Der Artikel entfaltet Weihnachten als eine vielschichtige Erzählung, die im Laufe der Geschichte immer wieder neu gelesen, erweitert und gedeutet wurde. Zu Beginn betont der Autor, dass Sachbücher meist nicht nur eine Entstehungsgeschichte, sondern auch eine Lesegeschichte haben. Spuren des Lesens wie Randnotizen, Unterstreichungen und Kommentare zeigen, dass Texte im Lesen weiterleben und neue Gedanken auslösen. Diese Überlegung überträgt er auf das Weihnachtsevangelium. Auch die Weihnachtsgeschichte besitzt eine Vor und Wirkungsgeschichte, denn sie wurde durch Auslegung, künstlerische Gestaltung, Frömmigkeit und gesellschaftliche Praxis immer weiter ausgeschmückt und fortgeschrieben.
Im Zentrum steht die biblische Erzählung aus dem Lukasevangelium. Sie beginnt nicht mit mächtigen Gestalten, sondern mit Menschen, die im großen Weltgeschehen eher unbedeutend erscheinen. Gott nimmt gerade von solchen Randfiguren Notiz. Zunächst stehen Zacharias und Elisabet im Mittelpunkt, später Maria und Josef. Damit zeigt die Geschichte, dass Gott sich Menschen zuwendet, deren Lebenssituation von Hoffnung, Angst, Unsicherheit und Offenheit geprägt ist. Die Geburt Jesu wird darum als eine Geschichte verstanden, die bei den Nöten und Sehnsüchten konkreter Menschen ansetzt.
Der Artikel beschreibt anschließend, wie stark die Weihnachtsgeschichte die europäische Kultur geprägt hat. Viele Motive wurden immer wieder aufgenommen und neu gedeutet, etwa die ungeplante Schwangerschaft, die Herbergssuche, die Geburt außerhalb der Stadt, die Himmelszeichen, die Hirten, die Sterndeuter, die Flucht und die Erfahrung von Fremdheit. Deshalb ist Weihnachten nicht nur für religiöse Menschen anziehend, sondern auch für säkulare Deutungen offen. Der historische Kern der Erzählung mag umstritten sein, doch ihre Wirkungsgeschichte ist theologisch und kulturell außerordentlich bedeutsam. Die Weihnachtsgeschichte hat weitere Geschichten, Bilder, Lieder und Bräuche hervorgebracht und auf diese Weise selbst Geschichte gemacht.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Entwicklung des Weihnachtsfestes. Der Autor verweist darauf, dass sich Weihnachten vermutlich auch in Auseinandersetzung mit älteren Festen zur Wintersonnenwende entwickelt hat. Im Lauf der Zeit verband sich das christliche Fest mit vorhandenen Symboliken, kulturellen Formen und familiären Bräuchen. Besonders in der bürgerlichen Moderne entstanden jene Gestalten von Weihnachten, die heute vielen selbstverständlich erscheinen, etwa der Weihnachtsbaum, die Krippe, die Bescherung und das Feiern im Kreis der Familie. Dadurch wurde Weihnachten anschlussfähig für religiöse und säkulare Lebensformen. Gerade diese Offenheit erklärt seine große Integrationskraft.
Nach Auffassung des Autors hat diese Integrationskraft jedoch in der Gegenwart deutlich nachgelassen. Weihnachten kann die symbolische Welt seiner Umwelt nicht mehr in gleichem Maß prägen wie früher. Stattdessen wird es selbst von säkularen Interessen umgeformt, zerlegt und neu zusammengesetzt. Es verliert seinen klaren christlichen Gehalt und wird zunehmend zu einem allgemeinen Jahresendfest, zu einem Fest der Gefühle, des Konsums oder eines unbestimmt Besonderen. In Werbung, Medien und öffentlicher Kultur bleibt oft nur noch eine leere Hülle zurück. Religiöse Symbole werden ästhetisch genutzt, aber von ihrer theologischen Bedeutung getrennt. Der Autor sieht darin eine Form postsäkularer Kultur, in der religiöse Reste zwar weiterverwendet, aber nicht mehr in ihrem eigentlichen Sinn verstanden werden.
Dennoch meint der Artikel nicht, dass Weihnachten bedeutungslos geworden sei. Vielmehr fragt er, was das bleibende Gravitationszentrum von Weihnachten ausmacht. Zwei Leitmotive hebt er dabei besonders hervor: das Wagnis des Zur Welt Kommens und das Versprechen des Geliebtseins. An ihnen entscheidet sich, ob die Weihnachtsgeschichte auch in Zukunft noch tragfähig ist. Der erste große Gedankengang betrifft daher die Geburt und den Anfang des menschlichen Lebens. Die Weihnachtsgeschichte gehört nach Ansicht des Autors zu den Kindheitsgeschichten des Menschen. Sie erinnert Erwachsene an die eigene Kindheit und an die Grundfrage, was es bedeutet, in diese Welt zu kommen. Geburt ist ein unscheinbarer und zugleich riskanter Anfang. Niemand weiß, was aus einem Kind werden wird. Hoffnung und Angst liegen eng beieinander. Der Mensch erfährt sich von Anfang an als angewiesen, verletzlich und offen für Zukunft.
