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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Michael Sandel: Über das Optimieren

Veröffentlichung:1.1.2008

Der Text „Über das Optimieren“ von Michael Sandel aus seinem Werk „Plädoyer gegen Perfektion“ setzt sich kritisch mit den ethischen Folgen genetischer Optimierung des Menschen auseinander. Sandel richtet seine Kritik nicht allein gegen mögliche gesundheitliche Risiken der Gentechnik, sondern fragt grundsätzlicher danach, wie sich unser Verständnis vom Menschen verändert, wenn genetische Eigenschaften zunehmend planbar und kontrollierbar werden. Im Zentrum steht sein Gedanke des Geschenktseins menschlichen Lebens. Fähigkeiten, Begabungen und Eigenschaften sind nach Sandel nicht ausschließlich Ergebnisse eigener Entscheidungen und Leistungen, sondern werden dem Menschen auch durch Natur, Zufall, Schicksal oder aus religiöser Perspektive durch Gott gegeben. Eine zunehmende genetische Optimierung könnte dieses Bewusstsein verdrängen. Sandel beschreibt daraus drei wesentliche Folgen für die moralische Orientierung einer Gesellschaft: den Verlust von Demut, eine Ausweitung persönlicher Verantwortung und eine Schwächung gesellschaftlicher Solidarität. Besonders an Beispielen aus Elternschaft, Sport, pränataler Diagnostik und Versicherungen verdeutlicht er, dass zunehmende technische Wahlmöglichkeiten auch einen wachsenden Entscheidungsdruck erzeugen können. Menschen könnten immer stärker dafür verantwortlich gemacht werden, welche Eigenschaften sie oder ihre Kinder besitzen. Sandel warnt deshalb vor einem Menschenbild, das menschliches Leben vollständig als planbares und optimierbares Projekt betrachtet.

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Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht in Klasse 10 insbesondere für die Themen Menschenbild, Menschenwürde, Schöpfung, Verantwortung, Freiheit, Gentechnik, Bioethik und gesellschaftliche Solidarität. Der Text ermöglicht eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Frage, ob alles, was der Mensch technisch verändern kann, auch verändert werden sollte. Dabei geht Sandel über eine reine Bewertung einzelner gentechnischer Verfahren hinaus. Er fordert dazu auf, über die Folgen technischer Optimierung für das Selbstverständnis des Menschen und für das gesellschaftliche Zusammenleben nachzudenken. Dadurch eignet sich der Text besonders zur Förderung ethischer Wahrnehmungsfähigkeit, Argumentationsfähigkeit und Urteilskompetenz.

Als Einstieg bietet sich eine lebensweltliche Problemstellung an. Die Lernenden können beispielsweise mit der Vorstellung konfrontiert werden, Eltern könnten vor der Geburt ihres Kindes bestimmte Eigenschaften wie Körpergröße, körperliche Leistungsfähigkeit oder besondere Begabungen beeinflussen. Die Lernenden formulieren zunächst mögliche Hoffnungen und Probleme einer solchen Möglichkeit. Dadurch wird deutlich, dass genetische Optimierung zunächst attraktiv erscheinen kann, weil sie mit Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Selbstbestimmung verbunden werden kann. Gleichzeitig entstehen Fragen nach Leistungsdruck, Verantwortung, gesellschaftlichen Erwartungen und der Akzeptanz menschlicher Verschiedenheit.

Für die Texterschließung sollten zunächst zentrale Begriffe geklärt werden. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Geschenktsein, Demut, Verantwortung, Solidarität, Kontingenz, genetische Optimierung und genetische Zurichtung. Der Begriff des Geschenktseins ist dabei für das Verständnis des gesamten Textes entscheidend. Die Lernenden sollten herausarbeiten, dass Sandel damit nicht ausschließlich eine religiöse Aussage verbindet. Das menschliche Leben kann als Gabe der Natur, Gottes oder des Schicksals verstanden werden. Entscheidend ist das Bewusstsein, dass der Mensch nicht vollständig Urheber seiner eigenen Eigenschaften ist.

Anschließend kann die Argumentationsstruktur des Textes erschlossen werden. Hierzu bietet sich eine Gliederung anhand der drei zentralen Begriffe Demut, Verantwortung und Solidarität an. Die Lernenden untersuchen arbeitsteilig, wie Sandel diese drei Begriffe versteht und welche Folgen genetische Optimierung jeweils haben könnte. Die Ergebnisse können anschließend zusammengeführt werden. Dadurch wird sichtbar, dass Sandels einzelne Beispiele Bestandteile einer übergeordneten Argumentation darstellen.

