„Die Ente ist der Hase – über den Perspektivwechsel, radikale Einsichten und spirituelles Sehen“
I. Einführung (10 Minuten)
Ziel: Die Schüler*innen sollen erkennen, dass Perspektivwechsel tiefgreifend sein können und philosophisch wie religiös bedeutsam sind.
Einstieg über dem Impuls mit der Vase und den zwei Gesichtern, siehe Bild der Unterricjhtsstunde in ru-digital:
„Was siehst du?“
„Wie leicht oder schwer fällt dir der Wechsel? Und was hat das mit dem Leben zu tun?“
Kurzes Tafelgespräch: Welche Alltagssituationen kennt ihr, in denen man „die Welt mit anderen Augen“ sehen sollte?
Gibt es Situationen, in denen Fakten nichts bringen?
II. Diskussion (20 Minuten)
Ziel: Verstehen, was ein Perspektivwechsel ist und warum er sich nicht erzwingen lässt.
Fragen für die digitale Pinnwand / Gruppenarbeit (in Kleingruppen auf Tablets oder an der digitalen Tafel):
Warum kann man manchmal trotz Argumenten nicht überzeugt werden?
Wie erklärt Wittgenstein den Perspektivwechsel (z. B. bei der Hasen-Ente)?
Was unterscheidet das Erkennen eines Musters vom bloßen Sehen?
Impulszitate aus dem Video:
„Die Welt hat sich nicht geändert, aber man selbst.“
„Ein Bild kann einem tausendmal gezeigt worden sein – und trotzdem sieht man nie den Hasen.“
Warum kann man manchmal trotz Argumenten nicht überzeugt werden?
Weil Überzeugung nicht nur vom Verstand, sondern auch von Lebensform, Erfahrung und innerer Offenheit abhängt. Wittgenstein zeigt: Man kann Fakten präsentieren – aber wenn jemand das „Bild“ dahinter nicht sieht oder anders deutet, helfen Argumente oft nicht. Emotionale, kulturelle oder psychologische Faktoren können eine Sichtweise regelrecht blockieren.
Wie erklärt Wittgenstein den Perspektivwechsel (z. B. bei der Hasen-Ente)?
Wittgenstein nennt das „Aufleuchten eines Aspekts“: Man sieht plötzlich etwas anderes im bereits Bekannten. Beim Hasen-Ente-Bild ändert sich kein einziges Pixel – und doch kann sich die Wahrnehmung radikal verändern. Es handelt sich um ein inneres Kippen der Deutung, nicht um ein aktives Umdenken. Der Wechsel ist halb Seherlebnis, halb Denken – aber nicht bewusst steuerbar.
Was unterscheidet das Erkennen eines Musters vom bloßen Sehen?
Bloßes Sehen ist passiv: Man nimmt Farben, Formen oder Linien wahr.
Das Erkennen eines Musters aber ist aktiv: Man interpretiert, verbindet, sieht einen Sinn. Beim Mustersehen „begreift“ man das Gesehene. Beispiel: Erst wenn man im Kippbild den Hasen erkennt, wird aus Linien eine Figur – und das Bild „bedeutet“ etwas. Sehen ist also ein körperlicher Vorgang, Mustererkennen ein kognitiver und oft auch emotionaler.
III. Praktische Anwendung (20 Minuten)
Ziel: Selbsterfahrung eines Perspektivwechsels in verschiedenen Lebensbereichen
Aufgabe: Lerntheke mit 3 Stationen (je nach Niveau frei wählbar):
Perspektivtausch: Zwei Schüler*innen spielen Streitgespräch (z. B. über Veganismus, Klimaschutz, Religion), wechseln danach die Rollen und reflektieren: Was hat sich verändert?
Bildwechsel: Bilder mit Kippfiguren, Ambiguität oder symbolischer Tiefe (Vase/Gesichter, Dalís „Face of War“ etc.) → Was könnte das „zweite Bild“ im Leben sein?
Biografiearbeit: Berichte von „Bekehrungen“, Krisen oder Lebensumbrüchen (z. B. Paulus, Malcolm X, Simone Weil) → Was hat den Perspektivwechsel ausgelöst?
Station 1: Perspektivtausch – Streitgespräch mit Rollenwechsel
Thema (ein Thema auswählen oder selbst vorschlagen):
Veganismus vs. Fleischkonsum
Klimaschutz vs. Wirtschaftswachstum
Religion vs. Säkularität
Bedingungsloses Grundeinkommen: Ja oder Nein?
Aufgabe:
Führt ein Streitgespräch zu einem kontroversen Thema. Jede*r übernimmt eine gegensätzliche Position.
Nach ca. 5 Minuten wechselt ihr die Rollen.
Notiert anschließend stichwortartig eure Erfahrungen:
Fiel es euch leicht, die andere Position zu vertreten?
Habt ihr dabei etwas Neues verstanden?
Was hat sich im Gespräch nach dem Rollenwechsel verändert?
Reflexionsfrage: Kann ein echter Perspektivwechsel durch das Einnehmen der anderen Position entstehen?
geändert hat. Schreibt ein Beispiel auf.
Gruppe 2: Biografiearbeit – Wendepunkte im Leben bedeutender Personen
Material zur Auswahl (Kurztexte bereitstellen oder QR-Codes zu Biografieclips):
Paulus (Apostelgeschichte 9)
Simone Weil (Hinwendung zur Mystik)
Albert Schweitzer ("Ehrfurcht vor dem Leben")
Edith Stein / Augustinus / Buddha
Aufgabe:
Wählt eine Person und lest den kurzen Biografieauszug.
