Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass ein Bild sich grundlegend von einem Gegenstand im Raum unterscheidet. Während eine Skulptur oder ein Ding im Raum nur nach und nach aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden kann und dafür Zeit benötigt wird, ist im Bild alles gleichzeitig präsent. Im Bild verändert sich nichts mehr. Es geschieht nichts. Gerade dadurch erscheint das Bild zeitlos. Diese Zeitlosigkeit kann jedoch für Betrachtende fremd und sogar unheimlich wirken, weil sie dem gewohnten Erleben von Bewegung und Zeitfluss widerspricht.
Der Autor beschreibt diese Erfahrung zunächst an einem alltäglichen Beispiel. Wenn eine Landschaft vollkommen still erscheint und nichts sich bewegt, entsteht ein ähnliches Gefühl wie beim Betrachten eines gemalten Bildes. Im normalen Leben wird dieses Gefühl oft schnell wieder aufgehoben, etwa durch einen Vogel oder ein Flugzeug, das Bewegung und damit Zeit in die Wahrnehmung zurückbringt. Im Bild ist das anders. Dort bleibt die Zeit ausgeschlossen. Deshalb reagieren viele Menschen darauf mit Flucht. Sie gehen im Museum rasch von Werk zu Werk oder halten sich an linearen Informationen fest, etwa an einem Audioguide. So vermeiden sie die Konfrontation mit dem stillstehenden Jetzt des Bildes.
Der Artikel deutet dieses Verhalten als Angst vor der Stille der Betrachtung. Der Autor nennt dies Horror Silentii Contemplationis. Diese Angst entspricht auf der Seite des Künstlers dem Horror Vacui, also der Angst vor der leeren Fläche. Der Künstler muss vor dem Schöpfungsakt die Leere überwinden und etwas Neues schaffen. Der Betrachter steht später vor dem fertigen Bild, das gleichsam wie ein unbewegter Rest des Schaffensprozesses erscheint. Er muss sich entscheiden, ob er das Bild nur oberflächlich ansieht oder ob er sich auf einen inneren Prozess einlässt, in dem das Bild in ihm selbst neu lebendig wird.
Genau darin liegt für den Autor die eigentliche Bildrezeption. Wer sich wirklich auf ein Bild einlässt, erlebt die Zeit nicht mehr außen, sondern in sich selbst. Sie zeigt sich im Atem, in den Wahrnehmungen, in den Empfindungen und Gedanken. Der Betrachter wird dadurch selbst aktiv. Er kann sich dem Bild nicht wie bei Musik einfach passiv hingeben, sondern muss es innerlich mit hervorbringen. So entsteht das Bild im Inneren neu als Andenkbild und Andachtsbild. Obwohl das äußere Werk unverändert bleibt, bildet sich im Betrachtenden ein neues inneres Gebilde, das aus dem Werk, dem Künstler und dem eigenen Erleben zusammengesetzt ist.
Der zweite große Teil des Artikels entwickelt daraus eine Methode der Bildbetrachtung. Zuerst soll das Bild einfach angeschaut werden, ohne es sofort erklären zu wollen. Es geht darum, sich auf die Wirkung des Bildes einzulassen und erste Stimmungen wahrzunehmen. Danach folgt eine möglichst nüchterne Beschreibung dessen, was tatsächlich sichtbar ist. Dazu gehören Format, Material, Farben, Farbauftrag, Linien, Formen, Komposition und inhaltliche Elemente wie Figuren, Symbole, Themen oder erzählte Situationen. Wichtig ist dabei, zwischen dem objektiv Sichtbaren und den eigenen Deutungen zu unterscheiden.
Im nächsten Schritt öffnet sich der Prozess stärker für subjektive Wahrnehmung. Nun geht es um Stimmungen, Ausdrucksgehalte und die Wirkung des Bildes auf den Betrachter. Der Autor empfiehlt anschließend, die Augen zu schließen und ein inneres Bild entstehen zu lassen. Dabei kann sich zeigen, welche Teile des Bildes im Gedächtnis bleiben, welche Lücken entstehen, welche Stimmungen auftauchen und welche persönlichen Gedanken oder Erinnerungen sich mit dem Bild verbinden. Wenn man danach die Augen wieder öffnet, kann sich ein neuer Zugang zum Werk ergeben.
Je länger und intensiver ein Mensch sich mit einem Bild beschäftigt, desto mehr kann es innerlich reifen. Es kann dann ähnlich vertraut werden wie ein Gedicht oder eine Melodie. Auf diese Weise entwickelt das Bild im Inneren des Betrachters ein eigenes Leben und zeigt sich immer wieder neu. Der Autor versteht diesen Vorgang zugleich als Weg der Selbsterkenntnis. Bildbetrachtung wird so nicht nur zu einer ästhetischen, sondern auch zu einer existenziellen und meditativen Übung.
Am Ende weist der Artikel darauf hin, dass die Bildbetrachtung durch weitere Informationen über den Künstler vertieft werden kann. Fragen nach Biographie, Werkentwicklung, Intentionen und künstlerischen Einflüssen erweitern das Verständnis. Dennoch bleibt entscheidend, dass die eigentliche Begegnung mit dem Bild in einer persönlichen, einmaligen und inneren Verbindung geschieht. So entsteht zwischen Künstler, Werk und Betrachter eine individuelle Beziehung, die nie genau wiederholbar ist.