Der Artikel geht der Frage nach, wie sich Philosophie und Offenbarung beziehungsweise Glaube und Vernunft zueinander verhalten. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass sich das Christentum in der Moderne mit einer Vernunft auseinandersetzen muss, die sich als autonom versteht und nur das als wahr anerkennt, was sie aus eigener Einsicht begründen kann. Die Autorin will zeigen, dass die Autonomie des Subjekts für den christlichen Glauben nicht aufgehoben werden darf, dass der Mensch aber zugleich für das Gelingen seiner Freiheit auf Offenbarung angewiesen sein könnte.
Zunächst entfaltet der Text ein christliches Verständnis von Offenbarung. Offenbarung ist nicht zuerst die Mitteilung einzelner Lehren, sondern ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch. Biblisch zeigt sich dieses Geschehen in Gottes schöpferischem Handeln, im Bund mit Israel, im Exodus, in der Gabe der Gebote, im Wirken der Propheten und vor allem in Jesus Christus. In Jesus offenbart sich Gott als Liebe, die heilt, vergibt, befreit und Gemeinschaft stiftet. Im Kreuz zeigt sich Gott als einer, der sich den Menschen vorbehaltlos hingibt und ihre Freiheit selbst in ihrer zerstörerischen Form ernst nimmt. In der Auferstehung zeigt sich Gott als Herr über den Tod. Aus all dem ergibt sich nach der Autorin, dass Offenbarung im Kern bedeutet, dass Gott den Menschen als unbedingt gewollt bejaht. Der Mensch kann sich daher als geliebte Freiheit verstehen. Seine Existenz ist nicht zufällig und nicht erst durch eigene Leistung sinnvoll, sondern gründet im Willen Gottes.
Im nächsten Schritt zeichnet der Artikel die Entwicklung des theologischen Offenbarungsbegriffs nach. Früh wurde versucht zu zeigen, dass der Glaube an Offenbarung nicht unvernünftig ist. Dabei kam es zu einer starken Intellektualisierung. Offenbarung wurde vor allem als Erkenntnisgeschehen verstanden, durch das übernatürliche Wahrheiten mitgeteilt werden. Besonders im instruktionstheoretischen Offenbarungsmodell, das bis in die Neuscholastik wirksam blieb und auf dem Ersten Vatikanischen Konzil lehramtlich festgeschrieben wurde, erscheint Offenbarung als zusätzliche Informationsquelle neben der natürlichen Vernunfterkenntnis. Der Mensch soll Wahrheiten über Gott annehmen, die er aus eigener Vernunft nicht erkennen kann. Dieses Modell verengt Offenbarung nach Ansicht der Autorin auf ein Informationsgeschehen und macht Glauben im Wesentlichen zu Gehorsam gegenüber göttlicher Autorität.
Demgegenüber hebt das Zweite Vatikanische Konzil stärker das kommunikationstheoretische Offenbarungsmodell hervor. Dieses knüpft an das biblische Zeugnis an und versteht Offenbarung nicht als Mitteilung abstrakter Wahrheiten, sondern als Selbstmitteilung Gottes in der Geschichte. Gott teilt nicht in erster Linie Lehren mit, sondern sich selbst. Offenbarung geschieht durch Personen und durch gelebte Geschichte. Die Autorin erklärt dies in Analogie zu Liebesbeziehungen. Menschen erkennen einander nicht durch abstrakte Definitionen, sondern dadurch, dass sie miteinander leben, Konflikte austragen, sich entscheiden und gemeinsam Geschichte teilen. Ebenso erfahren Menschen Gott im Prozess einer Beziehung. Offenbarung ist daher nach christlichem Verständnis nicht primär Erkenntnis, sondern Liebe. Sie betrifft die praktische Freiheit des Menschen, bevor sie sein Wissen bestimmt.
Darauf aufbauend entwickelt der Artikel die zentrale These, dass das Verhältnis von Offenbarung und Autonomie doppelt bestimmt werden muss. Einerseits ist Autonomie unhintergehbar. Andererseits ist Autonomie nicht autark. Dass Autonomie unhintergehbar ist, bedeutet zunächst, dass auch der christliche Glaube die Vernunftautonomie des Menschen anerkennen muss. Nur das kann als wahr und verbindlich gelten, was aus eigener Einsicht begründet werden kann. Offenbarung darf daher nicht als Autoritätsargument verwendet werden, das vernünftige Auseinandersetzung beendet. Die Autorin unterscheidet hier zwischen dem Entdeckungszusammenhang und dem Begründungszusammenhang von Einsichten. Eine Einsicht kann im Zusammenhang mit einem Offenbarungsgeschehen entdeckt werden, ihre Geltung darf aber nicht allein mit diesem Ursprung begründet werden. Sonst droht Offenbarung zu einem Machtinstrument zu werden und der Glaube wieder auf Gehorsam reduziert zu werden.
