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Katholische Akademie Bayern

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Die apokryphen Apostelakten

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel umfasst sechs Seiten. Der Beitrag gibt einen Überblick über die apokryphen Apostelakten und zeigt an ausgewählten Episoden, wie diese Schriften die biblische Apostelgeschichte ergänzen, ausschmücken und teils auch bewusst verändern. Dabei wird deutlich, dass diese Texte nicht nur unterhalten wollen, sondern auch bestimmte theologische Vorstellungen über Taufe, Askese, Martyrium, Erlösung und die Gestalt der Apostel vermitteln.

Der Fachartikel behandelt vor allem folgende theologischen Probleme: das Verhältnis von kanonischen und apokryphen Texten, die Bedeutung von Taufe und Martyrium, die radikale Forderung nach sexueller Enthaltsamkeit, die Bewertung von Ehe und Leiblichkeit, die Frage nach rechter und falscher Christologie, besonders in gnostischen und doketischen Deutungen, sowie das Verhältnis von Unterhaltung, Frömmigkeit und theologischer Belehrung in frühchristlicher Literatur.

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Der Artikel stellt die apokryphen Apostelakten als eine Gruppe frühchristlicher Texte vor, die das Leben und Wirken der Apostel mit erzählerischer Freiheit ausschmücken. Anders als die Apostelgeschichte des Lukas, die eher der Geschichtsschreibung zugeordnet wird, stehen diese Schriften der antiken Romanliteratur näher. Sie entstanden überwiegend zwischen 150 und 240 nach Christus und sind nur teilweise vollständig erhalten. Der Autor zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass diese Texte zugleich unterhaltsam, lehrreich, problematisch und theologisch aufschlussreich sind.

Zunächst widmet sich der Artikel den Paulusakten. Eine besonders auffällige Episode schildert, wie Paulus in der Wüste einem Löwen begegnet, der um die Taufe bittet. Paulus tauft das Tier im Fluss, woraufhin der Löwe sogar seine sexuelle Disziplin beweist, indem er sich später von einer Löwin abwendet. Der Autor deutet diese Szene als prägnantes Beispiel für die enge Verbindung von Taufe und Eheverzicht in bestimmten frühchristlichen Milieus, besonders in der syrischen Kirche. Die Ablehnung von Sexualität und Ehe sei in diesen Texten überhaupt ein wiederkehrendes Thema.

Eine zweite Löwenepisode führt Paulus später in die Arena von Ephesus. Dort wird er einem wilden Löwen vorgeworfen, der sich jedoch als derselbe erweist, den Paulus einst getauft hatte. Statt ihn anzugreifen, legt sich das Tier friedlich zu seinen Füßen. Der Autor macht deutlich, dass diese Erzählung auf die antike Fabel von Androclus und dem Löwen zurückgreift. Daran zeigt sich, wie selbstverständlich frühchristliche Autoren Motive aus der griechisch römischen Unterhaltungsliteratur übernahmen und christlich umdeuteten. Solche Texte bedienten also auch ein deutliches Bedürfnis nach Spannung und Unterhaltung.

Danach richtet sich der Blick auf die Theklaakten als Teil der Paulusakten. In der ersten Szene begegnet Thekla dem Apostel in Ikonion. Paulus wird mit auffälligen körperlichen Merkmalen beschrieben und zugleich mit einer geistigen Ausstrahlung versehen, die ihn bald wie einen Menschen, bald wie einen Engel erscheinen lässt. Der Autor verweist darauf, dass in dieses Porträt antike Herrscherbilder und philosophische Charakterzeichnungen eingeflossen sind. Besonders wichtig ist, dass Thekla Paulus zunächst gar nicht sieht, sondern nur seine Worte hört. Sie lauscht seiner Predigt über Enthaltsamkeit und Auferstehung so intensiv, dass sie ihre bisherige Lebensplanung aufgibt. Die Bindung an Paulus entsteht daher nicht durch äußere Attraktivität, sondern durch die Macht seiner Verkündigung.

Eine weitere Episode zeigt Thekla im Amphitheater. Dort gerät sie in Lebensgefahr, tauft sich aber selbst in einem Wasserbecken voller Robben. Diese Selbsttaufe wird in der Erzählung als gültig dargestellt. Später wird sie an wilde Stiere gebunden, die sie zerreißen sollen. Auch hier wird sie wundersam gerettet. Der Autor zeigt, dass diese Szenen einerseits von drastischer Gewaltphantasie geprägt sind, andererseits aber wichtige Einsichten in frühchristliche Vorstellungen von Taufe, Reinheit, Standhaftigkeit und weiblicher Heiligkeit vermitteln. Zugleich deutet er an, dass in solchen Darstellungen auch verdrängte sexuelle und aggressive Impulse eine Rolle spielen könnten.

Im mittleren Teil des Artikels ordnet der Autor die apokryphen Apostelakten insgesamt ein. Zu den fünf alten Apostelakten zählen die Petrusakten, Johannesakten, Andreasakten, Thomasakten und Paulusakten. Sie ähneln in ihrer Gattung eher dem antiken Roman als historiographischen Werken. Viele Texte sind nur fragmentarisch überliefert. Über ihre Autoren weiß man fast nichts. Auffällig ist jedoch, dass ihre Verfasser die lukanische Apostelgeschichte wohl kannten, sich aber nicht an sie gebunden fühlten. Sie ergänzten, erweiterten oder korrigierten sie nach eigenen theologischen und literarischen Interessen.

