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Frauchens Waldi

Veröffentlichung:1.1.2015

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Frauchens Waldi“ enthalten und umfasst 5 Seiten. Helmut Müller setzt sich mit der Frage auseinander, wie Tiere und Lebewesen angemessen verstanden werden können. Er kritisiert einen naturalistischen Zugang, der Tiere nur als biologische Mechanismen beschreibt, und stellt dem den Begriff der Selbstheit entgegen. Theologisch behandelt der Artikel vor allem die Probleme des Menschenbildes, des Verhältnisses von Mensch und Tier, der Schöpfungsverantwortung, der Leiblichkeit sowie der Frage, wie der Mensch zugleich mit den Tieren verbunden und auf Gott hin geöffnet ist.

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Der Artikel setzt bei einer scheinbar einfachen Alltagsszene an. Ein Hund namens Waldi läuft zum Fressnapf. Für sein Frauchen ist klar, dass hier Waldi handelt, also ein konkretes Lebewesen mit eigenem Zentrum, eigenem Verhalten und eigener Ansprechbarkeit. Ein naturalistisch denkender Biologe würde dieses Geschehen dagegen vor allem als Ergebnis von Muskelbewegungen, Reizen, Stoffwechselvorgängen und körperlichen Mechanismen deuten. Für Helmut Müller greift eine solche Beschreibung zu kurz. Sie kann zwar biologische Abläufe erklären, erfasst aber nicht das, was ein Lebewesen als dieses bestimmte Wesen ausmacht. Dafür verwendet er den Begriff der Selbstheit.

Mit Selbstheit bezeichnet der Autor das Zentrum eines Lebewesens, das dafür sorgt, dass verschiedene körperliche Prozesse nicht nur nebeneinander stattfinden, sondern zu einem zusammenhängenden Verhalten eines konkreten Wesens werden. Waldi ist deshalb nicht bloß ein Ensemble von Organen, Muskeln und Nerven, sondern ein lebendiges Ganzes, das angesprochen werden kann und selbst auf seine Umwelt antwortet. Für den Autor kann ein naturalistisches Denken diese Ebene nur unzureichend erfassen. Deshalb greift es zu Hilfsbegriffen, die letztlich Ausdruck von Ratlosigkeit bleiben. Die Selbstheit des Tieres lässt sich weder in einzelnen Molekülen noch in Organen auffinden.

Der Artikel kritisiert vor allem die moderne Naturwissenschaft, wenn sie Leben ausschließlich aus einer Perspektive von unten betrachtet. Gemeint ist damit der Blick auf kleinste materielle Prozesse, auf Gene, Proteine, Nerven und chemische Abläufe. Diese Sichtweise liefert wichtige Erkenntnisse, bleibt aber unzureichend, wenn es um das konkrete Verhalten und Erleben eines Tieres geht. Wenn Waldi unter der Abwesenheit seines Frauchens leidet oder ein Kater sein Zuhause sucht, reicht eine rein physikalische Erklärung nicht aus. Man muss das Tier auch von oben verstehen, also von seiner Erscheinung, seinem Verhalten und seinem auf ein Ziel gerichteten Erleben her.

An dieser Stelle führt der Autor die Unterscheidung von Perspektive von unten und Perspektive von oben ein. Von unten beschreibt man die biologischen und physiologischen Mechanismen. Von oben nimmt man wahr, dass ein Tier trauert, sich freut, Heimweh hat oder Wohlbefinden sucht. Müller plädiert dafür, beide Ebenen nicht gegeneinander auszuspielen. Wer nur von unten schaut, verfehlt das eigentliche Phänomen des Lebendigen. Wer nur von oben schaut, läuft Gefahr, Tiere zu vermenschlichen. Dennoch ist für ihn klar, dass die Ebene der Selbstheit und des Erlebens ernst genommen werden muss, wenn man Tiere angemessen verstehen will.

