RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Katholische Akademie Bayern

Katholische Akademie Bayern

Philosophie als Offenbarung

Veröffentlichung:1.6.2021

Der Fachartikel umfasst fünf Seiten. Der Artikel behandelt die alte Streitfrage nach dem Verhältnis von Philosophie und Offenbarung und setzt sich dabei mit dem Verhältnis von Vernunft, Wahrheit und Religion auseinander. Theologisch relevant sind vor allem die Fragen nach Offenbarung, nach Gott als Wahrheit, nach dem Verhältnis von Philosophie und Theologie sowie nach der Möglichkeit, dass Wahrheit sich dem Menschen nicht nur durch Argumente, sondern auch in einem Offenbarungsgeschehen erschließt.

Products

Der Artikel fragt nach dem Verhältnis von Philosophie und Offenbarung, greift diese Frage aber nicht direkt im Sinne einer Gegenüberstellung von Vernunft und Religion auf. Stattdessen problematisiert er eine verbreitete Voraussetzung, nämlich die Annahme, Philosophie sei ein rein vernünftiges Unterfangen, in dem der Mensch allein aus eigener Kraft zu Wahrheit gelangen könne. Der Autor hält diese Voraussetzung für falsch und entwickelt in Auseinandersetzung mit Hegel die These, dass philosophische Erkenntnis selbst offenbarungsförmig ist.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist das Faktum des philosophischen Dissenses. In der Geschichte der Philosophie gibt es zahlreiche einander widersprechende und unvereinbare Überzeugungen. Dieser Befund ist nicht einfach psychologisch zu erklären, etwa dadurch, dass einzelne Denker weniger klug gewesen seien. Ebenso wenig genügt eine Historisierung der Philosophie, nach der jede Philosophie nur Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit wäre. Zwar steht Philosophie immer in geschichtlichen Zusammenhängen, doch sie versteht sich zugleich als ernsthaftes Ringen um Wahrheit. Wer Philosophie völlig historisiert, nimmt ihr diesen Wahrheitsanspruch. Damit entsteht ein Dilemma. Entweder man versteht Philosophie nur noch als geschichtlich bedingtes Meinungsphänomen, dann verliert sie ihren Wahrheitsanspruch. Oder man hält an ihrem Anspruch auf Wahrheit fest, muss dann aber erklären, warum es in ihr so tiefgreifende Widersprüche gibt.

Um dieses Problem zu bearbeiten, untersucht der Artikel die logische Form philosophischer Überzeugungen. Philosophische Aussagen unterscheiden sich nach Auffassung des Autors von alltäglichen Tatsachenbehauptungen. Im Alltag kann man darüber streiten, ob etwas der Fall ist, ohne dass die Bedeutung der verwendeten Begriffe selbst zur Debatte steht. In der Philosophie ist das anders. Dort geht es oft gerade um die Bedeutung grundlegender Begriffe. Wenn etwa die eine Position sagt, der Mensch sei ein geistiges Wesen von unbedingter Würde, und eine andere ihn als bloßes Naturobjekt ohne Würde versteht, dann sprechen beide nicht einfach nur unterschiedlich über denselben Gegenstand, sondern sie verstehen schon den Begriff des Menschen verschieden. Philosophischer Streit ist daher immer auch Streit über die Bedeutung von Begriffen.

Daraus ergibt sich nach dem Autor, dass Argumente philosophische Grundkonflikte nicht endgültig entscheiden können. Denn jedes Argument arbeitet mit Begriffen, deren Bedeutung bereits von einer bestimmten philosophischen Überzeugung geprägt ist. Die gegensätzlichen Auffassungen setzen sich also bis in die Prämissen der Argumente hinein fort. Deshalb kann ein Argument eine andere philosophische Grundposition nicht einfach zwingen, sich selbst aufzugeben. Argumente bleiben dennoch wichtig, weil sie die Kohärenz einer Position zeigen können. Sie können verdeutlichen, ob eine Auffassung widerspruchsfrei und begrifflich klar ausgearbeitet ist. Sie können aber nicht die grundlegende Umkehr zu einer anderen philosophischen Sicht erzwingen.

An diesem Punkt fragt der Artikel, was daraus für die Möglichkeit philosophischer Wahrheit folgt. Eine erste mögliche Antwort wäre, dass es philosophische Wahrheit gar nicht gibt und Philosophie nur ein Nebeneinander unverbindlicher Meinungen ist. Diese Möglichkeit weist der Autor zurück. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass es philosophische Wahrheit zwar gibt, sie aber nur denen zugänglich bleibt, die ohnehin schon in ihr stehen. Auch das lehnt er ab. Stattdessen schlägt er vor, Wahrheit als etwas zu verstehen, das die Kraft hat, sich selbst geltend zu machen. Menschen können sich nicht aus eigener Kraft durch Argumente zur Wahrheit zwingen, aber die Wahrheit kann Menschen von sich überzeugen.

