Der Artikel ist als Gespräch zwischen Raimund Litz, Barbara Rudolph und Werner Höbsch gestaltet und widmet sich dem Thema des ökumenischen Dialogs in säkularer Gegenwart. Ausgangspunkt ist der Reformationstag und der Beginn des Reformationsgedenkens 2017. Dabei wird deutlich gemacht, dass dieses Jubiläum heute anders gefeiert wird als in früheren Jahrhunderten. Es steht nicht mehr das konfessionelle Gegeneinander im Vordergrund, sondern die gemeinsame Hinwendung zu Christus. Deshalb wird das Reformationsjubiläum als Christusfest beschrieben. Beide Gesprächspartner betonen, dass die Konzentration auf Christus eine gemeinsame Basis schafft, die ein ökumenisches Feiern möglich macht, ohne bestehende Unterschiede zu leugnen.
Im weiteren Verlauf wird das reformatorische Anliegen Martin Luthers entfaltet. Besonders hervorgehoben werden die Leitgedanken solus Christus, sola scriptura, sola gratia und sola fide. Dabei wird diskutiert, ob die Reformation eine Verkürzung des christlichen Glaubens bewirkt habe, etwa durch eine zu starke Abgrenzung gegenüber philosophischen Traditionen. Barbara Rudolph betont dagegen, dass die Reformation keineswegs eine Abkehr von Bildung und Denken bedeutete, sondern vielmehr die Theologie aus einem starren philosophischen Korsett befreite. Die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache und die Förderung selbstständigen Denkens werden als zentrale Impulse des Protestantismus dargestellt. Werner Höbsch und Raimund Litz heben demgegenüber hervor, dass Glaube immer in Traditionen vermittelt wird und dass die Vernunft ein wichtiges Medium bleibt, um die christliche Botschaft in unterschiedlichen Zeiten verstehbar zu machen.
Ein zentraler Teil des Gesprächs gilt dem Verhältnis von Schrift und Tradition. Rudolph erklärt, dass Martin Luther nicht gegen Tradition an sich auftrat, sondern gegen eine autoritär verengte Form von Tradition, die sich der Korrektur durch die Schrift entzog. Heute habe sich die Annäherung zwischen evangelischer und katholischer Sicht deutlich verstärkt. Auf katholischer Seite werde anerkannt, dass Tradition sich an der Schrift messen lassen muss, während evangelische Theologie deutlicher wahrnehme, dass auch die Schrift selbst in Tradition überliefert wurde. Darin zeigt sich ein wesentlicher Fortschritt ökumenischer Verständigung.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Verhältnis von Glaube und Vernunft. Barbara Rudolph beschreibt den Protestantismus als eine Bewegung, die Bildung, Wissenschaft und eigenständiges Denken stark gefördert habe. Glaube und Vernunft seien für sie keine Gegensätze, auch wenn die Vernunft nicht als eigentlicher Ausgangspunkt für Gott verstanden werde. Werner Höbsch betont, dass auch in der katholischen Tradition das Verhältnis von Glaube und Vernunft als fruchtbares, aber spannungsreiches Miteinander gesehen wird. Beide Seiten stimmen darin überein, dass das Evangelium der wahre Schatz der Kirche ist und dass die gemeinsame Orientierung an Christus heute stärker verbindet als trennt.
Danach wenden sich die Gesprächspartner den Wandlungsprozessen in ihren Kirchen zu. Sowohl evangelische als auch katholische Kirche werden als Gemeinschaften beschrieben, die sich immer wieder erneuern müssen. Rudolph verweist auf die wechselvolle Geschichte des Protestantismus von der Orthodoxie über Pietismus und Aufklärung bis hin zur Barmer Theologischen Erklärung. Höbsch unterstreicht, dass auch die katholische Kirche Lernprozesse durchlaufen habe, besonders im Zweiten Vatikanischen Konzil mit seiner Betonung des Volkes Gottes. Beide Seiten sehen also Kirche nicht als starres Gebilde, sondern als geschichtliche und reformbedürftige Gemeinschaft.