Von hier aus deutet der Autor die Verkündigung an Maria. Die Rede von der Jungfrauengeburt will nicht biologische Sonderbarkeit betonen, sondern eine theologische Grundwahrheit ausdrücken. Der Mensch ist mehr als Produkt anderer Menschen und mehr als Ergebnis sozialer Erwartungen. Er ist nicht einfach Wunschobjekt oder Besitz anderer, sondern Kind Gottes. Damit ist gesagt, dass jedem Menschen von Anfang an eine eigene Würde zukommt, die sich nicht aus Leistung, Anpassung oder gesellschaftlicher Nützlichkeit ableitet. Gott steht dem Menschen von Anfang an zur Seite und entzieht ihn damit jedem totalen Zugriff durch andere Mächte. Freiheit bedeutet hier nicht grenzenlose Auswahl, sondern Schutz davor, vollständig verfügbar gemacht zu werden. So begründet die Weihnachtsgeschichte eine starke Vorstellung von menschlicher Würde und Freiheit.
Ein zweiter großer Themenbereich ist die Liebe. Zunächst scheint die Weihnachtsgeschichte kein typischer Text über romantische Liebe zu sein, denn die Beziehung von Maria und Josef entspricht nicht modernen Vorstellungen einer Liebesbeziehung. Josef handelt nicht aus bloßem Gefühl, sondern aus Treue und Verantwortung. Von hier aus stellt der Autor der modernen Liebesehe kritische Fragen. In der Gegenwart wird Liebe häufig zum höchsten Maßstab für Wahrheit, Erfüllung und Sinn gemacht. Sie soll Individualität bestätigen und zugleich Einsamkeit überwinden. Doch gerade dadurch wird sie überfordert. Wenn Liebe nur auf Steigerung von Gefühl und persönlichem Glück ausgerichtet ist, bleibt sie instabil.
Die Weihnachtsgeschichte setzt nach Ansicht des Autors einen anderen Akzent. Sie zeigt, dass menschliche Liebe zwar auf unbedingte Treue und Bejahung zielt, dass Menschen dies aus eigener Kraft aber nicht vollkommen leisten können. Darum wird die Liebe nur dann tragfähig, wenn sie in einem größeren Horizont verstanden wird, nämlich im Ja Gottes zum Menschen. Nur weil der Mensch von Gott bedingungslos bejaht ist, kann er einem anderen Menschen wirklich Ja sagen. Das macht die christliche Sicht von Liebe aus: Menschliche Liebe lebt aus einer vorausgehenden göttlichen Liebe. So wird auch verständlich, warum Treue mehr ist als bloßes Gefühl und warum die Weihnachtsgeschichte eine tiefe Aussage über Liebe enthält.
Im letzten großen Schritt wendet sich der Artikel den Randexistenzen zu. Die späteren theologischen Begriffe wie Menschwerdung Gottes, Kenosis und Inkarnation deuten nach, was in den Erzählungen von Matthäus und Lukas nur indirekt sichtbar wird. Gott erscheint nicht als mächtiger Akteur im Vordergrund, sondern an den Rändern menschlicher Erfahrungen. Er wird in den Lebensumständen jener Menschen sichtbar, die zwischen Angst und Hoffnung, Ohnmacht und Vertrauen, Unsicherheit und Verheißung leben. Gott wird also dort wahrnehmbar, wo menschliches Leben gefährdet, offen und angefochten ist.
Damit erreicht der Artikel seinen eigentlichen theologischen Kern. Weihnachten bedeutet, dass Gott gerade von den Menschen Notiz nimmt, die am Rand stehen. Wer dies ernst nimmt, beginnt die Weihnachtsgeschichte nicht nur als vergangenes Geschehen zu lesen, sondern als Anstoß für eigenes Handeln. Von Gott Notiz zu nehmen heißt dann auch, von den Menschen Notiz zu nehmen, denen Gott sich zuwendet. Weihnachten wird so zu einer Schule der Wahrnehmung. Es lehrt, die Würde des Menschen in seinen gefährdeten Anfängen, in seiner Sehnsucht nach Anerkennung, in seiner Bedürftigkeit nach Liebe und in seiner sozialen Randständigkeit zu sehen. Für den Religionsunterricht ist der Artikel deshalb besonders geeignet, weil er Weihnachten nicht nur als Fest, sondern als Deutung menschlicher Existenz erschließt.