Der Artikel untersucht Geschichtsvorstellungen von Kindern und Jugendlichen aus der Perspektive situierter Didaktiken. Zentral ist das Stufenmodell Christian Noacks, das fünf Entwicklungsstufen des historischen Verständnisses beschreibt: die intuitiv-projektive Stufe mit egozentrischer, märchenhafter Wahrnehmung; die konkret-narrative Stufe mit Identifikation zu historischen Personen; die konventionell-affirmative Stufe, in der Geschichte als zeitliche Abfolge von Ereignissen verstanden wird; die kritisch-reflektierende Stufe mit Vergleich unterschiedlicher Deutungen; und die historisch-universelle Stufe, in der Geschichte als kulturelles Arrangement wahrgenommen wird. Empirische Studien zeigen, dass Grundschulkinder überwiegend auf der konkret-narrativen Stufe operieren, während Schüler der Sekundarstufe I konventionell-affirmative Rekonstruktionen zeigen und in der Sekundarstufe II zur kritisch-reflektierenden Stufe übergehen. Die Forschungsbefunde von Lee und Kölbl unterstützen diese Einordnung, wobei Kölbl dokumentiert, dass Kinder gegen Ende der Grundschule zunehmend den hypothetisch-konstruktiven Charakter von Geschichte erkennen und Jugendliche Aussagen über die Vergangenheit kritisch prüfen. Von Borries hingegen konstatiert kritisch, dass 15-Jährige häufig modernen Denkmustern auf historische Situationen projizieren. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich durch unterschiedliche Erhebungsformen: Intuitive Reaktionen versus intensive Auseinandersetzung in Gruppendiskussionen. Im Kontext situierter Didaktiken sind Anforderungssituationen entscheidend dafür, welche Kompetenzniveaus Lernende aktivieren. Neben den Rekonstruktionskriterien beeinflussen konkrete Erfahrungen und medial vermittelte Geschichtsbilder die Geschichtsvorstellungen von Kindern und Jugendlichen nachhaltig und müssen daher bei der Gestaltung von Religionsunterricht und Katechese berücksichtigt werden.