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Erzbistum Köln

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Die verkehrte Kirche – einmal andersherum gesehen

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel ist im Heft "impulse" unter dem Titel „Die verkehrte Kirche – einmal andersherum gesehen“ enthalten und umfasst 4 Seiten.

Der Artikel behandelt vor allem diese theologischen Probleme: die Glaubenskrise der Kirche in der Gegenwart, die Gottvergessenheit moderner Gesellschaften, das Spannungsverhältnis von Tradition und Anpassung, die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Staat, die Spannung von Moral und Lebensweisheit sowie den Konflikt zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik.

Der Text beschreibt die Kirche zunächst als schwach, unattraktiv und orientierungslos. Zugleich zeigt er aber, dass sie weltweit moralische Autorität besitzt und eine wichtige geistige und gesellschaftliche Rolle spielt. Der Autor plädiert für eine nüchterne, selbstkritische und zugleich hoffnungsvolle Erneuerung der Kirche.

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Der Artikel beginnt mit einer scharfen Diagnose der Lage der Kirche in Westeuropa. Sie erscheint vielen Menschen als unzeitgemäß, widersprüchlich und wenig anziehend. Unterschiedliche Gruppen finden sich in ihr nicht wieder. Fromme, Liberale, gesellschaftlich Engagierte, Feministinnen, Esoteriker und Sinnsucher empfinden die Kirche jeweils als unzureichend. Dadurch wirkt sie zugleich altmodisch und künstlich modernisiert. Der Autor beschreibt, dass nicht nur die Institution Kirche, sondern das ganze christliche Glaubensgefüge an Leuchtkraft verloren habe. Der Glaube sei für viele Menschen nicht plötzlich verschwunden, sondern habe nach und nach aufgehört, dem Leben Form und Halt zu geben.

Als Gründe dafür nennt der Text unter anderem die Verdunkelung des Gottesbildes, die Erfahrung von Leid in einer medial überfluteten Welt und eine tiefe Melancholie innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft. Die Theodizeefrage untergräbt nach Ansicht des Autors das Vertrauen in Gott. So erscheint die Kirche vielen als überlebte Last, von der man zwar noch etwas erwartet, der man aber kaum mehr zutraut, Orientierung zu geben.

An diesem Punkt setzt der eigentliche Perspektivwechsel des Artikels ein. Der Autor erklärt, dass dieses negative Bild nur die eine Seite zeigt. Denn gleichzeitig besitzt die Kirche weltweit eine bemerkenswerte moralische Autorität. Das Papsttum hat international Einfluss, Staaten und Organisationen suchen Rat und Orientierung bei der Kirche, und in vielen Teilen der Welt ist sie gesellschaftlich und politisch wirksam. Der Autor verweist auf ihre Rolle bei weltpolitischen Umbrüchen, auf ihre Bedeutung für bedrängte Menschen in vielen Ländern und auf ihre Fähigkeit, Kulturen miteinander ins Gespräch zu bringen. Gerade Rom erscheint ihm als Ort, an dem unterschiedliche kirchliche und kulturelle Erfahrungen übersetzbar werden.

Der Text erklärt diese besondere Rolle damit, dass eine alte Religion nie einfach völlig mit dem Zeitgeist identisch sein kann. Sie bewahrt tiefere Schichten menschlicher Erfahrung, die nicht mit den schnellen Moden des Denkens übereinstimmen. Das Christliche ist für den Autor auch nach zweitausend Jahren noch nicht ausgeschöpft. Vielmehr sei das Neue des Evangeliums nach wie vor unverstanden und stehe in gewisser Weise noch aus. Darum kann die Kirche auch gegenüber modernen gesellschaftlichen Götzen wie Körperkult, Gesundheitszwang, Glücksanspruch und Wohlstandsideologie eine kritische Funktion übernehmen.

Gleichzeitig verschweigt der Autor nicht die Gegenargumente. Die Kirche habe in der Geschichte moderne Freiheitsrechte oft behindert und auch in ihrer eigenen Struktur Defizite etwa in Fragen von Gewaltenteilung und Rechtsschutz. Deshalb gibt es nach seiner Auffassung keine einfache Siegerposition von Kirche oder Moderne. Notwendig sei vielmehr wechselseitiges Hören. Die Kirche müsse aus ihren Quellen leben, sich aber auch vom Heute und von ihrer eigenen Botschaft kritisch anfragen lassen.