Das Motiv der Demut lässt sich besonders gut anhand der Elternschaft erschließen. Sandel versteht Elternschaft als Erfahrung, in der Menschen lernen, etwas anzunehmen, das sie nicht vollständig planen können. Lernende können diskutieren, ob Eltern ein Kind bedingungslos annehmen sollten und ob die gezielte Auswahl bestimmter Eigenschaften diese Haltung verändern könnte. Dabei sollte zwischen medizinischer Behandlung und Optimierung unterschieden werden. Diese Differenzierung verhindert eine vorschnelle Gleichsetzung unterschiedlicher medizinischer Verfahren und fördert eine differenzierte ethische Urteilsbildung.

Sandels These von der Ausweitung der Verantwortung eignet sich besonders für eine problemorientierte Vertiefung. Auf den ersten Blick könnte angenommen werden, dass technische Kontrolle die Verantwortung des Menschen verringert. Sandel argumentiert jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Je mehr Eigenschaften kontrollierbar werden, desto mehr können Menschen dafür verantwortlich gemacht werden, welche Möglichkeiten sie genutzt oder nicht genutzt haben. Das Beispiel des Basketballspielers verdeutlicht diesen Gedanken anschaulich. Heute kann ein Spieler für seine Entscheidungen und sein Training verantwortlich gemacht werden. In einer Welt genetischer Optimierung könnte ihm möglicherweise sogar vorgeworfen werden, körperliche Voraussetzungen nicht verbessert zu haben. Die Lernenden können weitere Beispiele entwickeln und dadurch die Übertragung des Arguments auf andere Lebensbereiche erproben.

Besondere Sensibilität erfordert der Abschnitt über pränatale Untersuchungen und Menschen mit Down Syndrom oder anderen genetischen Besonderheiten. Im Unterricht sollte vermieden werden, den Wert menschlichen Lebens von Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder genetischen Eigenschaften abhängig zu machen. Im Zentrum der Analyse sollte Sandels gesellschaftsethische Frage stehen: Verändert die Existenz technischer Wahlmöglichkeiten die Erwartungen an Eltern und entsteht dadurch ein neuer Rechtfertigungsdruck? Die Lernenden können untersuchen, wie aus einer technischen Möglichkeit schrittweise eine gesellschaftliche Erwartung werden kann. Dadurch lässt sich der Zusammenhang zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichem Druck verdeutlichen.

Für die Behandlung des Begriffs Solidarität bietet sich Sandels Beispiel der Versicherung an. Die Lernenden können zunächst das Grundprinzip einer Risikogemeinschaft erklären. Anschließend untersuchen sie Sandels Gedankenexperiment einer weitreichenden genetischen Vorhersagbarkeit. Wenn Menschen ihre zukünftigen Krankheitsrisiken genau kennen würden, könnten Personen mit günstigen Voraussetzungen versucht sein, sich der gemeinsamen Risikoübernahme zu entziehen. Sandel verwendet dieses Beispiel, um zu zeigen, dass das Bewusstsein eigener Verletzlichkeit und eigener Abhängigkeit gesellschaftliche Solidarität fördern kann.

Für den Religionsunterricht ist insbesondere die Verbindung von Sandels Begriff des Geschenktseins mit christlichen Vorstellungen von Schöpfung und Geschöpflichkeit ergiebig. Die Lernenden können Sandels Argumentation mit der Vorstellung vergleichen, dass der Mensch Geschöpf Gottes ist und sich sein Leben nicht vollständig selbst verdankt. Dabei sollte zugleich herausgearbeitet werden, dass Sandels Argument nicht ausschließlich religiös begründet ist. Sein Begriff des Geschenktseins kann auch als philosophische Beschreibung menschlicher Kontingenz verstanden werden. Damit eignet sich der Text hervorragend für die Frage, wie religiöse und philosophische Menschenbilder miteinander ins Gespräch gebracht werden können.