Beantwortet: Was war der Wendepunkt im Leben dieser Person?
Wodurch wurde der Perspektivwechsel ausgelöst (Krise, Erfahrung, Begegnung)?
Wie hat sich das Leben danach verändert?
Reflexionsfrage: Gibt es in eurem Leben schon einen Wendepunkt, an dem ihr die Welt anders gesehen habt?
Antizipierte Ergebnisse:
Paulus (Apostelgeschichte 9)
Wendepunkt: Die Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus.
Was geschah: Paulus, ein Christenverfolger, erlebt eine Vision des auferstandenen Christus („Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“).
Veränderung: Er wird blind, findet später durch Ananias Heilung und lässt sich taufen. Aus dem Verfolger wird ein leidenschaftlicher Verkünder des Evangeliums.
Simone Weil
Wendepunkt: Mystisches Erlebnis in der Benediktinerabtei Solesmes.
Was geschah: Weil, zuvor überzeugte Rationalistin, erlebt eine tiefe spirituelle Erschütterung durch das Hören gregorianischer Gesänge und später durch das Beten des Vaterunsers.
Veränderung: Sie öffnet sich der christlichen Mystik, bleibt aber kritisch gegenüber der Institution Kirche. Ihre Gedanken verbinden Philosophie, Gerechtigkeit und Mystik.
Albert Schweitzer
Wendepunkt: Die Entscheidung, seine akademische Karriere aufzugeben und als Arzt nach Afrika zu gehen.
Was geschah: Nach Studium und Professur (Theologie, Musik, Philosophie) beschließt Schweitzer, „etwas Konkretes für die Menschheit zu tun“.
Veränderung: Er gründet ein Spital in Lambaréné (Gabun) und entwickelt seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die Religion, Humanität und praktische Hilfe verbindet.
Edith Stein
Wendepunkt: Die Lektüre der Autobiografie der heiligen Teresa von Ávila.
Was geschah: Als Philosophin und Jüdin begegnet sie dem Christentum intellektuell – und wird davon tief ergriffen.
Veränderung: Sie lässt sich taufen, tritt in den Karmelorden ein, nimmt den Namen Teresia Benedicta a Cruce an. Ihr Weg endet im Konzentrationslager Auschwitz.
Augustinus
Wendepunkt: Die Bekehrung durch das „Tolle lege“–Erlebnis im Garten.
Was geschah: Augustinus, geprägt von Lebenslust und Zweifel, hört ein Kind sagen: „Nimm und lies.“ Er liest in der Bibel (Römerbrief) und wird innerlich verwandelt.
Veränderung: Er lässt sein altes Leben zurück, wird Bischof von Hippo, bedeutender Theologe und Kirchenvater. Seine Confessiones sind Zeugnis seines geistigen Kampfes.
Buddha (Siddhartha Gautama)
Wendepunkt: Die „vier Ausfahrten“ und die Meditation unter dem Bodhi-Baum.
Was geschah: Der wohlbehütete Prinz sieht erstmals Alter, Krankheit, Tod und einen Mönch – und erkennt das Leiden der Welt.
Veränderung: Er verlässt sein Leben im Palast, lebt als Asket und erfährt schließlich Erleuchtung. Fortan lehrt er den „mittleren Weg“ und die Befreiung vom Leiden.
IV. Präsentation der Ergebnisse (15 Minuten)
Ziel: Perspektivenvielfalt sichtbar machen
Jede Gruppe/Station stellt 1–2 Erkenntnisse vor (digital oder mündlich).
Besondere Fragen:
„Was ist nötig, damit ich offen für neue Perspektiven bin?“
„Kann man jemanden zu Einsicht zwingen?“
V. Reflexion & Zusammenfassung (10 Minuten)
Ziel: Vertiefung der persönlichen Auseinandersetzung
Methode: Standbild oder Padlet-Beitrag
„Ein Moment, in dem sich deine Sichtweise verändert hat“ (z. B. durch eine Begegnung, Krise, Freude).
Abschlusszitat an der digitalen Tafel:
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Wittgenstein)
VI. Hausaufgabe
Auftrag:
Schreibe eine kurze Szene oder Tagebucheintrag (max. 300 Wörter):
„Plötzlich sah ich die Ente …“
Beschreibe eine Situation, in der sich dein Denken radikal verändert hat oder hätte verändern können.
Alternativ (für kreative Schüler*innen):
Gestalte ein Bild oder Meme, das einen Perspektivwechsel symbolisiert. Bring es nächste Stunde mit.
VII. Abschließende Worte
„Manchmal müssen wir aufhören zu kämpfen – und anfangen zu sehen. Es braucht Mut, eigene Grenzen zu erkennen und loszulassen. Doch vielleicht liegt genau dort die Wahrheit – in der Offenheit für das, was wir noch nicht sehen.“
VIII. Zusätzliche kreative Ideen
Wortbild-Collage: „Aspektwechsel“ aus Symbolen, Zitaten und eigenen Worten gestalten
Interviewprojekt: „Wann hat sich Ihre Sicht auf die Welt verändert?“ – Eltern, Großeltern oder Bekannte befragen
Spiritueller Zugang: Betrachtung religiöser Perspektivwechsel (z. B. Paulus, Buddha, Hiob)
IX. Bibelzitate (zur Integration oder optionalen Vertiefung)
Apostelgeschichte 9,18: „Und sogleich fiel es wie Schuppen von seinen Augen...“ (Bekehrung des Paulus)
Jesaja 55,8–9: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege...“
1. Korinther 13,12: „Jetzt sehen wir durch einen Spiegel ein dunkles Bild...“
Lukas 24,31 (Emmausjünger): „Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.“