Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders im Zusammenhang mit den Themen Religionskritik, Kirche und Gesellschaft, Christentum in der modernen Welt, Judentum und Christentum, Bibelverständnis, Glaube und Vernunft, Säkularisierung sowie religiöse und nicht religiöse Lebensdeutungen. Aufgrund der stark wertenden und teilweise polemischen Sprache des Textes sollte die Unterrichtsarbeit konsequent zwischen Schnädelbachs Position und historisch oder theologisch überprüfbaren Sachverhalten unterscheiden. Aussagen wie seine negative Bewertung der kulturellen Gesamtwirkung des Christentums sind als Urteile des Autors zu behandeln und nicht als bereits feststehende Ergebnisse.
Als Einstieg bietet sich die Leitfrage „Braucht eine moderne Gesellschaft das Christentum noch?“ an. Die Lernenden können zunächst mögliche Funktionen von Religion und Kirche sammeln, beispielsweise Sinnstiftung, Gemeinschaft, moralische Orientierung, soziale Hilfe, Rituale, kulturelle Tradition, Bildung, Hoffnung oder gesellschaftliches Engagement. Daneben können mögliche Kritikpunkte gesammelt werden. Auf diese Weise entsteht ein offener Problemhorizont, bevor Schnädelbachs Position eingeführt wird.
Eine weitere Einstiegsmöglichkeit besteht in der Aussage Schnädelbachs, dass Jesus ein frommer und radikaler Jude gewesen sei. Von dieser Aussage ausgehend kann das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum erschlossen werden. Die Lernenden sollten dabei erkennen, dass das Christentum historisch aus dem Judentum hervorgegangen ist und zentrale christliche Vorstellungen ohne ihre jüdischen Voraussetzungen nicht angemessen verstanden werden können. Dies ermöglicht zugleich eine kritische Beschäftigung mit christlichem Antijudaismus.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte der Text in thematische Abschnitte gegliedert werden. Die Lernenden können herausarbeiten, welche Aspekte des Christentums Schnädelbach kritisiert, welche Elemente er positiv bewertet und welche Veränderungen er fordert. Dabei sollte sichtbar werden, dass seine Position nicht ausschließlich aus Ablehnung besteht. Er würdigt beispielsweise soziale und moralische Tätigkeiten der Kirchen und erkennt positive kulturelle Wirkungen des Christentums an, bewertet dessen Gesamtentwicklung jedoch ausgesprochen kritisch.
Besonders geeignet ist eine Strukturierung nach den Kategorien Kritik, Reformvorschlag und positive Würdigung. Die Lernenden können entsprechende Textstellen markieren und anschließend in eigenen Worten wiedergeben. Dadurch wird verhindert, dass die starke sprachliche Wirkung einzelner Formulierungen die differenziertere Struktur des Textes verdeckt.
Ein zentraler didaktischer Schwerpunkt liegt auf Schnädelbachs Frage nach dem Verhältnis des Christentums zum Judentum. Seine These „Was im Christentum etwas taugt, ist ohnehin jüdisch“ ist bewusst provokativ formuliert. Sie eignet sich daher gut für eine Analyse von Argumentation und Sprache. Die Lernenden sollten untersuchen, welche christlichen Inhalte Schnädelbach auf jüdische Traditionen zurückführt und welche Schlussfolgerungen er daraus zieht. Anschließend kann geprüft werden, ob aus der jüdischen Herkunft bestimmter christlicher Vorstellungen tatsächlich folgt, dass das Christentum keine eigenständige Bedeutung besitzt.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Thema Antijudaismus. Schnädelbach verbindet seine Forderung nach einer Veränderung des christlichen Missionsverständnisses mit der Hoffnung auf eine Überwindung antijüdischer Einstellungen. Im Unterricht kann dies zum Anlass genommen werden, zwischen Judentum als eigenständiger Religion und christlichen Deutungen des Judentums zu unterscheiden. Dabei sollte deutlich werden, dass jüdischer Glaube nicht lediglich als Vorstufe des Christentums behandelt werden darf.
Ein weiterer Schwerpunkt ist Schnädelbachs Kritik am Umgang mit biblischen Texten. Er fragt, was Christinnen und Christen glauben sollen, wenn zentrale biblische Aussagen nicht mehr wörtlich verstanden werden. Für die Lernenden bietet sich hier die Möglichkeit, unterschiedliche Formen der Bibelauslegung kennenzulernen. Neben einem wörtlichen Verständnis können historische, symbolische, metaphorische und existenzielle Deutungen betrachtet werden. Anschließend lässt sich prüfen, ob eine nicht wörtliche Interpretation tatsächlich zu der von Schnädelbach behaupteten inhaltlichen Leere führen muss.
