept „Gemeinsam den Kirchenraum entdecken“ von Barbara Weber bietet eine handlungsorientierte Kirchenraumerkundung für Kinder im Alter von etwa acht bis vierzehn Jahren. Es wurde für die Lange Nacht der Kirchen entwickelt, kann aber auch bei Pfarrfesten, in Gemeindegruppen, in der Vorbereitung auf die Erstkommunion und im Religionsunterricht eingesetzt werden.
Das Material enthält 24 voneinander unabhängige Stationen, aus denen passend zum jeweiligen Kirchengebäude, zur verfügbaren Zeit und zur Lerngruppe ausgewählt werden kann. Vorgesehen sind unter anderem das bewusste Betreten der Kirche, ein Brief an Gott, die Begegnung mit Figuren und Heiligen, das Entdecken von Kerzen und Licht, die Betrachtung von Kunstwerken, die Gestaltung eines Altartuchs, Klangerfahrungen, das Sprechen am Ambo, Segenshandlungen mit Weihwasser, Suchspiele, Perspektivwechsel, die Wahl eines Lieblingsplatzes, Fragen an Gott sowie die Gestaltung von Kirchenfenstern und eigenen Kirchenraumentwürfen.
Zu jeder Station werden Material, Zeitrahmen, räumliche Voraussetzungen, Durchführung und Zielsetzung angegeben. Die Stationen sind überwiegend selbsterklärend und können einzeln, in kleinen Gruppen oder als gemeinsamer Rundgang bearbeitet werden. Eine Begrüßung und eine Verabschiedung bilden den Rahmen der Erkundung.
Im Religionsunterricht eignet sich das Medium besonders für eine erfahrungsbezogene und subjektorientierte Erschließung eines Kirchenraums. Die Kirche wird nicht nur als Gebäude erklärt, sondern als religiöser, kultureller, sozialer und persönlicher Erfahrungsraum wahrgenommen.
Vor dem Besuch sollte die Lehrkraft den konkreten Kirchenraum besichtigen, geeignete Stationen auswählen, Absprachen mit der Gemeinde treffen und klären, welche Bereiche betreten oder berührt werden dürfen. Für eine Unterrichtsstunde sind fünf bis sieben Stationen ausreichend. Bei einem längeren Besuch können weitere Angebote ergänzt werden.
Die Auswahl sollte unterschiedliche Sinne und Lernwege berücksichtigen. Eine ausgewogene Zusammenstellung enthält beispielsweise eine Station zum genauen Sehen, eine zum Hören, eine zur Bewegung, eine kreative Aufgabe, eine religiöse Ausdrucksform und eine Gelegenheit zur persönlichen Reflexion.
Zu Beginn sollte eine kurze Orientierung erfolgen. Dabei können die besondere Bedeutung des Ortes, angemessenes Verhalten, Bewegungsräume, Sicherheitsregeln und freiwillige Angebote besprochen werden. Lernende sollten wissen, dass sie religiöse Handlungen beobachten und kennenlernen dürfen, aber nicht ausführen müssen.
Dies gilt besonders für das Kreuzzeichen, das Gebet, das Anzünden einer Kerze, die Verwendung von Weihwasser und gegenseitige Segenshandlungen. Die freiwillige Teilnahme ermöglicht auch Lernenden anderer Religionen sowie nicht religiösen Lernenden einen respektvollen Zugang. Sie können eine Handlung beschreiben, ihre Bedeutung erschließen oder eine eigene Form des guten Wünschens wählen.
Der Beginn am Eingang eignet sich zur bewussten Wahrnehmung des Übergangs vom Alltag in einen besonderen Raum. Lernende können Unterschiede zwischen dem Vorplatz, dem Eingangsbereich und dem Inneren der Kirche benennen. Geräusche, Licht, Temperatur, Geruch, Raumhöhe und Körpergefühl können in einem Wahrnehmungsbogen festgehalten werden.
