Thomas Hieke beginnt seinen Artikel mit dem bekannten Ausspruch Jesu, dass der Sabbat für den Menschen da sei und nicht der Mensch für den Sabbat. Dieser Gedanke dient ihm als Maßstab für Religion. Religion soll dem Menschen helfen und ihn in seiner Menschlichkeit fördern. Vor diesem Hintergrund fragt Hieke, ob dies auch für die Opfervorschriften des Buches Levitikus gilt. Diese wirken zunächst technisch, kompliziert und stark auf einzelne Vorschriften konzentriert. Hieke möchte jedoch zeigen, dass sich hinter diesen Regelungen eine menschenfreundliche Vorstellung des Kultes erkennen lässt.
Die ersten Kapitel des Levitikus beginnen mit freiwilligen Opfern. Menschen können Gott freiwillig Gaben aus Vieh oder pflanzlichen Nahrungsmitteln darbringen. Erst später werden bestimmte Opfer verpflichtend. In den folgenden Kapiteln werden die Vorschriften genauer erklärt, die Durchführung des Kultes vorbereitet und schließlich praktisch umgesetzt. Levitikus 10 berichtet vom Tod der beiden Aaronsöhne Nadab und Abihu. Diese Geschichte zeigt nach Hieke die Gefährlichkeit der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Zugleich warnt sie vor dem Versuch, Gott durch eigenmächtige religiöse Handlungen zu manipulieren.
Eine erste Opferform ist das Brandopfer. Dabei wird fast das gesamte Tier verbrannt. Als Opfer kommen unterschiedlich wertvolle Tiere infrage. Ein wohlhabender Mensch kann ein Rind opfern, während ein armer Mensch eine Taube darbringen kann. Entscheidend ist, dass der wirtschaftliche Wert des Opfers nicht über seinen religiösen Wert entscheidet. Auch das Opfer eines armen Menschen ist vollständig gültig. Hieke erkennt darin eine wichtige soziale Aussage. Vor Gott besitzt der arme Mensch den gleichen Wert wie der wohlhabende Mensch.
Beim Speiseopfer werden pflanzliche Nahrungsmittel wie Mehl, Öl oder Brot dargebracht. Nur ein kleiner Teil wird verbrannt. Der größere Teil dient den Priestern als Nahrung und Einkommen. Bemerkenswert ist außerdem, dass sowohl Frauen als auch Männer Opfer darbringen dürfen. Die Tätigkeit unmittelbar am Heiligtum bleibt allerdings männlichen Priestern vorbehalten. Damit zeigt der Text einerseits eine grundsätzliche Beteiligung von Frauen und Männern am Opferkult, andererseits aber auch eine geschlechtlich begrenzte Ausübung des Priesteramtes.
Eine weitere Form ist das Heilsgemeinschaftsopfer. Bei diesem Opfer wird nur ein Teil des Tieres auf dem Altar verbrannt. Bestimmte Teile erhalten die Priester, während der größte Teil des Fleisches von einer feiernden Gemeinschaft gegessen wird. Das Opfer ist damit eng mit Gemeinschaft, Heil, Dank und Frieden verbunden. Es kann beispielsweise aus Dankbarkeit für die Genesung von einer schweren Krankheit gefeiert werden. Das Opfer stärkt somit nicht nur die Beziehung zu Gott, sondern auch die Gemeinschaft zwischen den Menschen.
Besonders ausführlich beschäftigt sich Hieke mit dem Entsündigungsopfer und dem Entschuldigungsopfer. Diese Opfer werden notwendig, wenn ein Mensch unbeabsichtigt schuldig geworden ist. Entscheidend ist dabei das Wort unbeabsichtigt. Absichtlich begangene Sünden können nach Hieke nicht einfach durch eine kultische Handlung beseitigt werden. Der Opferkult darf nicht als Möglichkeit verstanden werden, sich von bewusst begangenem Unrecht freizukaufen. Bei absichtlicher Schuld ist der Mensch auf die Gnade Gottes angewiesen.