Eine weitere methodische Möglichkeit besteht in einem Gedankenexperiment zum optimierten Menschen. Die Lernenden entwickeln eine Gesellschaft, in der zahlreiche körperliche und geistige Eigenschaften genetisch beeinflusst werden können. Anschließend untersuchen sie, welche Folgen dies für Elternschaft, Schule, Beruf, Sport, Versicherungen und gesellschaftliche Anerkennung haben könnte. Dabei sollen sowohl mögliche Vorteile als auch mögliche Probleme berücksichtigt werden. Im Anschluss werden die Ergebnisse anhand von Sandels drei Kategorien Demut, Verantwortung und Solidarität ausgewertet.

Zur abschließenden Urteilsbildung kann die Frage gestellt werden, ob der Mensch genetische Möglichkeiten ausschließlich zur Behandlung von Krankheiten oder auch zur Verbesserung menschlicher Eigenschaften einsetzen sollte. Die Lernenden unterscheiden zunächst zwischen Behandlung und Optimierung, sammeln Argumente, beziehen Sandels Position ein und entwickeln anschließend ein begründetes eigenes Urteil. Dabei sollte deutlich werden, dass eine ethische Beurteilung nicht nur mögliche Folgen für einzelne Personen berücksichtigen muss. Ebenso bedeutsam sind Auswirkungen auf Menschenbild, Freiheit, Verantwortung, soziale Gerechtigkeit und Solidarität. Das Medium fördert damit insbesondere Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Perspektivübernahme, Dialogkompetenz, Argumentationskompetenz und ethische Urteilskompetenz.


Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie das zentrale ethische Problem, mit dem sich Michael Sandel in seinem Text beschäftigt.

Musterantwort:

Sandel beschäftigt sich mit der Frage, welche Folgen es hat, wenn Menschen durch Biotechnologie und Gentechnik ihre eigenen Eigenschaften oder die Eigenschaften ihrer Kinder gezielt beeinflussen können. Für ihn besteht das Problem nicht ausschließlich in möglichen gesundheitlichen Risiken. Er fragt vielmehr, wie sich dadurch das menschliche Selbstverständnis und das gesellschaftliche Zusammenleben verändern.

Besonders wichtig ist für Sandel der Gedanke, dass menschliche Eigenschaften nicht vollständig selbst gemacht sind. Begabungen und Fähigkeiten werden dem Menschen auch durch Natur, Zufall, Schicksal oder Gott gegeben. Wenn Menschen diese Eigenschaften immer stärker kontrollieren könnten, würde nach Sandel das Bewusstsein für dieses Geschenktsein abnehmen. Dadurch könnten sich Demut, Verantwortung und Solidarität verändern.


Aufgabe 2: Arbeiten Sie heraus, welche drei Bereiche der moralischen Orientierung nach Sandel durch genetische Optimierung verändert werden könnten.

Musterantwort:

Sandel nennt Demut, Verantwortung und Solidarität.

Demut bedeutet bei Sandel das Bewusstsein, dass Menschen nicht alles, was sie sind und können, selbst hervorgebracht haben. Fähigkeiten und Begabungen sind zumindest teilweise gegeben.

Bei der Verantwortung befürchtet Sandel eine starke Ausweitung. Wenn Eigenschaften technisch beeinflussbar werden, können Menschen zunehmend dafür verantwortlich gemacht werden, welche Eigenschaften sie besitzen oder ihren Kindern ermöglicht haben.

Solidarität entsteht für Sandel unter anderem aus dem Bewusstsein, dass niemand sein Schicksal vollständig kontrollieren kann. Wenn Menschen ihre Risiken und Eigenschaften zunehmend beeinflussen könnten, könnte die Bereitschaft sinken, Verantwortung für weniger begünstigte Menschen zu übernehmen.


Aufgabe 3: Erläutern Sie Sandels Begriff des Geschenktseins.

Musterantwort:

Mit Geschenktsein bezeichnet Sandel die Tatsache, dass Menschen nicht alle Voraussetzungen ihres Lebens selbst geschaffen oder ausgewählt haben. Niemand entscheidet selbst darüber, mit welchen genetischen Voraussetzungen, Begabungen und körperlichen Eigenschaften er geboren wird. Solche Eigenschaften können als Gabe der Natur, des Schicksals oder aus religiöser Perspektive als Gabe Gottes verstanden werden.

Das Bewusstsein des Geschenktseins begrenzt nach Sandel die Vorstellung, der Mensch sei ausschließlich das Ergebnis seiner eigenen Leistung. Dadurch kann Demut entstehen. Menschen erkennen, dass Erfolg nicht allein auf eigener Anstrengung beruht. Für Sandel besitzt dieses Bewusstsein auch gesellschaftliche Bedeutung, weil es Solidarität mit Menschen fördern kann, die weniger günstige Voraussetzungen besitzen.


