Der Artikel von Meyer und Tautz analysiert das komplexe Verhältnis zwischen Religion und Gewalt in den abrahamischen Religionen. Ausgehend von der etymologischen Doppeldeutigkeit des Gewaltbegriffs (potestas vs. vis/violentia) wird dargelegt, dass die Eindämmung von Gewalt als Ziel aller großen Religionsgemeinschaften gilt. Der Artikel kritisiert Jan Assmanns These einer dem Monotheismus eigenen "Sprache der Gewalt" und argumentiert stattdessen, dass alle Religionen zu verschiedenen Zeiten in gewaltsame Konflikte verwickelt waren. Ein zentrales Konzept ist die Ambivalenz des Religiösen: Religionen können sowohl konfliktverschärfend als auch konfliktlösend wirken. Entscheidend ist die Frage, wie religiöse Texte und Traditionen interpretiert werden, insbesondere wie das Zentrum einer Tradition lokalisiert wird. Die Barmherzigkeit im Islam oder Gott als Liebe im Christentum können als Deutungsmitte dienen, um gewaltreduzierenде Traditionen hervorzuheben. Diese Interpretationen sind jedoch nicht nur innerreligiös, sondern auch von historischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen abhängig. Der Artikel betont, dass Religionen auf das Recht angewiesen sind, um Formen gewalttätiger Gewalt einzudämmen und Konflikte zu lösen. In pluralen und heterogenen Gesellschaften gewinnt die pazifizierеnde Funktion des Rechts als Konfliktlösungsinstrument zunehmend an Bedeutung.