Im eröffnenden Schwerpunktbeitrag entfaltet Gertrud Pollak das zentrale Wortspiel „Menschwerdung, Menschwertung“. Die Inkarnation wird als radikale Zusage Gottes an den Menschen gedeutet: Indem Gott selbst Mensch wird, wertet er menschliches Leben in all seiner Fragilität, Begrenztheit und Schuld neu. Menschsein ist nicht Leistung, Funktion oder Status, sondern besitzt eine unverfügbare Würde. Diese Perspektive wird ausdrücklich auf den schulischen Alltag bezogen, in dem Leistungsdruck, Bewertung und Zeitknappheit die Wahrnehmung des einzelnen Menschen oft erschweren. Religionsunterricht erscheint hier als Ort, an dem diese göttliche „Menschwertung“ bewusst gehalten und eingeübt werden kann.
Einen spirituell-ästhetischen Zugang eröffnen Andrea Beusch und Brigitte Lob mit dem Beitrag „Advent, vor der Menschwerdung“. Anhand eines großformatigen Bildes von Andrea Beusch wird der Advent als innerer Weg des Menschen gedeutet. Vier Bildstationen, jeweils einer Adventswoche zugeordnet – führen durch Erfahrungen von Aufrichtung, Gefangensein, Entscheidungsfülle und Vertrauen. Texte von Alfred Delp begleiten diese Bildmeditationen und vertiefen sie theologisch und existenziell. Der Advent erscheint als Zeit der Selbstklärung und der Öffnung für Gottes Kommen im eigenen Leben. Der Beitrag ist zugleich explizit didaktisch angelegt und bietet zahlreiche konkrete Ideen für Unterricht, Schulpastoral und Morgenimpulse, etwa kreative Bildarbeit, Collagen, Schreibaufgaben oder symbolische Gestaltungen.
Einen gesellschaftlich und religionspädagogisch zentralen Akzent setzt Anton van Hooff mit seinem Beitrag „Bedroht dein Fremdsein meine Identität?“. Ausgehend von philosophischen Überlegungen zum Phänomen des Fremden zeigt er, dass Fremdheit eine unvermeidliche Dimension menschlicher Begegnung ist, nicht nur im interreligiösen Kontext. Fremdes lässt sich nicht vollständig verstehen oder aneignen, sondern fordert eine „antwortende Haltung“ heraus. Diese Perspektive wird theologisch vertieft durch einen Rückgriff auf das Zweite Vatikanische Konzil, insbesondere auf Nostra aetate. Die Ebenbürtigkeit aller Menschen als Geschöpfe Gottes bildet die Grundlage für Toleranz, Dialog und gegenseitige Anerkennung. Christlicher Glaube wird hier nicht als Abgrenzung, sondern als Motivation zu Offenheit, Dialog und Wertschätzung des religiös Anderen profiliert.
Mit dem Beitrag „Zusagen Gottes“ bietet Brigitte Lob eine spirituelle Übung zur Gelassenheit, die sich auch für Lehrkräfte selbst eignet. Ausgehend von Alltagssorgen wird ein Perspektivwechsel angeregt: das eigene Leben aus der Sicht Gottes zu betrachten. Eine umfangreiche Sammlung biblischer Verheißungen lädt zur persönlichen Auswahl, Meditation und Verinnerlichung ein. Der Beitrag verbindet seelsorgliche Sensibilität mit biblischer Tiefe und kann sowohl zur persönlichen Stärkung von Lehrkräften als auch im Unterricht eingesetzt werden.
Der Praxisteil wird durch mehrere Beiträge ergänzt. Alois Ewen berichtet unter dem Titel „Jetzt kann ich wieder klarer sehen!“ aus der Supervision von Religionslehrkräften. Anhand eines konkreten Fallbeispiels zeigt er, wie Rollenkonflikte, Überforderung und emotionale Eskalationen im Schulalltag entstehen können und wie Identitätsarbeit in der Supervision neue Handlungssicherheit und Entlastung ermöglicht. Michael Schille-Knodt greift das Thema Menschwerdung biblisch auf und entwickelt einen Unterrichtsvorschlag zur Heilung der gekrümmten Frau am Sabbat, der körperliche, soziale und religiöse Dimensionen von Befreiung miteinander verbindet.
Insgesamt versteht sich das Heft als Einladung, die Menschwerdung Gottes nicht nur zu feiern, sondern als kritischen Maßstab für Menschenwürde, Identität und Beziehungsgestaltung ernst zu nehmen. Für Religionslehrkräfte bietet es eine dichte Verbindung aus Theologie, Spiritualität, Ethik und Praxis und unterstützt dabei, Advent und Weihnachten im Religionsunterricht existenziell, dialogisch und lebensnah zu erschließen.