Aufgabe 4: Analysieren Sie Sandels Argumentation zum Zusammenhang von genetischer Optimierung und Demut.

Musterantwort:

Sandel geht davon aus, dass Demut aus dem Bewusstsein entsteht, dass der Mensch nicht alle Eigenschaften seines Lebens selbst kontrollieren kann. Besonders deutlich wird dies für ihn in der Elternschaft. Eltern können ihr Kind lieben und fördern, können aber nicht vollständig bestimmen, welche Eigenschaften es besitzt. Sie müssen deshalb lernen, auch das Unerwartete anzunehmen.

Genetische Optimierung könnte diese Haltung nach Sandel verändern. Wenn Eltern immer mehr Eigenschaften auswählen könnten, würde das Kind stärker zum Ergebnis bewusster Planung. Damit könnte die Bereitschaft abnehmen, das Ungeplante anzunehmen.

Ähnliches gilt für die eigene Person. Menschen können stolz auf ihre Leistungen sein, wissen aber zugleich, dass ihre Fähigkeiten nicht ausschließlich selbst geschaffen wurden. Wenn genetische Selbstoptimierung möglich würde, könnte nach Sandel der Eindruck entstehen, Menschen hätten ihre Eigenschaften vollständig selbst hergestellt. Dadurch würde die Demut gegenüber den nicht selbst geschaffenen Voraussetzungen des eigenen Lebens geschwächt.


Aufgabe 5: Erklären Sie Sandels These von der „Explosion der Verantwortung“.

Musterantwort:

Mit der Explosion der Verantwortung meint Sandel, dass technische Wahlmöglichkeiten die Verantwortung des Menschen nicht verringern, sondern erheblich vergrößern können. Solange bestimmte Eigenschaften nicht kontrollierbar sind, werden sie dem Zufall oder der Natur zugerechnet. Sobald eine technische Veränderung möglich wird, kann dagegen gefragt werden, warum ein Mensch diese Möglichkeit genutzt oder nicht genutzt hat.

Sandel verdeutlicht dies am Beispiel eines Basketballspielers. Heute kann ein Spieler beispielsweise dafür verantwortlich gemacht werden, dass er falsch gestanden oder nicht ausreichend trainiert hat. Wenn Körpergröße genetisch beeinflussbar wäre, könnte zukünftig sogar die körperliche Voraussetzung als Ergebnis einer versäumten Entscheidung betrachtet werden.

Eine neue technische Möglichkeit schafft damit zugleich eine neue Verantwortung. Menschen müssen sich entscheiden und können für die Folgen dieser Entscheidung verantwortlich gemacht werden.


Aufgabe 6: Analysieren Sie Sandels Überlegungen zur pränatalen Diagnostik und zum daraus entstehenden Entscheidungsdruck.

Musterantwort:

Sandel argumentiert, dass pränatale genetische Untersuchungen den Bereich menschlicher Entscheidungen erweitern. Eigenschaften eines ungeborenen Kindes, die früher erst nach der Geburt bekannt wurden, können teilweise bereits während der Schwangerschaft erkannt werden.

Dadurch entsteht nach Sandel eine neue Form von Verantwortung. Eltern verfügen über Informationen und müssen entscheiden, ob sie Untersuchungen durchführen lassen und wie sie mit deren Ergebnissen umgehen. Sandel betont, dass Eltern grundsätzlich Entscheidungsfreiheit besitzen. Gleichzeitig können sie sich der Tatsache, dass eine Entscheidung möglich geworden ist, nicht vollständig entziehen.

Dadurch kann gesellschaftlicher Druck entstehen. Wenn Untersuchungen zur Normalität werden, könnten Eltern, die auf solche Untersuchungen verzichten, für gesundheitliche oder genetische Besonderheiten ihres Kindes verantwortlich gemacht werden. Sandel zeigt damit, dass eine Erweiterung technischer Möglichkeiten nicht automatisch nur eine Erweiterung persönlicher Freiheit bedeutet. Sie kann zugleich neue Erwartungen und Rechtfertigungszwänge hervorbringen.


Aufgabe 7: Erläutern Sie anhand des Versicherungsbeispiels den Zusammenhang zwischen Zufall und Solidarität bei Sandel.