Anschließend erhalten Kleingruppen unterschiedliche Stationenaufträge. Ein Stempelpass kann motivieren, sollte aber nicht dazu führen, dass die Stationen möglichst schnell abgearbeitet werden. Wichtiger sind konzentrierte Wahrnehmung, individuelle Auswahl und genügend Zeit zum Verweilen.
Die Station zu Figuren und Bildern fördert genaues Hinsehen und Perspektivübernahme. Lernende können Sprechblasen formulieren, Gefühle benennen, dargestellte Situationen untersuchen und Vermutungen über religiöse Bedeutungen entwickeln. Die Aussagen sollten anschließend mit gesicherten Informationen verglichen werden.
Bei historischen Figuren und Heiligen ist darauf zu achten, Legenden, Glaubensüberzeugungen und historische Erkenntnisse voneinander zu unterscheiden. Die Lernenden können Heiligenfiguren im Kirchenraum suchen, ihre Attribute untersuchen und anschließend eine eigene Vorstellung von einem heiligen Menschen gestalten.
Die Lichtstation eröffnet Gespräche über Hoffnung, Erinnerung, Trauer und Fürbitte. Kerzen dürfen nur unter Aufsicht verwendet werden. Elektrische Lichter stellen eine sichere Alternative dar. Lernende können überlegen, für wen sie ein Licht entzünden möchten und welche Bedeutung Licht in ihrem Leben besitzt.
Die Klangstation macht die besondere Akustik des Raumes erfahrbar. Lernende können an verschiedenen Orten summen, einzelne Töne erzeugen, den Nachhall vergleichen und untersuchen, weshalb Kirchen für Musik und gemeinsames Singen geeignet sind. Dabei braucht es klare Absprachen, damit andere Gruppen und anwesende Personen nicht gestört werden.
Der Perspektivwechsel ermöglicht eine körperliche Erkundung. Lernende betrachten die Kirche aus der Bank, vom Ambo, aus dem Altarraum, von der Orgel oder aus Bodennähe. Erhöhte Orte dürfen nur sicher und nach vorheriger Erlaubnis betreten werden. Leitern benötigen eine unmittelbare Aufsicht.
Die Station am Ambo verbindet Raumerfahrung und Sprache. Lernende können einen kurzen Bibeltext lesen oder formulieren, welche Botschaft sie einer versammelten Gemeinde mitteilen würden. Dadurch wird der Ambo als Ort der Verkündigung verständlich.
Die Fragen an Gott und der Brief an Gott eröffnen einen geschützten Raum für Zweifel, Wünsche, Klage und Hoffnung. Vorher muss eindeutig erklärt werden, ob Texte anonym bleiben, gelesen, aufbewahrt oder in einem Gottesdienst verwendet werden. Ohne ausdrückliche Zustimmung dürfen persönliche Texte nicht vorgelesen oder weitergegeben werden. Eine verschlossene Box kann die Vertraulichkeit sichern.
Die Gestaltung eines Altartuchs fördert gemeinschaftliches Arbeiten und ermöglicht den Lernenden, Dankbarkeit sichtbar auszudrücken. Diese Station ist nur sinnvoll, wenn das Tuch später tatsächlich wertschätzend verwendet oder ausgestellt wird. Vor der Verwendung am Altar sollten liturgische und gemeindliche Vorgaben geklärt werden.
Beim gegenseitigen Segnen ist das Einverständnis der beteiligten Person zwingend erforderlich. Alternativ können Lernende einen Segenswunsch auf einen Stein schreiben oder einem Menschen in Gedanken etwas Gutes wünschen. So können sie die Bedeutung des Segens erschließen, ohne selbst an einer religiösen Handlung teilnehmen zu müssen.
Suchaufgaben wie „Ich sehe etwas, das du nicht siehst“ oder „Suche etwas Rundes“ eignen sich besonders für jüngere Lernende. Sie lenken den Blick auf Farben, Formen, Materialien und Details. Schätzaufgaben zur Größe, Länge und Höhe der Kirche verbinden die Erkundung mit mathematischem Lernen.