Anschließend behandelt der Artikel die Petrusakten. Eine Episode erzählt, wie Petrus einen geräucherten Fisch wieder lebendig macht. Der Fisch beginnt in einem Wasserbecken zu schwimmen und wird so zum Wunderbeweis gegenüber Simon Magus. Der Autor erklärt, dass diese Szene sowohl an antike Wundertraditionen als auch an christliche Symbolik anschließt. Der Fisch verweist auf Taufe, Auferstehung, Christus und die Glaubenden selbst. So erhält die scheinbar kuriose Geschichte eine tiefere symbolische Ebene.

Eine zweite Petruserzählung betrifft den Tod des Apostels. Petrus will Rom verlassen, begegnet aber dem Herrn, der ihm entgegenkommt und ankündigt, erneut gekreuzigt zu werden. Darauf kehrt Petrus um und geht bewusst in den Tod. Besonders wichtig ist die Deutung seiner Kreuzigung mit dem Kopf nach unten. Diese wird nicht einfach als Demutsgeste erklärt, sondern als Symbol für die verkehrte Welt des gefallenen Menschen. In der Umkehrung wird die ursprüngliche Ordnung wiederhergestellt. Der Autor hebt hervor, dass hier ein komplexes Erlösungsverständnis sichtbar wird.

Die Johannesakten stellen einen weiteren Schwerpunkt dar. In einer drastischen Episode versucht ein Mann, sich am Leichnam der gläubigen Drusiana zu vergehen. Eine Schlange verhindert dies, später greift Johannes ordnend ein und erweckt mehrere Personen wieder zum Leben. Der Autor verschweigt nicht, dass diese Szene durch ihre Nekrophilie und ihre latent sexualfeindliche Grundhaltung verstörend wirkt. Gerade darin werde aber auch deutlich, wie negativ Sexualität in manchen apokryphen Texten bewertet wird.

Noch deutlicher zeigt sich die theologische Problematik in einer Vision des Johannes während der Kreuzigung Jesu. Während unten in Jerusalem die sichtbare Kreuzigung stattfindet, erscheint Johannes auf dem Ölberg der erhöhte Herr, der erklärt, er habe in Wahrheit nicht wirklich gelitten. Das sichtbare Leiden sei nur scheinbar geschehen und müsse geistig verstanden werden. Der Autor ordnet dies als doketische und gnostische Christologie ein. Hier werde die Leiblichkeit Jesu radikal entwertet. Von allen behandelten Texten sieht der Autor diese Christologie besonders kritisch.

Im letzten großen Abschnitt geht es um die Thomasakten. Zu Beginn wird geschildert, wie Thomas durch Los nach Indien gesandt werden soll. Weil er sich weigert, verkauft ihn Jesus kurzerhand als Sklaven an einen indischen Kaufmann. In Indien soll Thomas für König Gundafor einen Palast bauen. Das Geld des Königs verwendet er jedoch für Arme und für seine missionarische Tätigkeit. Erst als der Bruder des Königs stirbt, im Himmel den von Thomas erbauten Palast sieht und ins Leben zurückkehrt, erkennt Gundafor den eigentlichen Sinn dieses Handelns. Der himmlische Palast steht für einen Schatz bei Gott. Der Autor macht deutlich, dass hier biblische Bilder erzählerisch weiterentwickelt werden und dass zugleich eine soziale Kritik am Reichtum sichtbar wird. Dennoch sei auch eine deutliche Weltflucht erkennbar, weil die eigentliche Heimat der Seele im Himmel verortet wird.

Eine weitere Thomasepisode erzählt von einem sprechenden Eselsfüllen, das den Apostel trägt. Das Tier verweist auf biblische Motive aus der Bileamgeschichte und aus dem Einzug Jesu in Jerusalem. Nach erfüllter Aufgabe stirbt es. Der Autor deutet das Füllen als Symbol für den menschlichen Leib, der die Seele auf ihrer Lebensreise trägt. Das Sterben des Tieres verweist damit zugleich auf den Tod des Apostels. Auch hier zeigt sich, wie stark die apokryphen Texte mit symbolischen Doppeldeutigkeiten arbeiten.

Im Schluss resümiert der Autor vier Grundzüge der apokryphen Apostelakten. Erstens sind sie weithin unbekannt, obwohl sie viel über frühchristliche Frömmigkeit aussagen. Zweitens können sie lehrreich und erbaulich sein, wenn man ihre symbolische Sprache versteht. Drittens bergen sie auch Gefahren, vor allem durch ihre Nähe zu Gnosis, Doketismus und radikalem Enkratismus, also der Ablehnung von Sexualität und Ehe. Viertens sind sie oft spannend und unterhaltsam. Gerade diese Mischung aus Frömmigkeit, theologischer Spekulation, Wundergeschichten und antiker Unterhaltungsliteratur macht ihren besonderen Reiz aus. Der Artikel macht damit deutlich, dass die apokryphen Apostelakten zwar nicht zur Bibel gehören, aber ein wichtiges Fenster in die Vielfalt des frühen Christentums öffnen.

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Sekundarstufe II | 12/1 Jesus Christus und die Kirche

12.1 / 1. Botschaft und Anspruch Jesu und das Selbstverständnis der frühen Kirche.

12.1 / 2. Der Geist Jesu Christi als Lebensprinzip der Gemeinde.

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