Der Artikel reflektiert ausgehend von Esthar Vilars Theaterstück „Die amerikanische Päpstin" über die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert. Das Stück entwirft ein futuristisches Szenario für das Jahr 2042: eine von Frauen geführte, reformierte Kirche mit drastisch gesunkenen Mitgliederzahlen und verkauftem Vermögen, die jedoch zur Machterhaltung zurückkehrt. Diese Vision erscheint gar nicht dystopisch, sondern prognostiziert eine bereits im Gange befindliche Entwicklung – die Austrittszahlen in Deutschland erreichen 2022 Rekordhöhe, Kirchengebäude stehen leer und werden umgenutzt, Gottesdienste verlagern sich ins Digitale.
Der Artikel analysiert die Strukturprobleme der katholischen Kirche als Kern der Krise: ihre extreme hierarchische Zentralisierung führt zu einer Immunisierung gegen Veränderungsdruck und verstärkt den Glaubens- und Relevanzverlust. Zentral ist das Konzept der „Kultur des Als-Ob", das die Theologin Annette Langner-Pitschmann beschreibt – eine Spannung zwischen Sein und Schein, in der Kirchenlehramt und Gläubige sich wechselseitig nicht als Gesprächspartner anerkennen und so tun, als wüssten sie nicht voneinander ab.
Die kirchliche Strategie der Vereindeutigung verstärkt diese Probleme, indem sie Deutungsoffenheiten eindämmt und Machtstrukturen perpetuiert. Besonders bei Fragen geschlechtergerechter Partizipation – etwa der Frauenweihe – wird diese Machtstabilisierungsstrategie sichtbar. Der Artikel argumentiert, dass neben erhöhter Ambiguitätstoleranz für dogmatische und theologische Fragen vor allem klare Machtteilhabe notwendig ist. Die Auslagerung von Entscheidungen in „Expertengruppen" ist selbst eine Strategie des Machterhalts jener, die weiterhin die Deutungshoheit besitzen.