Im dritten Teil entwickelt der Artikel mehrere Spannungsfelder, in denen sich die Kirche heute bewähren müsse. Ein erstes Feld betrifft die Frage, ob die Kirche weiterhin Volkskirche sein oder sich realistischer als Minderheitenkirche verstehen soll. Der Autor hält das bisherige Modell der verwalteten Volkskirche für überholt, weil das gesellschaftliche Milieu, das es getragen habe, nicht mehr existiere. Er plädiert dafür, den Wandel offen anzunehmen, bescheidener aufzutreten und die Umgestaltung nicht nur als Verlust, sondern auch als Chance zu sehen.

Ein weiteres Feld ist das Verhältnis von Kirche und Staat. Der Autor rechnet mit einer stärkeren Entflechtung beider Bereiche und hält diesen Prozess für schmerzhaft, aber notwendig. Die Kirche solle dabei nicht defensiv an alten Privilegien festhalten, sondern selbst beweglicher und verzichtbereiter handeln.

Ein zentrales theologisches Problem sieht der Text in der Fremdheit des eigentlichen christlichen Glaubens. In vielen Gemeinden sei vom Reichtum des Christentums nur ein kleiner Ausschnitt präsent, meist eine eher human freundliche Botschaft. Diese sei zwar nicht falsch, erfasse aber nur einen kleinen Teil dessen, was der Glaube an Trost, Tiefe, Einsicht und geistlicher Erfahrung bereithalte. Niemand könne den ganzen Reichtum des Glaubens ausschöpfen, doch man müsse sich seiner Größe bewusst bleiben. Deshalb betont der Autor die Freude an jedem kleinen Zeichen von Glauben und Gottesgegenwart.

Besonders eindringlich ist der Abschnitt über die Gottvergessenheit. Der Autor greift den Gedanken auf, dass der modernen Gesellschaft oft nicht einmal mehr die Sehnsucht nach Gott bleibt. Selbst die Furcht, dass Gott vielleicht nicht sei, könne dann noch eine letzte Spur religiöser Offenheit sein. Darin zeigt sich, wie tief die Gottesfrage den Menschen auch in ihrer Abwesenheit prägt.

Ein weiteres Spannungsfeld beschreibt der Text als Gegensatz von Traditionalismus und Anpassung. Die Kirche werde zwischen einem schiefen Festhalten an Tradition und einer übertriebenen Anpassung an das Gegenwärtige zerrieben. Der Autor wirbt deshalb für ein erneuertes Hören auf die große christliche Tradition und zugleich für eine offene, gastfreie Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart. Aus einer solchen Haltung könne auch Widerstand gegen die heimlichen Götzen jeder Epoche wachsen.

Im Blick auf das praktische Leben fordert der Text statt bloßer Moralsprache mehr Lebensweisheit. Die Kirche solle die Gnade und Last des menschlichen Lebens ernst nehmen und Menschen nicht vor allem mit Verboten begegnen. Nötig sei eine Sprache, die das Leben fördert, Mut macht, Freude ermöglicht und zugleich das Tragische menschlicher Existenz nicht verdrängt. Gerade auf Feldern wie Sexualität, Forschung und veränderten Lebensformen habe die Kirche einen hilfreichen Ton oft noch nicht gefunden.

Zum Schluss wendet sich der Autor dem Konflikt zwischen Gesinnung und Verantwortung zu. Anhand des Streits um die kirchliche Beteiligung an der Schwangerschaftskonfliktberatung zeigt er, dass es Situationen gibt, in denen zwei ethische Grundhaltungen hart aufeinanderprallen. Die eine betont die Reinheit des Gebots und lehnt jede indirekte Mitwirkung an moralisch problematischen Handlungen ab. Die andere fragt stärker nach den konkreten Folgen und will um eines guten Zieles willen auch einen belasteten Kompromiss eingehen. Der Autor macht deutlich, dass dieser Konflikt nicht einfach aufzulösen ist. Er plädiert eher für Demut, für das Bewusstsein von Zweideutigkeit und für vorsichtige praktische Klugheit.

Am Ende steht trotz aller Trauer kein resignativer Ton. Der Artikel ruft zu einer Haltung auf, die Größe und Elend der Lage zugleich sieht und dennoch mit Würde, Nüchternheit und Hoffnung weitergeht. Orientierung, Trost und Weisung erwartet der Autor von einem bescheiden, aber tief reflektierten Christentum, das aus seiner Geschichte lebt und sich mutig der Gegenwart stellt.

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