Musterantwort:

Menschen schließen Versicherungen ab, weil sie nicht wissen, ob sie in Zukunft krank werden oder andere Risiken eintreten. Dadurch bilden sie eine Gemeinschaft, in der Risiken gemeinsam getragen werden. Menschen, die gesund bleiben, tragen durch ihre Beiträge zur Finanzierung der Behandlung von Menschen bei, die krank werden.

Sandel stellt sich nun vor, genetische Untersuchungen könnten zukünftige Krankheiten und die Lebenserwartung sehr genau vorhersagen. Menschen mit einer günstigen Prognose könnten dann weniger Interesse daran haben, ihre Risiken mit Menschen zu teilen, deren Erkrankungsrisiko deutlich höher ist.

Das Beispiel soll zeigen, dass Ungewissheit Solidarität fördern kann. Da Menschen nicht wissen, welches Schicksal sie selbst treffen wird, sind sie eher bereit, Risiken gemeinsam zu tragen. Wenn Risiken vollständig bekannt oder kontrollierbar wären, könnte diese Grundlage der Solidarität geschwächt werden.


Aufgabe 8: Vergleichen Sie Sandels Verständnis von Geschenktsein mit dem christlichen Verständnis des Menschen als Geschöpf Gottes.

Musterantwort:

Sowohl Sandels Begriff des Geschenktseins als auch das christliche Verständnis der Geschöpflichkeit betonen, dass der Mensch sich sein Leben nicht vollständig selbst verdankt. Im christlichen Menschenbild wird das Leben als von Gott gegeben verstanden. Der Mensch ist Geschöpf und nicht sein eigener Schöpfer.

Auch Sandel kritisiert die Vorstellung, Menschen könnten sich vollständig selbst hervorbringen. Begabungen, körperliche Eigenschaften und andere Voraussetzungen sind zunächst gegeben. Daraus entwickelt Sandel die Bedeutung von Demut und Solidarität.

Ein Unterschied besteht darin, dass Sandels Begriff nicht zwingend einen Glauben an Gott voraussetzt. Er spricht neben Gott auch von Natur, Zufall und Schicksal. Der Gedanke des Geschenktseins kann deshalb auch philosophisch verstanden werden. Beide Perspektiven stellen jedoch die Vorstellung infrage, der Mensch könne sein Leben und seine Eigenschaften vollständig kontrollieren.


Aufgabe 9: Wenden Sie Sandels Argumentation auf folgenden Fall an: Eltern könnten durch ein sicheres gentechnisches Verfahren die körperliche Leistungsfähigkeit ihres zukünftigen Kindes erheblich erhöhen. Untersuchen Sie mögliche ethische Probleme.

Musterantwort:

Aus Sandels Perspektive wäre zunächst zu fragen, wie eine solche Entscheidung das Verhältnis der Eltern zu ihrem Kind verändert. Wenn die Eltern bestimmte Eigenschaften gezielt auswählen, könnte das Kind stärker als Ergebnis ihrer Planung verstanden werden. Sandels Vorstellung der Offenheit für das Unerbetene könnte dadurch geschwächt werden.

Ein zweites Problem betrifft die Verantwortung. Wenn die Optimierung möglich ist, könnten Eltern zunehmend dafür verantwortlich gemacht werden, ob sie diese Möglichkeit genutzt haben. Aus einer freiwilligen Möglichkeit könnte schrittweise eine gesellschaftliche Erwartung entstehen.

Ein drittes Problem betrifft das Kind. Es könnte später mit bestimmten Erwartungen konfrontiert werden, weil seine Eigenschaften gezielt ausgewählt wurden. Besonders hohe körperliche Leistungsfähigkeit könnte beispielsweise mit der Erwartung verbunden werden, diese Fähigkeit auch erfolgreich einzusetzen.

Schließlich stellt sich eine gesellschaftliche Frage. Wenn nur bestimmte Menschen Zugang zu solchen Verfahren besitzen, könnten soziale Unterschiede verstärkt werden. Sandels Kritik richtet sich somit nicht nur gegen die technische Veränderung selbst, sondern gegen mögliche Veränderungen von Elternschaft, Verantwortung, gesellschaftlichen Erwartungen und Solidarität.


Aufgabe 10: Erörtern Sie die Aussage: „Je mehr der Mensch genetisch kontrollieren kann, desto freier wird er.“ Beziehen Sie Sandels Argumentation ein.