Die Station zum Lieblingsplatz macht individuelle Raumwahrnehmungen sichtbar. Lernende können begründen, weshalb ein Ort Geborgenheit, Ruhe, Neugier oder Unbehagen auslöst. Auch kritische Wahrnehmungen sind ernst zu nehmen. Ein Kirchenraum muss nicht allen Lernenden gleichermaßen gefallen.
Die Aufgabe zur Neugestaltung der Kirche kann zeigen, welche Bedürfnisse Lernende an einen religiösen Gemeinschaftsraum haben. Ihre Zeichnungen oder Modelle können in einer Ausstellung präsentiert und mit Verantwortlichen der Gemeinde besprochen werden. Dadurch erhalten die Lernenden die Erfahrung, dass ihre Wahrnehmungen und Ideen ernst genommen werden.
Fotografien dürfen nur mit Zustimmung der abgebildeten Personen aufgenommen und verwendet werden. Für Lernende mit körperlichen, sensorischen oder sprachlichen Einschränkungen sollten barrierearme Wege, gut lesbare Aufträge, Symbole, Audiotexte, Sitzgelegenheiten und alternative Tätigkeiten vorbereitet werden.
Die Lehrkraft kann Aufgaben sprachlich differenzieren und Wahlmöglichkeiten zwischen Schreiben, Zeichnen, Sprechen, Zeigen und Gestalten anbieten. Lernende können allein, zu zweit oder in einer Kleingruppe arbeiten. Begleitpersonen sollten unterstützen, ohne Beobachtungen und Deutungen vorzugeben.
Eine gemeinsame Abschlussrunde sichert die Erfahrungen. Lernende können einen bedeutsamen Gegenstand, einen überraschenden Ort oder eine offene Frage vorstellen. Als weiterführende Aufgabe eignen sich ein Kirchenraumtagebuch, ein Lageplan mit persönlichen Entdeckungen, eine digitale Bildergeschichte, ein Modell oder ein Vergleich mit einem anderen Sakralraum.
Das Konzept ermöglicht vielfältige Zugänge zum Kirchenraum: spirituell, kreativ, sinnlich, spielerisch, musisch oder entdeckend. Die Stationen reichen von Ritualen und liturgischen Elementen („Hallo und guten Tag, Gott!“, „Segnen mit Weihwasser“), über kreative Angebote („Kirchenfenster gestalten“, „Altartuch gemeinsam gestalten“, „Unsere Heiligen“), bis hin zu Wahrnehmungs- und Erkundungsaufgaben („Perspektivenwechsel“, „Mein Lieblingsplatz“, „Ich seh, ich seh, was du nicht siehst“). Andere Stationen fördern Reflexion und Kommunikation: Kinder können Briefe oder Fragen an Gott formulieren, „Segen wünschen“ oder am Ambo eine Predigt gestalten. Spielerische Stationen wie „Was gehört nicht hierhin?“ oder „Such etwas, das…“ regen zum genauen Hinschauen und aktiven Entdecken an. Musikalische und körperliche Zugänge („Musik & Klang“, Kunstwerke nachstellen) laden dazu ein, den Kirchenraum mit allen Sinnen wahrzunehmen.
Viele Stationen bieten die Möglichkeit, Ergebnisse sichtbar zu machen – etwa durch Like-Daumen, ausgestellte Kunstwerke oder Gebetszettel. Manche können in anschließende Gottesdienste oder Gruppenstunden einfließen (z. B. Fragen an Gott, gestaltete Altartücher, Gedanken der Kinder vom Ambo). Insgesamt bietet das Konzept ein niederschwelliges, anpassbares und ressourcenschonendes Format, mit dem Kinder den Kirchenraum spielerisch erfahren, persönlich deuten und spirituell erleben können.