Angesichts von Krieg, Flucht und Vertreibung (Migration), Klimawandel, steigender sozialer Ungleichheit und vielen anderen bedrängenden Problemen wäre es zweifelsohne gelogen zu behaupten, die Welt von heute bereite keine bitteren Erfahrungen. Unerfreulicherweise fällt es heute diesbezüglich so schwer zu lügen, dass dies kaum jemandem noch öffentlichkeitswirksam gelingt, so dass man sich wenigstens kurz auf der Lüge ausruhen und ein wenig an ihr aufwärmen könnte – die Realität ist zu offensichtlich und erdrückend: So unterschiedlich ihre jeweiligen Beurteilungen, die Einstellungen und Perspektiven zur Realität faktisch auch ausfallen und sogar miteinander ringen, ja sich bekämpfen, es besteht zurzeit dennoch eine Art bitterer Weltkonsens – sogar über die Generationen hinweg. Nur Ignoranten machen sich heute keine Sorgen; selbst Kinder demonstrieren. Der Verdienst des von der Pariser Psychoanalytikerin und Philosophin vorgelegten Buchs besteht zunächst einmal darin, auf die Subtilitäten dieser Bitterkeit aufmerksam zu machen und das dementsprechende Problem nicht wie üblich beim (intra-sozialen) Dissens anzusetzen, demzufolge wir uns für eine bessere Welt nur einigen müssten, sondern es beim Konsens zu verorten, der das Toxische bereits enthält: Ihr zufolge führen heute fast alle Wege in die Bitterkeit und schließlich über die Verbitterung in das Ressentiment, jenen Hass auf alle und alles, insbesondere auf die eigene Verantwortung zum Handeln, damit sich die Lage wieder verbessert (16ff). Das Buch versteht sich als Beitrag zur Lösung dieses Problems, genauer gesagt: als Vorbereitung des inzwischen erschienenen Folgebandes. Es ist der Entwurf einer Konzeption für eine Klinik, in der die Würde des Subjekts wiederhergestellt wird (frz: La clinique de la dignité, 2023), nachdem diese durch die herrschenden Lebensumstände beschädigt ist; sogar in Demokratien, die ihre Macht dafür nicht ausnutzen und z.B. über die unzumutbaren Existenzbedingungen im Krankenhaus und Altersheim oftmals lieber hinwegsehen. Cynthia Fleury gehört der Schule der institutionellen Psychoanalyse an. Dementsprechend sieht sie bei Problem und Lösung die Institutionen in der Verantwortung (219), nicht zuletzt die Erziehung (231), und beschränkt sich nicht auf die individualistische Verortung von Ressentiment und Heilung: Wer in einer kranken Welt zunächst gesund ist, bleibt es nicht lange – so ihre Diagnose. Es droht die Einzäunung des Subjekts, seine rebellische Ohnmacht im Ressentiment. Kaum überraschend ist es daher, dass ihre sämtlichen Beiträge aus den letzten Jahren in ein Gesamtprojekt einer „politischen Psychologie“ (283) münden; es geht um die Arbeit an besseren Institutionen und um (mentale) Selbstermächtigung des Subjekts, so dass es die Bitterkeit erst begraben kann und dann neues Leben daraus gedeiht – im Blick auf das Subjekt: mit sich und für sich (228). Es geht um Anerkennung (262). Der Weg der Entgiftung, sprich: Heilung, führt aus der eingeschlossenen Welt des Ressentiments in die Welt der Offenheit und ihrer Möglichkeiten. Am Ende, im Erfolgsfall, gelingt dem Subjekt der Rückgriff oder die Erzeugung eines Wertesystems, mit dem es sich der Wirklichkeit nicht nur „stellen“ (294) kann, sondern diesbezüglich „in eine Art regelmäßige Homöostase“ (293) gelangt, einen Zustand der eigenen Ausgeglichenheit zwischen innen und außen, rationalen und irrationalen Werten und Gemeinschaftsgefühlen. Im Französischen liegt dafür ein Sprachspiel um das Bittere (amer (bitter) – mère (Mutter) – mer/océan (Meer)) recht nahe (13): Die Trennung von der mütterlichen Schutzmacht führt dabei in die Verletzlichkeit und Bitterkeit der