Methodisch kann eine biblische Aussage ausgewählt und unterschiedlich interpretiert werden. Die Lernenden untersuchen beispielsweise einen Schöpfungstext und vergleichen ein wörtliches Verständnis mit einer theologischen oder symbolischen Interpretation. Anschließend wird gefragt, ob ein Text seine religiöse Bedeutung verliert, wenn er nicht als naturwissenschaftlicher Tatsachenbericht verstanden wird. Dadurch können die Lernenden Schnädelbachs Kritik an moderner Bibelauslegung anhand eines konkreten Beispiels prüfen.
Schnädelbachs Kritik an Gebeten um Regen eignet sich ebenfalls zur Auseinandersetzung mit religiöser Sprache. Seine Frage, ob solche Gebete Gott zu einem Wettergott machen, kann genutzt werden, um unterschiedliche Gebetsverständnisse zu untersuchen. Gebet kann als Bitte um einen konkreten Eingriff verstanden werden, aber auch als Ausdruck von Vertrauen, Abhängigkeit, Hoffnung oder Dankbarkeit. Die Lernenden können dadurch prüfen, ob Schnädelbach eine bestimmte Form religiöser Sprache kritisiert oder ob seine Kritik jede mögliche Form des Gebets betrifft.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Jenseitshoffnung. Schnädelbach lehnt es ab, Menschen mit Vorstellungen von ewiger Strafe Angst zu machen oder sie auf eine ewige Seligkeit zu vertrösten. Er stellt dem die Vorstellung eines glücklichen Lebens in dieser Welt gegenüber. Daraus kann die Leitfrage entwickelt werden: „Lenkt die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod vom gegenwärtigen Leben ab oder kann sie gerade zu verantwortlichem Handeln in dieser Welt motivieren?“ Die Lernenden können unterschiedliche Positionen erarbeiten und anschließend ein eigenes begründetes Urteil entwickeln.
Methodisch bietet sich hierzu ein Vergleich unterschiedlicher christlicher Aussagen über Hoffnung und Verantwortung an. Die Lernenden können untersuchen, ob christliche Jenseitshoffnung notwendigerweise eine Abwertung des gegenwärtigen Lebens bedeutet. Als Gegenperspektive zu Schnädelbach kann beispielsweise die christliche Vorstellung behandelt werden, dass Hoffnung auf Gottes Zukunft gerade zum Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Welt motivieren kann.
Auch Schnädelbachs Bewertung der Kirchen besitzt einen hohen Gegenwartsbezug. Er würdigt Kirche als moralische und soziale Institution, behauptet aber zugleich, die Kirchen hätten nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen. Diese Spannung eignet sich für eine arbeitsteilige Untersuchung. Die Lernenden können zunächst klären, was unter einer sozialen, moralischen und religiösen Funktion von Kirche verstanden werden kann. Anschließend lässt sich fragen, ob soziale Arbeit einer Kirche auch dann noch religiös geprägt sein kann, wenn vergleichbare Tätigkeiten von nicht religiösen Organisationen ausgeübt werden.
Ein weiterer wichtiger Begriff ist der Humanismus. Schnädelbach vertritt die Auffassung, positive Kräfte des Christentums seien teilweise in einen profanen Humanismus übergegangen. Die Lernenden sollten deshalb klären, was unter Humanismus verstanden werden kann und welche Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede zwischen christlicher Ethik und nicht religiösem Humanismus bestehen. Themen wie Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität, Gerechtigkeit und Verantwortung bieten dafür geeignete Vergleichspunkte.
Die sprachliche Gestaltung des Textes sollte ausdrücklich Gegenstand des Unterrichts werden. Schnädelbach verwendet Ironie, rhetorische Fragen, Zuspitzungen und provozierende Wertungen. Die Lernenden können untersuchen, wie diese sprachlichen Mittel die Wirkung des Textes beeinflussen. Dabei ist zwischen einer überzeugenden Begründung und einer wirkungsvollen Formulierung zu unterscheiden. Gerade diese Differenzierung fördert die Fähigkeit, religionskritische Texte nicht nur inhaltlich, sondern auch argumentativ zu beurteilen.
Für eine abschließende Unterrichtsphase bietet sich ein Streitgespräch zur Frage „Hat das Christentum in einer modernen Gesellschaft noch eine eigenständige Bedeutung?“ an. Eine Gruppe rekonstruiert Schnädelbachs Kritik, eine weitere entwickelt mögliche theologische Gegenargumente und eine dritte Gruppe untersucht vermittelnde Positionen. Entscheidend ist, dass alle Gruppen ihre Aussagen begründen und zwischen historischen Tatsachen, theologischen Deutungen und persönlichen Werturteilen unterscheiden.