Musterantwort:

Für die Aussage spricht, dass zusätzliche technische Möglichkeiten den menschlichen Handlungsspielraum erweitern können. Menschen könnten möglicherweise Krankheiten verhindern und bestimmte körperliche Voraussetzungen beeinflussen. Aus dieser Perspektive bedeutet eine größere Zahl von Wahlmöglichkeiten zunächst mehr Freiheit.

Sandel zeigt jedoch, dass zusätzliche Wahlmöglichkeiten gleichzeitig neue Verpflichtungen erzeugen können. Sobald eine Eigenschaft veränderbar wird, stellt sich die Frage, ob sie verändert werden sollte. Eltern könnten beispielsweise gesellschaftlich unter Druck geraten, genetische Untersuchungen oder Optimierungen durchführen zu lassen.

Außerdem könnte die Verantwortung für Eigenschaften zunehmen. Was früher als Zufall betrachtet wurde, könnte zukünftig als Ergebnis einer Entscheidung gelten. Damit kann aus einer Möglichkeit eine Erwartung entstehen.

Mehr technische Kontrolle bedeutet deshalb nicht automatisch mehr erlebte Freiheit. Sie kann Handlungsmöglichkeiten erweitern, gleichzeitig aber Entscheidungsdruck und Verantwortung erhöhen. Eine Beurteilung genetischer Möglichkeiten muss deshalb sowohl den Gewinn an Handlungsmöglichkeiten als auch mögliche gesellschaftliche Erwartungen berücksichtigen.


Aufgabe 11: Beurteilen Sie Sandels These, dass genetische Optimierung die gesellschaftliche Solidarität schwächen könnte.

Musterantwort:

Sandels These lässt sich mit seinem Gedanken begründen, dass Solidarität auch aus dem Bewusstsein gemeinsamer Unsicherheit entsteht. Menschen wissen nicht vollständig, welche Krankheiten, Einschränkungen oder Schwierigkeiten sie im Leben treffen werden. Deshalb kann die Bereitschaft entstehen, Risiken und Belastungen gemeinsam zu tragen.

Genetische Vorhersagen und Optimierungen könnten dieses Verhältnis verändern. Wenn Menschen glauben, ihre Gesundheit und ihre Fähigkeiten weitgehend kontrollieren zu können, könnten Nachteile zunehmend als Ergebnis falscher Entscheidungen betrachtet werden. Die Frage könnte dann nicht mehr lauten, wie einem benachteiligten Menschen geholfen werden kann, sondern warum bestimmte Möglichkeiten nicht genutzt wurden.

Gleichzeitig folgt daraus nicht zwangsläufig, dass genetische Technologien Solidarität zerstören müssen. Eine Gesellschaft kann sich bewusst dafür entscheiden, Menschen unabhängig von ihren genetischen Voraussetzungen zu unterstützen und Risiken gemeinsam zu tragen.

Sandels Argument ist daher vor allem als Warnung vor einer möglichen gesellschaftlichen Entwicklung zu verstehen. Es macht darauf aufmerksam, dass technische Veränderungen auch moralische Erwartungen verändern können. Bei der ethischen Beurteilung genetischer Optimierung sollte deshalb nicht nur nach dem individuellen Nutzen, sondern auch nach möglichen Folgen für soziale Verantwortung und Solidarität gefragt werden.


Aufgabe 12: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Frage, ob Eltern die genetischen Eigenschaften ihrer Kinder optimieren dürfen sollten. Berücksichtigen Sie mindestens drei Argumente Sandels.

Musterantwort:

Für genetische Eingriffe könnte sprechen, dass Eltern grundsätzlich versuchen, ihrem Kind möglichst gute Lebensbedingungen zu ermöglichen. Besonders wenn genetische Verfahren schwere Krankheiten verhindern könnten, kann ihr Einsatz mit Fürsorge und Verantwortung begründet werden.

Bei einer Optimierung, die über die Behandlung oder Verhinderung von Krankheiten hinausgeht, entstehen jedoch zusätzliche ethische Fragen. Sandels Gedanke der Demut macht darauf aufmerksam, dass Elternschaft auch bedeutet, ein Kind mit seinen nicht selbst ausgewählten Eigenschaften anzunehmen. Eine umfassende genetische Planung könnte diese Offenheit verändern.