Welt, die erst in der Weite des umschlingenden Meeres aufgehoben wird, per „Ich-Erweiterung“ (283, 290) elementarer Teil eines Größeren zu sein, dazuzugehören – zur Welt von heute. Obschon nur ein Sprachspiel, ist dieser Zusammenhang sachlich hoch instruktiv, noch dazu psychoanalytisch naheliegend. Leider ist zu befürchten, dass das in der deutschen Übersetzung kaum bemerkt wird; ein vergleichbares Sprachspiel steht hier nicht zur Verfügung. Man hätte sich vielleicht mit einer weniger textimmanenten und stärker sinngemäßen, am Leseziel orientierten Übersetzung behelfen können, um diesen roten Faden mehr in den Vordergrund zu stellen. Aber die eigentlichen Übersetzungsprobleme des Buchs liegen woanders – und sie wiegen schwer: Es wird so eng an der Vorlage übersetzt, dass allzu oft nur eine tätowierte Rede herauskommt. Die Finesse des französischen Vorworts, die in ihrem dichten Sprachrhythmus einem cartesianischen Plädoyer gleicht, verschwindet in der Übersetzung und übrig bleibt nur noch ein salvenartiges Stakkato im Deutschen, das perplex macht, statt das Methodische der Selbstbefragung herauszustellen. Kein Wunder, dass das Vorwort in der französischen Presse gerühmt wird, während in deutschen Rezensionen nichts dazu zu finden ist. Hinzu kommt, dass man nicht versteht, warum zuweilen von einem „Elternteil“ (107) und dann von einem „Elter“ (13) (französisch: parent) die Rede ist. Dass Fleury bei ihrem Projekt vorschwebt „eine Form zu führen“ (9), wenn es ums Leben geht, kann man ohnehin weder glauben noch verstehen. Daher sei jedem interessierten und des Französischen halbwegs mächtigen Leser die Lektüre im Original anempfohlen. Dann wird auch klarer, dass Fleury auf die Heilung des Ressentiments zielt und sich nicht einfach „über Ressentiments“ äußert. Denn das verdreht ihren Ansatz: Es gibt viele Wege, das Ressentiment zu behandeln (284), aber nur ein Ressentiment – lautet es im Französischen. Im Deutschen entsteht der Eindruck, das Buch widme sich vielen Ressentiments und ihrer unterschiedlichen Heilung. Bleibt die Frage nach der Leistungsfähigkeit dieses Ansatzes: Kann Fleury das Ressentiment wirklich heilen? Und wie? Dass in ihrer „Klinik des Realen“ (196) genauso Platz für das Ressentiment in der Politik wie in der Religion/Kirche ist, spricht für ihr universales Verständnis des Ressentiments. Ressentiment entsteht hier und da, wo es nicht geschafft wird, sich zu verheutigen, die Welt von heute mit den Augen von heute zu sehen (und sich angewidert von ihr abzuwenden). In den Worten von Fleury: „Sie sind gut im Rückblick, aber sie gebrauchen ihn zu oft. Die Vergangenheit ist wichtig, um sie daran zu erinnern, wer sie sind, aber sie wird in dem Masse tödlich, indem sie sie daran erinnert, dass sie das nicht mehr sind.“ (239) Analytisch klingt das bei Fleury fast noch schärfer – wenn nämlich die Menschen des Ressentiments die drei Zeitdimensionen Chronos, Aion und Kairos nicht mehr praktizieren (238): Wo nur noch vorher/nachher (Chronos) zählt, gibt es keine erfüllende Gegenwart (Aion) und erst recht keinen Moment, sich für die Welt / fürs Offene zu entscheiden (Kairos). Die Gegenwart verdunkelt sich für die Betreffenden und wird für das Individuum grundsätzlich inakzeptabel, ein Beweis für „die Ungerechtigkeit, die es erleidet“ (21). Zukunft gerät abhanden, Vergangenheit verkommt zur „phantasmagorischen Nostalgie“(239). Je stärker die Derealisation, desto stärker die Devitalisierung des Subjekts – und umgekehrt; „es ertrinkt in der Verbitterung“(240). Fleury legt den Schluss nahe: Der in der Gegenwart Aufmerksame ist derjenige, der dem Ressentiment am besten widersteht. Je mehr Sinn für die