Der Begriff Schuld wird dabei sehr weit verstanden. Es geht nicht nur um bewusstes moralisches Fehlverhalten. Menschen können auch durch unglückliche Umstände, materielle Verpflichtungen oder Vorgänge, die sie selbst nicht kontrollieren können, in einen Zustand der Verunsicherung geraten. Entscheidend ist, dass etwas die heilvolle Beziehung zwischen Mensch und Gott stört. Das Opfer soll dann das entfernen, was zwischen Gott und Mensch steht. Deshalb bevorzugt Hieke die Begriffe Entsündigungsopfer und Entschuldigungsopfer. Die Vorsilbe Ent macht deutlich, dass etwas Trennendes beseitigt werden soll.
Beim Entschuldigungsopfer kommt eine weitere Dimension hinzu. Wenn durch das Verhalten eines Menschen ein materieller Schaden entstanden ist, muss dieser zunächst ersetzt werden. Erst anschließend kann durch das Opfer die gestörte Gottesbeziehung wiederhergestellt werden. Religiöse Versöhnung ersetzt also nicht die konkrete Wiedergutmachung gegenüber anderen Menschen oder der Gemeinschaft.
Das gemeinsame Ziel aller Opfer liegt für Hieke in der heilvollen Kommunikation zwischen Gott und Mensch. Dabei ist der wirtschaftliche Wert des Opfers nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr eine aufrichtige Haltung. Die Opferhandlung soll die Beziehung zwischen Mensch und Gott stärken oder wiederherstellen. Der Kult bildet dadurch eine Brücke zwischen Gott und Mensch.
Hieke erläutert in diesem Zusammenhang den Begriff des Wohlgefallens. Gemeint ist ein positiver Zustand des Menschen vor Gott und damit eine gelungene Beziehung zu Gott. Religiöse Handlungen allein reichen dafür jedoch nicht aus. Fehlverhalten und eine falsche innere Haltung können dazu führen, dass Gott die Opfer nicht annimmt. Wer versucht, seine religiösen Pflichten möglichst billig zu erfüllen, verfehlt den eigentlichen Sinn des Opfers. Gefordert sind Ehrlichkeit gegenüber Gott und die Einbindung in die Gemeinschaft. Deshalb soll es keinen privaten Kult geben, durch den einzelne Menschen Gott für sich allein beanspruchen.
Eine besondere Handlung beim Brandopfer ist die sogenannte Handaufstemmung. Der Opfernde legt seine Hand mit Nachdruck auf den Kopf des Opfertieres. Diese Handlung muss persönlich ausgeführt werden. Hieke diskutiert unterschiedliche Erklärungen für diese Geste, betont aber vor allem die enge Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Opfer. Das Opfer ist kein unpersönlicher Vorgang. Es geschieht zugunsten eines konkreten Menschen und dient dessen persönlicher Beziehung zum lebendigen Gott.
Ein zentraler theologischer Begriff des Artikels ist die Versöhnung. Hieke erklärt, dass Versöhnung bedeutet, das zu beseitigen, was zwischen zwei Seiten steht und ihre Beziehung stört. Als Beispiel verweist er auf Jakob und Esau. Jakob versucht nach langer Entfremdung durch ein Geschenk die Beziehung zu seinem Bruder wiederherzustellen. Ebenso versucht Mose nach der Verehrung des Goldenen Kalbes die zerstörte Beziehung zwischen Israel und Gott wiederherzustellen. Im Levitikus übernimmt der Opferkult eine vergleichbare Funktion. Er soll Versöhnung ermöglichen und das Trennende zwischen Gott und Mensch beseitigen.
Eine weitere wichtige Funktion des Opferkultes ist die Bewältigung menschlicher Verunsicherung. Ein Mensch kann nach bestem Wissen und Gewissen leben und dennoch unbeabsichtigt schuldig werden. Das Geschehene kann nicht rückgängig gemacht werden. Auch das entstandene Schuldbewusstsein lässt sich nicht einfach beseitigen. Nach der Darstellung des Levitikus bietet Gott selbst ein Ritual an, mit dem diese Störung überwunden werden kann. Hieke spricht deshalb von einer therapeutischen Funktion des Kultes.