Als abschließende Urteilsfrage kann Schnädelbachs These geprüft werden, dass das Christentum seine positiven kulturellen Kräfte weitgehend an einen nicht religiösen Humanismus abgegeben habe. Die Lernenden sollten dabei sowohl die mögliche Weiterwirkung christlicher Vorstellungen in einer säkularen Gesellschaft als auch eigenständige nicht religiöse Begründungen von Menschenwürde, Solidarität und Moral berücksichtigen. Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse Schnädelbachs zentrale Kritik am gegenwärtigen Christentum in eigenen Worten zusammen.
Musterlösung:
Schnädelbach bezweifelt, dass das Christentum in seiner traditionellen Form in der modernen Welt dauerhaft bestehen kann. Er kritisiert verschiedene christliche Vorstellungen und meint, dass viele positive Inhalte des Christentums bereits aus dem Judentum stammen.
Ein besonderes Problem sieht er im Verhältnis des Christentums zur historischen Wahrheit und zur Bibel. Wenn biblische Aussagen nicht mehr wörtlich verstanden werden, stellt sich für ihn die Frage, welche konkreten Glaubensinhalte noch bestehen bleiben. Außerdem kritisiert er traditionelle Vorstellungen von ewiger Strafe und ewiger Seligkeit.
Den Kirchen gesteht Schnädelbach weiterhin eine moralische und soziale Bedeutung zu. Er bezweifelt jedoch, dass sie noch etwas spezifisch Christliches vermitteln können. Positive Wirkungen des Christentums seien seiner Auffassung nach weitgehend in einen nicht religiösen Humanismus übergegangen.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere, was Schnädelbach mit seiner Forderung meint, Christen sollten wieder stärker „jesuanisch“ werden.
Musterlösung:
Schnädelbach erinnert daran, dass Jesus Jude war und innerhalb der jüdischen Religion lebte. Mit seiner Forderung nach einem stärker „jesuanischen“ Christentum verbindet er die Vorstellung, dass Christen sich stärker an Jesus selbst und weniger an später entstandenen theologischen Lehrsystemen orientieren sollten.
Dabei hebt Schnädelbach insbesondere jüdische Grundlagen christlicher Vorstellungen hervor. Seine Forderung enthält deshalb zugleich eine Kritik an bestimmten Entwicklungen des späteren Christentums. Ein stärker an Jesus orientiertes Christentum wäre nach seiner Vorstellung unter anderem toleranter und würde seine jüdischen Wurzeln deutlicher anerkennen.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Schnädelbachs Argumentation zur Zukunft des Christentums. Arbeite heraus, welche Kritikpunkte er nennt und zu welcher Schlussfolgerung er gelangt.
Musterlösung:
Schnädelbach entwickelt mehrere Kritikpunkte. Zunächst stellt er die Eigenständigkeit bestimmter christlicher Inhalte infrage, indem er ihre jüdischen Wurzeln hervorhebt. Anschließend kritisiert er problematische Elemente der christlichen Tradition wie Antijudaismus und bestimmte Formen von Mission.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft das Bibelverständnis. Schnädelbach bezweifelt, dass ein Christentum dauerhaft bestehen kann, wenn zentrale biblische Aussagen nur noch symbolisch oder existenziell verstanden werden. Für ihn entsteht dadurch die Frage, welche konkreten Inhalte noch geglaubt werden können.
Daneben kritisiert er traditionelle Vorstellungen von Jenseits, Strafe und ewiger Seligkeit. Er bevorzugt eine stärkere Orientierung an einem glücklichen Leben in der gegenwärtigen Welt.
Schließlich unterscheidet Schnädelbach zwischen der sozialen Bedeutung der Kirchen und ihrem religiösen Gehalt. Soziale und moralische Arbeit bewertet er positiv, während er die eigenständige religiöse Botschaft der Kirchen infrage stellt. Daraus entwickelt er die weitreichende These, das organisierte Christentum habe seine entscheidende historische Bedeutung bereits verloren.
Aufgbe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Unterscheiden
Unterscheide Schnädelbachs Bewertung der sozialen Funktion der Kirchen von seiner Bewertung ihrer religiösen Funktion.