Diese Unhintergehbarkeit der Autonomie ist für die Autorin nicht nur philosophisch, sondern auch theologisch notwendig. Wenn Offenbarung als Liebesgeschehen verstanden wird, dann setzt sie Freiheit voraus und achtet Freiheit. Liebe kann nicht erzwungen werden. Deshalb darf Offenbarung niemals gegen die Freiheit des Menschen ausgespielt werden. Noch weitergehend behauptet der Artikel, dass die Affirmation der Freiheit sogar der eigentliche Gehalt der Offenbarung ist. Offenbarung gibt nicht bestimmte Inhalte oder Vorschriften vor, sondern spricht dem Menschen ein grundlegendes Ja zu. Sie hat die Form eines Du sollst sein. In diesem Sinn ist Offenbarung ein Befreiungsgeschehen.
Zugleich kritisiert der Text ein übersteigertes Verständnis von Autonomie. Zwar ist der Mensch formal frei zur Selbstbestimmung, tatsächlich ist diese Freiheit aber oft unvollständig. Autonomie bedeutet wörtlich, sich selbst das Gesetz zu geben. Doch dieses Selbstbestimmen erfolgt nie im luftleeren Raum. Menschen orientieren sich an gesellschaftlich vorgegebenen Maßstäben des Gelingens und an sozialen Formen von Anerkennung. Ihre Freiheit ist daher von Gewohnheiten, Normen und Erwartungen geprägt. Die Autorin beschreibt diese Unfreiheit in zwei Hinsichten. Erstens ist das autonome Selbstverhältnis herrschaftsförmig, weil der Mensch sich selbst zum Objekt seines Wollens macht. Zweitens ist die Selbstbestimmung sozial geprägt, weil Vorstellungen von Erfolg, Vernunft und richtigem Leben aus gesellschaftlichen Ordnungen hervorgehen. So bleibt die Freiheit in Machbarkeit und Gewohnheit verfangen.
Hier setzt das Offenbarungsverständnis des Artikels ein. Offenbarung befreit den Menschen aus dieser Befangenheit. Sie ermöglicht einen Ausbruch aus den sittlichen und erkenntnismäßigen Selbstverständlichkeiten einer Zeit. Als Beispiele nennt die Autorin Antigone, Paulus und Rosa Parks. Alle drei stehen für Handlungen, die bestehende Ordnungen durchbrechen und Neues ermöglichen. Diese Befreiung ist nach Auffassung der Autorin nicht einfach ein Zufall und auch nicht bloß Produkt autonomer Vernunft. Sie ist Geschenk. Christlich verstanden ist sie Selbstmitteilung Gottes. Gott spricht dem Menschen in der Offenbarung ein unbedingtes Ja zu und befreit ihn dadurch dazu, anders zu sehen, anders zu urteilen und anders zu handeln.
Wichtig ist der Autorin dabei, dass Offenbarung keine fertigen Inhalte vorgibt. Sie funktioniert nicht so, dass Gott konkrete Handlungsanweisungen liefert, die dann nur gehorsam auszuführen wären. Vielmehr schenkt Offenbarung Freiheit. Alles, was an neuen Einsichten, Urteilen und Handlungen daraus entsteht, bleibt Sache des befreiten Subjekts. Das Beispiel Rosa Parks verdeutlicht dies. Offenbarung hätte hier nicht die Form eines göttlichen Befehls, sondern die Form einer befreienden Erfahrung, die es ermöglicht, rassistische Ordnungen anders zu sehen und aus eigener Einsicht zurückzuweisen. Damit bleibt die Autonomie des Menschen gewahrt und wird zugleich vertieft.
Am Ende zieht der Artikel daraus noch ontologische Konsequenzen. Wenn Offenbarung als schöpferisches Ja Gottes verstanden wird, dann fragt das Christentum nicht zuerst nach metaphysischen Prinzipien oder naturhaften Gesetzen der Welt. Es fragt vielmehr nach dem Wert der Wirklichkeit. Das Christentum will nicht nur erklären, wie die Welt ist, sondern bezeugen, dass sie von Gott gewollt und geliebt ist. Offenbarung bedeutet deshalb nicht bloß Einsicht in Gegebenes, sondern liebendes Freisetzen für Neues.