Der Artikel setzt bei der Beobachtung an, dass Religion in Bildungsprozessen häufig auf institutionelle Formen wie Kirche, Synagoge oder Moschee reduziert wird. Diese Perspektive greift jedoch zu kurz, da Religion auch in kulturellen Zusammenhängen präsent ist. Kultur wird dabei als umfassender Bereich von Denkweisen, Handlungen und Ausdrucksformen verstanden, der gesellschaftliche Gruppen prägt. Religion und Kultur stehen in enger Wechselwirkung. Einerseits gibt es Religionskultur, also den kulturellen Umgang mit Religion, andererseits Kulturreligion, also den Einfluss von Religion auf kulturelle Entwicklungen.
Der Fokus des Artikels liegt auf der Religionskultur. Diese beschreibt, wie kulturelle Akteurinnen und Akteure religiöse Inhalte aufnehmen, umdeuten oder kritisch bearbeiten. Dabei handelt es sich meist nicht um theologisch ausgebildete Personen, sondern um Menschen aus Kunst, Musik, Medien oder Alltag. Der Umgang mit Religion ist entsprechend vielfältig und reicht von persönlichem Bekenntnis über ethische Bezugnahmen bis hin zu Kritik, Parodie oder Ablehnung.
Ein zentrales Unterscheidungskriterium ist die Differenz zwischen expliziter und impliziter Religion. Explizite Religion zeigt sich, wenn religiöse Motive, Symbole oder Inhalte direkt aufgegriffen werden, etwa in Musik oder Literatur. Implizite Religion hingegen liegt vor, wenn kulturelle Phänomene religiöse Strukturen oder Funktionen aufweisen, ohne sich selbst als religiös zu bezeichnen. Ein Beispiel ist der Fußball, der Elemente wie Ritual, Gemeinschaft und Verehrung enthält, die religiös gedeutet werden können.
Für den Religionsunterricht eröffnet die Religionskultur neue Zugänge. Sie ermöglicht es, an die Lebenswelt der Lernenden anzuknüpfen, insbesondere durch populäre Medien wie Musik oder soziale Netzwerke. Dabei unterscheidet sich die Arbeit mit Religionskultur von der Beschäftigung mit traditioneller Religion, auch wenn beide Bereiche miteinander verbunden bleiben.
Didaktisch hebt der Artikel drei zentrale Schritte hervor. Erstens die Vergegenwärtigung, bei der aktuelle kulturelle Ausdrucksformen mit religiösen Bezügen in den Unterricht eingebracht werden. Zweitens die Reflexion, die eine analytische und kritische Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen ermöglicht und durch theologische sowie philosophische Perspektiven vertieft wird. Drittens die Bewertung, bei der Kriterien entwickelt werden, um religionskulturelle Phänomene hinsichtlich ihrer Aussagekraft und Qualität zu beurteilen. Dabei wird betont, dass traditionelle theologische Maßstäbe nicht immer direkt anwendbar sind.
Abschließend stellt der Artikel drei hermeneutische Zugänge vor. Der deduktive Zugang geht von religiösen Konzepten aus und wendet sie auf kulturelle Phänomene an. Der induktive Zugang beginnt bei einem kulturellen Beispiel und erschließt daraus religiöse Bedeutungen. Der abduktive Zugang arbeitet mit Deutungshypothesen, die im Prozess überprüft werden. Diese Methoden sollen Lernende dazu befähigen, Religion in kulturellen Kontexten differenziert wahrzunehmen, zu deuten und kritisch zu reflektieren.