Musterlösung:
Die soziale und moralische Tätigkeit der Kirchen bewertet Schnädelbach grundsätzlich positiv. Er erkennt an, dass kirchliche Einrichtungen gesellschaftlich wertvolle Aufgaben übernehmen können. Dazu können soziale Unterstützung, Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und moralisches Engagement gehören.
Anders bewertet er die spezifisch religiöse Funktion der Kirchen. Hier vertritt er die Auffassung, dass die Kirchen kaum noch eigenständige christliche Inhalte vermitteln könnten, die für Menschen der modernen Welt verständlich und überzeugend seien.
Schnädelbach unterscheidet damit zwischen gesellschaftlichem Nutzen und religiösem Wahrheitsanspruch. Eine Kirche könnte nach dieser Sicht gesellschaftlich wertvolle Arbeit leisten, obwohl ihre religiöse Botschaft an Bedeutung verliert.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere die sprachliche Gestaltung von Schnädelbachs Religionskritik. Berücksichtige seine Verwendung von Zuspitzungen und rhetorischen Fragen.
Musterlösung:
Schnädelbach verwendet eine bewusst provozierende und zugespitzte Sprache. Die Aussage „Was im Christentum etwas taugt, ist ohnehin jüdisch“ ist ein deutliches Beispiel. Sie verdichtet seine Kritik in einer kurzen Formulierung und stellt die Eigenständigkeit des Christentums grundsätzlich infrage.
Außerdem verwendet er zahlreiche rhetorische Fragen. Wenn er beispielsweise fragt, was überhaupt noch geglaubt werden könne, wenn biblische Aussagen nicht mehr wörtlich verstanden würden, erwartet er keine einfache Antwort. Die Frage soll vielmehr Zweifel an bestimmten Formen moderner Theologie wecken.
Auch seine Bemerkungen über Himmel, ewige Seligkeit und kirchliche Sprache besitzen eine ironische Wirkung. Dadurch wird der Text anschaulich und provokativ.
Für eine sachliche Beurteilung muss jedoch zwischen sprachlicher Wirkung und argumentativer Begründung unterschieden werden. Eine besonders scharfe Formulierung macht eine Aussage nicht automatisch richtig.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die Frage: „Verliert die Bibel ihre religiöse Bedeutung, wenn ihre Texte nicht immer wörtlich verstanden werden?“ Beziehe Schnädelbachs Kritik ein.
Musterlösung:
Für Schnädelbach entsteht ein grundlegendes Problem, wenn zentrale biblische Aussagen nicht mehr wörtlich verstanden werden. Er fragt, was Christen noch konkret glauben sollen, wenn religiöse Aussagen zunehmend symbolisch oder existenziell interpretiert werden.
Für diese Kritik spricht, dass religiöse Aussagen ihren Inhalt verlieren könnten, wenn jede schwierige Textstelle nur noch als Symbol verstanden wird. Dann stellt sich tatsächlich die Frage, welche Aussagen über Gott und die Wirklichkeit noch konkret gemeint sind.
Gegen Schnädelbach lässt sich einwenden, dass nicht wörtliches Verstehen nicht automatisch Bedeutungslosigkeit bedeutet. Bilder, Gleichnisse und Symbole können wichtige Wahrheiten ausdrücken, ohne Tatsachenberichte zu sein. Auch biblische Texte gehören unterschiedlichen Textarten an und müssen entsprechend interpretiert werden.
Die religiöse Bedeutung der Bibel hängt deshalb nicht notwendig von einem vollständig wörtlichen Verständnis ab. Entscheidend ist vielmehr, ob nachvollziehbar erklärt werden kann, welche Bedeutung ein Text besitzt und wie seine Aussage begründet wird.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Vergleichen
Vergleiche Schnädelbachs Vorstellung eines glücklichen Lebens in dieser Welt mit einer christlichen Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.
Musterlösung:
Schnädelbach betont das gegenwärtige Leben. Er lehnt die Vorstellung ab, Menschen mit ewiger Strafe Angst zu machen oder sie lediglich auf eine spätere ewige Seligkeit zu vertrösten. Ein glückliches Leben in dieser Welt erscheint ihm als ausreichendes Ziel.
Die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod erweitert dagegen die Perspektive über das gegenwärtige Leben hinaus. Sie kann mit der Hoffnung verbunden sein, dass Tod, Leid und Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort behalten.
Beide Positionen unterscheiden sich vor allem hinsichtlich ihres zeitlichen Horizonts. Schnädelbach konzentriert sich auf das gegenwärtige Leben, während christliche Eschatologie eine darüber hinausgehende Hoffnung eröffnet.