Welt von heute, desto mehr Heilung des Ressentiments – und umgekehrt. Das klingt zwar zugespitzt, aber nicht unrealistisch. Problematisch wird es beim ultimativen Realitätstest, dort wo der Ansatz von Fleury in seine Perversion zu kippen droht – etwa beim islamischen Terrorismus, der ressentimentgeladene Gewalt ausübt und dafür nicht nur den Kairos zu nutzen versteht, um größtmöglichen Schaden zu verursachen, sondern auch die Gegenwart zu einer Art Vorewigkeit macht, weil der terroristische Akt Eintritt ins Paradies verschaffe. Dieser islamistische Terrorismus kann demnach nach eigener Lesart nicht nur die drei Zeitdimensionen aufs Kreativste bespielen (wie Fleury es zur Heilung vom Ressentiment vorschlägt: Die Kreativität wiederherstellen, 228), sondern er folgt leider auch allzu genau ihrem Vorschlag, das Numinose (72) als Modell der Öffnung (des Selbst) zu benutzen, wenngleich in seiner gewalttätigen Perversion. Ach, bliebe es doch stets nur beim von Fleury nahegelegten Zugriff auf Rituale als subjekt- und situationsstabilisierende Wiederholungen gegen das wiederkäuende Ressentiment. Das ist in der Wirklichkeit von heute leider nicht der Fall. Nach einem entsprechenden Problembewusstsein, das die Grenzen des vorgeschlagenen Behandlungskonzepts angibt, sucht man im Buch indes vergebens. In seiner naiven Konsequenz liegt deshalb etwas Ungeheuerliches: Es gibt zwar keine Grenzen des Ansatzes, aber wo dieser an seine Grenzen gerät, darf man sich die Frage stellen, ob es damit womöglich die Falschen therapiert: die Moderne, sprich westliche Gesellschaft und ihre (zweifelsohne verbesserungswürdigen) Institutionen. Die anderen sind und bleiben vielleicht unerreichbar. Auf einmal erscheint Fleurys ausgedehnter Begründungsapparat aus dem Bereich des Postkolonialismus nicht mehr nur sachlich erhellend zur Problemanalyse des Ressentiments, sondern er wirkt überzogen selbstkritisch, belehrend – eine Art Über-Ich beanspruchend, für das nur dann eine ausreichende Legitimität bestünde, wenn es frei vom westlichen Selbsthass bliebe und entsprechend agierte. Darüber kann man mit Fleury vortrefflich streiten. Ihre Praxis liegt im schönen Arrondissement Saint-Germain, gewissermaßen im Zentrum von Paris; zugleich trennen dort Galaxien die einen von den anderen. Eigentlich ist man dort fast genauso weit entfernt vom Eiffelturm wie von der Nationalbibliothek, aber nur für die einen, für die anderen lebt und arbeitet man sprichwörtlich auf dem Mond. Nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag des terroristischen Angriffs der Hamas auf Israel, fanden in Paris jeweils zwei terroristische Messerattacken statt: In der Metro-Station der Nationalbibliothek bedrohte eine Frau die üblichen Passanten (Nutzer und Mitarbeiter der Bibliothek) mit einem Messer. Am Eiffelturm war ein Wiederholungstäter am Werk, sein Opfer ein deutscher Tourist. Immer wieder: Ein Ort, zwei Welten – hier die einen, da die anderen. Können wir im Westen wirklich alleine unser Ressentiment erfolgreich bearbeiten? Am Ende der Lektüre von Fleurys Buch sieht es fast danach aus, als müsse man heute die große Frage Klaus Manns aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erneut bedenken. Die Frage lautet: „Welche Zukunft werden wir haben, wenn wir sie nicht den anderen zusammen haben?“ Die pure Wiederholbarkeit dieser Frage ist bitter, aber kein Grund zur Verbitterung, sondern zum Engagement. Es bräuchte überall eine Klinik des Realen, nicht nur in Paris bzw. im Westen und für den Westen. Über Ressentiments und ihre Heilung Aus dem Französischen von Andrea Hemminger Berlin: Suhrkamp Verlag. 2023 314 Seiten 28,00 € ISBN 978-3-518-58795-9