Dies betrifft auch körperliche Vorgänge wie Blutungen nach einer Geburt oder bestimmte Hauterkrankungen. Solche Vorgänge werden nicht als absichtliche moralische Verfehlungen verstanden. Sie konnten Menschen in der damaligen Welt jedoch stark verunsichern. Das Opfer sollte keine medizinische Heilung bewirken und Gott auch nicht magisch zu einer Heilung zwingen. Vielmehr fand die kultische Handlung nach dem Ende des belastenden Zustandes statt und ermöglichte die Wiedereingliederung der betroffenen Person in die Gemeinschaft und in die Gottesnähe.
Auch bei Vergebung bleibt Gott souverän. Der Priester führt das vorgeschriebene Ritual aus, aber die eigentliche Vergebung kommt von Gott. Der Mensch kann Gott nicht durch ein Ritual zwingen. Damit grenzt Hieke den biblischen Opferkult ausdrücklich von Magie ab. Gott selbst eröffnet dem Menschen einen Weg, auf dem die Wiederherstellung der Beziehung zu ihm erfahrbar wird.
Dieser Weg steht auch armen Menschen offen. Wer sich kein Schaf oder keine Ziege leisten kann, darf Tauben bringen. Wer selbst dafür nicht genügend Mittel besitzt, kann eine kleine Menge Mehl darbringen. Die Möglichkeit der Versöhnung mit Gott hängt somit nicht vom Vermögen eines Menschen ab. Niemand soll aufgrund seiner Armut vom Zugang zum Kult und damit von der Erfahrung der Gottesnähe ausgeschlossen werden.
Der Kult hat außerdem die Funktion eines geschützten Begegnungsraumes. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott wird als etwas Mächtiges und potenziell Gefährliches verstanden. Deshalb übernehmen die Priester eine vermittelnde Aufgabe. Sie handeln nach festgelegten Regeln. Die Geschichte von Nadab und Abihu zeigt, dass Priester keine eigenmächtigen Rituale entwickeln und keine persönlichen Interessen verfolgen dürfen. Die klaren Vorschriften sollen sowohl eine Manipulation Gottes als auch eine Manipulation der Menschen durch religiöse Autoritäten verhindern. Gleichzeitig wird allen Israeliten grundsätzlich ein Zugang zum Heiligtum und damit zu Gottes Heil ermöglicht.
Im Ausblick deutet Hieke die Kultordnung des Levitikus als Orientierung und Halt für den Menschen vor Gott. Gott selbst eröffnet die Möglichkeit der Begegnung mit ihm. Daraus entwickelt Hieke auch einen Maßstab für heutige Liturgie. Religiöses Handeln soll Menschen eine Perspektive auf Gott eröffnen, Kommunikation und Vergebung erfahrbar machen, Verunsicherungen überwinden und Menschen integrieren statt sie auszuschließen.
Der Opferkult des Levitikus wird heute weder im Judentum noch im Christentum praktiziert. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels entwickelten sich andere Formen der Gottesbegegnung und Versöhnung. Im Judentum treten das Studium der Tora sowie Reue, Umkehr, Gebet und gute Taten an die Stelle der Opfer. Im Christentum werden Menschwerdung, Kreuzestod und Auferstehung Christi sowie Wortgottesdienst und Eucharistie in diesen Zusammenhang gestellt. Die bleibende Grundbotschaft des Levitikus lautet für Hieke, dass Gott die Versöhnung mit den Menschen will.
Für den Religionsunterricht ermöglicht der Artikel Lernenden einen neuen Zugang zu den zunächst fremd wirkenden Opfervorschriften des Alten Testaments. Lernende können erkennen, dass Opfer nicht als Bestechung Gottes oder als magische Handlung verstanden werden. Vielmehr geht es um Gottesbeziehung, Versöhnung, Vergebung, Gemeinschaft und die Bewältigung von Schuld und Verunsicherung. Gleichzeitig können Lernende die Frage diskutieren, welche Formen heutiger Religiosität dem Menschen helfen und wie Gottesdienst gestaltet werden kann, damit er integrierend und menschenfreundlich wirkt.