Der Artikel behandelt das koranische Konzept des Menschen als Kalif (Stellvertreter/Sachwalter) Gottes auf Erden als zentrale sinnanthropologische und religionspädagogische Kategorie. Polat argumentiert, dass diese Designation die höchste Würdigung der Menschheit darstellt und gleichzeitig eine Verantwortung für gerechte und achtsame Verhältnisse impliziert. Der Autor zeigt auf, dass das Kalif-Sein weder an Religion, Rasse noch Geschlecht gebunden ist, sondern alle Menschen universal auszeichnet – unabhängig von ihren Taten oder ihrem Glauben. Im Gegensatz zur christlichen Erbsünde-Lehre lehnt der Islam die Vorstellung ab, dass Adams Verfehlung die Würde des Menschen beeinträchtigt. Das Kalif-Sein wird als entmythologisierte, reale Gott-Mensch-Beziehung verstanden, die menschliche Handlungen und ihre Wirkungen in den Mittelpunkt rückt. Polat entwickelt mehrere religionspädagogische Dimensionen: (1) Das Kalif-Sein als Wahrnehmung der Einheit der Menschheit und Gleichberechtigung aller; (2) eine entmythologisierte und gegenseitig achtende Gott-Mensch-Beziehung; (3) das dialogische, kooperative und solidarische Wesen des Kalif-Seins. Der Autor betont die Bedeutung von Ihsan (Gewissenhaftigkeit bei Handlungen im Angesicht Gottes), Freiheit und Individualität als unverzichtbare Voraussetzungen des authentischen Kalif-Seins. Die Arbeit zeigt, dass religiöses Lernen auf dieser Grundlage glaubens-, mensch- und umweltorientiert sein muss und zur Bewusstseinsentwicklung für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Umweltschutz beitragen sollte. Abschließend werden religionspädagogische Schlussfolgerungen gezogen, die eine progressive, nicht indoktrinäre und interreligiös dialogische Religionspädagogik fordern.