Die beiden Perspektiven müssen sich allerdings nicht zwangsläufig ausschließen. Christliche Hoffnung kann auch als Motivation verstanden werden, sich bereits in der gegenwärtigen Welt für ein gelingendes Leben, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit einzusetzen.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Schnädelbachs These, die Kirchen hätten in der modernen Welt nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen.
Musterlösung:
Für Schnädelbachs These kann sprechen, dass zahlreiche Werte, die früher stark mit dem Christentum verbunden wurden, heute auch unabhängig von Religion vertreten werden. Menschenwürde, Solidarität, soziale Verantwortung und Hilfe für Bedürftige können beispielsweise auch humanistisch begründet werden.
Gegen die These spricht, dass christliche Kirchen ihre gesellschaftliche Arbeit weiterhin mit bestimmten religiösen Vorstellungen verbinden. Dazu gehören etwa die Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die Nächstenliebe, Vergebung, Hoffnung auf Auferstehung und der Glaube an Gott. Diese Inhalte unterscheiden sich zumindest teilweise von rein nicht religiösen Begründungen.
Ob die Kirchen noch etwas spezifisch Christliches zu sagen haben, hängt deshalb auch davon ab, ob lediglich ihre sozialen Tätigkeiten oder zusätzlich deren religiöse Begründungen betrachtet werden. Schnädelbachs These ist eine zugespitzte Bewertung, die anhand konkreter kirchlicher Aussagen und Praktiken geprüft werden muss.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtere die These, dass ein moderner Humanismus die positiven ethischen Funktionen des Christentums vollständig übernehmen könne.
Musterlösung:
Für diese These spricht, dass grundlegende moralische Werte nicht ausschließlich religiös begründet werden können. Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortung können auch auf der Grundlage humanistischer Vorstellungen vertreten werden. Eine Gesellschaft benötigt daher nicht zwingend religiösen Glauben, um moralische Regeln zu entwickeln.
Schnädelbach vertritt die Auffassung, dass positive Kräfte des Christentums teilweise in einen profanen Humanismus übergegangen seien. Damit können christlich geprägte Werte gesellschaftlich weiterwirken, auch wenn ihre religiöse Begründung an Bedeutung verliert.
Gegen die These lässt sich einwenden, dass Religion nicht ausschließlich moralische Regeln vermittelt. Christlicher Glaube enthält zusätzlich Aussagen über Gott, Schöpfung, Schuld, Vergebung, Hoffnung und die Überwindung des Todes. Diese Aspekte können nicht einfach mit allgemeiner humanistischer Ethik gleichgesetzt werden.
Humanismus kann daher zahlreiche ethische Funktionen erfüllen, die auch christliche Traditionen übernehmen. Ob er das Christentum vollständig ersetzen kann, hängt jedoch davon ab, ob Religion ausschließlich als Moral verstanden wird oder ob ihr darüber hinausgehende religiöse Funktionen zugesprochen werden.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung: „Hat das Christentum in einer modernen und weitgehend säkularen Gesellschaft noch eine eigenständige Bedeutung?“ Beziehe Schnädelbachs Argumentation ein.
Musterlösung:
Schnädelbach bezweifelt eine eigenständige Bedeutung des Christentums, weil zahlreiche positive Werte inzwischen auch unabhängig von Religion vertreten werden können. Außerdem sieht er Probleme im traditionellen Bibelverständnis, in bestimmten Glaubensvorstellungen und in der Verständlichkeit kirchlicher Sprache.
Gleichzeitig kann das Christentum auch in einer säkularen Gesellschaft eigenständige Perspektiven anbieten. Dazu gehören die Deutung des Menschen als Geschöpf Gottes, Vorstellungen von Schuld und Vergebung, die Hoffnung auf Auferstehung und die religiöse Deutung von Leben und Tod. Auch religiöse Rituale können für Menschen in Situationen von Geburt, Krankheit, Verlust und Tod Bedeutung besitzen.
Darüber hinaus prägt das Christentum weiterhin Kultur, Sprache, Kunst, Feiertage und gesellschaftliche Institutionen. Dabei muss zwischen kultureller Wirkung und der persönlichen Zustimmung zum christlichen Glauben unterschieden werden.
Ob das Christentum für einen einzelnen Menschen religiöse Bedeutung besitzt, kann nicht allein aus seiner gesellschaftlichen Geschichte abgeleitet werden. Schnädelbachs Kritik fordert jedoch dazu heraus, genauer zu bestimmen, welche spezifischen Antworten christlicher Glaube heute geben kann und wie diese gegenüber anderen religiösen und nicht religiösen Weltdeutungen begründet werden.