Der Autor zeigt außerdem, dass sich die Gesellschaft in ihrem Umgang mit Tieren unterschiedlich verhält. Haustiere werden oft als individuelle Wesen wahrgenommen und mit viel Zuwendung behandelt. Nutztiere dagegen erscheinen häufig nur noch als Produkte oder Lieferanten von Lebensmitteln. Allerdings wächst das Bewusstsein dafür, dass auch Schweine, Kühe oder Hühner nicht bloß Dinge sind, sondern Lebewesen mit einer eigenen Selbstheit. Wahrer Tierschutz bedeutet deshalb für Müller nicht nur, Tierleid zu minimieren, sondern Tiere als Wesen ernst zu nehmen, die um ihrer selbst willen leben und denen ein artgerechtes, gutes Leben zusteht.

Besonders wichtig ist dem Autor die Einsicht, dass jedes Tier seine eigene Welt hat. Jedes Lebewesen nimmt seine Umwelt auf seine eigene Weise wahr und eignet sich gleichsam ein Stück Welt an. Der Igel lebt in einer anderen Welt als die Fledermaus, der Wal oder der Hund. Daraus folgt, dass Tiere nicht angemessen verstanden werden können, wenn man sie nur als Objekte von Experimenten behandelt. Tierexperimente zeigen höchstens Funktionszusammenhänge der körperlichen Betriebsstruktur, aber nicht, wie ein Tier seine Welt erlebt. Das eigentliche Leben eines Tieres zeigt sich im Streben nach Wohlbefinden, Ruhe, Sicherheit und artgemäßer Entfaltung.

Im weiteren Verlauf weitet der Artikel die Kritik am Naturalismus auf das Menschenbild aus. Helmut Müller greift die Diagnose auf, dass der neuzeitliche Dualismus von Geist und Körper den Menschen innerlich gespalten habe. Wenn der Geist als etwas von der Natur Getrenntes verstanden wird, verliert sich das lebendige Band, das Menschen, Tiere und Welt miteinander verbindet. Das führt nach Ansicht des Autors zu einem tiefen Missverständnis des Lebens. Menschen vergessen dann ihre leibliche Verwandtschaft mit den Tieren und behandeln sich selbst und andere nur noch als funktionierende Mechanismen.

Theologisch betont der Artikel demgegenüber eine doppelte Bestimmung des Menschen. Einerseits ist der Mensch mit den Tieren durch das Band der Lebendigkeit verbunden. Er ist ein leibliches Wesen und steht mit anderen Lebewesen in einer natürlichen Gemeinschaft. Andererseits ist der Mensch von Gott in einen Bund der Liebe gerufen. Seine Besonderheit besteht also nicht darin, dass er sich über das Tierische erhebt und es abschüttelt, sondern dass er in seiner Leiblichkeit von Gott angesprochen und in Beziehung gesetzt wird. Die menschliche Würde ist deshalb kein Ergebnis eigener Selbststeigerung, sondern Gabe Gottes.

Der Autor warnt davor, dass der Mensch sich selbst verfehlt, wenn er dieses doppelte Verhältnis vergisst. Wer das Band der Lebendigkeit leugnet, reduziert Tiere und letztlich auch Menschen auf bloße Funktionen. Dann droht eine Gesellschaft, in der nicht mehr ein Jemand begegnet, sondern nur noch ein Etwas. Im Extremfall zeigt sich das etwa in technisierten Formen des Umgangs mit Krankheit, Alter und Pflege. Die Missachtung des Lebendigen bedroht also nicht nur die Tiere, sondern auch das Verständnis des Menschen.

Am Ende fasst der Artikel seine Grundthese in einem eindringlichen Bild zusammen. Der Mensch lebt einerseits mit den Tieren in einer Gemeinschaft des Lebendigen und andererseits im Bund der Liebe mit Gott. Daraus erwächst Verantwortung. Deshalb muss die biblische Frage nach dem Bruder auch auf die Tiere ausgeweitet werden. Der Mensch soll sich fragen lassen, wo sein Bruder Tier ist. Der Artikel plädiert so für ein Verständnis des Lebendigen, das wissenschaftliche Erkenntnis nicht ablehnt, aber durch eine tiefere philosophische und theologische Sicht ergänzt.

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