Zweitens ist Sandels Gedanke der zunehmenden Verantwortung zu berücksichtigen. Wenn Optimierungen verfügbar sind, könnten Eltern unter Druck geraten, sie auch einzusetzen. Eine technische Möglichkeit könnte dadurch schrittweise zu einer gesellschaftlichen Erwartung werden.

Drittens stellt sich die Frage nach der Solidarität. Wenn Eigenschaften zunehmend als Ergebnis persönlicher oder elterlicher Entscheidungen betrachtet werden, könnten Menschen mit weniger günstigen Voraussetzungen stärker für ihre Situation verantwortlich gemacht werden.

Bei einer ethischen Bewertung sollte deshalb zwischen der Behandlung beziehungsweise Verhinderung schwerer Krankheiten und der gezielten Optimierung von Eigenschaften unterschieden werden. Die bloße technische Möglichkeit reicht nicht als Begründung aus. Zu berücksichtigen sind auch die Freiheit des Kindes, gesellschaftlicher Erwartungsdruck, Gerechtigkeit, Solidarität und die Akzeptanz menschlicher Verschiedenheit.


Aufgabe 13: Entwickeln Sie ausgehend von Sandels Argumentation vier Kriterien, mit denen genetische Eingriffe am Menschen ethisch beurteilt werden können.

Musterantwort:

Ein erstes Kriterium ist das Ziel des Eingriffs. Es sollte unterschieden werden, ob ein Eingriff der Behandlung oder Verhinderung einer schweren Erkrankung dient oder ob damit Eigenschaften über ein gesundheitlich notwendiges Maß hinaus optimiert werden sollen.

Ein zweites Kriterium ist die Freiheit. Es muss geprüft werden, ob eine technische Möglichkeit tatsächliche Freiheit erweitert oder ob sie neuen gesellschaftlichen Entscheidungsdruck erzeugt.

Ein drittes Kriterium ist die Verantwortung. Zu fragen ist, ob durch eine neue Möglichkeit Menschen zunehmend für Eigenschaften verantwortlich gemacht werden, die bislang als nicht selbst gewählt betrachtet wurden.

Ein viertes Kriterium ist die Solidarität. Es muss untersucht werden, ob ein Verfahren gesellschaftliche Ungleichheiten verstärkt oder dazu führt, dass Menschen mit ungünstigen genetischen Voraussetzungen weniger Unterstützung erhalten.

Ergänzend kann Sandels Gedanke des Geschenktseins berücksichtigt werden. Eine ethische Prüfung sollte danach fragen, welches Menschenbild mit einer Technologie verbunden ist und ob Menschen weiterhin als Personen mit einem eigenen Wert anerkannt werden oder zunehmend nach erwünschten Eigenschaften beurteilt werden.


Aufgabe 14: Erörtern Sie die Frage, ob menschliche Unvollkommenheit einen positiven Wert besitzen kann. Beziehen Sie Sandels Überlegungen und eine christliche Perspektive ein.

Musterantwort:

Gegen einen positiven Wert von Unvollkommenheit könnte zunächst sprechen, dass Menschen seit jeher versuchen, Krankheiten, Leiden und Einschränkungen zu überwinden. Medizinischer Fortschritt kann Leben retten und die Lebensqualität verbessern. Unvollkommenheit sollte deshalb nicht romantisiert werden, wenn sie mit vermeidbarem Leiden verbunden ist.

Sandel macht jedoch darauf aufmerksam, dass die fehlende vollständige Kontrolle über das menschliche Leben auch moralisch bedeutsam sein kann. Das Bewusstsein, nicht alle eigenen Begabungen selbst geschaffen zu haben, kann Demut fördern. Die Erfahrung eigener Verletzlichkeit kann außerdem die Solidarität mit anderen Menschen stärken.

Eine christliche Perspektive kann diesen Gedanken durch die Vorstellung der Geschöpflichkeit ergänzen. Der Mensch ist danach nicht sein eigener Schöpfer und sein Wert hängt nicht von Perfektion oder Leistung ab. Menschliche Würde besteht deshalb auch unabhängig von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten.

Unvollkommenheit muss daher nicht als Wert an sich verstanden werden. Krankheit und Leiden dürfen weiterhin behandelt werden. Gleichzeitig kann die Einsicht in die Begrenztheit des Menschen eine wichtige Bedeutung besitzen. Sie kann daran erinnern, dass Menschenwürde nicht von Perfektion abhängt und dass Menschen aufeinander angewiesen sind.

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