Deutlich wird aber auch, dass wichtige Unterschiede fortbestehen. Besonders im Blick auf das Verständnis von Amt, Gemeinde und Sakrament bleiben evangelische und katholische Positionen verschieden. Rudolph betont das allgemeine Priestertum aller Gläubigen und die starke Stellung der Gemeinde. Christus stehe in der Mitte von Gemeinde und ordiniertem Amt und sei beiden gleich nahe. Höbsch macht dagegen deutlich, dass in katholischer Sicht Christus nicht nur im Wort, sondern ebenso im Sakrament gegenwärtig ist und dass das kirchliche Amt deshalb eine andere theologische Bedeutung hat. Auch wenn es in Fragen von Taufe und Eucharistie große Annäherungen gegeben hat, bleiben Unterschiede in der Ekklesiologie und im Amtsverständnis bestehen.
Ein weiterer wichtiger Themenkomplex betrifft die Gegenwart der Kirchen in einer säkularen und religiös pluralen Gesellschaft. Rudolph widerspricht dabei der einfachen Rede von einer völlig säkularen Welt. Sie betont, dass Religion weltweit eher an Bedeutung gewonnen habe und dass gerade in Europa neue religiöse Herausforderungen sichtbar würden. Daraus ergibt sich für die Kirchen die gemeinsame Aufgabe, ihre eigene religiöse Erfahrung in den öffentlichen Diskurs einzubringen und auf religiöse Phänomene mit einer reflektierten religiösen Antwort zu reagieren. Höbsch ergänzt, dass es dafür zuerst einer religiösen Selbstvergewisserung bedarf. Das Bekenntnis zu Christus dürfe nicht relativiert werden, auch wenn es in einer pluralen Gesellschaft im Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen stehen müsse.
Beide Gesprächspartner vertreten die Auffassung, dass Christuszeugnis und Dialog miteinander vereinbar sind. Rudolph betont, dass Christus selbst Weg, Wahrheit und Leben ist und deshalb christliches Zeugnis nicht in Abgrenzung und Überheblichkeit bestehen darf. Vielmehr könne Christus auch in der Begegnung mit religiös anderen Menschen überraschend erfahrbar werden. Höbsch greift den Gedanken der Würde der Differenz auf und macht deutlich, dass die eigene christliche Identität nur dann tragfähig ist, wenn sie zugleich den Glauben und die Überzeugungen anderer respektiert. Der Dialog setzt also ein klares eigenes Profil voraus, aber keine Feindseligkeit gegenüber anderen.
Im Blick auf die Botschaft der Kirchen in der Gegenwart wird die Rechtfertigungsfrage neu übersetzt. Rudolph erklärt, dass Luthers Frage nach dem gnädigen Gott auch heute aktuell ist, obwohl sie anders formuliert wird. Viele Menschen litten unter Leistungsdruck, Beschleunigung und einem gnadenlosen Alltag. In dieser Situation könne die christliche Botschaft von Gnade, Würde und unverlierbarem Wert des Menschen neu verständlich werden. Höbsch ergänzt, dass diese Hoffnung nicht aus dem Menschen selbst kommt, sondern in Jesus Christus gründet. Christlicher Glaube soll deshalb nicht nur im Wort, sondern auch in barmherziger Praxis sichtbar werden.
Am Ende richtet sich das Gespräch auf die Zukunft der Ökumene. Beide Gesprächspartner betonen, dass Ökumene nicht geradlinig fortschreitet, sondern in Auf und Ab Bewegungen verläuft. Entscheidend seien das fortgesetzte Gespräch, gemeinsames Pilgern und Beten, gemeinsames gesellschaftliches Handeln und die Bereitschaft, bleibende Differenzen fair auszutragen. Besonders wichtig erscheint die Einsicht, dass die Kirchen heute stärker rechtfertigen müssen, was sie getrennt tun, als was sie gemeinsam tun. Damit formuliert der Artikel eine klare ökumenische Perspektive. Die Kirchen sollen ihre konfessionellen Profile nicht aufgeben, aber sie in einer Weise leben, die Christus in der Welt sichtbar macht und das gemeinsame Zeugnis stärkt.