Dies erläutert der Autor am Beispiel ästhetischer Erfahrung. Wer etwa durch das Hören von Beethoven zu der Einsicht gelangt, dass ästhetischer Genuss nicht bloß sinnliche Lust ist, sondern eine geistige Erfahrung, erfährt etwas, das sich nicht erzwingen lässt. Solche Einsicht ist unverfügbar. Sie geht einem auf. Genau in diesem Sinn spricht der Autor von Offenbarung. Philosophie ist Offenbarung, weil sich Wahrheit dem Menschen erschließen muss. Das philosophische Denken kann sich anstrengen, aufmerksam sein und sich auf den Denkprozess einlassen, doch das eigentliche Einleuchten der Wahrheit liegt nicht vollständig in seiner Verfügung.

Der Begriff der Offenbarung wirkt auf den ersten Blick religiös oder autoritär. Der Artikel deutet ihn aber anders. Gerade die Vorstellung, Wahrheit müsse vollständig durch Argumente beherrschbar und herstellbar sein, erscheint dem Autor als problematisch. Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Rede vom zwanglosen Zwang des besseren Arguments, wenn diese auf philosophische Grundfragen angewendet wird. Wo Wahrheit unverfügbar ist, führt eine solche Rede leicht zu einer Überhöhung menschlicher Verfügbarkeit. Der Offenbarungsbegriff soll dagegen gerade deutlich machen, dass Wahrheit sich schenkt und nicht erzwungen werden kann.

Zugleich betont der Artikel, dass dies nicht bedeutet, der Mensch müsse passiv warten. Auch wenn Wahrheit sich offenbart, bleibt aktives Denken notwendig. Menschen müssen sich auf den Vollzug des Denkens einlassen, aufmerksam sein und den philosophischen Streit führen. Jede philosophische Äußerung kann ein Ort der Offenbarung werden. Ob sie es tatsächlich ist, zeigt sich erst in der Erfahrung des Einleuchtens. Deshalb versteht der Autor seinen eigenen Text nicht als fertige Belehrung, sondern als Einladung zum eigenen Denken.

Im letzten Teil geht der Artikel einen entscheidenden Schritt weiter. Es könnte scheinen, als seien durch den Offenbarungsbegriff einfach alle philosophischen Positionen gleichberechtigt. Dem widerspricht der Autor. Offenbaren kann sich nur eine Wahrheit, deren Inhalt selbst Raum für Offenbarung lässt. Eine Position, die jeden geistigen Akt von Offenbarung von vornherein ausschließt, kann sich nicht als sich offenbarende Wahrheit verstehen, ohne sich zu widersprechen. Deshalb gelangt der Artikel zu der These, dass Philosophie als Offenbarung notwendig Philosophie des Geistes ist. Offenbarung ist ein geistiger Akt und muss daher zum Gehalt wahrer Philosophie selbst gehören.

Von hier aus öffnet sich der Gedankengang in Richtung Theologie. Wenn Offenbarung wesentlich zur philosophischen Wahrheit gehört, dann ist diese Wahrheit nicht bloß ein abstraktes Prinzip, sondern etwas Wirkliches, das dem Menschen vorausliegt, sich ihm zeigt und ihm zugleich erschließt, wer er selbst ist. In diesem Sinn identifiziert der Autor die sich offenbarende Wahrheit mit Gott. Daraus ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, weil Offenbarung immer einen Adressaten braucht. Um zu vermeiden, dass Wahrheit damit bloß von geschichtlichen Menschen abhängig wird, denkt der Autor einen ewigen Adressaten der Offenbarung mit. An dieser Stelle kommt der Gedanke des ewigen Sohnes und damit eine trinitarische Perspektive ins Spiel.

Im Ausblick plädiert der Artikel für ein neues Gespräch zwischen Philosophie und Theologie. Dabei wendet er sich sowohl gegen naturalistische Philosophie als auch gegen theologische Positionen, die Philosophie und Offenbarung zu scharf gegeneinander ausspielen. Er betont allerdings, dass sein Gedankengang zunächst hypothetisch ist. Wenn es philosophische Wahrheit gibt und wenn sie allen Menschen zugänglich werden kann, dann muss Philosophie Offenbarung sein. Ob das tatsächlich so ist, muss sich wiederum im Vollzug der Wahrheit selbst zeigen. Philosophieren erscheint damit zuletzt als Beziehungsgeschehen zu Gott. Der Mensch kann Philosophie nicht besitzen, sondern nur bezeugen. Ihr letztes Wort ist noch nicht gesprochen, kann aber jedem Menschen jederzeit zugesprochen werden, sofern er bereit ist, ernsthaft über sich selbst nachzudenken.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.